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THE NEW YORK |
PUBLIC LIBR 22 |
ASTIR, ——
TILBEN Fa;
In afschmar nv
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Kheinlaudstagen
CÖLN und AACHEN
Kohpen x Friedheim.
——
—— —
ITH nk YORK.
Pin. :C LIBRARY
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5 r
j * er Er De ET |
... — — u —r
nhe ialande Sagen u
Geſchichten und Legenden,
Herausgegeben
von
Alfrey Reumont.
Mit acht Stahlſtichen und einem Titelkupfer.
— DOC
Köln und Anden,
Verlag von Ludwig Kohnen,
(Bohnen & Kriedheim,) |
2837.
THE NEW YORK
PUBLIC LIBRARY
416777
ASTOR, LENOX AND
TILDEN FOUNDATINNS,
RK 1908 L
Ihrer Königlichen Hoheit
der Prinzeflin
Friedrich von Preuften
unterthänigſt gewidmet
vom Verleger.
Inhalt.
Seite
Zur Erklaͤrung des Titellupfers, Gedicht yon Reinick IX.
Vorwort bes Derausgebrs - » - 2 0 XIII.
‚ ©t. Gertrudens Minne, von A. T. Ber. 1.
Der Schwanenritter, von X. Reumnt . « « . . . 1l
Die Solinger Klingen, von F. Steinmann . . + 19
Die Stiftung des Kloſters Altenburg, von A.T.Beer 31.
St. urfula und bie eilftauſend Jungfrauen, +» 45
Der Dombau zu Köln. . 2 2 2 80
Der Kampf mit dem Löwen, von X. Reumont . . . 61.
Albertus Magnus, von E Werden - - «2 2. «6
Hermann Sofeph, von & Wenden . - : 0 0 0 0. 7%
Rihmodis von Abudt, von E Wenden . . c . . 77.
Der Ring der Faſtrada, von A. Reumont . . . . 81
Der Münfterbau zu Aachen, von A. Reumont . « 86,
Die budligen Mufitanten, von A. Reumont, „ « «9.
Inhalt.
Der Pfalzgrafund bie Kaiſerstochter, v. A. Reumont
Der Hinzenthurm, von A. Keumont.
Drachenfels und Rolandseck, von E. Weyden . .
Die Stolzenburg, von Schrͤder 0 v0.
Die Gründung von Steinfeld, von X. NReumont .
Die Brüber, von X. Reumont . - 2 2 0 2 0.
St. Goar, von A. Rumnnt » x 2: 2 0 2 2...
Loreley, von E Wenden - 2 2. 0 00.
Die ſieben Jungfrauen, von A. Reumont. . - .
Pfatzgrafenftein, von A. Reimont .. ER
Die Zeufelsleiter, von A. Reumont. - 2...
Das Wisperthal, von A. Schreiber
Die Braut vom KRheinftein, von M. Friedheim..
Der h. Rupert, von N Vo 2 2 2 een.
Die h. Hildegard, von A. Reumont . » x. +. .
Der Mäufetdgurm, von M. Friebhbim «+...
Die fieben Wächter, von U Reuumnt . 2. . »
Heinrich der IV. auf Klopp, von A. Reumont . «
Brömfer und Gifela, von U, Reumont . x «>» »
Kart und Elbegaft,vn W We . oe...
Die Königin Hildegardis, von M. Friedheim ..
Adolf von Naſſau und Imagina, von A. Reumont
Eppſtein, von A. Reumont2
Eginhard und Emma, von A. T. Ber oe...
Die Gründung von Belnhaufen, von E. Wenden
Der Moͤnch zu Lorſch, von A. Reumont. « « . «
Rodenſtein, von A. Reumont . ee ne =
‘
“
> o
Inpdtt. *
Der Tag bei Seckenheim, von A. Reumont.. + . 3%.
Der Wolfsbrunnen, von A. Reumont . » .331.
Das redende Marienbild, vn ©, . x... 35
ulrich Landfhaden, von X. Reumont. » 2 » » 2.83
Die Gründung der Minneburg, von A. Reumont . 345.
Die heil. Rotburga, von A. L. Grimm. - » 2. 0. 349.
Karlder Große zu Heilbronn, von A. NReumont, „. . 356.
Das Kaäthchen von Heilbronn, von A. 2. Beer. . 32.
Der Hennengraben, von A, Breiter -» . 2 2 2. 39.
Siegfried und die Nibelufgen, von G. Wenden. . 385.
Stablſtiche.
Nro. J. Zu ber Sage: Der Schwanenrittr . © 2. 11.
„U. ven Hermann Zofepp Gegenüber dem Titel.
v I v v uw Der Ring der Faſtrada 890.
v» IV. von Lore: eV) 0. en. IM
nv» Vom Die Braut vom Mheinftein. . . 184.
„NL. vom" Seineih IV auf Klopp. ... 218.
» VI. v vn Die Gründung von Gelnhaufen . 296.
„» VOR" » Der Rodenſtein4310.
«
Bur Erklärung des Titelblaites,
1.
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Es ragen fieben Berge an einem maͤcht'gen Fluß,
Wie fieben Niefenhüter, bie bieten friihen Gruß,
Wie fieben Riefenmarken, weithin im Land zu fehn,
Die Ebne dort zu fiheiden von weinumkraͤnzten Felſenhoͤhn,
Dort Schritt ich eines Abends im heilen Mondenglanz,
Es rauſchten alte Zeiten baher im Wellentanz,
Doch mitten in dem Strome — welch' Anblid wunderbar! —
Auf einem Kelfenbette warb einen Reden id gewahr,
Gin Greis war ee zu ſchauen, er ragte ob dem’ Strom,
Obgleich im Schlummer ruhend, hoc, wie ber Kölner Dom,
Geftäget Haupt und Arme auf einer Urne Bord, |
Mit Shilf umfränzt bie Schläfe, fo lag ber greife Rede dort.
und ihm zur Seit’ erblickt' ich ein allgewaltig Bud, -
Das Buch war aufgeichlagen, brin Mähren wohl genug,
Davon das erfte Blatt ſchon olel Schöne Gage bet
Bon Siegfried und Tpriembiiden und yon der Nibelungen Noth.
*4
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Bur Erklärung des Titelblaites,
1.
2
Es ragen fieben Berge au einem maͤcht'gen Fluß,
Wie fieben Niefenhüter, die bieten friſchen Gruß,
Wie fieben Riefenmarken, weithin im Land zu fehn,
Die Ebne dort zu fiheiden von weinumkraͤnzten Felſenhoͤhn,
Dort Schritt ich eines Abends im hellen Mondenglanz,
Es rauſchten alte Zeiten daher im Wellentanz,
ODoch mitten in dem Strome — welch' Anblick wunderbar! —
Auf einem Felſenbette ward einen Recken ich gewahr.
Ein Greis war er zu ſchauen, er ragte ob dem’ Strom,
Dbgleid im Schlummer ruhend, hoch wie ber Kölner Dom,
Geſtuͤtzet Haupt unb Arme auf einer Urne Borb, |
Mit Schilf umkraͤnzt die Schläfe, fo lag ber greife Recke dort,
und ihm zur Geil’ erblickt' ich ein allgewaltig Bud, -
Das Buch war aufgefchlagen, drin Mähren wohl genug,
Davon das erfte Blatt ſchon viel ſchoͤne Gage bet
Eon Siegfried und Tpriembiiden und von ber Nibelungen Noth.
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x a» .
unb kaum, daß ich's gewahret, da rauſcht es in dem Rohr,
Hei was dba Menſchlein krochen rings um den Stein hervor I
Dem Nahen kaum entfprungen fie liefen zu dem Buch,
Da ſah man Greife, Knaben und alter Mütterlein genug.
Dort hatten welche Federn und Dinten und Papier,
Gin Saitenfpiel bie andern, dann fah ich wieder hier
Mandy’ fröhlichen Gefellen, den Griffel in der Hand,
Die Bilder nachzureißen, die ſchmuͤckten jener Maͤhrlein Rand.
Nun ging es an ein Schrei und an ein Gonterfei’n,
Drauf ward ein Blatt gewendet, o weh der Noth und Pein!
Die Zungen mußten heben wohl drei an einem Blatt,
Die Alten Erochen drunter, zum Stügen war ihr Arm zu matt.
Auch ſah ich Kühne Buben, bie waren fchnell babei,
und fchnitten aus ben Blättern der Stüdlein mancherlei
und trugen fie zum Nachen und fuhren fchnell davon.
Hält’ es gewahrt der Alte, mich duͤnkt, fie hätten böfen Lohn.
So mocht' wohl eine Stunde das bunte Spiel beftehn,
Da ruͤhrte fih im Schlummer ber Rede unverfehn,
Hei was bie Leute liefen, fo fchnell man Yaufen kann;
Wer hätt’ auch Stand gehalten, als fich erhob der greife Mann!
Sein Fuß ftand in den Wellen, doch von der Wollen Saum
umkraͤnzet warb fein Scheitel, fo fand er wie im Traum,
Und maͤcht'gen Schrittes zog cr durchs ebne Land dahin,
Doch duͤnkt' mich, daB die Träume noch immer nicht verlaffen ihn.
CIIITIĩXIIXETTCAè C
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4
Und wieder in ber Nähe hört’ rauſchen ich's im Rohr,
Es waren bie Gefellen, bie ich gefhaut zuvor.
Ich wollte fie beffhgen, doch Keiner hört auf mich,
Mit ihrem Raub zeiftreuten fie bald in alle Lande ſich.
Ein Mütterchen nue Eonnte fo eilig nicht binfort,
Sie mußte Athem fhöpfen und weilte drum am Ort,
Die fragt? ich nad) dem Wunder, das eben ich geſchaut;
Da bat fie treulic Alles nach beſtem Willen mir vertraut.
„Der Rede, den du faheft, es iſt ber alte Rhein,
Ein Held gar wunderfräftig, kein Beſſrer mochte fein ;
Wie Zelfen fein Gebeine, body feiner Stimme Ton —
Wie hät er oft mit Braufen erſchreckt manch' armen Fiſcher ſchon.“
„Aus fernen Bergen ſchreitet er taͤglich bis hieher
Manch hundert Stunden Weges, hier ruht vom Wandern er,
Ein tiefer Schlummer ſenkt ſich auf ſeiner Augen Schein,
Doch ſelbſt ter Schlummer laͤßt ihm nicht lange Ruhe angebeihn.“
„Denn traͤumend geht er weiter durch's gruͤne Niederland,
Und traͤumend ſteigt er nieder durch weißen Uferſand,
Bis er zum Meer gelanget, wo freudig er erwacht
Inmitten aller Ströme, die preiſen feine Herrſchermacht.“
Und was auf ſeinen Wegen er Herrliches geſehn,
Und was an feinen Ufern Gewalt’ges iſt geſchehn,
3um Frommen feiner Brüder fehreibt zr’s in jened Bud,
- Das neben ihm gelegen und das er ſcheidend mit fich trug.
XII
„Das Buch iſt wunderbarlich, ſein Band von Golde ſtrahlt,
Mit Edelſtein gezieret und Perlen mannichfalt;
Mimer hat ihn geſchmiedet, ein vielerfahrner Mann,
Vom Hort der Ribelungen er Edelſtein' und Golp' gewann.
„Die Blätter, draus gebunden bas überreiche Bud,
Sind von der Haut bes Draden, den Siegfried einft erfchlug,
Die Feder, die's gefchrieben, von jerem weißen Schwan,
Der einft nach Cleve führte gar einen wunderfühnen Dann.”
„Die Zinte, fo bewahret bie Mähren alt und gut,
Eie kommt von Aömannshaufen, tft lauter Nebenblut;
Wohl ift ſchon manches Wörtlein von Mäufen drin zernagt,
Das thaten jene Mäufe; bie Hatto’s böfen Leib geplagt.”
„Biel könnt’ ich die noch melden, was ich im Buch gefehn,
Dod meine Enkel warten, Beit ift es heimzugehn.
Heut hab’ ich viel gelefen, es orbnen wird mir fchwer,
Schon wanket mein Gedaͤchtniß, das koͤmmt vom hohen Alter her.”
„Zu meiner Zeit war's anders, von Munde nur. zu Mund
Ein Mährlein man erzählte, jegt wird es Jedem kund;
Denn bie Gefellen alle, die du beim Buch’ erblickt,
Eie ſchreiben's auch in Büchlein, die werden durch das Land geſchickt.“
Die Alte ſchlich von bannen, wohl ſprach fie Wahrheit mir,
She ſeht's an dieſem Büchlein und geht es Euch wie mir,
Daß Ihr erfunden wollet die Sagen von dem hen:
Hier findet She fie wieder, drum laßt fie Such willlommen fein.
— ⏑ —
Vorwort.
In den Nhätifchen Alpen, ber riefgen Grenzfcheide
Germaniend und Italiens, zwifchen wüften Eid, und
Schneefeldern and büftern Tannenforften, entfpringt ein
) Strom, ein wildes Bergwaſſer, hunderten gleich, welche
in biefen Thälern ein kurzes Dafein haben, einen bald
' wechfelnden Namen tragen. Nichts läßt feine einftige
Größe ahnen, da wo feine verfchiedenen Quellen der
Erde Mutterfchoofe entfprudeln, oder wo der Wandrer,
wenn er aus dem fonnigen Welfchland kommt und
auf der Splügener » oder Bernhardinerfiraße in die
Kantone des grauen Bundes eintritt, von denen die
cisalpinifchen Landfchaften Loögeriffen, kaum noc im
Munde. des Aelplers deutfche Namen bewahren, beim
Dörfhen Splügen ihn nad) den Niederungen hinab⸗
fhießen fieht. Wie ein unbezwingliched Felfenthor thürs
men die fchroffen Wände fich ihm entgegen, an deren
ſchmalem Rande die Bia mala fic dahin zieht: in ſchwin⸗
XxIV
delnder Höhe führen Bruͤcken über den im düſtern Abs
grunde fich verlierenden Strom; zitternd und fchen bes
tritt fie der Fuß, und ein Schauer durchriefelt den Mens
ſchen, wenn er der Natur in ihrem ganzen gewaltigen
Ernfte Aug’ ins Auge blickt. An der Bündtnerifchen
Hauptſtadt vorüber eilt der rafche Strom durch einen
Theil des Schweizerlandes, bid der Conflanzer See ihn
in fid) aufnimmt. Aber dem Rhodan gleich, deffen Quel⸗
Ien den feinigen benachbart find und der den Strand
bes Mittelmeers in reißendem Laufe fucht, wartet fein
noch eine glänzendere Bahn: nachdem er das helvetifche
Heimathland verlaffen, bildet er die Grenze zwifchen
‚deutfchem und franzöfifchem Gebiet, aber nicht zwifchen
deutfcher und franzöfifcher Zunge, und fließt dann, im⸗
mer mächtiger von Often und Werten die Gemäfler an
fich ziehend, die im Schwarzwald und den Bogefen, in.
den Hanrdtbergen und dem Odenwald, in Franken,
Schwaben und Lothringen ihre Quellen haben, durch
ben ſchoͤnſten Theil von Deutſchland. Bei Schaffhauſen,
wo ſeine ſchäumenden Waſſermaſſen von den Felſen
herabſtürzen, iſt ſein Jugendleben zu Ende, gemaͤßigter
geworden, ſtrömt er in geregelterem Laufe dahin, wenn
auch bisweilen Die alten Launen nicht ganz vergeſſend.
Dann aber zieht er weiter in feiner ruhigen Größe, ein
König in feiner Majeftät, Tribut empfangend von Land
und Volk, die er beide in gleichem Maße beglüdt,
XV
So iſt der Rhein, dem noch Fein andrer Strom
Europa's den Rang der Schönheit flreitig gemacht hat.
Und taufend Empfindungen wedt fein Name in ber
Bruft jedes Deutfchen. Er ift verfchwiftere mit den
wichtigften Ereigniffen der Gefchichte des Vaterlandes,
für deffen ſüdweſtliche Marken er in ruhigen Zeiten
die große Heerſtraße bildet, wie er in flürmifchen oft
deren Schutzwehr gewefen iſt. Blühende Staaten, reich
durch mweitverzweigte Thätigfeit, umgeben ihn, bemohnt
von einem Volke, welches nie den deutſchen Sinn vers
leugnet hat. Und der deutfche Gefang und bie beutfche
Sage find heimifch auch den Ufern des Rheines.
Diefe Ufer erzählen ihre Gefchichte, lauter denn
Urfunden und Jahrbücher des Chronitenfchreiberde. Da
liegen die Städte, jugendmuthig in ihrem Alter; da
erheben fich die Kirchen, nach fo: manchem Raube noch
reich an den herrlichften Schäßen der Künfte; da ftehn
die Klöfter, aus denen die Bewohner gewichen find,
deren einft wohlthätige. Wirkfamfeit aber in Stabt und
Feld und Weinberg ihre Spuren hinterlaffen hat; da
ſchauen die Burgen herab von den Höhen, in ihrer
Zertrümmerung . einen Spiegel vergangener Tage vor;
haltend. Das find die Blätter der rheinifchen Geſchichte.
- Und hundert »Dinge erzählt man von dieſen Städten
und Kirchen, diejen Klöftern und Burgen, und von
ihren Erbanern und Bewohnern; zum Gefchehenen ges
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xVvI
ſellt fich die Sage, und dad Lied erklingt, bald ernft
bald heiter, und berichtet von den Tagen und Thaten
ber Bäter, von altem Ruhm und alter Größe, von
Glück wie von Leid, Das iſt die Stinime des theini⸗
ſchen Volkes.
Bon den Nibelungen herab, Yon der Zeit an, wo
Bas Chriftentbum Wurzel zu fohlagen begann auf dem
füddeutfchen Boden, wär die Sage biefen Ufern treu
Eine anmuthvolle, in ein fantaftifches Gewand gehüllte
Begleiterin, folgt fie den Zügen des großen Kaifers
Karl, fie berichtet von den Dttonen und den Galiern,
Bon den an Verwirrung wie an großen Thaten reichen
Zeiten der Kreuzzüge, von den hohenftaufifchen Herr
fchern und den Tagen der Habeburger, Aber nicht
immer ift fie auf hiftorifchem Boden erwachfen: auch
wnabhängig ſteht fie da und greift aus dem Leben des
Mitters und des Landmanns immer wechjelnde Begebens
heiten. Wer die Fahrt vom Rheingau bid zum Sieben:
gebirge macht, erblickt mit ftets erneutem Staunen bie
zahlloſe Menge der Burgen, die auf jeder Höhe thronen,
bald wie eines Adlers Horft auf einem überhangenven,
in jedem Moment den Einſturz drohenden Vorfprung
einer Klippe eingeniftet; bald mit ausgedehnten Mauern
und flattlichen Thürmen den Rüden eines breitern His
geld einuehmend und zum Schutze einer tiefer liegenden
Stadt beſtimmt; bald als einfame Warte auf einem die
AV
Gegend ringsumher überfchauenden Gipfel landeinwärts
fich erhebend, Und kaum möchte eine darunter fein, in
Deren verwitterndem Gemäuer nicht die Sage wohnte,
neben dem grünen Eppich, der die Steinmaffen ſchmückt,
bis er fie formlos auseinanderfprengt, die einzige
Lebensfpur in der Verödung. Sie öffnet vor dem
furfchendem Auge die Hallen der Bergangenheit, von
deren Thore fie den fihmweren Riegel wegfchiebt: mit
feften Zinnen verfehn ift die hohe Warte, vom Schutt
befreit der Burghof, in welchem die Linde grünt und
blüht, gefchmüdt und mit fröhlichen Gäften gefüllt die
Kemnate; Kaifer und Könige halten Gericht, führen
den Hecrbann an, entfcheiden über den Kampfpreis;
in den Schluchten lauern Räuber und überfallen” den
wehrlofen Handeldmann; um Minnefold und Ehre dient
ber treue Ritter; Feen und Kobolde treiben ihr Spiel,
bald boshaft, bald dem Menſchen dienend, wenn er
gutgeartet iſt; heilige Männer durchziehn lehrend und
betend das Land, und aus den Klöftern erfchallt froms
mer Geſang; der Landsfnecht, Heimath und Herrn wech⸗
felnd, je nachdem wo Kampf und Löhnung ihn hinrufen,
sieht mit"gewichtigen Waffen vorüber, ein ungern gefes
hener Saft; Kriegslärm umtobt Mauer und Graben, der
Landmann wie der Städter fehnt fich nach friedfichen
Zeiten, und benußt jeden Montent der Ruhe zur Erbaus
ung der Verfchönerung ber Kirche, die feinen Wohnort
XVIII
ziert, und die ſich von ferne ſchon mit hohem Thurm
und melodiſchem Glockenlaͤuten als das Palladium, das
Liebfte und forgfamft Gehegte im Glück wie in der Noth,
verfündet. Und es ift nicht immer ein bloßer Traum
von der Vergangenheit. Mit eignen Augen fehn wir
fie. . Feſt und innig ift fie mit der Gegenwart verwach⸗
fen. Ein Gang durch manche rheinifche Stadt ift belehrens
der denn eine Vorlefung über das Mittelalter. Ueberall
ftößt das Auge auf denfwäürdige, durch eigenthümliche
Schönheit ausgezeichnete, oder durch daran haftende
Erinnerungen bemerfenswerthe Bauten. Sind aud) des
großen Karls Kaiferpaläfte zu Ingelheim und Aachen
faft bis auf die lete Spur verſchwunden, ift der Königs
ſtuhl zu Rhenſe durch frevelnde Hand zerflört, fandte
dad Nachbarland morbbrennerifche Notten, um die rheis
nifchen Ufer in eine Einöde zu verwandeln: noch flehn
Denfmale der herrlichiten Baufunft, die Dome und Kirs
chen von Altenberg, Aachen, Köln, Bonn, Koblenz,
Dberwefel, Mainz, Frankfurt, Oppenheim, Worms und
"Speyer; noch troßt der Zerflörung, auch in feiner Vers
waifung, das Heidelberger Schloß, der ſchönſte rheinis
ſche Fürftenfiß, und, Hohenſchwangau im Baierland,
wie dem nachbarlichen Stoljenfeld ein Mufter, erhob
fi aus feinen Trümmern der Rheinftein,. wiedergeboren
zu, einem heitern Dafein, von forgfam treuer Hand ges
pflegt und geſchmückt, unter dem Schub ber mächtigen
E
XIX
Adlerſchwingen eine gaſtliche Burg für ein teutſches
Geſchlecht, freudig begrüßt von zahlloſen Wandrern,
welche jeder neue Frühling zu diefen auch im Ernft und
in der Einſamkeit fhönen Ufern lockt.
Wir fichn auf einem reichen Boben. Der Schacht
iſt tief und ergiebig: wo der Bergmann anklopft, findet
er Erz Nichts ift bedeutungslos. Während jenes anf
einen Charafterzug irgend eined bedeutenden Mannes
ſich gründet, den der Annalift überfehn, auf eine Bege⸗
benheit in feinem häuslichen Leben, die man nicht für
wichtig genug gehalten, in Tateinifchen Chroniken neben
der Erzählung großer Thaten zu flehn: bezieht dieſes
ſich auf eine abgelegte Sitte ded Volkes, auf ein einft
Geglaubtes, auf ein Erlebtes, Vorübergegangened, Vers
geſſenes. Was uns fabelhaft erfcheint, hatte feinen
Grund; und betrachten wir es näher, ftreifen wir ihm
das. fremde, feltfame, abenteuerliche Gewand ab, fo
erläutert es nicht felten das, mas wir noch heut fehn,
und nach deffen Urfprung und Herkunft wir vielleicht
lange vergeblich geficcht haben.
Zieht der Landfchaftmaler am Strome dahin, fe
bieten feinem Auge fo viele reizende Bilder fidh bar,
baß er nicht weiß, welchen er den Borzug fchenfen folk,
wenn es drauf ankommt, ihre Umriffe auf feinen Blät—⸗
tern feftzuhalten. Sieht der Erzähler fih um nadı Ge-
genfländen für feine Darftellung,. fo findet er. ſo viele,
xx
daß fein Gedaͤchtniß ihm untren zu werden droht. Es
kommt auf die Wahl an unter dieſem Reichthum. Wo
aber ſo viel iſt, wird die Wahl ſchwer.
Fleißige und gewiſſenhafte Sammler und Forſcher
haben laͤngſt die Maſſe des Stoffes ans Licht gezogen,
unterſucht, geſichtet. Es wäre überflüſſig, bei Erwäh⸗
. nung gefchichtlicher Arbeiten auf Schöpflind, Kre⸗
mersd, Schannatd, Widders, Bodmanns, Vogts,
Dahls, u. v. A. Verdienſte aufmerkſam machen zu
wollen: faſt jede einzelne Stadt und viele einzelne Bur⸗
gen haben ihren Geſchichtſchreiber gefunden. Hier, wo
- nur ber romantiſche Theil der rheinlaͤndiſchen Hiſtorie
in Betracht kommt, möge auch nur von den Borgängern
biebei die Rede fein. Niclas Vogt verfcdymähte es
nicht, in feinem großen Werke, das erft jebt, nad) bes
verdienfivollen Berfaflerd Tode, ganz befannt gemacht -
werden wirb, die Sagen und Legenden zu erzählen,
welche im Munde des Bolfed leben; Alois Schreiber
veranftaltete die umfaffendfte Sammlung, mit befonderer
Berüdfichtigung der oberrheinifchen Gegenden, und durch
fhlichte Darftellungsweife die zahlreichen Freunde vers
dienend, welche fie fich erworben hat. Wo der Poefie
ein fo ergiebiger Stoff geboten ift, konnte fie nicht feiern:
wir begegnen den berühmteften Namen deutſcher Dich-
tung auf den Ufern des vaterländifchen Stromes, und
wie bedeutend die Ausbeute gewefen ift, hat erſt neulich
XXI
die fchöne und dankenswerthe Sammlung von Karl
Simrod gezeigt, zu welcher dennoch eine nicht geringe
Nachleſe gehalten werden könnte.
Was nun das hiemit dargebotene und eingeführte
Buch betrifft, fo hat der Herausgeber, durch bie freunds
liche Theilnahme geachteter Schriftfteller und Landölcute
unterftüßt, den Zweck gehabt, vorzugmweife folche Sagen
zu wählen, die eine weitere Ausführung in Erzählung«
form zulaffen: einestheild, weil er eine Einfchränfung
in Hinficht des durch Die Aufnahme der biöher zu mes
nig beachteten niederrheinifchen Sagen fich mehrenden
Stoffes für nöthig hielt, andrerfeitd weil ed ihm ers
fprießlich fchien, durch. eingewobene Schilderungen der .
Dertlichkeit wie durch Benutzung hiftorifcher Data die
Sfiszen zu Heinen Gemälden abzurunden. Es konnte
indeß Dabei ebenfowenig feine Abficht fein, fich ſtreng
an die Gefchichte zu halten (was etwa nur in der Ers
zählung von der heil. Hildegarbis umd in der von ber
Sedenheimer Schlacht der Fall if), ald das Gebiet des
biftorifchen Romans zu betreten. Db erreicht worden,
was er und feine Mitarbeiter fich vorfekten: einen Bes
leiter auf der Nheinreife, ein Erinnerungsbuch für den
Sneimgefehrten zu liefern, mögen Andere entſcheiden.
Eine zweite Beſchränkung iſt eine geografiſche. Der
Leſer wird hier naͤmlich vom Niederlande her ſtromauf⸗
waͤrts geführt, bis da wo der Neckar ſeinen Namen
XXI
verliert, und Heidelberg mit feinen Schloßthürmen,
Epeyer mit dem Dom, in welchem die Kaifer fchlafen,
fi) in den Fluthen fpiegeln. Die oberrheinifchen Ge»
genden find auögefchloffen — aber man befucht die Drte,
wo der große Kaifer fein ruhmvolles Leben geendet, die wil⸗
den Eifelftriche, den Taunus und Odenwald‘, und den
Nedar bis Heilbronn, reich an Erinnerungen aus der
. Zeit des Ritterthums. — Der Herauögeber hatte fich
urfprünglich vorgenommen, diefem Buche eine Reihe
gefchichtlicher und topographifcher, wie auch Iiterarifcher
. Erläuterungen ald Nachtrag beizugeben. Seine Ents
fernung von der Heimath wie von den zu Diefem Zwecke
veranftalteten Sammlungen nöthigt ihn jegt, wo bie
Nachricht, daß die Einfendung dieſes Vorwortes vers
langt werde, ihn überrafcht, davon abzuftehn. Er muß
ſich alfo begnügen, vorerft Darauf aufmerkffam zu machen,
daß einige wenige Stüde der Sammlung (25, 27, 46,
49) den Werken von Bogt, Schreiber und Grimm
(Borzeit und Gegenwart an der Bergftraße u. f. mw.)
entlehnt find; zwei andere, Bearbeitungen nach dem
FSranzöfifchen Cin den Promenades d’un artiste) mögen
hier ald Probe fiehn, wie ein talentooller Ausländer
den Geift deutfcher Sage aufgefaßt hat. Aehnliche Vers
fuche find nicht immer geglüct, am wenigiten dem Ir⸗
länder Eolley Grattan, einem fonft gewandten Ers
zähler. Planché's Büchlein CLays and Legends of
xxıı
the Rhine) iſkwenig beachtet worden; Bulwer, von
dem. eine Gefchichte Cdie Brüder) in einigen heilen
benußt worben, hat zu viel Fremdartiged hineingemifcht,
— Bei ber Erzählung von der h. Urfula, muß auf Ke⸗
verbergs Buch mit feinen Erläuterungen Hemlingſcher
Bilder verwieſen werben; bei der Geſchichte vom Köl⸗
ner Dombau, vom Herrmann Gryn, vom Magus Als
bertus und von der wiedererftandenen Nichmodid, auf 7
bas Kölner altdeutſche Taſchenbuch, Rouſſe au's Doms
lieder, Weydens Vorzeit Kölns. Die Sage von
Faſtradens Ring erzählt ſchon Petrarca in einem
Briefe an ſeinen Freund Colonna; die von der Abtei
Steinfeld gründet ſich auf eine Chronik in Verſen. Die
übrigen bedürfen nur weniger Erläuterungen, die mang
in Dahl's Panorama und ſeiner Schrift über die h.
Hildegard, in Rouſſeau's Purpurviolen der Heiligen,
in dem Sagenfranz des Fräulein von Stolterfoth,
in & ©. Brauns Schriften, in Gottſchalks Nitter-
burgen, Schreibers Rheinreiſe und endlich in den.
größern Werfen über deutfche Gefchichte findet. Karl
und Elegaft ift eine freie Bearbeitung des alt s nieder-
deutfchen, neuerlich von H. Hoffmann von Kallers;
leben herausgegebenen Gedichted. Leber die Sagen des
öftlichen Ufers und ded Nedard und deren Localität,
geben die mit Dank benugten Schriften von Gerning,
Grimm, Kirchner, Säger, v. Leonhard m. A.
xxIv
reichliche Auskunft. — Die Ribelungenfäge, nach dem
Volksbuche und dem Epos als umfaffende Sfisze, dem
Zwecke gemäß bearbeitet, begrenzt, fo weit fie dem Rheins
lande angehört, die in diefen Darftellungen durchmeſſene
Bahn fo ziemlich an Anfang and Ende, und bildet hier,
da das Burgundifche Worms der Hauptfchauplat der .
Tragödie ift, den Schlußftein.
Der Herausgeber kann ſich einer eigenthümlichen Em⸗
pfindung nicht erwehren, indem er, umgeben von Szenen
und Denfmälern einer andern Größe und eines andern
Ruhmes, unter verfchiedenartigen und dem gegenmwärtis
gen Gegenſtande ferneliegenten Studien und Befchäftis
gungen, diefe Zeilen fchreibt und im Begriffe ſteht, fie
Aber die Alpen zu fenden, um ein Such einzuleiten,
welches während eined einftweiligen Aufenthalts im
Deutichland in den Sahren 1835 unb 36 entitand,
Wohin er auch den Pilgerftab gefebt haben mag, nir-
gend und nie verließ ihn die Erinnerung an die Schön⸗
heit der Heimat,
om, am Neujahrstage, 1837.
Nheinlands Sagen,
Geſchichten und Legenden.
Herausgegeben
von
Alfred Reumont.
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I:
St. Gertradens Minne.
Nas heißt Minne? — Eigentlich Gedenken; denn es
war eine Zeit, wo Lieben — und die Kiebe in treuen
Herzen bewahren — ald untrennbar von einander
gedacht wurbeit, wo — wie Jeder, ver minnen konnte,
auch Lieben mußte, — fo Jeder, der geliebt hatte,
auch minnen mußte. Die Zeit ift Tängft vorbei, und
jest ift e8 freilich ein himmelweiter Unterfchied, — zu
Lieben’ oder die Liebe im heiligen ſtillen Andenken
aufzubewahren; aber das Wort „Minnen“ für „Lieben“
ift geblieben. — Nur bei ven Dänen noch heißt Minbe:
Gedenken, und eine Menge Bärtchen,. Gütchen, Denk⸗
male werben Chriſtians⸗, Frederik's⸗, Louiſens⸗Minde
genannt, welches ſo viel bedeutet als Souvenir de
Chrétien ꝛc. (Wir Deutſchen haben, nachdem das Wort
ſeine urſprüngliche Bedeutung veraͤnderte, kein entſpre⸗
chendes mehr, ſonſt würde nicht auf tauſend Nadels
büchschen und Brieftaſchen Souvenir wſtehen ſendern
Minne)
4 ꝓS. Gertrudens Minne.
Es gibt Menſchen, die den Glauben hegen, ein
recht Iebhaftes Gedenken eines Lieben übe eine Art von
Zauber auf denfelben, fo daß feine Seele gezwungen fei,
in Diefem Augenblicke bei demjenigen zu fein, Der mit
feiner Minne befchäftigt ift. Daß ein folcher Glaube
feinen guten Grund hat, wird die Gefchichte von Ger⸗
trudend Minne al&bald offenbaren. — Aud gibt es
andere Menfchen, welche glauben, daß — da Sehovah
dem Noah den Weinſtock gezeigt habe, bald nachdem
die Waffer der Sündfluth ſich verlaufen hatten — fo
fei diefer gleich dem Regenbogen eine Art Bundedzeichen
zwifchen der Gottheit und dem Erdgebornen, und man
müſſe feine Gelegenheit verfäumen, um feinen geheiligten
Saft zu: trinken. Eigends von Gott Begünftigte haben
son jeher einen befondern Segen in der heiligen Traube
gefunden, zumal wenn ihr Saft gepreßt war und ges
gohren hatte; und in vielen Weinländern geht die Sage,
daß nicht nur alles. Gift im Weine die verderbliche
Kraft verliere, fondern daß auch der dem Andenfen
frommer Seelen geweihte Tranf gegen Unheil aller Art
den beften Schuß gewähre cCbefonderd wenn der Wein
unverfälfcht und von edlem Gemächfe ift). Ueberall ift
man diefer Meinung befreundet und fpendet gern dem
Scheidenden, ober demjenigen, der etwas von Wichtige
feit unternimmt, einen Weihetrunk; aber nirgends tft
biefer Glaube fo eingewurzelt wie am Rhein, wo man
nicht gern irgend eine Gelegenheit vorüber gehen läßt,
bem Scheidenden, Kommenden oder Weilenden einen
ae Weins zu reichen und mit zu genießen. Mancher
a Nnerfahrene nennt daher die Aheinländer arge Schlemmer
©t, Gertrudens Minne. 5
und Trinterz aber dem Geſchichtskundigen und beſonders
dem, der gern in den alten Büchern und Pergamenten,
die den Vater Rhein umgeben, blättert, muß es bald
fund werden, daß die Rheinländer nicht trinten,
fondern — St. Gertrudendg Minne feiern, wie
die Borfahren fhon Odins und Freia's Minne feierten. —
Folgende Sage mag jeden Zweifler noch vollends befehren.
mn
Als die heilige Gertrud noch ein, obwohl ſitt⸗
fames, doch der Welt angehörendes Mägblein war,
führte fie ihren Namen Gertrud, die Bielgeliebte, mit
vollem Rechte, denn Jeder, der bie Jungfrau erblicte,
fühlte den füßen Zauber ihres holdſeligen Weſens. Beſon⸗
ders gab ſich ihr ein Ritter, flolzen Namend und tapferer |
Thaten, bergeftalt zu eigen, baß er feinen Sinn von
allem andern Thun und Treiben abs und einzig der
holden Königin feines Herzens zumwandte, obgleich dies
felbe noch durchaus jung an Jahren und er wohl dem
Löwen zu vergleichen war, der ſich von der Hand eines
Kindes leiten läßt.
Gertrud war über alle Maßen milbthätig, eine
Tugend, die ſich bei ihr ſchon in den frühflen Jahren
entwidelte, fo daß fie zu wiederholten Malen im bloßen
Hemdchen von ihren Heinen Streifereien heimfam, weil
fie Alles, was fie auf fi trug, den Armen gefchentt
hatte. Später zwar verbot ihr die Sittſamkeit eine
folche Handlungsweife, indeffen war fie Durch ihre gräns
jenlofe Freigebigfeit immer fo arm an Baarjchaft und
Kleinodien, daß fie nicht ſelten einen Nothleidenden
ir
6 St. Gertrudens Minne
unbeſchenkt entlaſſen mußte, was ihr jedesmal fo tiefen
Kummer verurfachte, daß fie.den ganzen Tag in Thräs
nen zubracdhte. |
An einem jener Tage, ald fich eine arme Hauses
mutter, deren Mann erfranft war, in ihrer höchſten
Bedrängniß an fie gewendet hatte, wagte ed der Ritter,
ihr ein Gefchmeide, das er bei fich trug, zur Hülfe für
die Nothleidenden anzutragenz fie ergriff ed mit danfbarer
Begierde und eilte fehnell damit in die Hütte der Armuth,
wo fie den edlen Geber nannte, und den Haushalt in
Freuden verließ. Der Ritter wollte anfangs Hoffnung
für feine eigenen Werbungen aus der Haft entnehmen,
mit der die Jungfrau die Gabe ergriff, aber wenige
Tage belehrten ihn, Daß durchaus nur Gertrudend
Mildtkätigfeit und Feine irdifche Liebe Theil hatte an
ihrer Willfährigfeit, fich ihm zu verpflichten. Dennoch
beglückte ihn die Freudigfeit, mit der die Vielgeliebte alle
Gaben aus feiner Hand annahm, um fie augenblicklich
wieder zu vertheilen, fo fehr, daß er fein Vermögen
nicht fchonte, um ihr immer häufigere Spenden zufoms
men zu laſſen. Es hatte fich durch diefed gemeinfchafts
liche Wirken für die Nothleidenden eine fehr ‚innige
Freundſchaft fir den Ritter in Gertrudend Herzen
F geregt, die indeſſen viel zu arglos war, um zu ahnen,
daß ihre eigene ſchöne Geſtalt ven Ritter zur Liebe ent⸗
flammt haben könne, — fo daß fie feiner Handlungs
2 weife feine anderen Beweggründe beilegte, als diejenigen,
deren fie fich bei der ihrigen bewußt war.
Als Gertrud achtzehn Sahre zählte, theilte fie ihrem
Freunde eines Tages mit, wie ſie entſchloſſen ſei, ihr
GL. Gertrudens Minne _ . 7
Leben ihrem lieben Herrn Sein nnd feinem von ihr
befonders verehrten Sänger Sohannes zu wibmen, und
daher fi in ein SKlofter von ber Welt zurückziehen
welle. Die Weife der Jungfrau bei dieſem Bekenntniß
war fo rein und überirdifch, daß der Ritter fich fcheute,
ihr feinen tiefen Kummer über ben Vorſatz mitzutheilen,
ur wagte er es fie zu fragen, ob fie denn nicht mit
einigem Schmerz auf Die Ausficht verzichte, einen Mann
zu beglüden und Kinder an ihre Bruft zu brüdens
worauf die Sungfran ohne zu erröthen in holder Unbe⸗
fangenheit erwiederte: daß fie nie einem Irdiſchen fe
zugethan fein koͤnne, wie ihrem lieben St. Sohannes,
nnd daß fie fhon jest Kinder wie Sand am Deere
babe, da jeder Nothleidende ihr Kind fe. — Der Ritter
fühlte, daß er vor ſolchen Nebenbuhlern verſtummen mußte,
und befchwichtigte feinen Schmerz. Er fah Getruden vor
der Burg ihrer Väter Abfchied nehmen und in das Klos
fter ziehen. Sein einziges Glück beftand von jeht au
darin, bie Jungfrau feiner Liebe von Zeit zu Zeit zu
fehen, was bie milde Regel des Ordens nicht vermehrte,
wo er dann jedesmal nicht ihr, — deun bad war ihm
nicht mehr geftattet, — fondern ihrem Klofter reiche
Geſchenke darbrachte. Gertrud freute fig eines jeben
folchen Befuches herzlich, . und fchloß ihren Freund täg⸗
lich in ihr Gebet dermaßen ein, daß das Befühl der
Empfängerin immer rein und Gott gefällig blieb, wähs
rend der Geber wohl fühlte, daß ihm bei feinen Spenden
weniger an den armen Nothleivenden lag, ald an der
holden Jungfrau, deren Dank ihn erfreute. Auch ruhte
für ihn fein Segen auf feinem, feit geraumer Zeit mit
8 Et. Gertrudens Minne.
Nachlaͤſſigkeit verwalteten Bermögen, unb da er für feinen
Zufluß von anderer Seite Sorge trug, fo warb ber
Strom feined Reichthums nach und nad) immer feidhter,
und bald war ber letzte Tropfen in Gertrudens Klofter
gefloſſen. —
Eine düſtre Verzweiflung bemächtigte fich bei biefer
Entdedung des Nitterd, denn wie follte er ſich jeßt
ihren Danf verdienen. Er fattelte fein Roß und machte
einen wilden Ritt auf die Heide, immer bei ſich ermäs
gend, wie er ed möglich machen möchte, durch feine
gewohnte Freigebigfeit auch ferner Gertrudend holdes
Lächeln zu gewinnen. — Da ſcheute auf einmal fein
Roß vor einem Dornenbufche, und als ed noch ſchnau⸗
fend davor ſtand, erhob fich ein grüner Jäger mit einem
mißgeftalteten Beine und einer Hahnenfeder auf ber
Mütze, der hinter dem Buſche geruht zu haben fchiem,
Der Grüne wußte bald ein Gefpräch einzuleiten, und
war in nicht zu langer Frift fo weit mit dem Ritter
gefommen, daß er der Vertraute aller feiner Sorgen
war. — „Dafür, meinte ber pferbefüßige Gaft, gibt
es Rath; alle Schäße der Erde ſtehen mir zu Gebote,
und fein Bergmann verfteht fo tief zu graben, als ich.
Seht died Pergament, das mir nad, 7 Sahren erft Eure
Seele zu eigen gibt, wenn Ihr's mit Eurem Blute
unterfchreibt, Beſinnt Euch nicht lange, und dieſe 7
Fahre hindurch folt Shr haben — was Euer Herz bes
gehrt.“ —
Der Ritter dachte nicht an feiner Secle Heil, fonts
dern nur an Gertrudend Dank, wenn fie fid) durch ihn
In den Stand gefegt fühe, allen Armen, won denen fie
Su Gertrubens Minne 9
aur irgend hören könnte, zu helfen. Und fchnell ritzte
er fich eine Aber auf und ergab fich dem Teufel, indem
er die Hahnenfeber bed Grünen, bie biefer zierlich zu⸗
gefpigt von feiner Müsge nahm, in fein rothes Blut
tauchte und feinen Namen an dad Ende des Pergaments
feste. .
Sept eilte er heim und fand feine Geldfiften gefüllt
— und jemehr er dem Klofter fchenfte, deſto reicher
warb er. Aber nie berührte er zu feinem eigenen Bes
darf einen Heller von dem gefährlichen Schaße, und
lebte nach wie vor in Einfachheit und firenger Ents
fagung. -
So vergingen 7 Sahre, und Gertrud war Aebtiffin
ihres Klofterd geworden, ohne daß ihre geiftliche Stans
beds Erhöhung den freundfchaftlichen Verkehr mit ihrem:
Ritter im mindeften unterbrochen hatte. — Der Tag,
wo alle Herrlichkeit des Armen ein Ende haben follte,
war heran genaht, und der Ritter befchloß den Morgen.
noch einmal zu Gertrud zu gehen, um dann den Nach»
mittag zur Hölle zu fahren. — Als er fcheiden wollte,
fündigte er an, daß er am Vorabend einer großen
Reife fei, und feine Freundin wohl lange nicht wieder,
fehen werde, Gertrud fagte: „Des Herrn Wille ges
fchehe! Aber eins müßt Shr mir nicht abfchlagen,
vor Diefer weiten Reife: nämlich noch einmal unter St.
Johannes Weihe, auf meine Minne zu trinfen, denn
ich möchte wohl ficher fein, daß Shr in der Ferne meiner
nicht vergäßet, wie Euch denn auch andbererfeitd der
Weihetrank meines Heiligen vor allem Uebel bewahren
wird,“ —
10 St. Gertrudens Minne.
- Mit zerfnirfchtem Herzen trank ber unglückliche
Nitter Gertrudens Minne, fchwang fi aufs Roß
und fprengte mit verhängtem Zügel jener Heide zum,
wo er fein Verderben zu finden gewärtig war. Auch
fah er fchon von Weiten den grünen Säger, mit feiner
Pergamentrolle in der Hand, am Dornbufche ftehen,
und er z0g den Zügel au und ritt Iangfamer, Gertrus
dens mit innerer Seelenangft gedenkend, hinan. Da
prallte plöglich Der Grüne einige Schritte zurück, und rief,
indem er dad Pergament von ſich warf: „Da habt Ihr
Euren Kontraft zurück; — fie fist ja hinter Euch mit
ihrem Heiligenfchein und wehrt mich ab.” — Und mit
Diefen zornig gefprochenen Worten war der Jäger vers
fchwunden, und auf der kahlen Heide war nichts zu
ſehen als das zerfnitterte Pergament. — Der Ritter
ritt nach Haufe und fand in feinen Kiften den ganzen
Schatz .unverfehrt liegen. — St. Gertrudendg Minne
hatte ihn geheiligt. \
+44 Where son sau
——
Banane Dach Kant Vorl
Der Schwanenritter.
Colerzu das Bild I, erfunden von H. Pluͤddemann, geflochen von
eh. A. Schuler.)
In der Stadt Nymwegen, im Niederlande, war ein
gewaltiged Drängen und Treiben. Ritter und Knappen
eiften ber und hin, Reiſige und Trabanten gingen in
ihren NRüftungen und reichen Anzügen umher, fıhöne
Frauen füllten von früh bis fpät die Eden der hohen,
mit fpigen Giebeldächern verfebenen Häufer. Ed war
ein ganz ungemwohntes Leben, und die vielen Fremden,
welche von allen Seiten herbeiftrömten, fonnten für ſich,
für ihre Begleiter und Noffe, nur mit Mühe ein Unters
fommen finden.
Die Urfache dieſes Volkszulaufs wi ich euch bes
richten. König Karl war in Nymwegen angekommen,
um die Klage der Herzogin von Brabant gegen ihren
Schwager zu vernehmen, und ihre Streitfache wo mög⸗
lich in Güte zu fihlichten. Die Angelegenheit verhielt
fih nämlich fo: Gottfried, Herzog von Bouillon und
Brabant, welchen das nach dem Morgenlande zichende
Kreuzheer, um feiner erprobten Weisheit und Tapfer⸗
12 Der Shwanenritter.
feit willen, zu feinem Anführer erwählt, und welcher
fi) durch die Eroberung Jeruſalems und Befreiung ber
heiligen Stätten aus den Händen der Ungläubigen zum
gefeiertften Helden der Chriftenheit emporgefchwungen
hatte, war in Paläftina ohne Hinterlaffung männlicher
Erben geftorben. Er hatte jedoch in einer von feinen
Bafallen genehmigten Urkunde geftiftet, daß fein Lanb
der Herzogin und feiner Tochter verbleiben ſolle. Hieran
fehrte fich aber Gottfriedd Bruder, der mächtige Sad
ſenherzog, nicht: er berief fi) auf dad Salifche Geſetz,
welches die Weiber von der Nachfolge in der Regierung
augfchließt, und bemächtigte fich des Landes, Uber wels
ches fein Bruder geherrfcht, nicht achtenb auf die Bors
‚ftellungen und Klagen der Wittwe und Waife, welche
endlich an den König felbft fi) zu wenden befchlofien.
Auch der Herzog von Sachſen war nad) Nymwegen ges
fommen, und ftand der gegen ihn erhobenen Klage Antwort.
Ald nun eben das Gericht angehen follte, wobei die meiften
der Anmwefenden wohl im Herzen zu Gunften der verwitts
weten Herzogin und ihrer [chönen Tochter Beatrir ſich aus⸗
fprachen, aus natürlichem Mitgefühl für die trauernden
Frauen, — aber doch an einem guten Ausgange ihrer
Angelegenheit verzweifelten, da erhob fich ein großes
Getöfe, ein Schreien und Rufen, dad vom Ufer des
Rheines herzufommen fchien. Und als der König nebft
vielen Andern an das Fenſter trat, um bie Urfache des
Tumults zu erforfchen, fiehe, da erblidte er einen
fchneeweißen Schwan, der dad Waſſer heraufſchwamm,
und an einer ſilbernen Kette ein Schifflein nach fich
zog. In dem Schifflein aber fchlief ein Ritter, fein
Der Echwanenritter, 13
Haupt ruhte auf dem Schilde, neben ihm Tagen Helm,
Halsberg und Panzerhofen. Der Schwan zog die ſchwere
Laft als ein guter Seemann durch die Fluth und gegen
die Strömung an, denn das Schifflein hatte weder
Segel noch Maftbaum. Karl und der ganze Hof vers
wunderten ſich höchlich über die feltfame Erfcheinung,
und als das Schifflein ſich dem Geſtade näherte, vergaß
Sedermann die Klage der Frauen und lief hinab an’s
Ufer, wo dad Bolf dichtgebrängt ftand, und mit man⸗
chem Ausruf des Erftaunend dem Wunder zufah. Uns
terbeffen war ber Ritter erwacht, hatte feine Nüftung
angelegt und war an’d Land geftiegen. Der König
empfing ihn freundlich, nahm ihn bei der Hand und
geleitete ihn nad) der Burg. Da wandte fich der Ritter
um zu dem Vogel, der mit ihm gekommen war, und
verabjchiedete ihn mit den Worten: Fliege wieder
heim, lieber Schwan; wenn ic; dein Fünftig bedarf,
fann ich dir wohl wieder rufen, und du Fehreft getreits
lich zu mir zurück. Kaum hatte der Schwan die Anrede
vernommen, fo fchlug er mit dem blendendweißen Flüs
gelpyaar, hob feinen Hald und war in wenig Augens
bliden mit dem Scifflein Aller Augen entrüdt. Jeder
fchaute den fremden Gaft neugierig an, und manches
Wort flüfterte ein Nachbar dem andern ind Ohr, denn
das Abentheuer fohien ihnen gar zu räthfelhaft. Karl
trat wieder in den hohen Saal und nahm feinen frühern
Sig ein, worauf er den Streitenden zuwinkte, mit ber
Darlegung ihrer Gründe zu beginnen; dem Frembling
aber, deſſen Ankunft bad Gericht unterbrochen hatte, wies
er einen Plaß unter den übrigen Fürſten und Großen am.
14 Der Schwanenritter.
Die Herzogin von Brabant, ihre Tochter Veatrir
an ihrer Seite, hub nun an ihre Klage ausfährlich vor:
autragen, indem fie ſich auf den Erbvertrag ihreö ver
ftorbenen Gemahls berief, in welchen alle feine Lehns⸗
leute eingewilligt. Hierauf vertheidigte fi ber Herzog
von Sachſen, inden er als Betätigung feiner Anfprüche
und Rechtfertigung feiner Befignahme der brüderlichen
Lande, auf dad allgemeine beobachtete Herfommen und
die beftehenden Rechtsverhaͤltniſſe ficy bezog. Und als
er fah, daß der König zauderte, und nicht mußte wels
chen Entfchluß er zu faflen habe, da erbot er fich zum
Kampfe für fein Recht, und forderte, die Herzogin folle
ihm einen Ritter entgegenftellen, das ihrige gu beweiſen.
Karl gab dem Borfchlag feine Zuflimmung, denn,
in Wahrheit, er fah ſich dadurch aus einer peinlichen Vers
Vegenheit geriffen, indem er die Entfcheidung vom Wafs
fenglücl abhängig werden ließ. Die Herzogin hingegen
erfchraf heftig: der Herzog von Sachſen war ein flreit
barer Held und von Wuchs fchier ein Niefe, fo Daß
Niemand ihn zu beftehen wagte, Vergebens ließ fie bie
Augen im Kreife ſchweifen; fie begegneten wohl mitleis
digen Blicken, fanden aber Niemand, der fih für fie
zu kämpfen erboten hätte. Beatrir weinte und fprad:
„Sp müffen wir denn verderben und unfern Gegner
triumphiren fehen, weil fein Ritter das Schwert für
und erheben will!” Da trat der Süngling, welchen
ber Schwan an’d Land gezogen hatte, vor den Lonig
und gelobte, der Frauen Kämpfer zu fein.
Ein ſchwerer Stein fiel von der Bruft mancher, bie
ed vernahmen, obgleich Viele fürchteten, der Fremde,
Der Schwanenritter. 15
hochgewachſen, aber mehr ſchlank denn kraͤftig, werde dem
Herzoge nicht gewachſen ſein. Die beiden Frauen, welche
ſchon am guten Ausgang ihrer Sache verzweifelten, hatten
nur ſtummen Dank im Blicke. Auf dem freien Platze
vor der Koͤnigspfalz wurden ſogleich Schranken errichtet;
der Sachſenfürſt und der Schwanenritter gingen, ſich
vollſtändig zu rüſten, und erſchienen bald darauf wieder
mit heruntergelaffenem Bifr. Eine unzählige Men⸗
fehenmenge umgab die herumfiehenden Edeln und Tra⸗
bauten, weldye nur mit Mühe das Bolt zurückhielten.
Der Kampf war lang und hartnädig, denn Beide führ⸗
ten ihre Waffen mit großer Kraft und Gewandtheit;
endlich traf ein gewaltiger Hieb den Helm des Herzogs,
er tanmelte und ſank nach ein Paar Augenbliden zu
Boden. Als man fein Viſier öffnete, war er verfchieden.
Da begrüßte lauter Zuruf den Sieger; der König
verließ feinen hohen Sitz und führte ihn in den Saal
zu den Frauen, welche mit der größten Herzensangft
dem Ausgange entgegen geharrt hatten. Mit. welchen
Danfeöbezeugungen empfingen fie ihren Ritter! . Karl
fprach num der Herzogin ihr Erbe zu, das kein Gegner
sder Verwandter mehr in Anſpruch nahm, und ald Alle
auseinander gingen, nachdem fie ihre Glück gewünfcht
zum guten Erfolge, folgte der Fremde gerne der Einlas
dung der Frauen, ihnen auf der Rüdfehr nach Eleve,
wo fie zu wohnen pflegten, das Geleite zu geben.
In der Burg zu Cleve nun verlebte der Schwanen⸗
titter, den man unter feinem andern Namen fannte,
glücliche Tage... Das Volk pries ihn, wo er ſich fehen
ließ, denn-es liebte die Herzogin und fah in ihm ihren
16 Der Schwanenritter.
Erlöfer. Die Blicke der ſchoͤnen Beatrir geftanden ihm
bald, daß mehr noch ald dad Gefühl der Dankbarkeit
fie an ihn feflele: mit Freuden fah die Mutter bie Reis
gung, welche Beide verband, denn nun wußte ſie, daß
fie auch ihrem Lande und Volke einen Helden und Edel⸗
gefinnten fchenfen könne, zum Erfat für den Berluft
ihres tapfern und frommen Gemahls. Nicht lange Zeit
verging, fo war Beatrix die beglüdte Braut des Rit⸗
terö; aber er fteckte ihr nicht eher den Ring an, bis fie’
ihm die heilige Berficherung gegeben hatte, baß fie nie
und zu feiner Zeit fragen werde, woher er gekommen
und welches fein Gefchlecht fei. Wenn fie es thue, fo
werde fie ihn unmiederbringlich verlieren: fein Gefchid
fei an diefe Frage gefnüpft.
Ssahre vergingen. Dad Land war ruhig und
glüdlich, denn ber Ritter regierte ed mit Milde und
Feftigkeit, und ber Ruf feiner Weisheit und Tapferkeit,
welcher ſich überall hin verbreitet hatte, hielt jeben
Feind von feinen Grenzen ab. Beatrir war Mutter
zweier Knaben geworden, bie zu werben verfprachen,
wie ihr edler Vater. Dft hatte fie in ſtillen Stunden
darüber nachgefonnen, was es wohl fein koͤnne, das
ihren Gatten abhalte, feine Herkunft wiffen zu laſſen.
Mehr dern einmal ſchwebte die Frage ihr auf den Lippen
aber die Furcht fowohl als ihr gegebenes DVerfprechen
hielten fie zuri, Nachdem aber viele Zeit verfloffen
war, und fie endlich nicht mehr ertragen konnte, baß fie
sticht wiffen follte, wer ihrer Kinder Vater fei, that fie
einft in ber Nacht bie verbotene Frage. Da erfchraf
der Ritter auf's äußerfte. Beatrix, ſprach er mit
Der- Schwanentitter. 1?
wehmüthiger Stimme, Du felbft haft nun Dein und
‚mein Glüd vernichtet. Sch muß von hinnen, wie ich
Dir einft am Trauungstage fagte — nichts vermag
mich bier zu halten,
Kaum war der Morgen angebrocdhen, fo war bie
ganze herzogliche Burg von Cleve in ‚Bewegung. —
Die Herzogin war ein Bild des größten Jammers; ihr
Gemahl ging ſtumm und ernft durch die Räume umher,
"am Abfchied zu nehmen von den Orten, die fein Glück
gefehen. Als die Sonne fchon hoch am Himmel ftand,
ba fah man einen Schwan den Strom herauf ſchwim⸗
men, ein Schifflein nad) fich ziehend. Der Ritt:r legte
Diefelbe Rüftung an, in welcher er an jenem verhängs
nißvollen Zage nach Nymwegen gefommen war, ließ
fi) feine beiden Kinder bringen und füßte fie, fchloß
Die verzweifelnde Mutter noch einmal in feine Arme,
und trat dann hinaus auf den Plag, der an den Rhein
ftieß. Der Schwan war bi an's Ufer geſchwommen
und fchien dort zu harren; alle Bewohner der Stadt
hatten fich verfanmelt: fie fielen ihrem Herrn zu Füßen,
und baten ihn flehend, er möge bei ihnen bleiben und
fie nicht verlaffen. Aber die Erfüllung deſſen, was fie
verlangten, hing nicht ab von feinem Willen. Der Ritter
fpracdh noch einige Worte des Abfchiedes, indem er ihnen
dankte für ihre Anhänglichfeit und Treue, und ertheilte
dann dem ganzen Volke feinen Segen, Hierauf trat er
in's Schiff, warf noch einen legten Blick auf die Burg
und auf die ihm voll Bekümmerniß Nachichauenden, fuhr
den Rhein hinunter und Tehrte nimmer wieder.
2
18 | Der Schwanenritter.
Beatrir fam Anfangs das ganze Ereigniß wie ein
Zraum vor. Ach, ed war nur zu traurige Wahrheit.
"Michts vermochte fie zu erheitern und zu tröften, und
ihre Mutter, die alte Herzogin, mußte noch am Lebends
abende den Echmerz haben, ihre einzige geliebte Tochter
dahinmelfen zu fehen, im Xenze ihrer Zage und der
Blüthe ihrer Schönheit. Oft fah man fie von früh bis
fpät auf dem Göller der hohen Burg fißen, den Buſen
vol Sram und Reue, dad Haupt auf die Hand geſtützt,
den Blick fehnfüchtig nach der Gegend hingewandt, wo
ihr edler Gatte verfchwunden war. Bisweilen, wenn
ein weißes Segel in der Ferne auftauchte, pochte lauter
ihr Herz, denn da hoffte fie, er könne wieberfehren.
Aber ed war vergebend. So gingen nicht viele Monde
yorüber, da hatte fie fich zu Tode gehärmt, und bie
Ihrigen beweinten ben doppelten Berluft.
Die Herzogin, allein geblieben in der verwaiſten Burg,
309 ihre Enkel in Gottesfurcht und edlen Gefinnungen
auf. Aus ihrem Saamen ftammten mehrere Gefchledys
ter, die von Geldern fowohl ald von Eleve, die Grafen
von Rheined und manche andere am fchönen Rhein;
alle führen den Schwan im Wappen, zur Erinnerung
an ihren Urfprung. Dad Schloß zu Cleve hat zwar
längft feine angeflammten Beherrfcher verloren, abg
auf feinem hohen Thurme ftcht noch der Schwan, weit
umberfchanend über Strom und Land, und heute noch
fnüpft fich das Andenken des unbefannten Ritters und
der fihönen Beatrir an diefen Schwanenthurm.
Die Solinger Klingen.
Es war der Shriftfefimorgen des Sahres 1561, als,
während noch der Morgenftern bel am unbewölften
Himmel glänzte, zu Solingen die Kirchgloden gar heis
ter Täuteten, die Kerzen auf den Altären brannten und
in der Kirche zu den feierlichen Tönen der Drgel ber
Öefang der Gemeinde erflang, in herzerhebender Andacht
das Sahresfeft der Geburt des Herrn und Heilandes zu
begehen. Noch war der Gefang nidjt verflungen, als ein
‚Mägplein haftig aus der Kirchenpforte trat, und ängftlidy
um fich fchauend und laufchend die Stufen des Gottes⸗
haufes hinabftieg. Auf dem Kirchhofe blieb fie flehen,
und ließ, während Geſang und Orgelfpiel noch fort
tönten, dad Haupt ſinken. Bald aber erhob fie beit
BE zum Himmel, von dem der Morgenftern heil her;
nieder leuchtete, und fprach betend:
18 | Der Schwanenritter.
Beatrir fam Anfangs das ganze Ereigniß wie ein
"Traum vor. Ach, ed war nur zu traurige Wahrheit.
Nichts vermochte fie zu erheitern und zu tröften, und
ihre Mutter, die alte Herzogin, mußte noch am Lebends
abende den Schmerz haben, ihre einzige geliebte Tochter
dahinwelten zu fehen, im Lenze ihrer Tage und der
Blüthe ihrer Schönheit. Oft fah man fie von früh bis
fpät auf dem Söller der hohen Burg fiten, den Bufen
vol Sram und Reue, dad Haupt auf die Hand geftügt,
ben Blick fehnfüchtig nach der Gegend hingewandt, wo
ihr edler Gatte verfchwunden war. Bisweilen, wen
ein weißes Segel in der Ferne auftauchte, pochte Tauter
ihr Herz, denn da hoffte fie, er könne wiederfehren.
Aber ed war vergebend. So gingen nicht viele Monde
vorüber, da hatte fie ſich zu Tode gehärmt, und bie
Ihrigen beweinten den doppelten Berluft.
Die Herzogin, allein geblieben in der verwaiften Burg,
309 ihre Enkel in Gotteöfurcht und edlen Gefinnungen
auf. Aus ihrem Saamen ftammten mehrere Geſchlech⸗
ter, die von Geldern ſowohl als von Cleve, die Grafen
von Rheineck und manche andere am ſchönen Rhein;
alle führen den Schwan im Wappen, zur Erinnerung
an ihren Urſprung. Das Schloß zu Cleve hat zwar
laͤngſt ſeine angeſtammten Beherrſcher verloren, abeg
auf ſeinem hohen Thurme ſteht noch der Schwan, weit
umherſchauend über Strom und Land, und heute noch
knüpft ſich das Andenken des unbekannten Ritters und
der ſchönen Beatrix an dieſen Schwanenthurm.
Ban — —“⸗
Die Solinger Klingen.
Es war ber Ehriftfefimorgen bed Jahres 1561, als,
während noch der Morgenftern bel am unbewölkten
Himmel glänzte, zu Solingen die Kirchgloden gar heis
ter Täuteten, die Kerzen auf den Altären brannten und
in der Kirche zu den feierlichen Tönen der Drgel ber
Gefang der Gemeinde erflang, in herzerhebender Andacht
das Sahresfeft der Geburt des Herrn und Heilandes zu
begehen. Noch war ver Gefang nicht verflungen, als ein
Mägplein haftig aus der Kirchenpforte trat, und ängftlid)
um fich fchauend und lauſchend Die Stufen des Gottes»
haufes hinabftieg. Auf dem Kirchhofe blieb fie ſtehen,
und ließ, während Gefang und Orgelfpiel noch fori-
tönten, das Haupt ſinken. Bald aber erhob fie beit
Bit zum Himmel, von bem der Morgenftern hell her:
nieder leuchtete, und ſprach betend:
\
20 Die Solinger Klingen.
„Du weißt ed, wie meine Mutter auf ihrem Todes⸗
lager Severind Hand in die meinige legte, und mit
ſchon brechender Stimme fprach: Haltet feft an einander
in Freud und Leid; denn ich fühle es in mir, ihr ſeid
für einander beſtimmt. Tritt euch aber das Unheil ents
gegen, fo harret aus; der Gram der Fiebe macht fie
felbft und noch lieber. — Du, meın Bater im Himmel!
das Unheil und der Sram find gefommen, follte ich
nun nicht thun, wie mir die Mutter gefagt hat?“
Martha, Martha! flüfterte es jebt hinter dem Hols
Iunderftamme her, der feine kahlen, weißbefchneiten
Zweige gefpenftig von der Kirchhofsmauer ausſtreckte. —
Bit Du es Severin? fragte dad Mädchen. — Ja
wohl, ich harrte Dein fchon am Grabe der Mutter —
war die Antwort. — Sch fomme — erwiederte Martha.
Der Herr wird mir die Sünde vergeben, baß ich bie
Kirche verließ, um von Dir zu vernehmen, "was mein .
Dater Dir geftern Abend geantwortet hat.
Sie gingen zum Grabe der Mutter, auf ben die
verwelften Kränze an dem Kreuze im Winde raufchten,
und Severin beganıı: Holde Martha! mache Dir keinen
Bormwurf daraus ‚ daß Du mich bier anhörſt; der Herr
ift überall, wo nichts Böſes gefchieht. Und wollte es
fich denn anders thun laffen, daß ich Dich zum Letzten—
mal fpreche? — Zum Leßtenmal? fragte Martha mit
bebender Stimme. Du willft fort? — Sieh — fuhr er
fort, da Martha fchwieg, weil fie ihr ftilled Weinen
nicht verrathen wollte — ich dachte ed recht gut zu
machen, daß ich geflern nicht eher zu Deinem Bater
ging, bid aus allen Fenftern die Chriftbäume mit tauſend
Die Solinger Klingen, 21
Lichtern leuchteten, indem ich ihn bei Dir zu finden
glaubte. Allein Hedwig fagte mir, er fei noch immer
in feinem Arbeitsfämmerlein neben der Waffenſchmiede
beichäftigt. Da pflegt er gewöhnlich mürrifch zu fein,
wenn man ihn ſtört; indeß ich hatte Dir verfprochen,
au dem Tage mit ihm zu reden; und fo ging ich hinein.
Mit Düfterem Blick empfing er mich, und fragte, was
ich wolle? Meifter — begann ich — ich bin noch nicht
fo lange: bei euch, ald ich fein moͤgte; aber ich halt’
- nicht aus, wenn ihr nicht endlich mir euren Segen
gebt, und fprecht: geht wieder zu meiner Martha; du
follft mein Sohn werden. Sch wollte noch mehr fagen;
aber er fchloß mir auf einmal den Mund mit dem
fchwerften Nein, das ich je in meinem Leben gehört
habe. Da er mich nun fo betroffen fah, fügte er allerlei
hinzu: wie ich ein tüchtiger Waffenfchmied und ihm ein
werther Gefelle fei, wenn er auch meinen Umgang mit
feiner Tochter und den Galviniften nicht leiden möge. —
Hab’ ih Dir's nicht gefagt? unterbrady ihn Martha.
Aber Severin fchüttelte den Kopf und erwiederte: Da
liegt's nicht! Ich gehe mit den Genfer Waffeufchmieden
um, bie aus ihrer Baterfiadt die neue Lehre mitbringen.
Ob ich dabei auch Aug’ und Ohr nicht fchließe, fo will
ich Dennoch ald ein guter Fatholifcher Chrift leben und.
erben. Dad fagte ich Deinem Vater; und er fchlug’d
nicht in den Wind, ſah aber eine Zeitlang flarr vor
fih hin, wie einer, der mit ſich felbft einen Kampf
ſchlichtet. Endlich athmete er tief und fagte: Shr könnt
mir Doch nicht helfen, wie gut ihr auch beim Amboß
ſeid. Das befremdete mich, und machte mich warnt, fo.
22 Die Eolinger Klingen.
daß ich rief: Wenn mein Glück vom Amboß zu holen iſt,
fo gebt's nur immer in meine-Hände, Meifter; ich laſſe
es euch wahrhaftig da nicht liegen. Er aber lachte faft
höhnifch auf und entgegnete: Nun, fo wißt denn kurz
and gut: ich bin ein verarnter Mann. Theils durch
nichtönußigen Kauf, theils durch allerlei Toftfpielige
Verſuche wollte ich das Geheimniß, DamadeenersKlingen
zu fertigen, gewinnen; es ift aber mißglüct, und body
habe ich mich fchon gerühmt, e& zu Fünnen. Ich bebarf
eines reichen Schwiegerfohnd, um vielleicht auch deſſen
Geld durch den Rauchfang zu jagen; denn nicht leben
mil ich, fol ich's mit Schande thun. Nach biefen
Morten wandte er das Auge wieder von mir, unb
ftierte den Boden an. Sch fland da, unruhig und
finnend; jeßt aber noch möchte ich Gott fragen, ob's von
ihm fan oder vom Satan, als ich mic; vermaß, ich
wollt's dem Meifter fchaffen, daß er des Geheimniffes
kundig würbe, wenn er mir feine Tochter verfpräche.
Und wie nın Herz und Hoffnung beredt find, ftellte ich
ihm vor: ich wolle gen Damasfus ziehen, und bort fo
ange den Klingendienft treiben, bis ich den Türken bie
Kunft abgelernt hätte, dann aber heimfehren und Dich
ald mein Weib umarmen. Da zucdte ihm wieder ein
Lachen um den Mund, wozu ich die Worte vernahm:
- Run fo zieht nad; Damaskus! Ein Jahr lang will ich
- euch meine Martha aufheben. Habt ihr dann euer
Wort nicht gelöft, fo bin ich des meinigen quitt- Mit
meiner Tochter habt ihr aber weiter feinen Verkehr;
und num fchlaft euch Kräfte zur Reife. So mußte ich
denn gehen, und fiahl nur noch die Gelegenheit, ber
Die. Solinger Klinger. 33
Hebwig zu fagen, daß ich euch hier zu fprechen
wünfchte. —
Tief betrübten Herzend hörte Martha Severins
Worte, und ihm die Hand drücdend, warf fie ihm mit
unterdrücktem Schluchzen vor: Mußteft Du denn Alles
gleich zum Aeußerften treiben? Nuu willft Du fort! —
Sa, und das gleich — redete Severin drein, ihre Hand
fefthaltend — dort liegt mein Ränzel, und von hier aus
wandere ich zur Straße, die gen Damaskus führt. Ein
Jahr ift rafch vorüber. Lebe wohl, gute Martha, ges
benfe mein, und bitte Gott, daß er mein Borhaben
gelingen. laffe. Sollte ic; aber nicht zurückkehren —
Hier brach ihm die Rede, fo daß eine Paufe ents
ftand, die plößlich unterbrochen wurde von den Fräftig
gefprochenen Worten: Gott fegne euch, und laffe euch
bei einander. Und fiehe — ein fremder Mann, grauen
Hauptes und Barted, angethan mit fchwarzem ritterlis
“ en Kleide, legte feine Rechte auf die Hände des lies
benden Paares. In einer Negung bed Grauens barg
Martha ihr Angeficht an Severind Schulter.
Schrecket nicht vor mir zurüd, Sungfrau! begann
der Fremde. Worte und Blicke, die euch furchtbar fein
tönnten, liegen längft hinter mir. Für Euch aber, '
junger Gefelle, habe ich Hülfe. Am Sylveftertage, wenn
— dem Himmel fei Dank! — wieder ein Sahr von der
Ewigfeit abtrünnig wird, dann wandert zur Mitternacht
und gen Mitternacht von der Höhe der Stadt hinunter,
dem Strom der Wupper entlang, in den Wald hinein,
bis Schr die Fadel auf einem Thurme brennen feht.
Dort rufet den Namen Johannes; die Pforte wird ſich
24 Die Solinger Klingen.
aufthun, und ich werde Euch die Reiſe nach Damaskus
unnoͤthig machen.
Severin ſah den Fremden, der in der Morgendaͤm⸗
merung ein geiſterhafter Anblick war, bedenklich an,
bevor er fragte: Seid Ihr ein Waffenſchmied, Herr?
— Ein Waffenſchmied? entgegnete Jener; wohl habe
ich mein Lebelang Waffen geſchmiedet wider mich ſelbſt;
ich fühle ihre Schärfe, und Dir will ich helfen, daß ih
mir vielleicht einen ruhigen Tag gewinne, Du fommft?
— Verzeiht, Herr! begann Severin verlegen. Der
Fremde aber fuhr troßig auf: Nun fo laß es, Thor!
Doc ſich vor die Stirne fchlagend, fette er begütigend
hinzu: Nein, laß es nicht! Zieh’ nicht von Deiner
Liebe! : Dein Ziel ift weit, und der Menfchen Gunft hat
kurze Weile, Wilft Du Dein Glüd ergreifen, haft Du
Muth, fo fomm zur rechten Stunde! — Der Fremde
wandte fi, und heftig rief Severin ihm nach: Sch
komme. Was haft Du gethban? fragte Martha entfegt.,
Geverin aber antwortete: Mit Gott nichts, worüber
wir uns zu haͤrmen brauchen.
Ehen zug die andaͤchtige Menge wieder heim unter
dem Geläute der Glocken aus dem Gotteshauſe, und
Martha, ihrem Geliebten zuflüfternd: Noch einmal
muß ich Dich fprechen, ehe Du Dein Vorhaben augs
führt — ſchloß ſich an Hedwig, die gleichfalls aus der
Kirche fam, und um ihre Unterredung mit Severin wußte,
Severin aber nahm fein Ränzel, und fchritt gedanken,
voll wieder in ſeine Herberge.
In den naͤchſten Tagen ward ihm doch unheimlich
in Muth; er mied im Zwieſpalt mit ſich ſelbſt feine cale
Die Solinger- Klingen, 25
viniſtiſchen Freunde, vie Genfer Klingenfchmiedgefellen,
befuchte die Kirche fleißig in ben Kefltagen, fich beras
thend im Gebete, und verftohlen mwechfelte er hier zuwei⸗
len ein Wort mit Martha, die ihn mit den inbrünftigften
Bitten von dem gefährlichen Gange abzumahnen fuchte,
Er aber beharrte bei feinem Entſchluß, und es fügte ſich
nicht, daß er nochmals der Geliebten fein volled Herz aus⸗
fhütten konnte. Bon Hedwig vernahm er nur, daß
Martha niedergefchlagenen Sinned und fcheu, wie eine
‚ Kranfe, im Haufe umherwandle. —
Der Syliveftertag war da. Am Sylvefterabend, als
die Glocke vom Kirchthurm die neunte Stunde verfüns
dete, nahm er nichtd mit fich als fein Erucifir, und
ftand lange vor Martha’d Haufe. Obwohl er nun zus
weilen bed Meifterd Stimme im Gefpräch mit feiner
Geliebten zu hören glaubte, warb Doc, Niemand fichtbars
fo daß er endlich beklommenen Herzens zur Stadt hinaus
wanderte.
Es war eine milde Winternacht. Die Erde, leicht
mit Schnee bedeckt, hatte das Anſehen, als habe ſie ſich
feſtlich angethan, das neue Jahr zu empfangen, und
die Sterne blickten aus dem ungetrübten Blau hernieder,
die armen Wanderer mit Vertrauen zu erfüllen. Severin
zog ernft feines Weges, Gott und feinen Schußpatron
anrufend. Dennoch ward ihm die Bruſt enge, ald er endlich
den Thurm vor ſich fah, den er am Tage zu finden fich
vergeblich gemüht hatte. Mit kurzen Athemzügen fland
er da, hinauffihauend nad) der Fadel, die ihren düſtern
Qualm in die reine Luft hinaufwirbeln lich, und die
26 Die Solinger Klingen.
Stimme verfagte ihm mehrmals, ald er: Johannes rufen
wollte. Sich .zufammenraffend legte er endlich fein
Grucifir an die Pforte, und fräftig erflang nun ber
Name; aber der vielfache Wiederhal machte ihn in
Diefer nächtigen Dede abermals fchaudern. Die Pforte
that fih auf, und ein Willfommen tönte ihm entgegen
aus einem erleuchteten Gemache, zu dem eine Steige
hinanführte. Ed war der Alte vom Kirchhof, ber ihn
begrüßte, und ihn näher rief. Eben fo gekleidet wie
damals war nur dad graue Haupt ganz entblößt, nd
ein großed Buch hielt er im Arm. Um ihn her
ftand allerlei Geräth; auch einen Amboß gewahrte
Severin, fo wie Alled, was zum Waffenfchmieden dienen
fonnte. |
Tretet näher! begann der Alte düſter, und geht
an's Werk; es fol raſch gethan fein. Severin zögerte
noch; endlich fuhr's ihm heraus: Herr, ich bin gefonts
men, damit ihr nichts Uebles von mir denkt und mich
nicht der Feigheit befchuldigte. Doch zeitlich Glück will
ich nicht mit Sünden erfaufen. Sprecht alfo: wollt She
mir nugen mit Gottes Hülfe oder —? Er wagte nicht,
weiter zu fprechen; denn ber Alte unterbrach ihn mit
kurzem Lachen der Uebermacht, und ordnete das Werks
zeug, bis er wie in einem Anflug von Wahnfinn fpradh:
Haltet Shr auch Erfenntniß und Wiffen für die Feuers
taufnamen ded Satans? Auf unferem dürftigen Pas
neten find fie freilich jegt noch wenig nüßez; aber feine
trügerifch feltgehaltene Höle muß endlich dennoch das
rüber fo tief zu Grunde gehen, daß er leichter und
erleichtert wird, daß er fleigt und fleigt, bis der rechte
Die Solinger Klingen, 27
Gedanke plöglicy den Steg wirft, auf bem ein einziger
Schritt zum Himmel führt. Schlagt auf Eure Klingen,
Freund, ruft bei jedem Schlage einen Eurer Heiligen
an, betäubt Ohr und Seele, damit. Ihr nicht denfet!
Ein Gedanke, der nicht zu Ende gebracht werben kann,
ift der tödtlichite Feind des Geiſtes, und alle Gedanken
find dann ein nichtiged Chaos, oder fie find die Wucht
aller Laften, die dem Leben nur wenige langweilige
Regungen übrig laffen, weil in ihrer Kette der eine fehlt.
Was kümmert’ Euch weiter, wenn ein Unglüclicher
Euch Euer Glück bietet? Greift zu, in weſſen Namen
Ihr wollt. Mir ift das und Alles gleich! — Doch wie
könnt Ihr faffen, was mir felbft entging? Schmiedet
alfo Eure Waffen im Namen Gottes! Dabei ergriff
er einen Stab, und fchlug in die Kohlenmafje auf dem
SHeerde, daß die Flamme hoch aufloderte, und genau—
zeigte er num dem verftummten Lehrlinge, wie er durch
Benubung ber Elemente feinen Zwed erreiche, fo daß
+ eine der fchönfteg Damascenerklingen in Severind Hand
glänzte, ald draußen die Dämmerung zu weichen
begann. |
Wollt Ihr's nochmals üben? fragte der Alte, Doc
Severin entgegnete: Nein, Herr! Was mir einmal
gelang, das habe ich ficher für alle Zeit, Doc, wie
fol ich nun banken, und wer ift es, den ich im
Gedaͤchtniß als meinen höchſten Wohlthäter bewahren
muß? Ä
Berleugnen mag ich mich nicht, bin ich auch ber
Schreden ſchlauer Thoren und thörigter Kinder, verhaßt
mir felbft, weil ich mich hoch über das Gefühl ſtellte,
28 Die Solinger Klingen,
und nun dennoch fühle. Ich heiße Johannes Kauft.
Zittert nicht! Die Menfchen zählen mich fchon zu den
Todten, zu früh und dennoch zu fpät. Geht mit Eurem
Gott, und denft meiner nur, wenn Shr Hülfe bebürfet.
So fprechend fchlug er mit feinem Stabe in die Flamme.
Rauch und Dampf ballten fich ringsum, und Severin
ward davon hinauägetrieben in's Freie, wo er ſich ents
fest fchüttelte, wie aus einem fchweren Traume erwarhend,
obwohl die Klinge in feiner Hand ihm Alles zur Wirk
lichkeit machte. — — 2.
Der Morgen war fchon weit vorgeruckt, als er
wieder in Solingen eintraf, und mit freudigem Schrecken
ſeinen Meiſter und ſeine liebliche, jetzt aber todtbleiche
Martha fand, Sie hatte ihrem Vater Alles erzählt,
und in ihrer fleigenden Angft nicht eher geruht, bie .
jener ihr folgte, zu fohauen, wie ed Severin ergangen.
Der berichtete fein Abenteuer, und reichte dem Meifter
die Klinge hin, verfichernd er wolle ihm nun Tauſende
gleich diefer fertigen. Der Meifter nahm bebend die®
Klinge, und als er fie betrachtete, wmechfelte in feinem
Angeſicht die Flamme des Zornd mit der DBläffe des
Keides, und wüthend rief er aus: Habe ich meine
beften Sahre vergeblich daran gefeßt, dad Geheimniß zu
ſuchen, damit ich nun fehe, wie ein tüdifcher Kobold
dem, der ſich noch gar nicht Darum mühte, Dad übergibt,
was mir mein Geld raubte, und nur frühzeitig graues
Haar mir erwarb? Was mir den Schlaf fihenchte,
kommt ihm wie im Schlafe, und ein aberwigiger Stüm⸗
per fich? ich vor dem, Der mein Meifter ward durch
ein zudringliches Ungefähr.
Die Solinger Klingen. 29
Mit den mildeiten Worten firebten: Severin und
Martha ihn zu beichwichtigen; doch in dem Alten glühte
ed immer -unbändiger auf, bis er ſprach: Ihr wolltet
gen Damaskus ziehen, und thatet es nicht; ich bin
meined Wortes quitt. Aber halten werde ich's, wenn
hr mir Eins ſchwört. Ich wild ertragen, daß ich
mein Ziel verfehlte; nimmer aber ertrage ich's, in
meiner Werkſtatt folhe Klingen fertigen zu feben.
Bevor ich nicht die Augen gefchloffen, Darf Feiner
in Solingen mit diefer Kunſt prunfen; ja — nur
Eurem Sohne follt Ihr fie dereinft lehren, und er mag
den Ruhm diefer Wiffenfihaft haben. Schwöret Ihr
das? Ich ſchwöre es! fagte Severin, und reichte ſeiner
Martha freundlich die Hand.
Severin hielt den Schwur. Oft wenn in drang⸗
voller Zeit er ſich durch ſein Geheimniß die Fülle des
Wohllebens hätte herbeiführen können, ſtand er am
Amboß, im Schweiße feined Angefichted fein Brod
WB zu erwerben, und ‚wenn ihm Martha nad) dem Tode
ihres Vaters rieth, ſich an heiliger Stätte von dem
Schwur entbinden zu laffen, fchüttelte er fein Haupt,
und arbeitete nur rüftiger im Bewußtſein, jeder Bers
lockung widerfianden zu haben. Sein ältefter Sohn,
nach feinem Großvater Peter genannt, wuchs gedeih⸗
lich heran, und ald es Zeit war, lehrte ihm der
Bater die fo reblich für ihn aufbewahrte Kunft; ber
Sohn ward die Stüge feiner Eltern, um die in ihren
alten Tagen ſich der Neichthum ausbreitete. Die
Gefchichte nennt den Weter Simmelpuß — dies
war GSeverind Familienname — als den. Erften,
30 Die Solinger Klingen.
der in Dentichland DamascenersKlingen fertigte.
Bon dem Thurme an ber Wupper fand aber Severin
niemals wieder eine Spur, und auch Fein Anderer hat
ihn entdeckt.
Die Eründung des Kloflers Altenberg.
Mer hätte nicht im Herzogthum Berg vor zwanzig
Sahren die Klagen vernommen, die weit und breit und
immer von Neuem ertönten, über dad Unglück, daß die
fchönfte Kirche des Landes zum großen Theil ein Opfer
verheerender Flammen werben mußte? —) Wo einft
das Schloß Berg mit feinen Thürmen und Warten
ftand, eine Biertelftunde oberhalb der Burg Straus
weiler, auf fteilem Hügel an der Dhün, da ragen
noch jetzt zwiſchen Buchen und Eichen die verödeten
Kloftermauern, immer noch fchön, empor, und preifen
. Iaut Die Namen Borfchbac und Fritzen, die damals,
durch feltenen Muth die Macht des Feuers hemmenp,
bie Kirche vor gänzlicher Zerftörung bewahrten; — doch
lauter noch den Namen Friedrich Wilhelm; denn
der hochherzige Kronprinz von Preußen, der ſchon früher
dad alte Kloſter befuchte, Fam 1833 abermald dahin
*) Am 17. November 1816,
32 Die Sränduna des Klofters Altenberg.
und — die gänzlihe Wiederhberftellung wurde
befchloffen und bereitd begonnen. — So wird denn
fünftig nicht mehr der Schnee den Hochaltar und bie
alten Fürftengräber deden, und bie danfbare Gemeinde :
wird fich von Neuem in dem Gottedhaufe der Vorfahren
zur Andacht verfammelit.
Um das Sahr 1100 war große Freude auf der Burg
des Grafen Adolph III., den man im Volke, nad
feinem Schloffe, den „Bogt vom Berge nannte. —
Der fohwermüthige, obgleich fanfte Graf faß lächelnd
an dem Bette feiner Gemahlin, der Gräfin Marge
rethba von Kefernberg, die von Thüringen an bie
Dhün gezogen war, um ihrem Cheheren zu folgen.
Heute, nach achtjähriger, bis dahin unfruchtbarer Ehe,
hatte fie zwei Knäblein zur Welt gebradjt, Die ber.
hocherfreute Bater abwechjelnd auf den Knieen fchaufelte,
und von diefem Tage an fehien er feined frühern Gras
mes vergeſſen zu wolle.
Mit diefem Gram cher hatte es folgende Bewandts
niß. Auch fein Vater war einft von einer tugendſamen
Hausfrau, Adela von Lothringen, durd die Ges
burt zweier Söhne erfreut worden, aber faum war bie
Wöchnerin genefen, ald ein heuchlifcher Freund dem
Grafen Argwohn gegen ihre Treue einflößte, und
diefem Argmwohn einen ſolchen Schein der Wahrheit zu
geben wußte, daß der verblendete, fonft edle Mann,
die unglücliche Adela enthaupten und ihre Kinder vor
der Burg in einem leichten Körbchen allen Zufälligfeiten
ded Wetters und dem Grimme wilder Thiere ausſetzen
ließ. — Adela legte ihr fittfanes Haupt ohne Murren
Die Gründung des Klofters Altenberg. 33
anf den Block und bat in den lebten Augenblicken Gott,
ihre Unfchuld um der Knäblein Willen, bereinft noch
an den Tag kommen zu Taffen. — Als das ſchreckliche
: Urtheil vollſtreckt war, ließ der Graf die Leiche an
‚einer dden Stelle im Walde begraben, und vermieb
biefelbe auf feinen Jagdzügen mit Fleiß. — Doch eines
Tages, ed war ein Jahr vergangen, brachte ihn den⸗
noch ein ihm felbit unbekannter Pfab an die felfige
unfruchtbare Stätte. Erſtaunt fland er vor berfelben
fill und betradjtete mit weitgeöffneten Augen das Wun⸗
ber, das fi ihm barbot. Mitten aus bem felfigen
Geroͤll erhob ſich ein blumiges Beet, das genau bie
Kormen der einft jo holden Kran bezeichnete, und am
der Stelle, wo bad treue Herz der Märtyrin gefchlagen
hatte, flieg vor den Augen ded Grafen eine Lilie in Die
Höhe und ein fanfted Klingen, wie dad Zwitichern
junger Rachtigallen‘, fchien aus den, Blumenkelchen
‚hervorzudringen. Bei diefem Anblide burchfchanerte
den Grafen die Ueberzeugung, daß feine Gemahlin uns
fchuldiger Weife den Tod von Henkershand erlitten
habe, und zerknirfcht warf er ſich an der Gruft nies
der. Als er nach langer Frift wieder aufſchaute, lag
die Grabftätte Fahl und fleinig vor ihm, und er verließ
den Unglüddort eiligft, um Befehl zu geben, den Leib.
der Gräfin in die Gruft feiner Ahnen zu legen. Seine
nächfte Sorge war, die beiden Knaben wieder zu finden,
wenn fie nicht von den Thieren bes Waldes verzehrt
der vor Hunger umgefommen wären. Aber alles Fors
ſchen blieb vergeblich, und ed vergingen vier Jahre, Die
der Graf freudens und kinderlos in ſtrengen Bußuͤbungen
| | 3
*
34 Die Gruͤndung des Kloſters Altenberg,
verbrachte. Eines Tages begehrte ein Bauerömann
den Herrn zu fprechen; — als derfelbe eingetreten war
sand der Graf den Blick zu ihm erbob, fuhr er von
freudigem Schreck bewegt von feinem Site empor, denn
der Banersmann hielt auf jedem Arm einen Knaben, ”
wovon der eine ihn mit den Augen feiner verflärten
Adela, der andere mit feinen eigenen anſah. Der Bauer
erzählte, daß er auf einer Wanderung, bie er. wegen
einer Erbjchaft nad) Schwaben habe antreten müſſen,
biefe beiden Kinder bei Zigeimern gefunden, und durch
ihre Schönheit aufmerffam gemacht, bei näheren Nadıs
forfchungen erfahren habe, daß die Zigeuner die Knaäb⸗
fein vor fünf Sahren im einem Korbe vor dem Schloffe
Berg aufgelefen und mitgenommen hätten. Mehrere
Zeichen überzeugten den Grafen völlig, daß die Kleinen
feine eigenen Kinder feien, und er nahm biefed Pfand
der Vergebung mit Freudigfeit und Demuth an, erzog
auch Die Kinder auf das Gorglichfte, machte ſich's aber
zur Pflicht, jedes Abends ihr gemeinfchaftliched Geber
mit den Worten zu ſchließen: „Verzeihe auch, Herr!
unferm graufamen Vater, Der unfere unfchuldige Mutter
ungerechter Weiſe hat verftümmeln und hinrichten Laffen.‘*
Anfangs fagten die Kinder diefe Worte, ohne fidh etwas
dabei zu denken; fpäter aber, ald ihnen der Siun
dieſes fchrecklichen Gebete kund ward, fing ihr Herz
an, fih von dem Vater abzuwenden, während fie
einander gegenfeitig' mit der zärtlichften Liebe zugethan
waren. | |
Auf beide nun herangewachſene Sünglinge goß die.
Geſchichte ihrer Kindheit eine fo tiefe Melancholie aus,
Die Gründung bes Klofters Altenberg. 35
daß nichts fie daraus emporzureißen vermochte, fo daß
. Bruno fih in frühen Sahren fchon dem geiftlichen
Stande widmete, und fpüter Erzbiſchof von Köln
ward; während Adolf, obzwar in ritterlicyen Hebungen
erfahren, doch auf Feine Weife die Luft der Jugend
genoß. Der reuige Vater ftarb, als feine Söhne eben
das miündige Alter erreicht hatten und Adolf auf
einem Kriegdzuge in Thüringen war, wo er feine Ge⸗
mahlın Margaretha Fennen lernte und gewann. Aber
auch die Liebe zu ihr war mehr ein wehmiüthiges Hinneiger,
als jenes jubelnde Zufammenfchlagen zweier Flammen,
wie ed bei Iebenöfrifchen fröhlichen Gemüthern vors
fommt; — bid endlich, wie Anfangs erwähnt, nach adıt
Fahren die Geburt mwunderfchöner Zwillinge dag Glück
des Grafen zu Frönen fchien, aber es dennoch völlig
zerftörte. Denn die Mutter fchloß nach wenigen Tagen ihre
Augen. auf immer, und Adolf II. fühlte ihren Verluſt
go fchwer, daß er, ehe die Knaben noch ein Jahr ers
reicht hatten, neben ihr im Grabe lag.
Adolf und Eberhard waren Kinder fo holdfeliger
Art, wie nur Schmerz und Liebe im fchönften Verein
fie erzeugen fönnen. Auch fchien Die Zärtlichkeit, bie
ihr Bater und Oheim gegen einander gehegt hatten,
vollfommen auf fie übergegangen zu fein; denn feiner
fannte eine Freude, die ber Andere nicht mitgenoß,
und jeder Schmerz fchien Beide zugleich zu treffen. —.
In ritterlichen Uebungen waren fie neidloſe Nebenbuhler,
ebenfo in edlem Sinn und gottesfürchtigem Wandel;
wie man denn überhaupt fchwer begreift, daß ein fo
von Gott gefegneted fchöned Land, wie dad Rheinland
36 Die Gruͤndung des Klofterd Altenberg,
dem Menfchen zum Entzücken gefchaffen, andere ale
edle Söhne erziehen kann. |
Gm Anfange nahmen fich Adolf und Eberhard vor,
fi) nie von einander zu trennen, bis ein Umftand nad
ihrer ebert eingetretenen Bolljährigfeit diefen Entſchluß
umftieß: Der Graf von Cleve ſandte ihnen um biefe
Zeit eine Einladung zu der Hochzeitfeier ihres Betterg,
ded Grafen Sieghardt von Kefernberg mit Gifela
von Gleve, feiner älteften Tochter, und bie beiden
Sünglinge machten fich aldbald auf den Weg, fich höch⸗
lich der Fefte erfreuend, Die eine folche Beranlaffung
ihrer lebendfrohen Sugend bot. — Gifela hatte ohne
Weigern ihre Einwilligung gu biefer VBermählung geges
. ben, fobald die Eltern den Wunſch dazu ausgeſprochen
hatten. Als die Sünglinge nad) ihrer Ankunft in bie
Gemächer der Gräfin von Cleve traten, ftanden ihnen
zwei Sungfrauen, an ber Seite einer Matrone, gegens
über, bie Beide wie zwei Sterne, wenn auch mit vers
ſchiedenem Lichte Yeuchteten. „Gott gebe” — fagte
‚Adolf zu Eberhardt, daß die zur Linken nicht bie
Braut;“ — „Gott gebe’ flüfterte Eberhardt, Daß es
nicht die zur Rechten ſei.“ — Aber ed war bie zur
Rechten, und Eberhardt Iernte die Freuden ber Liebe
nur fennen, um ihnen für immer zu entfagen. — Auch
von Giſela's rofigem Gefichte verfchwand nadı einigen
Tagen das Lächeln, während ihre Schweiter, Adelheid,
mit jedem Tage muthwilliger und fröhlicher ward, jemehr
fie fich überzeugte, daß Graf Adolf ihr allein mit anf
richtigem Herzen huldigte. — Ob jemald eine Stunde
gekommen ift, in der Eberhardt und Gifela fich vers
“
Die Gründung bes Klofters Altenberg. | 37:
fanden haben, ift erlaubt nach mehr als fiebenhundert
Jahren nicht zu wiffen; aber fo viel ift befannt, daß
nach drei Wochen das Beilager des Grafen Sieghardt
gefeiert ward, und daß wenige Monate fpäter Graf
Adolf Die holde Adelheid nach Schloß Neuenburg heims
führte, Eberhardt dagegen fich nie mehr mit Liebe einem
Weibe zuneigte, und befto inniger an feinem Bruder
hing. Trotz diefer Zärtlichkeit, meinte Eberhardt Doch,
baß man ſich nie in die Mitte eined neuvermählten
Paared ftellen müfje, und zog ſich auf Schloß Berg
an ber Dhün zurüd, dad Adolf ihm gefchenkt hatte,
während er für ſich felbft Neuenburg an der Wup⸗
per erbaute. Noch geht die liebliche Sage dieſer bei:
fpiellofen Bruderzärtlichfeit durdy das Land; fie hielten
den Zag für verloren, an dem fie ſich nicht ſahen, mit
der Erinnerung bei einander burchlebter Stunden Tegten
"fie fi) zur Ruhe, zur frohen Erwartung des freudigen
Wiederfehend weckte fie der Morgen. Da aber ihre
Burgen zu weit von einander waren, ald daß fie ſich
fogleich vor Angeficht zu Angeficdt den Morgengruß
hätten bringen fünnen, fo fliegen fie beim erften Früh⸗
roth in der heiligen Stille des erwachenden Tages auf.
die hoͤchſte Warte ihrer Schloßthürme, nahmen die weit-
fchallenden Jagdhörner zur Hand, wetteiferten darin,
wer dem Bruder den erſten Morgengruß über die thau-
glänzenden Hügel zuiauchzen würde, und verftändigten
fih in verabredeten Tonzeichen, wo fie füch finden, und
wie fie den Tag zubringen wollten.
Erzbifhof Bruno von Köln hatte von früh
an die Erziehung beider Brüder auf eine ausgezeichnete
38 Die Gruͤndung des Klofters Altenberg,
Art geleitet. Jetzt in feiner Einfamfeit widmete ſich
Eberhardt, auf diefer Grundlage fortbauend, den Wifs
fenfchaften mit regem Eifer, ohne fich darum den. ritters
lichen Uebungen zu entziehen; nur das Getümmel ber
Welt mied er und liebte. die Einſamkeit, die in dem
ftilen Dhünthale nur durch Befuche feines Bruders und
durch das Geräuſch der gemeinfchaftlichen Sagdluft unters
brochen wurde.
Der Krieg ftörte dies jtille Leben, als Walram
von Limburg die Hülfe der Brüder gegen Gottfried
von Brabant in Anſpruch nahm. Vereint mit dem
Freunde ſchlugen Adolf und Eberhardt eine blutige
Schlacht bei Thaldorf, in der fie den Sieg errangen;
Nachdem der Kampf auögetobt, famen alle Ritter zus
fammen um fich zu begrüßen; nur Eberhardt fehlte:
Adolf ließ ihm auffuchen, fat bis in den Schooß der
Erde und bis in das Gebiet der Wellen; aber er blieb
verloren. Dennoch war er nicht fodt: von einer feinds
lichen Streitart am Haupte verwundet, war er unbeachtet
vom Pferde gefallen und befinnungslos hingefunfen, bie
dad Gewühl der Schlacht zu Ende war, und er allein
in tiefiter Sinfamfeit erwachte. Ringsum ſah er die
fchredlichen Folgen des Krieges, verftümmelte Peicye
name, zeritampfte Saaten, verbrannte Dörfer — und
ſich ſelbſt ald eine der leitenden Kräfte in diefer Zerftö«
rung. — Auf ein lange fchon zum Nachdenfen geneigted
Gemüth war der Eindruck entfcheidend, und fein Ent
ſchluß: nie mehr ein Schwerdt zu führen, unerfchitters
lich. — Er bemächtigte fich eines ledig gehenden Roſſes
und trabte hinmeg von Dem Schauplak.:diefer Gräuel -
Die Gründung des Klofters Altenberg. 3
nach dem ferneren Altena an der Lenne, wo er hofs
fen durfte, von feinem Bruder nicht fogleich gefunden zu
werden, Er ließ feine Kopfwunde eiligit heilen und
begab ſich dann in die weite Welt, um unerkannt als
frommer Pilger feine Bergehungen zu bereuen. Sein
eriter Weg ging nah Roms; die Kardinäle und der
heilige Vater felbit ertheilten ihm Abfolution und Se⸗
gen ‚ vermochten aber nicht, den Wurm in feinem
Innern zu tödten. Er wallfahrtete, jenfeitd der Pyre⸗
näen, nach St. Yago di Eompoftella; doch umfonft
betete er auch hier an den Gebeinen des heiligen Apo⸗
fteld, die von Karls des Großen bis auf unſere Zeiten
dort begraben liegen. Er feste feinen Pilgerftab weiter
und durchwanderte erft bie berühmtejten Wallfahrtöörter
Franfreichd, und endlich auch die feines eigenen Vater⸗
landes. Aber Gebet und heifiger Müßiggang vermoch⸗ |
ten ihn nicht zu tröften. — Da nahm er fich vor, durd |
Fleiß und unermüdeten Eifer im Dienfte eines Herrn
Gott und die Menfchheit mit fich za verföhnen. „Sch
- habe mein Angeficht in der Hiße und der fündlichen: An⸗
ftrengung des Kampfes in Schweiß gebadet,“ — fagte -
er, — „und will's jest zum Wohl der Menfchen in
täglicher Arbeit benegen, und das Feld bauen, das ich
zertreten habe.’ — Er trat daher, feine vornehme Er:
siehung und Sitte bei Seite legend, in die Dienfte eines
Paͤchters, nahe bei demfelben Thaldorf, wo er zuerft
zur Einficht feiner Verirrungen gelangte. Hier hatte
er wohl fünf Sahre in Demuth und Gottesfurcht aus-
geharret, als eines Tages zwei Bergifche Edelleute,
ſeines Bruders Vaſallen, die ein Traum - zu einer
40 Die Gründung bes Kloſters Altenberg.
Wallfahrt nach St. Aegidien in ber Champagıte vers
anlaßt hatte, in die Gegend kamen und ihn, ber auf
dem Felde arbeitete, nad, dem Wege fragten. Doch
faum hatte der. eine der Herren feine edle Haltung
näher beobachtet, den Klang feiner hochgebildeten Sprache:
vernommen, ald er eritaunt ausrief:
„Herr, Ihr feid wahrhaftig unfer laͤngſt verloren
geglaubter Herr Graf!‘
Eberhardt konnte fich einer flüchtigen Ueberraſchung
nicht erwehren, ſammelte ſich aber alſobald und ſtellte
ſich ganz unwiſſend, was den Edelmann in Erſtaunen
ſetzte und beinahe irre führte. Der Pächter war auch
hinzugetreten und verficherte lachend, daß fein Knecht
ihn zwar feit Sahren treu und reblich gedient, von
einer folchen Standeserhöhung aber nie geträumt habe.
Der Edelmann erwiderte nichts, erfah ſich aber
feinen Vortheil und fchlug plößlich, ehe der Graf ſich
deſſen verfehen fonnte, fein in ber Hitze gelodertes Uns
tergewand auseinander, fo baß ein rothed eingeäbtes
Kreuz, mit den Buchftaben I. N. R. J., auf der Bruft
des angeblichen Knechtes fichtbar warb. Dies Zeichen
war untrüglich, denn es war den beiden Zwillingebrüs
dern in früher Kindheit von ihrem Oheim Bruno
eingeäßt worden; der Graf hatte auch nun, von Rübs
rung übermannt, bie Kraft zur Verſtellung verloren,
und gab ſich den Freudenbezeugungen feiner befben
Bafallen ohne fernere Weigerung hin, indem er auch
nicht verfehlte feinem guten, bisherigen Brobherrn
dem vor Erfiaunen, einen fo vornehmen Gaft unter
Die Brändung bes Klofters Altenberg. 41
feinen Dienftleuten gehabt zu haben, bie Zunge gelähmt
war) die Hand auf das Herzlichite zu drücken.
Sein Dafein hatte. Eberhardt nun zwar einge
räumt, inbeflen war er zu einer Rückkehr nach feinen
Befibungen durchaus nicht willig, fondern beharrte
vielmehr darauf, zu bleiben wo er war. Einer ber
beiden Edelleute machte fich alsbald auf. den Weg zu
Graf Adolf, um ihn von feined Bruders wunderbarer
Auffindung zu benachrichtigen; dieſer eilte augenblicklich
herbei, um dem geliebten Eberhardt feine LXiebe, wie
fein . Erbe, die er beide getreulich aufbewahrt hattef®
wieber zu erftatten. Doch Graf Eberhardt wollte. fi .
nur ber Erfteren erfreuen, und wies das Erbe zurück.
Die ganze Gegend war von dem Gerüchte dieſes Vor⸗
falled erfüllt, den der bisherige Brobherr Eberharbts auch
dem Abte des Klofters, deſſen Pächter er war, mittheilte.
Diefer Abt war ein fehr gelehrter und Ieutfeliger Herr,
aus dem Haufe ber Markgrafen von Deftreich, und da er
bie wunderbare Begebenheit vernahm, begab er fich fos
gleich zu Eberhardt. Auf dad Anrathen diefes frommen
und gelehrten Mannes, entfchloß fich diefer mit ihm in
fein Klofter zu Morimund zu ziehen, und ba er
in allen Wiffenfihaften, die dev Mönchsftand erforderte,
ald vollfommen erfahren erfannt wurde, nahm er
9 Morimond, (Morimont, Morimundus), eine bedeutende
Gifterzienfer-Abtei in der Champagne, in einem Waldthale, un=
weit Langres, im Anfang bed 12. Jahrhunderts, wahrfcheinlich
1115, von einem Herren von Choifeul und feiner Gemahlin
Adelina geftiftet, und fpäter von den Herren von Bour⸗
bonne bedeuntend erweitert,
ag ‚Die Gründung bes Klöſters Altenberg.
ſogleich den Prieſterſegen und lebte einige Zeit als Ci
fterzienfers Mönch in dem Kloſter.
Die weite Trennung von ihm, und der Gedanke,
daß Eberhardt felbft fo fern von feiner Heimath fei,
wurden inbefien Adolf zu fehmerzlich, und er befchloß
den Bruder mit dem Stammfchloffe feiner Ahnen und
dem Lieblingsanfenthalte feiner Sugend, dem Schloffe
Berg zu befchenfen, um dort das Klofter Altenberg
zu gründen, welches im Sahre 1133 am 3. Auguft, ale
dem Tage einer totalen Eonnenfinfterniß, vom Erzbifchofe
Bruno von Köln feierlic; eingeweiht wurde. Hier
lebte Eberhardt nun ald Mönch im weißen Gifterzienfers
leide wie ein Engel des Friebend, nachdem er feinen
Freund, den Abt von Morimund und zwölf Monche
bewogen hatte, mit ihm zu ziehen.
Als er eines Morgens in ſeiner Zelle ſaß und
ſeinen heiligen Gedanken nachhing, ſah er von ferne
einen Zug von Reiſigen und Frauen auf dad Kfofter
zureiten. An der Spike des Zuges ritt auf weißen
Zelter im tiefſter Trauer eine achtunggebietende Frau,
die dem Pförtner felbft bedeutete, den hodywürdigen
Abt diefes Klofterd in ihrem Namen um eine gaftfreie
Aufnahme für einige Stunden zu erfuchen. Während
die Dienerfchaft reich bewirthet ward, begehrte die Dame
den Grafen Eberhardt, ihren Herrn Vetter, zu fprechen,
und nachdem ihn der Abt davon benachrichtigt hatte,
fah er fich urplöglich der Geliebten feiner Jugend, ber
Gräfin Gifela von Kefernberg gegenüber: Obgleid)
nım die Zeit der weltlichen Gefühle für ihn worüber -
fein mußte, fo flammte doch einen Augenblick ein irdiſches
‘
Pie Gaündeng bes Kloftere "Altenberg... 4
Roth in feinen Wangen auf; aber bie ernfte Würde
Der noch immer fchönen Frau, ber heilige Ausdruck ihrer
reinen Stirne befehwichtigte fchnell jede Wallung, bie
aus der Erinnerung eincd eben 37jährigen Mannes
hervorgehen mochte. „Was ift Euer Begehr? theuerite
. Muhme,’ fragte Eberhardt. Euch einmal, Tiebwerther
Better, in Eurer Heiligfeit zu ſehen, eriwieberte bie
ſchoͤne Gifela, und Eures Segens theilhaftig zu werben;
„Bo iſt mein Vetter, Euer Gemahl? fragte der
Mönd nad, kurzer Paufe weiter. „Im Herrn entichlas
fen,” war die Antzwort. Nach einem mehrftündigen -
Aufenthalte im Klofter Fniete Gifela vor Eberhardt.
„nieder und empfing feinen Segen, ben er ihr mit ficht-
licher Rührung gab. — Sie bat ihn aud), ihrer Söhne
im Gebete zu gebenfen, und ritt langfam von bannen,
wie fie gefommen war, Eberhardt blickte ihr nach, fo
lange er den weißen Zelter im Abendlichte leuchten fah,
und Tieß fih dann zu einem langen Gebete auf feinen
Betfchemel nieder.
Ein Paar Sahre fpäter ließ ſich Eberhardt bewegen
das Kloſter Altenberg zu verlaffen, um das ihm von
Giſela eingeräumte Schloß Sorisburg zu einem Klos
fter einzurichten, und bemfelben mehrere Sahre als Abt
vorzuftehen; ald aber Gifela farb, zog ed ihn wieder
nad) der Heimath, und er kehrte ald Mönch nad) Als
tenberg zurüd. Als das Alter herannahte, ward ihm
noch eine Freude fchönfter Art befchieden: Adolf legte,
nachdem feine Gemahlin Adelheid von Cleve geftorben war,
* zu Gunſten feiner Söhne die Regierung nieder, und die
‚beiden innigft verbundenen Brüder verlebten noch einige
44 Die Gründung bes Kloflers Altenberg.
ungetrübte Sahre zufammen. — So hatte fich Diefe
fchöne Bruberliebe wie der goldene Faden eined Gewe⸗
bed durdy ihr Leben gezogen, und wenn ihr Anblid
rührend und lieblich unter den Roſen der jugend
war, fo war er herzerhebend und erbaulich, als biefe
ofen längſt verblüht. waren. Am 21. Mai des Sahres
1152 ftarb Eberhardt, feinem Bruder ein baldiges Ende
perfündend; mit Freuden vernahm biefer eine ſolche
Botfchaft, berief feine Söhne zu einem herzlichen Abs
fehiede, und wurde am 12. Oktober deſſelben Jahres
neben Eberhardt unter bemfelben Grabfteine beigefett.
u
St. Urſula
und bie eilftaufend Jungfrauen.
I)
im Sahre des Heild 220 herrfchten Vionetus und
aria in GroßsBritannien. Nur Eines fehlte ihrem
lücke: fie hatten Feine Kinder. Daher baten fie Gott
glich, ihnen einen Sohn zu fchenfen, Damit das Fönigs
he Gefchlecht des Vionetus nicht ausfterbe, fondern
zahlreicher Nachkommenſchaft fortlebe. Ihr Gebet
wde nur halb erhört, denn Daria gebar eine Tochter.
tefe war von Jugend auf eine Heilige; ihr Herz hing
x an Gott, dem allein anzugehören fie feierlichft
(übte. Mit jedem Tage nahm fie an Schönheit und
igend zu, und ihr Ruf verbreitete ſich bis in die
nften Länder. So gefhah es, daß ein beutfcher
wit, Agrippinns, fie von Vionetus für feinen Sohn
gehrte. Seine Gefandten brachten herrliche Gefchente
t, beftehend in Ieuchtenden Waffen, Gold und Silber
id fonftigen koͤſtlichet Dingen.
46 St. Urfula und bie eilftaufend Jungfrauen.
Nur ungern hatte Vionetus den ntfchluß feiner
Tochter, fich der Welt zu entziehen, vernommen, und
er feufzte heimlich bei dem Gedanken, daß eine fo
tugendbegabte Jungfrau für Diefelbe verloren gehen
follte. Da er aber den geleifteten Schwur für heilig
hielt, fo antwortete er den Gefandten, daß es nicht
mehr in feiner Gewalt ftände, ihren Bitter zu willfahs
ren, und daß fie die reichen Sefchenfe dem Agrippinus
wiederbringen, und ihm fein herzliches Bedauern aus
drücken möchten. Die Gefandten aber gaben noch nicht
jede Hoffnung auf, fie vermweilten vielmehr einige Zeit
“in der Hauptftadt ded Reiches. Da gefchah es, daß
in einer Nacht, wo der Kummer über den gefaßten
Entfchluß feiner Tochter, den König wachend erhielt,
ihm ein gottgefandter Engel erfchien, der ihm im Namen
des Höchiten die Erlaubniß zu Ur ſula's ehelicher Vers
bindung brachte. Sebt ergab fich die Jungfrau, und
ftellte.felbft die Bedingungen feſt, unter denen fie ben
DBrautwerbern folgen wollte.
Bionetud wollte feine Tochter nicht abreifen Laffen,
ohne ihr ein ihres Ranges würdiges Gefolge mitzugeben.
Eilftaufend Sungfrauen, alle aus den beften Familien
des Königreichd, wurden ausgewählt, fie auf ihrer
Reife nach Deutfchland zu begleiten. Am feitgefegten
Zage verfammelten ſich die Auserwählten, ſämmtlich
weiß gefleidet und heilige Lieder fingend, am Ufer. Als
die Schiffe zur Abfahrt bereit waren, ermahnte Urſula
ihre Gefährtinnen, bevor fie einftieg, fich nicht vor dem
Meere, fondern vor Gott zu fürchten; und da ir ber
Born des Wiſſens von höherer Hand erfchloffen Wang
St. Urſula anb bie eitftaufend Sungfrauen, 47
lehrte fie ihnen die Kunft ein Schifflein zu lenken, und
ſchickte alle Männer von den Schiffen hinweg. Nach
dieſen Vorbereitungen ſtachen ſie in See. Es muß ein
herrlicher Anblick geweſen ſein, dieſe eilftauſend Jung⸗
frauen, gleich einem Schwarme weißer Tauben, auf
den Schiffen zu fehen, wie fie die Segel hißten ober
auf dem Bordertheil des Schiffes- fanden, wie andere
das Steuerruder führten, und Urſula, die ſchöne Braut,
Allen die verſchiedenen Bewegungen vorſchrieb; oder
wenn bei günftigem Winde die Flotte mit vollen Segeln
auf dem ruhigen Meere dahin fuhr, und diefe eilftaufend.
Ssungfrauen auf dem Verdeck faßen und die Luft mit
harmonifchen Gefängen erfüllten.
Nach einigen Tagen glüdlicher Fahrt gelangte die
wunderbare Flotte, von Gotted Hand geführt, an die
Mündung des Rheines, den fie firomaufmärts, bie
nach Köln, befuhren. Aquilinus, der hier ald Statts
halter im Namen des Kaiſers regierte, erwies Urſula
und ihren DBegleiterinnen die größte Ehre, aber fie feßs
ten bald ihre Reife fort. Da fie nad) Rom pilgern
wollten, fuhren fie weiter bis gen Bafel hinauf, wo
fie von bem römifchen Landpfleger Pantulus mit cben
fo vielen Ehrenbezeugungen empfangen wurden. Gie
ließen nunmehr ihre Schiffe in Bafel und wanderten
zu Fuß über die Alpen und durch die Schweiz. Pan⸗
tulus, um die Sungfrauen beforgt, entichloß fich, fie
mit einer .ftarfen Bedeckung nach Rom zu begleiten.
Und darım wird Pantulus ald. Heiliger verehrt;
denn er hat Theil gehabt an ihrem gottfeligen Un
ternehmen, und dadurch Die ewige Geligfeit erworben.
48 St. ürfula und die eitftanfend Jungfrauen.
Sein Altar ſteht in der 8. Urfulas Kirche zu
Köln.
In Rom tanfte fie der Papſt Eyriacus. Gie
befuchten die Gräber der heiligen Apoſtel und bereis
teten fi dann zur Rückkehr nach dem Rhein. Der
heilige Vater, fagt die Chronik, legte Die. päpftliche
Würde und Regierung in andere Hände, um die from⸗
men Iungfrauen, mit einem großen Theil der Geiſtlich⸗
keit zu begleiten.
Nun finden wir die frommen Pilgerinnen wieber
auf dem Rhein; in Mainz, wo fie landeten, erwartete
fie des Agrippinus Sohn, der Bräutigam Urſula's.
Coman war ein Heide, ald er aber feine junge,
fchöne Berlobte mit ihren eilftanfend Sungfrauen fah,
als deren Königin fie erſchien; ald er den Papft im Sil⸗
berhaar, mit der hohen Geiftlichfeit erblickte, regte ſich
in feinem Herzen eine heftige Liebe zu Urfula und
ein Zweifel an der Wahrheit ded Glaubens feiner
Vaͤter. Es ift wahrfcheinlich, daß der Engel, welcher
Vionetus zur PVerheirathung der Tochter beftinnnte,
auch auf Die Seele des jungen Barbaren wirkte. Wie
dem auch fei, Soman befehrte fi, und ließ ſich taus
fen. Nun fuhren die Verlobten mit ihrem ungeheuren
Gefolge den Rhein hinunter nach Köln.
Kaum waren fie hier angelangt, ald die Gothen,
bie einen feindlichen Einfal in das Land gemacht
hatten, die Stadt berennten, und mit ftürmender
Hand einnahmen. Die eilftaufend Sungfrauen wurden
- auf alle erdenkliche Weife gemartert, aus Verhöhnung
des am Kreuze geftorbenen Gottes gefreuzigt; andere
St. Urfulazand.pie eitftaufend Imsfrauen. 49
mit Keulen erſchlagen, ober enthauptet. Der Papſt
ECyriacus und bie ganze Geiſtlichkeit kamen auf dieſe
Weiſe um, und die Barbaren verſchonten Coman und
feine Braut nur, um durch ihre Marter dieſe Graͤuel⸗
ſcenen zu kroͤnen.
Eines der Bilder in der, der Heiligen geweihten
Kirche zu Köln, ſtellt ihren Tod auf rährende Weiſe
bar. Coman iſt von mehren Stichen burchbohrt; mit
brechenden Augen blidt er auf Urfula, und fcheint fo
die Kraft zu fuchen, als Chrift zu flerben; doch drückt
fein Ange mehr Liebe ald Ergebung aus. Urſula, heis
- Tiger, und jeder irbifchen Leidenſchaft ledig, ift nur das
rauf bedacht, Coman durch Worte und Blide. zu tröften:
Shre durch Folterqualen beftegelte Verbindung würde
im Himmel erft gefchloffen werden.
Sa einer Kapelle, nahe beim Chor, befinbet fidh
das Grab der heiligen Urſula. In Marmor gehauen,
liegt fie, mit gefalteten Haͤnden, auf ihrer Bahre; zu
ihren Füßen flieht man eine weiße Taube. Diefe
Taube ift ed, welche ben Ort zeigte, wo bie Gebeine
der Heiligen ruhten. Als der heiligen Gunibert, fo
erzählt man, eined Tages bie Meſſe lad, flatterte
eine Taube um fein Haupt, flog dann zur Erde und
fharrte fie mit Fuß und Schnabel auf. Als man
darauf an biefer Stelle grub, fand man bie Gebeine
ber Heiligen Urſula.
a
Dar Dombau zu Köln.
Innige Wehmnth ergreift den Wanderer bei dem An-
blick der mächtigen Ruine, ‘die, vollendet, das fchönfte
Monument gothifcher Baukunſt in.den weiten Reichen,
die Ehriftus milde Lehre beherrfcht, geworden wäre.
In dent, was ſich ihm darbietet, fieht der flaunende
Blick ded Befchauers, was da hätte vollendet werden
mögen, und ungern ſich der Vorſtellung fügend, Daß
die Unzulänglichfeit menfchlicher Kräfte die Schuld trage
an der Nichtvollendung des herrlichen Werkes, gibt er
fi gern dem Glauben an die Sage hin, welche fie der
Bosheit und Rachſucht des Erbfeindes zuſchreibt.
Ald der Erzbiſchof Konrad von Hochfieden eine
Kirche bauen laſſen wollte, welche alle bisher in Deutſch⸗
land, Frankreich und den Nieberlanden erfiandenen an
Schönheit und Pracht übertreffen follte, verlangte er
Der Dombau gu Koͤln. 31
einen Plan dazu von dem berühmteſten Baumeiſter in
Köln. Der Name dieſes Baumeiſters iſt unbekannt
geblieben, nicht aus dem Grunde, weil ſo viele andere
Erbauer herrlicher Denfmäler des Mittelalters daſſelbe
Loos theilen, — nein, die Urſache iſt eine andere, wie
man ſogleich erfahren wird. Es war im Jahre 1248,
als der Erzbiſchof Konrad dieſen Beſchluß faßte, und
im Jahre 1499, — 250 Jahre fpäter, arbeitete man
noch an dem Dome.
‚ Eined Zaged alſo, ald der Baumeifter, bem
der Erzbifhof Konrad den Auftrag gegeben hatte,
am Ufer des Rheines einherging und über den Plan
nadıfann, gelangte er zu der Stelle, welde man
die Frankenpforte nennt, und bie noch heutigen Tages
durch ein Paar verftümmelter Steinfiguren bezeichnet
ift. Hier ſetzte er fich gedanfenvoll auf eine Bank nies
der und zeichnete mit dem Stocke, den er in der Hand
hielt, im Sande die Umriffe zum Dom, verwifchte fie
bald wieder und zeichnete neue, Darüber ging bie
Sonne unter und ihre legten Strahlen fpiegelten ſich
in dem klaren Nheinftrome. Hingeriffen von dem prächs
tigen Anbli rief der Künftler begeiftert aus: „Ha,
„ein Dom mit himmelanftrebenden Thürmen, die nod)
„im Lichte des Tages glänzten, wenn tief unten fchon
„Stadt und Fluß in Nacht begraben liegen, ha, das
„wäre ſchön!“ — Und, eifrig finnend, begann er wies
der im Sande zu zeichnen. Endlich glaubte er, den
erfehnten Plan gefunden zu haben, und rief, indem er
die Zeichnung im Sande freudigen Antliges betrachtete,
laut: „Ich babe ihn, da ift er vor mir!’
52 Der Dombau zu Köln.
Da ertönte plötßlich, dicht neben ihm, cine heifere
Stimme, die ihm äffend nachſprach: „Ja wohl, da iſt
„er, — der Münfter von Straßburg!” Der Meifter
fuhr auf and fah unfern von fich ein alted eidgranes
Männlein fißen, welches die Blicke mit einem Augdrud
von Spott auf ihn heftete. Er ließ indeß die beißende
Bemerkung des unfreundlichen Tadlers unerwibdert, weil
er fühlte, daß fie richtig war: denn er hatte geglaubt,
infpirirt zu fen — und hatte fid nur erinnert,
Sp löfchte er denn auch die Zeichnung aus und begann
einen nenen Plan zu entwerfen.
Aber and diefer erlag der einſylbigen Kritik des
Alten, welcher nur das Wort „Mainz“ ausſprach, und
mit den Worten „Amiens“, „Worms“, zwei neue
Pläne des unermüdlichen Meiſters vernichtete. Darüber
ward dieſer endlich wild und fuhr den Alten zornig an:
„Beim Teufel, Herr, da Ihr ſo trefflich zu tadeln ver⸗
„ſtehet, ſo werdet Ihr auch einen beſſern Plan zeichnen
„können; ſo zeiget mir denn, ob Ihr zur Kunſt gehöret!“
Worauf das Männlein kein Wort erwiderte, ſondern
wiederum höhniſch Tächelte, Darob ereiferte ſich der Künſt⸗
ler noch mehr und drang nun in den Alten, indem er ihm
feinen Stock reichte, daß er zu zeichnen beginnen möge.
Der Alte betrachtete den Baumeifter mit feltfamen
Blicken, nahm den Stod und begann mit folcher Kunfts
fertigfeit und tiefen Berechnung zu zeichnen, daß ber
Meifter bewundernd audrief : „Wahrlich, ich ſehe, daß
„Ihr Meiſter in der Kunſt ſeid! Seid Ihr von Köln?“
„Nein!“ erwiderte der Alte trocden, und gab ihm
den Stock zurüd.
Der Dombau zu Köln. 53
„Ss fahret denn fort mit Eurer Zeichnung, ich
bitte Euch, vollendet fie!‘
„Mit Nichten, Herr, Shr hättet: Daun meinen
Plan und auc alle Ehre davon!”
„Höre, Alter, flüfterte der Baumeifter, „wir find
bier allein (und fo war's in der That, denn das Ge-
lade war leer geworden und die Nacht brach mit
fhnellen Schritten herein), ich gebe Dir zehn Gold»
gülden, wenn Du dieſen Plan hier vor mir vollendeft!”
Zehn Goldgülden! mir? — Und bei diefen Worten
309 der Alte einen gefüllten Beutel unter feinem Man
tel hervor und fchüttelte ihn. Und der Klang war
eitel Goldes Klang. Der Baumeifter trat verwundert
einige Schritte zurüd, und näherte fich nad kurzem
Befinnen dem Alten mit finftern und drohenden Mienen,
yadte ihn beim Arme und fagte, indem er einen Dolch
auf ihn zückte: „Vollende den Plan, ‚oder ftirb! “
„Was meint Shr, Gewalt gegen mich?” Und
indem er dies fagte, fchleuderte er den Arm des Meis
ſters mit Niefenfraft von dem feinen hinweg, und im
naͤchſten Augenblide lag Diefer vor den hohnlachenden
Alten zu Boden und fah feinen Dolch auf feine eigene
Bruft gezüdt.
„Fürchte nicht für Dein Leben!’ nahm jetzt ber
Alte dad Wort: „Siehe — jett, da Du weißt, daß
nicht Gold, nicht Gewalt etwas über mich vermögen,
fage ich Dir, daß Du ihn erlangen Tannft, diefen Plan,
den ich hier vor Deinen Augen begonnen, daß Du ihn
erhalten und den Ruhm davon einärndten kanuſt!“
„Sp nenne mir den Preis!‘
54 | Des Dombau gu Köln.-
„Deine Seele!’
Der Baumeifter ftieß einen heftigen Schrei aus,
und machte das Zeichen des Kreuzes.
Der Teufel verſchwand.
Als der Baumeiſter ſich geſammelt hatte, fand er
ſich im Sande ausgeſtreckt liegen. Er raffte ſich auf
und wankte in ſeine Wohnung, wo ihn Mechthilde,
ſeine betagte Haushälterin, welche früher ſeine Amme
geweſen war, beſorglich fragte, warum er ſo lange
ausgeblieben ſei. Doch er hörte ſie nicht. Sie brachte
ihm den Abend⸗Imbiß; er aß nicht. Er warf ſich auf's
Lager; ſchreckliche Traumgebilde quälten ihn; in allen
ſah er ben entſetzlichen Greis und die wunderbaren:
Linien bed Plan's, den er begonnen. Diefer Dom, bem
fein anderer ſich vergleichen Fonnte, Died Meifterwerk,
welches feiner Phantafie vorgefchwebt hatte, ed war:
da, der Plan dazu hatte vor feinen entzücten Augen
gefchimmert!
‚Früh Morgend entriß er fid) dem Lager, das
ihm zur Folterbanf. geworden war, und eilte an's Zeis
henbrett. Sn ungeduldiger Haft entwarf er neue Pläne,
leidenfchaftlich befchwor er die Erinnerung herauf an
Die Umriffe des Plan’s, den der teuflifche Greis begons
nen hatte, zeichnete Thürme und Portale, zeichnete
Säulen, Spitbögen, Kreuzgänge, Chöre — nichts
wollte ihm genügen, nichtd erreichte das Bild, welches
der arge Verfucher in den tiefen Abgrund feiner Seele
geworfen hatte.
Haft wahnfinnig aufgeregt, ſprang er endlich auf,
warf ſich erfchöpft in einen Lehnſeſſel, und rath⸗ und
Der Dombau gu. Köln. 55
ilflos Hefchloß er emplich, beides im Haufe bes Herrn
r fuchen. Er ging in Die Kirche der heiligen Apoſtel
id warf fidy nieder, um zn beten. Eitles Beftreben!
eine Gedanken blieben fern von Gott und hafteten,
ie. bezaubert, an Stein und Mörtel, Wie winzig
fhien ihm der enge Ban dieſes Kirchleins, wie groß,
je gotteswürdig der wunderbare Dom des Alten!
n Geifte durchbrach.er das niedrige Gewölbe, weitete
ben engen Raum, höher und höher fliegen hundert
ächtige Pfeiler und fchlanfe Säulen, und auf den zier:
hen Kapitälen erhob fich in Fühnem Streben himmel;
ı die herrliche Wölbung. Da, wie er im wachen
raume den Schlußftein baran zu legen vermeinte,
infte ihm mit teuflifchem Hohne das Antlig des Alten
6 der Höhe entgegen, und ber Iuftige Rieſenbau
urzte krachend zuſammen. Er erwacte. und taumelte
rzweifelnd nach Haufe.
Der Abend fand den Meifter am Ufer des Rheins.
z war fo ftil da, fo einfam, wie am Abend zuvor.
ei. der Franfenpforte ftand der Alte und zeichnete mit
iem Stabe an der Mauer. Jede Linie, welche er
g, war ein feuriger Strahl, und alle diefe flammen⸗
n Linien durchfreuzten und verfchlangen fich in ben
rfchiedenften Formen und Geftaltungen, und bildeten
anfcheinender Verwirrung die herrlichſten Glocken⸗
irme und Spitzſäulen, Geſimſe, Portale und Fenſter⸗
gen, welche aber nach einem Augenblick des Leuchtens
eder verſanken in dunkle Nacht. Zuweilen ſchienen
fe feurigen Linien ſich zu einem regelmäßigen Gans
a verbinden zu wollen, und fchon glaubte der Bau—
56 Dee Dombau gu Köln.
meilter ben ganzen Plan des Wunder⸗Doms vor feinen
entzückten Augen zu fehen, da ploͤtzlich verwirrte ſich
das Zauber⸗Gebild und entſchwand feinen Blicken.
„Wie iſt's, willſt Du meinen Plan?“ fragte ber
Alte den Baumeiſter. Dieſer ſtieß einen tiefen Seufzer
aus. „Willſt Du ihn? ſprich!“ Und mit dieſen Wor⸗
ten entwarf er in flammenden Zügen die Zeichnung
eined Portales, die er alfogleich wieder verlöfchte,
„Ich wi thun, was Du verlangft!“ rief ber Baus
meifter, faft von Sinnen gebracht.
„Zu Morgen benn, um Mitternacht!“
Am andern Morgen erwachte der Baumeiſter heiter
und wohlgemuth, er hatte alles vergeffen, bis anf bie '
beglüdenbe Gewißheit, baß er endlich ben Plan bes
unfihtbaren Domes, den Gegenftand feiner heißeſten
Sehnfucht, befommen werde, Er febte ſich an’d Fenſter
und fchaute hinaus auf den Rhein, der in Form eines
Halbmondes, von dem heiterften fonneglänzenden Him⸗
mel befchienen, vor ihm ruhig und majeftätifch dahin⸗
fluthete; er überfchaute das mächtige Köln, welches,
fo weit das Ange reichte, das Ufer des Stromes mit
feinen Häufern und Palläften bedeckte. „Wo werde ich
meinen Dom hinbauen?“ fragte er fi, und ſuchte
mit den. Augen einen geeigneten Pla. Seine Gedanken
führten fchon den Wunderbau auf und feine Bruft
ſchwoll von Stolz und Freude. Da fah er bie alte
Mechtildis aus dem Haufe treten; fie war ganz ſchwarz
gekleidet. „Wo willft Du bin, gute Mutter,” rief er
ihr zu, „wohin gehft Du in dieſem feierlichen Anzuge ?
[4
Der Dombau zu Köln 57
„za den heiligen Apofteln gehe ich,” antwortete
Mechtildis, „eine Meſſe Iefen zu Iaffen, auf daß eine
arme Seele, welche im Fegefeuer ſchmachtet, erlöfet
werden möge!”
„Eine Erloͤſungsmeſſe?“ rief der Baumeifter tief
erfchüttert aus, ſchloß das Fenfter und warf füh auf
fein. Lager, und bie Thraͤnen flürzten ihm aus den
Angen.
„Eine Erloſungsmeſſe!“ wiederholte er ſchluchzend,
„o, mich werben nicht Meſſen noch brünftige Gebete
erlöfen! Verdammt, verdammt auf ewig! Berbantmt,
weil ich felber es gewollt babe! Und dennoch, — mußte
ih ed nit? — o Gott hilf mir!” Und in biefem
beffagendwerthen Zuftande, der ihm die Qualen ber
Hölle fchon hienieden vergegenwärtigte, fand den Ars
men bie aus der Kirche zurückkehrende Amme. Gie
fragte .ihn beforglich, was ihm fehle; und ald er ihr
nicht ſogleich Antwort gab, drang fie mit fo zärtlichen
und rührenden Bitten in ihn, daß er nicht länger zu
wiberftehen vermochte und erzählte, was ihm begegnet
und was er verfprochen habe. Die Alte erftarrte vor
Schrecken. „Dem Böfen feine Seele verkaufen! Ents
ſetzliches Gelöbniß!” So wenig erinnerte er fich alfo
der Berfprechen, die er geleiftet am Altare, ald er bie
heilige Weihe des Chriften empfing, fo wenig ber from⸗
men Lehren, bie er von ihr erhalten hatte. Alfogleich
zur Beichte zu gehen, war dad, worauf fie ernftlich
drang. Der. Baumeifter feufzte aus tiefftem Herzen.
Das Bild ded wunderbaren Doms ſchwebte vor feinen
Angen und. beftridte feine Seele, dann aber brängte
58 Der Domlau gu Köln,
fi) wieder ber Gedanfe an feine ewige Berbammung
fo Tebhaft und qualvoll hervor, daß ihm fein Lage
zur Folterbant wurde.
Die Amme war ungewiß was fie thun folltfe, umb
befchloß endlich, fich bei ihrem -Beichtvater Raths zu
erholen. Sie erzählte ihm den Vorgang. Der Prieiter
- hörte fie aufmerffam an und verfanf in tiefed Nach—⸗
denken. „Ein Dom,’ fagte er endlich, ‚welcher Köfn
zur erften Stadt Deutfchlands, zur Bewunderung Frank:
reichd und ber Niederlande machen würde!“ —
„— Aber, hochwürdiger Vater“ — — ‚Ein Dom,
zu welchem Pilger aus ale Welttheilen zu wallfahrten
kaͤmen.“ — |
Nach Tangem Sinnen und reiflichem Ueberlegen
öffnete der Priefter einen Schrein, nahm eine Reliquie
heraus und reichte fie der Alten, indem er fagte: „Bier,
gute Mutter, nimm hier diefe Neliquie von den eilf⸗
tauſend Jungfrauen. Gib ſie Deinem Herrn. Er ſtecke
ſie zu ſich bei ſeinem heutigen Gange. Sage ihm, daß
er verſuchen möge, den Plan der Wunderkirche in ſeine
Hände zu bekommen, bevor er den Pakt unterſchreibt,
und dann dem Teufel dieſe Reliquie vorzeige.“ —
Es war halb zwölf Uhr in der Nacht, als der
Baumeiſter feine Wohnung verließ. Seine Amme ents
ließ ihn unter Segnungen; er felbft hatte den Abend
in brünftigem Gebete zugebracht. Unter dem Mantel
trug er feinen Schußgeift, die heilige Reliquie.
Er traf den Teufel am verabredeten Orte. Diefen
Abend war er unverhüllt. „Fürchte nichts!“ rief er
|
Der Dombau gu Köln, . 50
vem bebenden Baumeiſter entgegen, „fürchte nichtd und
tritt näher.” Der Baumeiſter näherte fich ihm.
„Hier ift der Plan’ zum Dome, und hier der Vers
trag, den Da unterfchreiben ſollſt.“
Der Baumeifter erfannte, daß der Augenblick ges
fommen war, von dem fein Heil abhing. Er empfahl
fih dem Himmel in einem leiſen Gebete, und ergriff
fodann mit ber einen Hand den Plan, während er die
andere mit der heiligen Neliquie erhob und ausrief;
„sm Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen
Geiſtes, und Kraft diefer heiligen Neliquie, beſchwöre
ich Dich, Satanad, weiche gun binnen! |
Der Teufel ftand einen Augenblid unbeweglich da. —
„Das bat. Dich ein Pfaff gelehrt,‘ hob er endlich zäh⸗
nelnirfchenb an,” folche Lift Eonnte nur die Kirche ers
finnen!’ Und er trachtete, dem Baumeifter feinen Plan
wieder zu entreißen und drohte, ihn zu tüdten. Der
aber war auf feiner Hut, drücdte den Plan feft an feine
Bruſt nnd bielt dem Zeufel die Neliquie ald Schild
entgegen. .
„Sch bin beſiegt,“ fchrie Satanad nad, einigen
Sekunden fruchtlofen Beftrebend, „ich bin befiegt, —
doch ich werde mich zu rächen willen, troß Deiner
Pfaffen und Reliquien. Diefe Kirche, die Du mir ges
ftohlen haft, foll nie vollendet werden, und Dein Name
fol nie genannt werden von den kommenden Geſchlech⸗
tern. Verdammt wirft Du nicht werden, Erbauer des
Kölner Domd, aber vergeffen follft Du werden und
unbekannt bleiben immerdar!“
Und mit diefen Worten verſchwand der Teufel.
60 J Der Dombau zu Köln
Seine letzten Worte hatten ben Baumeiſter feltiam
ergriffen. Vergeſſen nnd unbelannt! — Er ging nad
Hauſe und war traurig, ob er gleich im Beſitze des
erfehnten Planes war. Demungeachtet ließ er am andern
Morgen eine Danfmeffe lefen und unmittelbar barauf
die Arbeiten am Dome beginnen. Der Baumeifter ſah, |
wie fie vorfchritten, wie die Mauern ſich nach und nad
erhoben, und gab ſich der Hoffnung hin, daß die Weiſſa⸗
gungen ded Teufels nicht in Erfüllung gehen würben.
Auch wollte er feinen Namen in eine eherne Platte
hber dem Portale eingraben lafien, um dem Fluche ber
Vergefienheit: zu entgehen. „Eitle Hoffnung! Bald um
terbrachen Fehden zwifchen dem Bifchofe und den Bürs
gern von Köln die Arbeiten am Dombau. Der Baus
meifter felbft ftarb eined yplößlichen Todes, unb unter
Umftänden, die da eine Einwirfung bed Zeufeld vers
muthen ließen.
Seit jener Zeit hat man zu verfchiebenen Malen
erfolglos verfucht, den Ban zu Ende zu bringen, unb
vergeblid; haben die Gelehrten Deutfchlaude nach bem
Kamen ded Baumeifterd geforfcht. Der Dom ift nod
heutigen Tages unvollendet, fo wie des Meifters Name
unbefannt.
Per Kampf mit dem Füwen.
reiche und mächtige Stadt Köln hatte faſt immerfort
ge Kehden mit ihren Erzbifchöfen zu beſtehen. Kunfts
‚, Gewerbe und Handel hatten fie auf eine ber
3 Stufen unter den Städten Deutſchlands empors
ben; neben dem eigentlichen Bürgerfiande Iebte
halb ihren ausgedehnten Mauern ein zahlreicher
„ oft uneinig unter fich felbft, bald Partei machend
yem Bolfe, bald gegen baffelbe. Mit den geiftlis
Herrfihern feßte ed manchen harten Strauß ab,
ver Freiheiten und Privilegien Willen, welche bie
'hängigfeit Tiebende Stadt mit großer Beharrlichkeit
t deren Einfluß und Uebermacht zu behaupten
md.
62 Der Kampf mit dem Löwen.
Faſt zu feiner Zeit indeß ging es toller und wilder
zu im Erzftift, ald unter Engelbredjt von Falfenburg,
welcher im Sahre 1261 dem Gründer ded Doms, Konrad
von Hochfteden, folgte. Anfangs trat der neue Herr
mit großer Kraft auf und fuchte die widerfpenftigen
Bürger durch Gewaltthätigfeit zu fchreden; noch erins
yert an den Beginn feiner Regierung der Bayenthurm,
mit feinem flarfen Mauerwerk, feinen Gitterfenftern,
feinen Wappenfchildern und Zinnen, ald ein weither .
fhon erblicktes Wahrzeichen der alterthümlichen Stadt
am Ufer ded Stromes. ' Aber im zweiten Jahre bereits
brach der Sturm gegen die ungewohnte Zwangherrfchaft
1085 die Thürme wurden von den muthigen Bürgern
erftürmt und die Fölnifche Fahne auf ihnen aufgepflangt,
. bie Söldner des Erzbifchofd von den Thoren verjagt.
Der entbrannte Engelbrecht belagerte die ungefügfame
Stadt, mußte fich aber endlich nothgedrungen au einent
Bergleiche verfteheit.
Neben Mathias Overftolz, dem durch ſeine tätige
Theilnahme am Kampfe gegen den Erzbifchof Konrab
berühmten Boigte, dem Sprößling einer Familie, beren
Urſprung in die Römerzeit zurüdgeführt, und beren
Namen hundertmal in der Gefchichte der bürgerlichen
Unruhen jener aufftrebenden, bewegten Zeit genannt
wird,. hatte, fich der Bürgermeifter Hermann Gryn,
einem ber älteften und edelften Häufer Kölns angehör
rend, vor Allen in der mannhaften Verfechtung der In⸗
terefien und Gerechtfame des Volkes hervorgethan. Ward
er deshalb von dieſem geehrt und geliebt, fo hatte ihm
dagegen die erzbifchöfliche Partei unverfühnlichen Haß
Dev Kampf mit dem Löwen. 63
und Rache gefchtworen. Wenn nun, nach eingegangenen
Vergleich und wenigfiend für, ven Augenblick wieders
hergeftellter Ruhe, Feine Gelegenheit vorhanden war,
ihm öffentlich etwas anzuhaben, fo fannen feine Feinde
um fo eifriger darauf, ihn durch heimliche Ränke zu
verderben. Um. zu ihrem Zwede zu gelangen und ben
Argwohn einzufchläfern, ſtellten fie fich freundlich und
verföhnt: aber Honig hatten fie auf den Lippen, Galle
im Herzen. Endlich war ihr Plan reif: fie glaubten
eine ſichere Falle geftellt zu haben, ben Gryn zu fangen
und zu verderben.
Unter den Domherren des Erzſiifts gab es zweie,
die, durch böſe Einflüſterungen des den Kölnern vor⸗
züglich feindlich gefinnten Raths des Erzbiſchofs, Des
Hermann von Wittinghof, fo wie durch eigenen Groll
angetrieben, ja, wie es heißt, vom Falfenburger felbft
zu böfer That ermuntert, längſt fchon gefucht hatten,
ſich mit dem Bürgermeifter in ein genaueres Verhältniß
zu fegen, und welche fcheinbaren Antheil an den Interejjen
der Stadt geſchickt ald Vorwand zu gebrauchen wußten.
Es gelang ihnen wie fie wünfchten. Der Ritter Hers
mann, offen, ehrlich und arglos, hielt ihr Entgegen-
kommen für aufrichtig, und fah ed ald Gewinn an,
auch Die geiftlichen Herren zum heil auf des Volkes
Seite herüberziehen zu können. So gefchah es denn,
daß, als die Beiden ihn eines Tages um feine Gegen⸗
wart bei einen Mahle baten, ſich in gefelligem Geſpräche
mit ihm zu vergnügen, er bereitwillig der Einladung
folgte. Zur beftimmten Stunde verfügte er fi nad
dem Domkloſter, welches in biefen. Zeiten der Zerwuͤrf
64 Der Kampf mit dem Löwen.
niß nur Wenige zu betreten pflegten, unb nahm Sein
Arg, ale fie fi erboten, ihm vorerft die verfchiebenen
Gemaͤcher der fchönen Wohnung zu zeigen, um fo mehr,
da die übrigen Gäfte, weldye man zu erwarten vorgab,
noch nicht eingetroffen waren.
Sp ging denn Gryn, die wohnliche Einrichtung
des ftattlichen Stiftsgebäudes bewundernd, mit feinen
Führern von einem Zimmer zum andern, bis fie, am
Ende eined langen Ganges im Erdgefchofie, an eine
Thüre gelangten. Der eine der Domherren ſchloß auf,
der Ritter trat in eine große, halbbunfle, gewölbte
Halle — im Augenblid aber, wo er ben Fuß hinein⸗
feste, fchlug krachend das ſchwere Eichenthor hinter ihm
zu, während and einem Winkel ein graufenerregender
Ton erfhol. Kaum hatte Gryn Zeit fich zu befinnen,
fo fah er vor fich in geringer Entfernung die drohenden
Augen eines Löwen leuchten, den man hier eingefchloffen
hielt, und beffen Wuth tagelanges Hungern noch vers -
mehrt hatte Der Moment ber drohenden Gefahr
raubte dem Ritter die Entfchloffenheit nicht: einen
Schritt zurädtretend, umwickelte er rafch ben einen Arm
mit dem langen Tuchmantel, welchen er trug, riß fein
Schwerdt heraus, ftieß, gegen die fchügende Wand ſich
drückend, bie Linfe in ben weitgeöffneten Rachen bes
im Nu mit einem entfeßlichen Sprunge auf ihn einftür
genden Thieres, während fein Stahl ihm die Bruſt
durcchbohrte. Der Kampf war bald entfchieden: erſtickt
und im Blute ſchwimmend lag der Löwe am Boben.
Alled died war bad Werk weniger Yugenblide,
Bevor noch der auf fo wunderbare Weiſe Gerettete
Des Kampf mit dem Ediwen. 05
„Zeit hatte, fi von dem Drange ber ihn beflürmenden
Empfindungen zu erholen, fchlugen verworrene Töne
von.auffe® her an fein Ohr. Ein wilder Tumult erhob
ſich auf der Straße. Die beiden Verräther, denen es
nicht in den Sinn gefommen war, an bem Gelingen
ihres meuchelmörderifchen Planes zu zweifeln, waren
fogleich auf die Gaffe gerannt, wo fie laut um Hülfe
fhrien: der Bürgermeifter fei von dem Löwen des Erz
biſchofs angefallen worden. Das Volk firömte herbei —
eine ungeheure Menge hatte fich bald zufammengerottet,
ale man plößlich wider das letzte Fenſter des Gebäudes
wiederholt anfchlagen hörte. Die Domherren wurden
todtenbleich; ein Dichter Haufen ſtürzte hinein — bie
Thüren wurden erbrochen, und im Subel wurde der
yon Blut befprüste, aber nur leicht verletzte Held auf
den Armen der Seinigen heraudgetragen. Keiner traute
feinen Augen, als er den Löwen tobt hingeftreckt, den
Bürgermeifter, ben fchon verloren geglaubten, lebend
erblickte.
Die feigen Miffethäter hatten ſich durch die Flucht
zu retten gefucht. Bald aber wurben fie von der
tobenden Menge ergriffen, und nad, kurzem Prozeß,
ohne Rüdficht auf die Priefterwürbde, die fie gefchändet,
unter dem, nahe am Domflofter gelegenen Thore auf
gefnüpft. Diefes fol von diefer Zeit an das Pfaffen
thor genannt worben fein: höher hinauf gehende Alter:
thumsforſcher wollen indeß dieſe Benennung aus den
Roͤmerzeiten herleiten, indem fie eine- Porta Paphia
daraus machen. Am Portal bed alten Rathhauſes,
einem der merfwürbigften und am meiften in die Augen
| .. M
Ey
66 Der Kampf mit dem Loͤwen.
fallenden Bauwerke, welche das an Erinnerungen und-
Dentmalen aus den hier fo rührigen Zeiten bes Mittels
alterd reiche Köln zieren, fieht man die That des
Bürgermeifterd Hermann Gryn auf einem Steine in
balberhobener Arbeit dargeſtellt.
Albertus Magnus.
Um die Mitte des breizehnten Jahrhunderts lebte und
ehrte in Köln Albertus, Teutonifus und gewöhnlich
Magnus zubenannt, denn der Ruf feiner Gelahrtheit
yatte fich in allen Landen verbreitet und ihm Schüler
8 ‚den fernften Gegenden zugeführt. Nicht nur in
ven philofophifchen Wiffenfchaften berühmt, fondern auch
a den mathematifchen, legte er ſich mit befonderem
Sifer auf die Mechanif, und hatte allerlei Mafchinen
rfunden und gefertigt, fo unter andern auch eine Bild»
äule, die ihm auf feine Frage Rede und Antwort gab,
velche aber von feinem Schüler, Thomas Aquin, aus
Inwiffenheit oder Wengftlichfeit zerftört wurde.
Auch verftand Albertus noch fonft viele geheimen
Rünfte, die ihm unter feinen Zeitgenoffen den Namen
ined Negromanten zuzogen. Als im Jahre 1248, um
as Feſt der Geburt bed Exlöferd, der von Erzbiſchof
8 u Albertus Magnus,
Konrad von Hochftetten gegen den Hohenflaufen Fried
rich II. bei Worringen zum König gewählte Graf
. Wilhelm von Holland, von Aachen ans, das er belagert
hielt, nach Köln gezogen fam, um hier die Weihnachten
zu begehen, verlangte e8 ihn fehr, auch den berühmten
Gelehrten, Albertus, kennen zu lernen. Er entbot ihn
Daher zu einem Abendfchmaufe. Albertus fam und war
. bereit, auf ded Königs Begehr, einige feiner Künfte
zu zeigen. Zuerſt nahm er einen Humpen Rhein⸗
wein, murmelte einige Worte, und fieh, aus dem
Humpen fprüheten blänliche Flämmchen, worauf er den
Mein gegen bie Dede ausgoß, jo daß Die Ritter und
Serren ihre Köpfe bargen, um ſich vor dem Feuer zu
fhügen, aber die herabfallenden Tropfen wurden zu
buntgefiederten Vöglein, die im Zimmer umberflatter;
ten und allerlei Tiebliche Werfen flöteten. Dies gefiel
nun dem jungen König und feinen Edlen gar wohl;
doch fohnitten dieſe gar faure Gefichter, als ihnen aus
ihren Bechern, wenn fie Diefelben zum Trinfen anfeßten,
auch die lohen Flammen entgegen fchlügen, und fie
Daher mit trodener Gurgel fiten mußten, worüber fi ich
Koͤnig Wilhelm waidlich ergoͤtzte.
Albertus ſchritt darauf einige Male um den Tiſch,
ber nur mit den fpärlichen Gerichten beſtellt war, die
der Winter bietet. Mit einem Male Iachten den Gäften
die fchmadhafteften Frücdte und Speifen entgegen,
welche nur die Gabe der heitern Sommermonde find.
Auh das Koftbarfte war hier zu finden, die Sinne
der ganzen Geſellſchaft auf's erquickendſte belebend, und
Alle griffen, - bei biefem Iodenden Anblide des erfen
Albertus Magnus :69
Spuks vergefiend, wader zu. Doc Albertus war
alfobald verfchwunden, und mit ihm bas anmuthige
Sefiht. Bar poſſierlich und wunderlich fah es aber
aus, wie bie Föniglichen Edelherren und Ritter ſich
einander bei den Nafen hielten, die Finger in den
Mund geftekt hatten, oder an den Zipfeln ihrer
Mäntel kauerten. — Am allerdrolligiten war aber
des‘ Könige Schallönarr anzufehen, der unter dem
Tiſche fauerte und eines Rindes Schweif ins Maul
gefteckt hatte.
Wollten fich die Herren anfänglich auch ärgern,
fo mußten fie, ftaunend, zulegt doc, über den Infligen
Streich lachen.
Der König machte am andern Tage, fammt feinem
Gefolge, dem Albertus einen Befuch im Klofter, um
hier feine Kunftwerfe in Augenfchein zu nehmen. Als
fi die Herren nun allenthalben umgeſehen, frug ber
Magus den König, ob er nicht wünfche, einmal feinen
Blumengarten zu fehen. Laut fingen Alle an zu lachen,
denn war es doch fo Falt, daß der Rhein bid auf den
Grund eingefroren, und nur an Blumen auf den Fen⸗
fterfcheiben zu denken war.
Albertus führte fie aber durch ein Pförtlein, und
mit einem Male befanden fle fich in dem herrlichiten
Garten, den fie je gefehen. Sie wagten kaum ben
Fuß voran zu fegen und rieben die Augen, ald ob ein
Traumgeficht fie blende. Mailich blühten vingsher die
Tieblichften Blumen in Geflalten und Farben, die ihnen
alle fremb waren, und füllten die Luft mit den füßelten
Düften. Die. feltfamften Vögel mit buntem Gefteber,
20 Albertus Magnus,
groß und Fein, heil zwitfchernd und ſingend, flatterten
ſich neckend durch die blühenden Bäume und Sträucher,
wiegten fi auf den mit Blüthen und Früchten -prans
genden Xeften, zwifchen welchen klare Springbruunen
ihre das Spiel der Negenbogenfarben wiederholenben
Strahlen im blendenden Sonnenlichte emporfchoffen.
Alle waren hoch erftaunt ob dem freundlichen Mal⸗
garten und fonnten fih von ihrem Staunen nicht ers
holen, yflücten fih auch wohl manche der fchönen,
feltfamen Blumen, welches ihnen Albertus auch nicht
unterfagte. Ded Königs Schalfsnarr hatte vor will.
mutbiger Luft: feine Schellenfappe auf einen Baum ges
worfen, und war, um fie zu holen, binaufgeruticht.
Als ſich Alle nun fo recht nach Herzensluft wunderten
ob der fchimmernden milden Frühlingspradht, war auf
einmal Alles verſchwunden; die ſich Blumen und Früchte
gepflüct hatten, hielten verborrte Reiſer, trodene
Tannzapfen oder gelbe und weiße Rüben und Dergleis
chen in den Händen. Hoch in einem Fenſter war Des:
Königs Schalfenarr zwifchen den Gitterftäben einges
klemmt, und fihrie gar erbärmlich, da er nicht vorwärts
noch rückwärts fonnte, Alle mußten darum über den
feltfamen Trug lachen und verabjchiedeten fich vergnügt
von dem weifen Albertus, Alfo gefhah um Weihnachten
des Jahres unſeres Heild 1248 in der freien Reichsſtadt
Köln, wo Albertuß auch im Jahre 1280 ftarb und feine
irdischen Ueberrefte ruhen. Bor feinem Ende war er.
ganz dumm geworben, denn ald er in feiner Jugend
in den PredigersOrden getreten, war er fo tölpelhaft
dumm, bapß er auch dad Geringſte nicht faſſen konnte.
Albertus Magnus, 71
Auf fein inbrunftiges Gebet erfchien ihm die Mutter
ded Herrn, und fragte, ob er in der Gottedgelahrtheit,
oder in der Weltweisheit ausgezeichnet fein wolle? Da
er leßtered vorzog, fo geftand ihm die heilige Sungfrau
Died zwar zu, jedoch follte er drei Sahre vor feinem
Ende wieder ganz dumm werden, welches auch gefchah,
fo daß er auf einmal in feinem Bortrage ftecfen blieb.
Man bat daher gefagt, Albertus fei zweimal auf wun-
derbare Weiſe aus einem Efel in einen Weltweifen und
aus einem Weltweiſen in einen Efel verwandelt worden,
Hermann JIofeph.
(Hierzu das Bild II., erfunden von H. Kretſchmer, geſtochen von
Eduard Schuler.)
In ber Stadt Köln fteht ein fattliche$ Gotteshaus,
von Finden umfchattet, zu St. Marien, im Capitol
genannt, weil einft die Stelle defjelben ber Römer
Gapitol eingenommen haben fol. An ber füd-öftfichen
Seite deſſelben befindet fich ein niedliched Thor im
Spitzbogenſtyle, mit vier Nifchen überbaut, in welchen,
in alten Steinbildern, die Anbetung der heiligen brei
Könige Ddargeftellt ifl, Neben diefem Thore, vom
Bolfe Dreifönigenthörchen genannt, wohnten vor Tangen
Ssahren arme, aber fehr brave und gottesfürchtige Leute,
Der Mann, ein Schufter, frchte mit feiner Hände Arbeit
feine Fleine Familie, fo gut er konnte, zu ernähren,
Der Eltern höchfte Freude war ihr einziges Söhnlein,
Hermann Joſeph; denn, fromm, gefittet und tugenbs
haft, ſuchte der Kleine durch Gchorfam und Findliche
Anhänglichfeit das zu vergelten, was fie mit forgender
giebe für ihn thaten,
Hermann Sofeph. 13
Hermann Gofeph wurde von feinen Eltern zur
Schule geſchickt, und nie ging er hin, ohne zuvor vor
einem fleinernen Mutter-Gotted-Bilde in der nahgelegenen
Kirche fein kindliches Gebet zu verrichten. An Spiels
tagen, wenn die andern Knaben ſich auf den Pläßen
und Straßen herumtummelten, eilte er zu feinem lieben
Plaͤtzchen und erzählte dem freundlich blickenden Jeſus⸗
finde, das die Heilige Mutter auf dem Arme trug, was
er alles gelernt und was er noch lernen wollte. Hold⸗
felig horchte dad kleine Jeſuskind feinen Erzählungen,
und ud ihn oft ein, zu ihm hinauf fpielen zu kommen;
aber ed war dem Kleinen immer zu hoch, bis dahin,
wo bas Bild ſtand. Wenn er dann fo traurigen Blickes
binauffchaute, tröflete ihn Maria, daß er einfl größer
werden und dann auch mit dem Sefusfinde fpielen folle.
Als ihm nun eines Tages die Mutter einen wunders
fhönen Apfel gefchenft, eilte er, freudigen Muthes, zu
feinem Mutter-Gottes-Bilde und bot ihn dem Kindlein
mit ben Worten bar: „Da haft Du meinen Apfel!” Der
Feine Sefus reichte mit freundlichem Blicke zu ihm herab
und nahm den Apfel. Unbefchreiblich war des Knaben
Freude, und wenn er nur immer etwas zum Gefchenfe
erhielt, Obſt oder. Kuchen, fo hatte er nichts Eiligeres
zu thun, ald es bem Sefusfindlein zu bringen, welches
die Gabe auch immer mit Dank hinnahm.
Hermann Sofeph follte, da er größer wurde, aud)
Schufter werben, denn feine Eltern konnten bie Koften
nicht mehr beftreiten, und ihn daher nicht mehr zur
Schule ſchicken. Betruͤbten Herzend, denn er hätte fo
gerne noch mehr gelernt, fchlich er nun eined Nachmit⸗
74 Hermann Iofepb.
tags nach der Kirche, um dem Sefusfinblein fein Leid
zu Hagen. Als er fo mit Thränen im Auge zur Maria
und ihrem Sohne binauffchaute, frug ihn die Hochges
benedeite: „Was ift Dir, Hermann Joſeph?“ und er
erzählte feinen Kummer, wie er ja noch fo gerne in bie
Schule ginge, died aber feinen Eltern zu ſchwer ftele,
und er nun Schufter werden müſſe.
„Das folft Du nicht, Hermann Joſeph,“ ſprach
milde die Tröſterin, „geh' in den Kreuzgang, dort fin⸗
deſt Du links an der Thüre einen Stein, den hebe nur
auf, und Du wirſt finden, was Du bedarfſt.“
Mit Thraͤnen im Auge dankte Hermann Joſeph
ſeiner gütigen Beſchützerin und eilte nach dem Steine,
den er, wenn auch ziemlich gewichtig, ohne Mühe fort⸗
bob, und unter demfelben aud) fand, was ihm nöthig
war. Er fonnte jest, auch ohne feinen Eltern im Ges
ringften zur Laſt zu fallen, ferner am Unterrichte Theil
nehmen, denn was er nur immer bedurfte, fand er
unter diefem Steine. Nie ließ er aber auch ab, feiner
Beihüserin zu danfen, immer blieb fein liebſtes Pläßs
‚chen vor dem gnabenvollen Bilde in St. Marien im
Capitol.
Hermann Joſeph ſtudirte jetzt aufs Fleißigſte,
und Alles, was er nur angriff, gelang .ihm durch dem
Beiftand der Muttergottes.
Al er nun dad Alter erreicht hatte, wo man fid)
einen Stand zu wählen hat, befcjloß er, fi) dem geißs
lichen Stande zu widmen und in ben Orden der Bene
biktiner zu treten. Er erfah fid) Dazu das Klofter zu
Steinfeld in der Eifel, wo man ben gettesfürchtigen
Hermann Iofeph. 75
Jüngling auch gerne aufnahm. Mit allem Eifer legte
er fih man auf dad Studium der Philofophie und
Theologie, und ließ Tag und Nacht nicht ab von feinen
Bemühungen, fo, daß er feine Fürfprecherin Maria,
- beinahe darüber vergaß. Aber, fiehe! alle feine Ans
firengumgen waren umſonſt; er konnte Feine Kortfchritte
in den Wiffenfchaften machen, fo ernftlich er es fich
auch angelegen fein ließ, Da nahm er feine Zuflucht
wieder zum Gebete, und als er nım eines Nachts auf
dem Chore voll inniger Andacht faß, von den Arbeiten
des Tages ganz erfchöpft, Fam ein füßer Schlaf über feine
Augen und er träumte einen fchönen Traum. Er’bes
fand ſich in einem wundervollen Garten, in dem die
Vieblichften Kräuter dufteten, bie herrlichften, von ihm
nie gefehenen, Früchte auf den Baumen prangten, deren
Hefte von taufend Vögeln belebt waren. Ein nie vers
nommened Klingen durchbebte die Luft, füge Stimmen
. fangen dazwifchen Lobgefänge dem Herrn, und anmu⸗
thige Brünnlein riefelten durch biumenreihe Matten,
Endlich erfchien die Mutter Gottes, fo wie er ſie in
den Tagen feiner Kindheit unzählige Male zu St.
Marien im Sapitol gefeh’n, das Jeſuskindlein an der
Hand führend, welches ihn mit freundlicher Geberde
einlud, jeßt auch einmal mit ihm zu fpeifen, da er ihm
fo manden fchönen Apfel und andere fchöne Sachen
gefchenft habe. Hermann Sofeph nahm die Einladung
danfend an, und ald er nun an ber reichen Tafel, von
wunderholden Englein bedient, ſich des Himmels Koft
recht ſchmecken ließ, erwachte er — und des Traumes
Erfcheinungen waren auch verſchwunden. Er fühlte fih - -
76 Hermann Joſeph.
aber auf eine eigene Weiſe geftärft und in feinem tm
nerften Wefen ganz verändert. Seine Studien hatten
jet rafchen Fortgang.
Bon Allen geehrt und geliebt und, befonders feiner
Gelehrſamkeit wegen berühmt, lebte Hermann Sofeph
noch lange Zeit in der Abtei zu Steinfeld, wo er aud
ftarb, und wo jetzt noch fein Grab gezeigt wird.
Sn der Kirche zu St. Marien im Capitol ift zur -
rechten Hand am Ende der Nebenhalle Hermann Sofeph,
ber fpäter heilig gefprochen wurde, in Stein abgebildet,
wie er ald Schüler dem Sefusfinde einen Apfel bare
reicht, zum ewigen Gedächtniß diefed frommen Mannes,
Nichmodis von Aducht.
Jede des Grabes herrſchte in den ſonſt ſo volkbelebten
ztraßen der Stadt Köln, denn zahllos waren bie
pfer, welche die Peft hier im Sahre 1400 dahinraffte.
a8 Sterben war fo groß und fo allgemein, daß man
en Leichen nicht einmal ein ehrlich, chriftliches Begräb⸗
iß geben Fonnte, fondern fie in großen Gruben vers
harren mußte, um fie nur and dem Wege zu räumen.
Zu ber Zeit lebte auf dem Neumarkte, in bem
aufe zu den Papagayen eine ehrbare Frau, Namens
ichmodis, Gattin eined Herrn von Aducht. Sie wurde
anf, und in wenigen Tagen ruhte fie ſchon im Sarge.
yr Gemahl ließ ſie auf dem Friedhofe zu St. Apoſteln
iſetzen. Die Todtengraͤber hatten aber wahrgenom⸗
—
. 78 RKichmodis von Aducht.
men, daß die Leiche noch ihre goldenen Ringe an den
Fingern trug, und beſchloſſen der Todten dieſe Koſt—⸗
barkeiten zu nehmen. In der Nacht ſchlichen ſie daher
zu dem Grabe, ſcharrten die Erde weg, und öffneten
den Sarg. Schon waren ſie im Begriff der Leiche die
Koſtbarkeiten abzuſtreifen, als ſich Frau Richmodis,
aus tiefer Bruſt aufſeufzend, im Sarge erhob. Die
Todtengräber ergriff ſtarrer Schrecken, aus dem ſie erſt
aufwachten, als Frau Richmodis die Worte ſtöhnte:
„Wo bin ih?” Sie flohen, taub gegen das Hülferufen
der Faltitarren Frau.
Fran Richmodis entftieg der Gruft, nahm die von
den Entwichenen zurücgelaffene Leuchte, und wanfte
ſchwach ihrer Wohnung zu. Sie pochte an. Die Dies
ner famen, eilten aber eben fo ſchnell wieder zurüd,
als ihnen auf ihre Anfrage, wer fo ſpät noch Einlaß
begehre, die Antwort wurde: „die Hausfrau,” und fie
auch derem Etimme erkannten. Aengftlich verbargen fie
fich in ihren Betten. Die Frau ließ aber nicht ab zu
pochen, und pochte fo lange bis ihr Eheherr erwachte
und den Dienern befahl, nachzufehen, wer braußen vor
dem Thore ſei. Zitternd vor Angft berichteten fie, ber
Geiſt der grau verlange Einlaß und fie feien zu furcht—⸗
ſam, um noch einmal zum Thore zu gehen. Der Herr
fchalt fie Narren, da fie ihm aber verficherten, ber
Hausfrau Stimme erfannt zu haben, ging er felbft zum
Fenſter und frug, wer draußen poche.
Er ſah die noch in das Leichentuch Gehüllte, und
ſchauderte unwillkührlich zuſammen, als er ſeiner Ehe⸗
frau Stimme feloft erkannte, die ihn anflehte, fie doch
Dichmodis von Aducht. 79
einzulaſſen. Er ermannte ſich und fragte, wer ſie denn
ſey? „Wie? Du erkenn Deine Gattin nicht mehr,“
antwortete Frau Richmodis fchluchzend.
Es ift fo viel möglich, daß Du meine Gattin big,
ſprach der Herr von Aducht, als daß ſich meine Pferde
aus dem Stalle losreißen und auf den Söller gehen.
Kaum hatte er das Wort über feine Lippen gebracht,
als er feine Hengfte auch ſchon laut polternd die Stie-
gen hinan ftürmen hörte. Er flog mehr, ald er die
Treppe herunter ging, um ber Wiedererftandenen die “
Thüre zu öffnen. Mit forgender Liebe bot er nun Alles
auf, um die Halberftarrte zu erquicken und fie wieder
ganz in's Leben zurüdzurufen.
Noch viele Jahre hindurch erfreute fich Frau Rich⸗
modis der beten Gefundheit, und befchenfte ihren Ge-
mahl noch mit drei gefunden Kindern. Kein Fächeln
fpielte saber mehr auf ihren Lippen, felbit wenn ftille
Freude ihre Seele füllte. Emfig webte fie ein Faften-
tuch, welches fie der Kirche zu den heiligen Ayofteln
fhenfte, und worauf ihre Wiedererwedung aus dem
Grabe gefchildert wurde.
Als fie endlich im hohen Alter verfchied, wurde fie
neben ihrem Gemahl am Eingange der Kirche, in einem
erhöhten Grabe beigefeßt, und Tiebliche Töne flüfterten
dem aufmerffam Horchenden aus dem Grabe zu.
Der Hergang der Wiedererweckung wurde im Haupt-
Eingange der Kirche zum ewigen Andenken gemalt,
Doch ift dieſe Halle, wie Bieled Des Alterthuͤmlichen
in Köln, zerſtört, und mit ihr die Schilderef — Ume
fonft fucht der Wanderer auch jegt noch hie Pferde,
.
u
80 Richmodis von Kuh
welche der Sage nach, zur Erinnerung an diefe Vege⸗
. benheit, auf dem Neumarkte im Söfferfeniter des
Hauſes aufgeftelt waren, welches die Familie von
Aducht bewohnt haben ſoll.
“rn
IT
Be
7
Der Bing der Faſtrada.
(Hierzu das Bild JII., erfunden von A. Rethel, geftochen von
E. Rauch.)
Das anmuthige Thal, in welchem das betriebfame
L Aachen mit feinem Ruhme alter Zeit und dem Wohl
ftande und der Blüthe jüngerer Tage fich zwifchen fanfts
auffteigenden Höhen birgt, hat manches ftille freundliche
Plaͤtzchen, welches fo recht dazu gefchaffen ſcheint, der
Doefie vergangener Sahrhunderte, der mittelalterlichen
e Sage, einen willfommenen Zufluchtort zu bieten, nadıs
Dem es ihr zu laut geworden ift und unheimlich in dem
Getriebe einer Stadt, in welcher dad Moderne allmähs
lig den Sieg davon getragen hat über das Alterthüms
liche des vormaligen Sites des heiligen römifchen
Reiches. Da beften ſich denn liebe Erinnerungen an
graue bemonfte Steine, mit dem falben Eppich ranfet
fidy der Gedanke an Thurm und Maner hinauf, jugend»
6
8 Der Ring der Faſtrada.
liche Tage fcheinen dem Grabe zu entfleigen, und uns
geftört darf die Bruft fich ihrer Schnfucht nach Uners
reichbarem, ihrer Trauer um Unerreichtes, das Die
Bergangenheit und in ihr die Zukunft im Traume ve,
fchönte, überlaflen.
Per, der die Poefie der Jugend durchlebt hat und
gefchwelgt hat vor alten Bildern und in alten Erinnes
rungen, bat nicht in wehmüthiger Betrachtung vor
Frankenbergs Trümmern geitanden? Noch Iteht,
ziemlich erhalten, der neuere, bewohnte Theil diefer
Friedensburg, deren Thürme halb eingeftürzt liegen,
mit ihrem Geröll den Abhang ded mit Sefträuchen und
Bäumen bewachſenen Hügeld deckend, um welchen ſich
der fchilfbedecfte Teich, von den Bogen einer hohen
Brüde überbaut, dahinzicht, umgeben von üppigen,
fmaragdnen Wiefen, deren Grenze an mehren Orten
die fühle Waldung bildet. An einem fchönen Früh—⸗
lingemorgen muß man dieſe Gegend fehen, um ihren
Reichthum und ihre Anmuth aanz zu begreifen; wenn
der Than in Perlen glänzt, wenn die Lerche fteigt,
wenn das frifche Grün der Bäume die alten Thürme
ber. nahen Stadt nur halb durchblicken läßt in ber
duftigen Morgenluft. Dann begreift man wie er, der
gewaltige, ruhmgefrönte Kaifer, dem die ganze Welt
offen fand mit ihren Lodungen und ihrer Majeftät
und Schönheit, ſich dieſes Thal auderfor, das ihm
lieb war vor allen, und das er all feinen Pfalzen und
Palläften vorzog in feinem unermeßlichen Reiche.
Unter den vielen, in alten Chronifen und Gefängen,
und im Munde des Volkes aufbewahrten Gefchichten
Der Ring der Faſtraba— 83-
Bon dem größten Kaifer der Deutfchen, find wenige
befannter und rührender, als jene von der Kiebe, welche _
ihn an feine fchöne Gemahlin Faſtrada feffelte. Hatte
F auch, ihrer Gewalt über Karl ſich bisweilen zu
&igenen Zwecken bebienend, manche Unruhe im Reiche
veranlaßt und manchen Unzufriedenen, Feinde fogar
gemacht: er hing ihr fletd mit derfelben Zuneigung an.
Da erfranfte fie fchiver, während fie mit dem Hofe zu
Frankfurt, am Ufer des ruhig durch die fchöne Ebne
fließenden Maines, verweilte. Des Kaiſers Betrübniß
kannte Feine Grenzen: fle fteigerte fich zur Verzweiflung,
als die geliebte Gattin verfchied. Aus dem Gemache,
wo fie geitorben war, wid) er nicht: ein mmerflärlicher
Zauber fchien fich feiner bemächtigt zu haben. Als die
Leiche vor ihm lag, da ſchien es ihm, fie fchlafe nur:
der Augenblid, wo er an ihren Tod geglaubt, fei ein
böfer Traum gemwefen. Neben ihrem Lager kniete er,
beftrebte fich fie zu wecken, rief ihr mit den füßeften
Namen. | |
Des Kaiferd Räthe und Höflinge wußten nicht
was zu begintten: er wollte nicht davon hören, daß
Faftrabas fterbliche Nefte zur Erbe .beftattet werben
ollten; gebieterifch wies er Die von fich, welche davon
tedeten, und antwortete, fie werde bald wiedererwachen
aus ihrem Schluntmer. Ale fürdteten für die Vernunft,
| und fogar für das Leben des Herrfcherd, wenn Diefer
Inftand noch länger währte Während fie nun iu der
quaͤlendſten Ungewißheit ſchwebten, hatte der froimme -
1 Erzbiſchof Turpinus von Rheims, der Erſte in des
al Kaifers Rath, ein Traumgeſicht, das ihm das Käthſel
5. Der Ring der Faſtrada.
erklaͤrte. Er jah nämlich einen Ring, welcher in bad
Haar dev Kaiferin geflochten war — biefer war es,
welcher Karl auch jet noch an die Abgefchiedene feflelte,
Sein Entfchluß war bald gefaßt: am folgenden Mor
trat er in das Gemach, und ohne Daß der Rate I
bemerkte, nahm er heimlich den Ring zu fich-
Kaum hatte er dies gethan, fo fand Karl auf
und warf fich weinend in feine Arme. Es. war, ale
gingen ihm jeßt Die Augen auf, als bemerfe er nun
erft den Zuftand, in welchem der Körper fich befand:
er fchauderte und wußte nicht wie ihm gefchehen war.
Willig ließ er fi von dem Erzbifchofe aus dem Gemad)
führen, ſetzte ſich zu Pferde und ritt, von den beforgten
Bewohnern der Stadt bei feinem Wiedererfcheinen hoch
begrüßt, nad) dem Rheine hin, woranf er bald in
feinem geliebten Ingelheim anfam, und mit erneutem
Eifer ſich den Gefchäften des Reiches hingab. Wie
ein Traum war ihm Alles, was feit Faftradas Tode
ſich ereignet hatte. Ihre ſterblichen Reſte aber, in
Purpur und Gold gehüllt, wurden im feierlichen Trauer⸗
zuge von Frankfurt nach Mainz geführt, und dort in
der Abtei von St. Alban zur Erde beftattet, wo Karl
ihr ein prachtvolles Grabmal, ald Erinnerung an ihre:
Würde und feine Liebe, zu errichten befahl. |
Der Kaifer wollte von nun an immer den frommen
Prälaten um ſich haben: nichts that er ohne feinen
Rath, ohne ihn konnte er nicht leben. Der Erzbifchef
benugte zwar diefe Zuneigung zum Beften des Reiches
und der Kirche, Denn er war ein wohlmeinender und
weifer Mann; aber fein frommer. Sinn nahm doc
Der Ring ber Faſtrada. 3
Anſtoß an dem, was ihn ein gottlofer Zauber bünfte,
mweßhalb er ſich deffen zu entledigen befchloß. Mit
diefem Gedanken ging er um, als er den Kaifer auf
einer Reife nach Aachen begleitete, wo biefer bisweilen
Weinen Aufenthalt zu nehmen pflegte. In bem Thale
umherwandernd, wo die mohlthätigen heißen Quellen
entfpringen, welche Karl bewogen hatten, fich hier eine
Pfalz zu bauen, Fam Turpinus an einen Fleinen flillen
See, der rings von Waldung und Wiefenteppich eins
gefchloffen war. In diefen warf er Das verhängnißvolle
Kleinod.
Bon dieſer Zeit an glaubte ber Kaifer, dem feitte
oberrheinifchen Pfalzen nur trübe Erinnerungen an fein
verlorened Glück erwecten, das grüne Thal nicht mehr
verlaffen zu können. Nur dann, wenn bie Reichsange⸗
heiten, welche Damals den Herrichern nicht geftatteten,
an einem beftimmten Orte ruhig zu verweilen, fondern
fie bald hie, bald dorthin riefen, es nöthig machten,
trennte er fich von feinem Lieblingsort, zu dem er zus
rücffehrte, fobald er frei war. Nicht blos die Stadt
felbft fchmückte er mit Pallaft und Kirche; auch bei dem
nahgelegenen See ließ er eine flattliche Burg erbauen,
nachdem er einen Theil der Waldung gelichtet. Hier,
in der durch nichts geftörten Einſamkeit ſaß er oft
Stunden-dang, und blickte auf den Waflferfpiegel zu
feinen Füßen, und Dachte alternd noch vergangener,
glücklicher Zeiten. *
Der Münfterbau zu Aachen
und der Loosberg.
Ein Jeder hat ſicherlich von Kaiſer Karl, und von
feinem Muͤnſter in Aachen erzählen gehört. Die ger
fehickteften Meifter und Werkleute wurden aus allen
Gegenden des weiten Neichd herbeigeholt, um ben
Wunderbau aufzuführen, melden ver fromme Herrfcher
an dem Ort, den er vor allen liebte, der Mutter des
Heilands zu widmen gedachte; Die Palläfte Welſchlands
mußten ihre Zierbe hergeben, um das neue Gotteshaus,
von waldbedeckten Hügeln umringt, würdig zu ſchmük⸗
fen. Schon erhob fi die Kirche, weit über benach⸗
barten Wohnungen, und ſchon berechnete manbie Zeit,
wo fie vollendet da flehen würde: da bemerkte man
plöglich mit großem Schrecken, daß das Geld auf bie
Neige ging. Rangwierige Kriege hatten den Schatz
erfchöpft, niemand wußte Rath. Schon waren eine
Menge Arbeiter entlaffen worden, und trauernd fahen
Der Münfterbau gu Rachen und ber Loosberg. 87
die Bürger, wie immer weniger Hände ſich reg—
ten, wie die Kalfgruben leer blieben, die großen
Stämme und die fchönen, mit fo vielen Koften herge
führten antifen Säulen unbenußt da lagen, wie Kelle
und Winfelmaß mit Staub bedeckt waren. Da erfchien
eined Morgens ein unbelannter Mann, und verlangte
zum Magiftrat geführt zu werden. Nachdem man feis
nem Begehren gewillfahrt,. erbot er fi das zum Bau
nöthige Geld herbeizufchaffen. Die frpmmen Aachener
hätten feine Füße gefüßt, wenn er es geftattet. Mit
taufend Dankfagungen nahmen fie fein Anerbieten au,
and frugen, welche Sicherheit er verlange und welche
Bedingungen er in Betreff der Rüdzahlung mache.
. Rüdzahlung verlange ich gar nicht, war Die Ant⸗
wort, und die Rathöherren fchlugen beinahe rüdlings,
denn eine folche Uneigennügigfeit war felbft in jenen,
im Prozentrechnen weniger geübten Zeiten, etwas Un-
erhörted. Aber ihr Erfiaunen warb ganz “andrer Art,
als der räthfelhafte Gaft fortfuhr: Zur einzigen Be⸗
Dingung mache ich, daß die erfte Seele, welche in bie
fertig gewordene Kirche eingeht, mein wird. — Da
merften die Herren, mit wem fie zu thun hatten — fie
waren im Begriff ein Kreuz zu fchlagen und ein Apage
Sat . . . ſchwebte dem Gelehrteften auf.der Zunge, als
die vernünftige Betrachtung, daß eine fo fehöne Geles
‚genheit die Kirche ohne Schwierigkeit und ohne daß
man auf bad Geld zu fehen brauche, zu vollenden, fid)
nicht Teicht zum zweiten Male darbieten würde, ihren
frommen Abfchen noch zur rechten Zeit im Zaume hielt.
Der Fremde ohne eine Miene zu verändern, fah fie
Der Münſterbau zu Aachen
und ber Loosberg.
Ein Jeder hat ſicherlich von Kaiſer Karl, und von -
feinem Münfter in Aachen erzählen gehört. Die ges
fehichteften Meifter und Werkleute wurden aus allen
Gegenden bed weiten Reichs herbeigeholt, um ben
Wunderban aufzuführen, welchen der fromme Herrſcher
an dem Ort, den er vor allen liebte, der Mutter bei
Heiland zu widmen gedachte; die Paläfte Welfchlande
mußten ihre Zierde hergeben, um das neue Gotteshaus, |
von waldbedeckten Hügeln umringt, würdig zu fchmäl ,
ten, Schon erhob ſich Die Kirche, meit über benach
barten Wohnungen, und fchon berechnete mamebie Zeit,
wo fie vollendet da flehen würde: da bemerfte man
plöglich mit großem Schreden, daß das Gelb anf bie
Neige ging. LRangwierige Kriege hatten den Schat
erfchöpft, niemand mußte Rath, Schon waren eine
Menge Arbeiter entlaffen worden, und trauernd fahen
Der Münfterbau gu Rachen und ber Loosberg. 87
die Bürger, wie immer weniger Hände ſich reg—
ten, wie die Kalfgruben Teer blieben, die großen
Stämme und die fchönen, mit fo vielen Koften herges
führten antifen Säulen unbenugt da lagen, wie Kelle
und Winfelmaß mit Staub bededt waren. Da erfchien
eined Morgens ein unbefannter Mann, und verlangte
zum Magiftrat geführt zu werden. Nachdem man feis
nem Begehren gewillfahrt, erbot er fich das zum Bau
nöthige Geld herbeizufchaffen. Die frommen Aachener
hätten feine Füße gefüßt, wenn er ed geftattet, Mit
taufend Danffagungen nahmen fie fein Anerbieten au,
and frugen, welche Sicherheit er verlange und welche
Bedingungen er in Betreff der Rüdzahlung mache. -
. Rüdzahlung verlange ich gar nicht, war bie Ant
wort, und die Rathöherren fchlugen beinahe rüdlings,
denn eine ſolche Uneigennügigfeit war felbft in jenen,
im Progentrechnen weniger geübten Zeiten, etwas Un-
erhörtes. Aber ihr Erflaunen ward ganz “andrer Art,
ald der räthfelhafte Saft fortfuhr: Zur einzigen Be-
Dingung mache ich, daß die erfle Seele, welche in bie
fertig gewordene Kirche eingeht, mein wird, — Da
merkten die Herren, mit wem fie zu thun hatten — fie
waren im Begriff ein Kreuz zu fchlagen und ein Apage
Sat . . . ſchwebte dem Gelehrteften auf.der Zunge, ald
die vernünftige Betrachtung, daß eine fo fehöne Gele
‚genheit die Kirche ohne Schwierigkeit und ohne daß
man auf das Geld zu fehen brauche, zu vollenden, fid)
Nicht leicht zum zweiten Male darbieten würbe, ihren
frommen Abfcheu noch zur rechten Zeit im Zaume hielt.
Der Fremde ohne cine Miene zu verändern, ſah fie
8 Der Münfterbau zu Aachen und ber Loosberg.
fharf an, und nachdem bie Beflürsten die Antwort
hervorgeftottert, daß fie die Sache überlegen wollten, .
entfernte er fich mit ber Bemerkung, er werde am fob
genden Tage zurückkehren, um ihren Entfchluß zu vers
nchmen. —
Die Bauluft foheint vor zehn Sahrhunderten ben
Aachenern im hohen Grade eigen gewefen zu fein, denn
fie trug es über alle Gewiffensferupel davon. Der
Pakt mit dem Ungenannten, aber nicht mehr Unbekann⸗
ten, warb alfo eingegangen, und noch an demſelben
Tage firosten alle Kaffen von Gold. Da ed mit dem
üblichen Neichdgepräge verfehen war, fo fcheute fich
Niemand davon anzunehmen; da ed auf fo leichte Weife
erworben ward, fo fcheute fich auch Keiner es ungehin⸗
dert auszugeben, indem weder Kaifer noch Volk darunter
litten. : Nafch wurde die Arbeit gefördert, und bald
wölbte fich die hohe Kuppel, und dad Münfter war fo.
weit fortgerüdt, daß man an bie Einweihung dachte,
Nun war aber wiederum guter Rath theuer, denn
Keiner hatte Luft der Erſte zu fein, der die verhängs
nißvolle Schwelle betrat. Der Fremde hatte fich nicht
wieder blicken laffen, aber man zweifelte nicht daran,
daß er ſich feinen Lohn zur rechten Zeit holen werbe,
Da wurde benn von den geiftlichen und weltlichen
Machthabern von neuem berathen, und endlich fehien
man ein Auskunftömittel gefunden zu haben, benn es .
warb angefagt, daß am Dreikönigefefte — man fchrieb
damals das Jahr ded Herrn 804 — die große Seremonie
Statt finden follte, zu welcher Papſt Leo felbft von
om nach Aachen gelommen war.
Der Mänfterbau zu Aachen und ber Loodberg. 89
Am Morgen Epifania waren die Höfe und Säle
der Faiferlichen Pfalz mit Taufenden gefüllt. Die hohe
Geiftlichfeit in prachtvollem Ornate, und die Reichs⸗
fürften in glängendem Anzuge begaben fich hin, auch Karl
hatte feine gewöhnliche einfache Kleidung abgelegt, und
erfchien im Kaifer-Ornate. Auf dem Münfterplape
wogte dad Gedränge des Volks, aber Jeder blieb dem
großen Thore fern; nur ängftliche, fchene Blicke wurs
den dahingefandt, obgleich man nichts fremdartiges dort
bemerfte. Da nahte mit rafchen Schritten ein Haufe
bewaffneter Trabanten der Kirche, und als ſie nur noch
in geringer Entfernung vom Thore fich befanden, jugen
fie einen großen, kurz vorher gefangenen Wolf in bie
Kirche hinein. Ein fchredliched Getöfe erhob ſich —
wiüthend und flammenfpeiend fchoß eine Teufelsgeſtalt
auf das Thier zu, und erwürgte ed im Nu mit ihren
fcharfen Krallen. —
. Da entftand ein gewaltiger Subel der zahlreich
verfammelten Menge, und im Augenblid, wo der Erz
feind fich mit der Seele des unglüdlichen Wolf, den
man ihm, flatt der gehofften Meenfchenfeele in den Ras
chen gejagt, unter fürchterlihem Geheul und Zähnes
fletfchen empfahl, begannen die Gloden des Gottes,
haufes freudig zu länten, und vom Papft und 365 Dis
[höfen und Prälaten begleitet, zog Kaifer Kart feierlich
und unter Abfingung der Firchlichen Hymnen in den
prachtvollen Tempel eit.
Sn feinem furchtbaren Grimme aber war Herr
Urian fortgeflogen auf des Sturmwinds Flügeln, und
fam heran an's Meergeftabe, wo bie Brandung tief
90 Der Mänfterbau zu Aachen und ber Loosberg.
unter ihm wild emporbraufte. Nichte ald Rachegedan⸗
fen für den vom frommen Kaifer ihm gefpielten Betrug,
erfüllten feine fchwarge Seele: er wollte Karl, mit ihm
Die neugegrünbete Kaiferftadt, nebft dem fhönen Müns
fter, dad er ın Hoffnung des reichen, bebungenen
Lohne, felber mit hatte erbauen helfen, ſchmählich vers
derben. Ueber feinen Plänen brütend, erblidte er
plößlich Die weiten Sanddünen des Meergeflades, und
der hamifche Gedanfe burchzudte feine Seele, unter
einem ſolchen Sandberge die Stadt fammt allen ihren
Bewohnern zu begraben. Gedacht, gethan! Mit Wets
terfchnelle flürzte er von feiner Iuftigen Höhe auf Das
Ufer hinab, unſichtbare Hände halfen ihm, und fo warb
bald eine lange Düne loSgeriffen von dem Boden, wo
die Fluth fie feit Sahrhunderten angefchwemmt; wie
einen Mehlfad lud der Böſe fie rafch auf feine Schul
ter und fo ging's hudepad nad) dem nichts ahnenden
Aachen hin. —
Die Reife mochte dem fchwarzen Berberber body
am Ende etwas unbequem vorkommen: die Länge des
Sandhügeld bewirkte, Daß derfelbe fich nach beiden
Seiten ſackförmig überbog, fo daß der vorn herabhän⸗
gende Theil dem Träger die Ausficht benahm, und er
fih faft auf feinem Wege verirrt hätte. Doc fand
er fich wieder zurecht, lald er Teichtfüßig über - die
Maad fchritt und fih nun aufs Aachener Thal
zutrollte. Da erhob ſich plöglich ein gewaltiger Wind,
und fireute ihm fo viel Sand in Die Augen, daß er
faum noch vor fich hin fehen konnte. Dadurch ward
hm Das Sehen immer, befchwerlicher, und nur mit
Des Münfterbau gu Aachen und der Loosberg. 91
Mühe gelangte er an dad Soersthal. Da begegnete
ihm ein altes Weib, welches des Weges von Aachen
herfam, und erjchroden über den wanbelnden Sands
berg und feinen ſchwarzen Träger ftehen blieb. „Wie
weit habe ich noch bis Aachen?” frug Herr Urian bie
Alte, feine Stimme zu möglichfler Lieblichkeit verfüßend.
Die Alte merkte dad Plänchen: fie hatte bei dem Baue
des Münfter’d den Böfen oft genug ind Auge gefaßt,
und feine Gefichtözüge waren ihrem Andenfen noch nicht
entſchwunden. „Ach“, ermwiderte fie fchlau, „da ſeyd
hr ganz vom Wege abgelommen, lieber Herr. Schauet
aur gefälligft auf mein Kußzeug: ich habe die Schuhe
in Aachen neu angezogen, und jest find von dem langen
Gehen die Sohlen bereit ganz zerriſſen.“
Da ftieß der Schwarze einen Fluch aus, daß bas
ganze Thal davon erbröhnte, und die erfchrodene Alte
mehrere Schritte weit zurüdfprang. „Sch bin der
Schlepperei müde!’ rief er wüthend aus — „für jetzt
mag das betrügerifche Neft meinem Grimme entgehen,
ich werde Doch ſchon in Zukunft Zeit und Gelegenheit
finden, mich zu rächen.” Und mit bdiefen Worten
fchleuderte er feine fandige Laft von den Schultern auf
Die Erde, und erhob fich flammenfprühend in die Luft.
Dies war das lebte Mal, daß man den Schwarzen in
propria persona in Agchen und feiner Umgegend um⸗
berwandern ſah — die Aufflärung hat ihn bald in feine
ſchwefeligen Schlupfwinfel hinabgejagt. Doc ill mar
noch dann und wann feine. geheime Anmwefenheit vers
fpürt haben, nur ift man noch nicht einig über das
Koftum, worin er in fpäterer Zeit erfchienen. —
92 ° Der Münfterbau zu Aachen und ber Toosberg.
Sp war Aachen durch die Liſt des alten Weibes
von dem Untergange gerettet. Der Berg ift noch vor
den Thoren der Stadt zu fehen, und oft wandern die
Aachener Bürger zu feiner freundlichen, fonnigen Höhe
hin, nicht daran denfend, wie unheilooll er einft für
die liebe Vaterſtadt hätte werden können. Und die tiefe
Gaſſe die noch jett den Loosberg von St. Salvas
tor ſcheidet, tft Durch das heftige Niederwerfen durch
Meifter Urian entftanden, indem diefe von dem Etoß
in der Mitte platte und fo die beiden Berge bildete.
Während nın an dem Hauptthor der Kirche, wels
ched dem Baptifterinm zugewandt ift, und den Namen
ber Wolfsthüre führt, das in Stein gehauene Bild
des armen Opfers zu ſehen ift, vuft noch heutigen
Tages der Name Loosberg dem Wanderer ind Ans
denfen zurück, daß ein Weib felbft dem Teufel zu 108”
war, und ihn durch ihre Kniffe anführte, Die Aachnes
rinnen haben ein Recht, noch jetzt darauf ſtolz zu fein,
wenn fie an bad dadurch abgewandte Unheil denken.
*) 1003, lus, loſe — verfchlagen, verfchmigt, pfiffig.
Die buckligen Muſikanten.
Am Tage St. Mathäi, im Jahre nach des Welterloͤ⸗
ferd Geburt 1549, kam ein armer bucdliger Spielmann
fpät in der Nacht nach Aachen von einem Dorfe zurüd,
mwofelbft er bei einer Hochzeit aufgefpielt hatte. Halb
im Zaumel, befümmerte ihn weder Zeit noch Drt, und
fo ging er denn wohlgemuthet am Münfter vorbei, als
eben die Thurmglode Mitternacht brummte. Da aber
erfchrat er auch um fo mehr, ald er nun hörte wie
fpät es in der Nacht fei, und dazu fi in der Luft
ein feltfames Gefchwirre, wie von Eulen und Fleder⸗
mausflügeln, vernehmen ließ. Schnellen Schrittes eilte
er, dem Grand der Geifterftunde und ihrem Spuke zu
entfliehen, und beugte ſchüchtern in die Schmiedftraße
ein, um durch fie zu feiner Wohnung zu gelangen,
welche in der Sakobftraße gelegen. Was begegnete ihm
4 "Die budiigen Maſtkanten.
aber, ald er dad Perviſch (den Fiſchmarkt) betrat!
Ale Fifchbänfe fchimmterten von unzähligen Kichtern,
welche weithin die dunkle Nacht erhellten; Töftliche
Speifen waren in goldenen und filbernen Schüffeln auf
aufgetragen, und yerlender Wein blinfte in großen
Kryftallfrügen. Um Alles herum aber faß eine Menge
der reichgefleidetfien Damen und ließen ed fich trefflich
ſchmecken. Erfchroden hodte fi) der Spielmann it
eine Ede, denn nun erinnerte er fid} entfeßt der Qua⸗
tember-Nacıt und ihres Hexenſpuks. — Doc es war
zu fpät: eine ber zunaͤchſt fitenden Damen hatte ih
. bereitö bemerft, und führte ihn zu Tifche. Dann aber
fprach fie zit dem Spielmann, ber mit vor Angft klap⸗
pernben Zähnen und fchlotternden Knieen daſtand:
„Kürchte Dich nicht, und fpiele uns eine Iuftige Weiſe
auf; wir'werden Dir deffen Dank willen.” Und indem
fie fo ſprach, reichte fie dem Zagenden einen Pokal mit:
würzigem Wein gefüllt. Diefer ermuthigte wınderfam
den Spielmann bdergeftalt, daß, fobald er den Becher
bis auf die Nagelprobe geleert hatte, er feine Geige
zur Hand nahm und Iuftig zu fiedeln beganıt.
Da wurden eilig die Bänfe mit Allem was baranf
ftand, bei Seite gefchafft, und die Damen, unter denen
er manche vornehme Frau aus der Stadt zu erkennen
glaubte, erhoben ſich allzumal bei dem Torte "feiner
Geige, und bald wirbelten die Paare durcheinander.
Kun aber ging es immer fchneller und fchneller, und
der Spielmann geigte, wie von unfichtbarer Hand ges
trieben, immer toller darauf los, fo daß er mehrmals
vermeinte, die Saiten mÄßten in taufend Stücke zer⸗
Die budligen Mufilanten. 95
fpringen und ihm Hören und Sehen vergehen. — In⸗
.deffen fauften die Paare noch immer Durdjeinander,
während fein Arm fräftig den Bogen führte, und fein
Spiel von felbft aus einer Weife in die andere üler-
ging, und oft fo ſtark wurde, daß es ihn bedünfte, als
fei eim ganzes Conzert von Geigen und gellenden Flöten
hinter ibm aufgeftellt, welche alle in feine Töne ein⸗
ftimmten, und ihm dad Ganze wie ein wirrer Traum
vorfam. Da fummte endlich Die Thurmuhr drei Viertel
auf Eins, und plöglic, hielten Die Paare in ſichtbarer Ers
fhöpfung inne; Alles wurde wieder mit einem Male ruhig
und in feine vorige Ordnung gerückt. LUnentfchloffen ftand
aber der Spielmann da, nicht wiffend, ob er bleiben müſſe,
oder ſcheiden dürfe. Da trat die frühere Dame wieder
zu ihm heran, und ſprach: „Braver Spielmann, Du
haft und mwacer vergrügt, drum Toll Dir auch nun des,
Lohnes werden! Und damit hatte fie ihm bereits fein
Wand ausgezogen, und ehe er noch recht zur Beſinnung
fommen fonnte, war fie fchon hinter ihn getreten, und
hatte ihm mit einem Griffe feinen Höcker abgenommen.
Wer war frober als unfer erleichterter Spielmann!
Danfvurchdrungen wollte er niederfallen vor feiner Wohls
thäterin, — da aber ſchlug ed Eins, und Damen,
Lichter und Schüffeln waren verfihwunden, und nur der
Spielmann ftand noch allein in der dunfeln Nadıf. Da
aber fühlte er abermals nach feinem Rüden; denn ihm
war es noch immer zu Muthe, ald fei fein ganzes
Abenteuer ein wirrer Traum gewefen. Doch nein, ed
war Wirklichkeit, er war gerade und fchlanf, und fein
Höder verfchwunden. Wer vermöchte wohl Die Freude
96 Die buckligen Wufilanten,
feined Herzens zu befchreiben, in weldyer er nun nad
feinem Wams griff, Dad vor ihm auf der Erbe liegen
geblieben! Doch noch eine zweite follte ihm beſchieden
fein, denn als er daſſelbe aufnahm, fam es ihm unge
wöhnlich ſchwer vor; und ald er nach der Urfache dieſer
außergewöhnlichen Gewichtigfeit forfihte, fand er deſſen
beide Zafchen mit Gold gefüllt und eilte ald ein zwiefach
glücklicher Mann nach feiner Wohnung.
Dort aber erkannte die harrende Frau ihren vers .
wandelten Mann fait nicht mehr wieder, bis ihr feine
Erzählung von dem Begegniffe der Nacht den Hergang
erklärte. Da ftaunte die fromme Frau fehr, und pries
den Himmel, der das Alles noch fo glücklich gefügt.
Am andern Morgen aber wurde bie Geige, Die all
das Gluf ind Haus gebracht, unter das Bilb des
Schutzpatrons aufgehängt, und fortan zum ewigen Ges
dächtniß für Kinder und Kindes- Kinder ald ein Heis
ligthum bewahrt. —
Des armen Spielmannd Glüd wurde nicht alſobalb
in der Nachbarſchaft bekannt, als es auch viele Neider
erregte, unter denen ſich vorzüglich ein anderer, eben⸗
falls buckliger Muſikant durch feinen giftigen Groll
auszeichnete. Seines vormaligen Geſellen nunmehriger
Vorzug quälte ihn Tag und Nacht, und richtete ſein
ganzes Sinnen und Trachten nur nach der Möglichkeit,
ed jenem gleich oder noch zuvor thun zu können. Des—⸗
wegen übte er ſich den ganzen Tag die fehönften Weifen
ein, und begab fih nun auf St. Gerhardi Nacht um
bie zwölfte Stunde nad) dem Perviſch. Dort fand er
auch richtig daffelbe Gelage, und warb hald Darauf
Die budligen Mufikanten, 97
zum Spielen aufgefordert. Aber welch ein Unterfchich! —
Kaum hatte er in ſtolzem Selbjtvertrauen feine luſtig⸗
fünftlichen Melodien angehoben, und die Damen fidy
zum Tanze erhoben, ald er auf einmal aus der Tanz⸗
weife in ein Sterbelicd fiel, und eine fo traurige und
herzbrechende Weife aufftedelte, daß hölfifches Gepfeife
und Gezifche fich um ihn herum erhob, und die Paare
fich trüdfelig darunter her "bewegten. Der Spielmann
aber, noch immer vermeinend, feine beften Melodien
vorzutragen, mufizirte ſtracks drauf los, und erwartete
nun, da ber Tanz geendet war, nichts weniger ald
einen noch reichern Lohn, denn fein Vorgänger, und
trat daher, Rod und Weite ausziehend, keck zum Tifche.
„Si, ei! befte Frau!” vief er fpöttifch, da er, in der
oben an dem Chrenplate der Tafel ſitzenden Dame bie
geftrenge Frau Bürgermeifterin zu erfennen glaubte,
die hier in aller Pracht und Herrlichkeit dem fonderbas
ren Mahle ypräfidirte — „was würde wohl der Herr
Gemahl fagen, wenn er fie hier auf der Beſenſtielfeſt⸗
lichfeit anträfe? Aber Iaffen Euer Gnaden mic; nicht
alfzulange hier ohne Lohn fliehen, denn die Nacht ift
kalt, und es fchlottern mir alle Knochen in der Herbfts
luft. Sch denke, mein Spiel ift doch noch wohl eines
beffern Preiſes werth, ald das des Stümpers, der Euch
beim leisten Feſte Die Ohren gellen machte?” Doch wie.
follte er ficy täufchen! Die Dame nahm im Nu den
Dedel von einer filbernen Schüffel, und ehe er ſich's
verfah, Fichte der darin aufbewahrte Höcker feined Ges
fellen vor feiner Bruſt. So fland denn der Reibhart
mit boppeltem Bollwerk umgeben, und traute feinen
| 7
J
- -
08 Die buckligen Muſikanten.
Augen nicht, bis im ſelben Momente beim erſten Schlage
der Morgenſtunde der Spuk verſchwand, und er ſich
unter zwiefacher Laſt nach Hauſe trollen konnte.
Noch lange Jahre hindurch mußte er das Warnungs-
zeichen ſeiner Mißgunſt mit herum ſchleppen, und die
Eltern pflegten ihren Kindern bei ſeinem Anblicke die
Geſchichte zu erzählen.
5
A! r "
Vfalzgraf und Kaiſerstochter.
Zeit als Otto, der Dritte dieſes Namens, aus
ſaͤchſiſchen Kaiſerhauſe, in zarter Jugend den Thron
x ruhmbekraͤnzten Vorfahren beſtiegen hatte und
ig von Deutſchland geworden war, leitete die gries
ye Prinzeſſin Theofania, Dtto’d ded Zweiten
twe und Mutter des jungen Königs, eine überaus
andte und mit den herrlichften Eigenfchaften begabte
4, das Staatöregiment., Nur durd ihre Klug⸗
war dem jungen Dtto das Reich erhalten worden,
m er an dem römifchen Konful Crescentius Nomen
s, und vorzüglich an dem Baiernherzoge Heinrich,
nachmaligen Könige Heinrich II., gefährliche Neben⸗
er hatte, von denen der letztere ihn einmal heimlich
ngen nehmen ließ, und nur auf die wiederholten Bor,
ingen und Drohungen der fammtlichen Neichsftände
er herausgab, Theofania gab ihrem Sohne ben
416777
100 Pfalzgraf und Kaiſerstochter.
gelehrten Gerber, der nachmals den Stuhl Petri als
Sylveſter IT. beſtieg, zum Lehrer, und dieſer große
Mann bildete feines Zoͤglings Herz und Geift, flößte
ihm die Tugenden und erhabenen Öefinnungen ein,
. welche den Negenten zieren, und erregte burd; feine
weifen Lehren und fein Beifpiel Dtto’d Milde und
Freigebigfeit, weldye bes Königs Furzes Leben zierten,
und feinen Tod allgemein betrauert machten.
Unter den Räthen der verwittiweten Kaiferin war
Ezo, Pfalzgraf von Aachen, ein Manıt, der, objchon
in der Blüthe feines Lebens, doc an Rath und That
einer der erften war, und feinem ber Altern Rathgeber
im Geringſten nachſtand. Er hatte durch feine weifen
Entfchließungen, kurz vor dem Beginne diefer Gefchichte
vermocht, daß der König Lothar von Franfreich, der
in Lotharingen eingefallen war und die Stadt Verdun
in Befit genommen hatte, diefen Platz baldigft verließ
und ſich ohne Schmwerbtfchlag in feine Erblande zurüds
309. Er war bei Otto's Gefangennehmung und nad
maliger Befreiung einer der Fühnften Sprecher gegen
Heinrich von Baiern gewefen, und beforgte mit uner
müdlichem Eifer die Gefchäfte des Reichs und bed
Könige. Deswegen hatte ihn Theofania befonders lieb⸗
gewonnen, und zu ihrem DVertrauten erhoben, beffen
fie fi) bei den Sorgen und Gefchäften, mit denen fe
überhäuft war, mit Vorliebe bediente, Und Ezo recht
fertigte das Vertrauen der Kaiferin, denn ed war
unter den Herren am Hofe Feiner aufmerkffamer und
fleißiger ald der junge Pfalzgraf, der darım von Allen
geachtet wurde, und fich durch. feine Tentfelige Gemuͤths⸗
—
vfategraf und Kaiſerstochter. 101
art die meiſten Großen zu Freunden machte. Auch
ber König gewann Herrn Ezo lieb, der ihn in den
Leibesübungen, die ſich für einen ritterlichen Süngling
ſchickten, unterwies, und von deffen treuen und uneis
. gennüßigen Dienftleiftungen feine Mutter ihm fchon oft
berichtet hatte. So war der Pfalzgraf bald der erfte
Kath der Kaiferin, welche füch feiner in den meiften
Unternehmungen bediente, Die Klugheit, Umficht und
Berfchwiegenheit forderten, und der Liebling Otto's und
der Öntgefinnten des Hofed. „u
POPTWERGBREBPT |;
In dem adelichen Kloſterſtifte zu Effen, jenfeits
bed Rheins, faß in einem fchöngewölbten und ziers
lich eingerichteten Kämmerlein, Frau Adelheid, bie
Schweiter des verftsrbenen Kaiferd, und Aebtiffin des
Klofterd, ihr zur Seite an dem gefchweiften Fenſter⸗
bogen ein junges blühendes Mädchen. Blonde Flechten
fielen über den Schwanenhals hinunter, und die fanften
blauen Augen fchauten züchtig auf Die Arbeit, welche
ihre niedlichen Finger hielten, während die Strahlen
der Morgenfonne durch die buntgemalten Fenfterfcheiben
fielen, und das Zimmerlein und die Anmwefenden mit
einem wunderbaren Farbenglanz übergoffen. Ein fünfts .
lich gefchnigtes Bild der Mutter Gotted prangte auf
einem Kleinen Altar, um ben mehrere Heiligenbilder
mit zierlich vergoldeten Rahmen und feinem Schnißs
werfe herumbingen, welche Tieblich aus der Teuchtenden
Einfaffung hervorfchanten. Bor dem Marienbilde ſtan⸗
den zwei porzellanene Gefäße mit füßdnftenben Blumen,
103 Pfalzgraf und Kaiferstochter.
deren mannigfaltige Farben mit dem glühenden. Feuer
bes Fenfterglafes zu wetteifern fchienen. Das holde
Mägdlein war Mathilde, die Schwefter des jungen
Königs Otto, welche der Aebtifiin, ihrer Tante, zur
Erziehung übergeben worden war, und von ihr zum
Klofterleben beftimmt wurde. Denn die Nebtiffin war
eine Frau von großer Frommigfeit, und wiünfchte ihre
Pflegebefohlene, welche fie herzlid, liebte, fern von bem
Sewühle der Melt, je eher je beffer, in dem Schuße
der Flöfterlichen Mauern mit dem Schleier beffeibet zu
ſeben, ohne erft Mathildens Neigung zu erfragen.
Das ſchüchterne Mädchen wagte nicht, fich der
Tante, welche fie innigft verehrte, zu widerfegen, obſchon
fie feinen innern Beruf zum Klofterleben erfannte, denn
ein Augenblic hatte über das Schickſal ihred Lebens
entfihieden: fie liebte, aber ohne Hoffnung. Dei ihrer
legten Anmefenheit zu Aachen hatte der junge Pfalz
graf, fowohl Durch feine fihöne Geſtalt, ald durch feine
einnehmenden Neden, feine Tapferkeit und feinen Hoch—⸗
finn, das Herz der zarten Jungfrau gefeffelt: das
Morgenroth der Sugendliebe war ihr aufgegangen.
Und da fie von allen Anweſenden nnd felbft von ihrer
Mutter Ezo's Lob vernahm, und fah, welche ehrenvolle
Anszeichnung ihm zu Theil wurde, da war es in ihrem
Herzen befchloffen: Diefen oder Keinen!
Aber auch dem Pfalzgrafer war es ergangen, wie
Mathilden. Mehre Male verwirrte er fich augenfcheins
lich, wenn fie ihn im Gefpräche anblickte, ein glühendes
Roth überflog feine Wangen, und er fah fill vor ſich
nieder, Doch, obſchon aus alten abeligen Gefchlechte,
Pfalzgraf und Kaiſerstochter. 403
wagte et ed nicht, ſeine Augen und Wuͤnſche bis zu
einer Prinzeffin und Kaijerötochter zu erheben, und
felbft die Gefchichte Eginhard’d und Emma’, an weldhe
er oft dachte, konnte ihm Feinen größern Muth ein—
flöüßen. Er beruhigte den gewaltfam pochenden Bufen,
der oft die Hülle zu fprengen drohte, wenn er in Ge
fellfchaft der Geliebten war, und fie fi) ihm mit
Scüchternheit und Milde näherte. So fam ed zwifchen
den Liebenden mie zu Worten, obfchon ihre Blicke ſich
genug fagten, denn Ezo hielt ſich immer in gemeſſener
Entfernung von der Prinzeſſin, er zagte und fürchtete
von der Entdeckung einen unglücklichen Musgang für
fih und Mathilden, deswegen hielt er's für beffer, fich
ganz zurfd zu ziehen, und fih nur ba, wo fein Amt
und feine Pflicht ed nothwendig machten, vor der Prins
zeffin zu zeigen. So Fam es, daß, ald Mathildens
Anfenthalt am Hofe zu Ende ging, und fie nach Effen
zu ber Aebtiſſin zurückkehrte, dieſe eine große Berände:
rung an ihr merkte, fie war oft zerfirent und in fich
gekehrt, fo daß ihr Geift bisweilen abwefend und an—
derswo zu weilen ſchien. — |
So war e3 and) wieder heute. Mathilde hatte
ſchon lange durch dad Fenfter geftarrt, wo im fehör
eingerichteten Kloftergarten taufend ſchoͤne Blümlein
blühten und die zwitfchernden Vögel ſich des beleben
den Strahles der Frühlingsfonne erfreueten. — Des
Mägdleins zarte Finger ruheten mit der umvollendeten
Arbeit in dem Schooße. Verwundert fchaute Die Aeb⸗
tijfin fie eine Zeitlang an, dann brach fie aber Das
lange Stillſchweigen:
iv Pfalzgraf und Kaiferstochter,
„Bas Habt Ihr denn, Mathilde, daß Shr ba
wieder ind Blaue hineinfehet, und der Arbeit nicht Acht
habt, welche Euren Händen entfallen iſt?“
„Sch dachte” — erwiderte jene ſchnell, ſtockte aber
plößlich, die Aebtiffin anblickend, und fchlug verwirrt .
die Augen nieder.
Kopffihüttelnd wendete die Aebtiffin fich ab, und
ſprach für füch, indem fie zum Altar trat, und fi) auf
den Stufen deffelben zum Beten niederließ: -
„Die wird nimmerhin eine gute Kloftergeiftliche,
‚troß der Sorgfalt, womit ich fie zu dieſem Stand er
ziehe. Des Himmeld Wille gefchehe!
— —
Zu Aachen in der Kaiſerpfalz befand ſich an einem
dachmittage König Otto in Geſellſchaft feiner beiden
Schweſtern, Sophia und Adelheid, und mehrer Gros
Ben feines Hofſtaates; unter ihnen war auch Pfalzgraf
Ezo. Da begab es ſich, daß der junge König, der ein
großer Freund des Schachfpield war, und darin einem
Seden fliehen zu Tonnen glaubte, den Pfalzgrafen zu
einem Gange auf dem Schachbrett entbot.
Herr Ezo war fogleich bereit, Otto's Gefuche Folge
zu leiften, denn er hatte fich in dieſem finnreichen Spiele
genbt und eine ziemliche Fertigfeit darin erworben.
Nachdem nun ein Diener dad Spiel hereingebracht,
und die beiden Kämpfer fih am Tiſche niedergelaffen
hatten, ward ald Bedingung feftgefegt, daß derjenige,
weicher den Gegner in drei Gängen nacheinander bes
Pfalzgraf und Kaiſerstochter. 105
fiegen würbe, einen beliebigen Preis von bem Andern
fordern koͤnne, den biefer ihm, fo es in feinem Vermoͤ⸗
gen ftehe, geben mürfle.
Aber Ezo hatte fchon bei fich beftimmt, welchen
Preis er von dem Könige fordern wollte, im Kalle er
das Glück haben würde, Sieger zu fein. Er fah diefen
Zufall ald die größte Gunſt Fortunend an, denn er
hatte fogleich bei füch befchloffen, feinen andern Sieges⸗
preis zu heifchen, ald Mathilden. Deswegen zitterte
.er fichtlich, ald der König das Spiel begann und er
Dagegen fegen mußte, denn wie leicht Konnte er verlie⸗
ren, und bann flürzte dad SKartengebäude feines ges
träumten Himmelreichs in ein Nichte zufammen! Doc
verlor er feine Geiſtesgegenwart nicht. In jeder
Figur, womit er auf ben Gegner anrüdte, fah er
feine Mathilde, dies machte ihn fehr vorfichtig, fo baß
Otto, der fih alle erfinnlihe Mühe gab, ihn in bie
Enge zu treiben, troß feinem kunſtreichen Spiel ihm
nichts anhaben Eonnte.
Das erfle Spiel war beendigt, ber König matt.
Ezo, zwiſchen Furcht und Hoffnung fchwebend,
danfte dem Himmel, aber er hatte noch die größte Ges
fahr zu beftehen, denn der König konnte jeßt feine
Anftrengungen verdoppeln, um einer nocdhmaligen Nies
Derlage zu entgehen. Das zweite Spiel begann. Otto,
ärgerlidy über feinen Verluſt, fpielte hitiger, und gab
fihh Dadurch Mehre Blößen, welche der Pfalzgraf bes
subte, fo gut er ed vermochte. So ging ed in einem
fort, uud am Schluffe bes dritten Spiels war Ezo
Sieger.
106 pfaͤlzgraf und Kaiſerstochter.
Der Koͤnig war dreimal matt geworden.
Wer vermag zu beſchreiben, was in Ezo's Gemuͤthe
vorging! Es war jetzt an ihm, den Preis zu fordern.
Mathildens Name ſchwebte ihm auf der Zunge, aber
immer ſchwieg er wieder.
Wie leicht, dachte er, kann der König dir troß
ſeines gegebenen Wortes die Schweſter abfchlagen, unb
ſich entfchuldigen, Daß es fo nicht gemeint gewefen fey.
Wie unglücklich wäreft du dann, da du fo alle Hoffnung
verloren hättet, und befchänt vor dem ganzen Hofe
abziehen müßteft, Die Anderen aber fohauten verwuns
dert auf den Pfalzgrafen, und erwarteten, daß er fi
ein großes Gefchent in Gold und Silber, eine Stadt
oder gar ein Herzogtbum von dem Könige ausbitten
würde, Endlich flegte das Vertrauen auf fi und
Otto in des Pfalzgrafen Bruft, entfchloffen trat er zum
harrenden König, und ließ ſich auf ein Knie vor ihm
nieder, aber nur mit leifer zitternder Stimme vermochte
er die Worte hervorzubringen:
„Hoher Herr, gebet mir Mathilden, Eure Schwes
fter, ich Tiebe fie fchon lange, und Ihr macht dadurch
zwei Herzen glücklich! |
Staunend fahen die Hofleute den Pfalzgrafen an,
der fein Schifal erwartend noch immer vor dem Könige
das Knie beugte. Da trat Theofania in den Saal,
and als man ihr auf ihre Frage wegen bed fonderbaren
Auftritts den Vorfall erzählte, befchloß fie fogleich ſich
des Pfalzgrafen anzunehmen. Darum trat fie zum
Könige — der noch immer unentfchloffen daſtand, umd
nicht wußte was er thun folte — und fprach zu Ihm:
Pfalzgraf und Kaiſerstochter. 107
„Mein Sohn, Shr müſſet Euer Berfprechen hals
ten. Gebet dem -Pfalzgrafen Mathilden, er hat fie um
Euch und mid verdient. Mein mütterlicher Segen
wird den Bund der Liebe krönen.“ — Und Otto, der
Theofania als feine Mutter, feine Befchügerin und Rath⸗
geberin über Alles achtete und liebte, fand feinen Aus
genblid an, ihrer Bitte Gewährung zu leiften, fo daß
es fchien als habe er nur ihre Dazmwifchenkunft erwartet,
um den Pfalsgrafen, den er fchon lange als feinen
treneften Diener erfannt hatte, zu beglücken. „Nehmt
fie denn bin,’ ſprach er — Ezo liebevoll aufhebend —
„und ſeyd glücklich. Bleibt Eurem König und Bruder
freu, und er wird immer für Euch in Liebe forgen.”
Ezo wußte fih vor Wonne nicht zu fallen. Er
glaubte Faum feinen Ohren trauen zu dürfen, als
er ded Königs liebevolle Antwort vernahm und dankte
Dtto und Theofania tauſendmal im feligften Entzüden.
Glückwünſchend umringten ihn feine Freunde, und Alle
waren höchlich erfreut, Daß die Sache einen fo guten
- Ausgang genommen, denn fie liebten und achteten Alle
ben Pfalzgrafen.
Und diefer begab fich mit einem Schreiben des
Königs fogleich auf den Weg nad) Effen, um feine
liebliche Braut nach Aachen abzuholen.
— e ⸗ñt
Der Frühgotteddienft war vorbei, bie Nonnen
waren wieder zu ihren Zellen zurüchgefehrt, als zwei
Reiter auf dDampfenden Roſſen vor der äußern Pforte
des Kloſters hielten, und Einlaß begehrten. Das Thor
108 Dfalzgraf und Kaiferstochter.
wurde geöffnet. Der vordere Reiter fprang ab und
gab dem Diener dad Roß zu halten, worauf er eintrat,
und die Prinzeffin Mathilde zu fprechen wäünfchte. Man
führte ihn fogleich in dad Sprechzimmer, wo die Prins
zeſſin gleich darauf eintrat. Sie erröthete fanft, als
fie den Pfalzgrafen erkannte, der ſich ihr mit achtungss
vollem Gruße näherte, und aus feinem Lederkoller
einen Brief hervorzog, den er ihr überreichte. Der
Inhalt des Briefed aber, den Mathilde auffchlug und
Jas, war folgender:
„Seliebte Schmweiter !”
DBegrüßet in dem Ueberbringer viefed Schreibens
Unfern lieben und getreuen Pfalzgrafen, Herrn Ezo,
Euren beftimmten Bräutigam, und fommt in feiner
Geſellſchaft fo bald es Euch beliebet zu Uns und Eurer
Mutter nad Aachen. Herr Ego wird Euch den Her
gang der Sache mündlich erzählen, und Euch der Zu
neigung verfichern, womit ich bin Euer Bruder
Dtto
In unfern Pallaft zu Wachen,
am 22. des Wonnemondes.
Mit einem ungewiffen Blick fah Mathilde auf. Sie
wußte nicht ob es Traum, ob es Wirklichfeit war, fie,
fah noch immer in bie Schrift, um fich zu überzeugen,
daß es Feine Täuſchung fey, denn mer vermag fich im
eriten Augenblife eines niegeahnten Glücks von dem
wirklichen Dafein deffelben überzeugen: dann aber fchaute
fie mit einem Blick vol unauöfprechlicher Liebe auf den
Pfalzgrafen.
Pfalzgraf und Kaiferstochter- 109
„Mathilde, meine Mathilde!’ jubelte Ezo auf und
die höchfte Seligkeit fpiegelte fich in feinem Auge, er eilte
auf bie Geliebte zu, und drüdte fie im Taumel des,
Entzüdend an die Hopfende Bruft. Und der erfte Kuß
befiegelte den gejchloffenen Bund.
Nun begaben fich die Liebenden zur Aebtiſſin. Als
die Prinzefiin Diefer eröffnete, daß fie nad) Aachen ziehen
und fich mit dem Pfalzgrafen vermählen würde, äußerte
fi der Unwille der geiftlichen Frau, und der Pfalzgraf
mußte manch hartes Wort von ihr hören, da fie Durchs . .
aus nicht in Mathildens Entfernung willigen wollte,
und doc noch immer den Glauben hegte, daß dieſe
ſich zum geiftlichen Stande bequemen werde. Die Prinz
zefjin aber fand mit niedergefchlagenen Augen, einem
Tieblichen Heiligenbildchen gleich, neben dem Geliebten,
welcher die vielen Worte der Aebtiffin ruhig und getroft
anhörte, und nachdem fie geendet hatte, zu feiner
einzigen Rechtfertigung den Brief des Königs aus
Mathildens Händen nahm, und ihn der Aebtiffin hin⸗
hielt. Nachdem diefe nun Otto's Schreiben gelefen,
vermochte fie freilich nichts mehr gegen die Heirath
einzuwenden, und mußte fchon ihre Einwilligung geben,
was fie auch that.
Sie tröftete fich mit der Ausficht, Daß eine oder
die andere der Faiferlichen Prinzeffinnen das, wie fie
meinte, von Mathilden verfcherzte Glück ergreifen
würde, was auch wirklich gejchah, indem Adelheid
Hebtiffin zu Quedlinburg und Sophia Webtifjin zu
Gandersheim wurde,
110 Dfalzgraf und Kaiſerstochter.
Ezo und Mathilde reiften ab, nachdem fie ihren
Segen erhalten. Die Fahrt nad Aachen ging rafdı
vor ſich, und ber verfammtelte Hof empfing die Lieben:
den, welche bald darauf zu Brauweiler unter Theofas
nias mütterlichem Segen, durch die Hand bed Prieſters
auf ewig verbunden wurden.
Das ift Die wunderbare aber wahrhafte Hiftorie
von dem Pfalzgrafen und der Faiferlichen Prinzefſin,
wie fie in Chronifen und Gefchichtsbüchern Der vers
floffenen Zeiten erzählt wird, Ezo und Mathilde Tebten
lange glüclich beifammen in gettgefälligem Ehebunde,
uud dienten dem Herrn, der Alles fo glüdlich und
wohl gefügt hatte,
Der Hinzenthurm.
Im alten Limburger Sande, dort, wo die Emmaburg
fi) auf fleilen Felfenmaffen erhebt, gab es in ven
Felſen viele, jeßt meiſt verfihättete unterirdifche Gänge,
in denen ein Koboldgefchlecht fein Weſen trieb, welches
das Volf die Hinzenmännchen nannte. Bei Tage Tiefen
fie fidy zwar nicht fehen, in der Nacht_aber ging es
defto toller zu. Denn fo bald die Mitternachtftunde
gefchlagen, fchwärmten fie weithin in der Umgegend
herum, und machten ein ſolch Getöfe und Geklapper
an den -verichlofienen Hausthüren, daß Die Einwohner
nicht anders vermeinten, ald ziehe der leibhaftige Satan
mit fenem wilden Heere durch Straßen und Flur. —
Da8 dauerte dann eine gute Weile, bis endlich mit
dem Glockenſchlag Eins der Lärın fi) allmählig nach
ben Felfenklüften zurüdzog, und man baraus wohl
fchließen Fonnte, daß nun die Hinzenmänchen wieder
nadı Haufe gekehrt. Dort fing alddann ein Tufliges
Schmaufen und Subiliren an. In ihren Felfengängen
ward's plößlich helle, und manch verireter Hirt und
112 Der Hinzenthurm.
Wanderer hat, von dem wunderfamen Lichterjchein
gelodt, ed flaunend mit angefehen, wie das Kleine
Bölkchen Iuftig und wohlgemuth um langgedeckte
Tafeln gelagert, fi an den köſtlichen Speifen und
edelften Weinen ergößte. Sa einftend fogar erlaufchte
ein Feder Sägerburfche, der fich tiefer in die unmwegfane
Felsfchlucht hineingewagt, folgenden Gefang, der leiſe
und wunderbar durch die Gänge fchallte:
Sn ödem Felsgeftein
Um Mitternacht,
Beim hellen Ampelfcein,
Wenn rings des Schlummers Macht
Die Menfchen, die trägen, auf's Lager geftreikt,
Dann jubeln wir luſtig, fröhlich und frei,
Und ehe der Hahn noch die Schläfer gewedt,
Sft fchon unfer ganzes Gelage vorbei,
Heifa, Juchhei!
Alles vorbei!
Dann aber fah der verwegene Gefelle, wie drauf
die luſtigen Zecher mit den Heinen goldenen Bechern
zufammenftießen, und fröhliche8 Rufen und Zureden in
der Runde erging, bis endlich, als ſchon Morgenroth:
den Oſten purpurn ſäumte, dies Zechlied den Schmand
befchloß:
Laßt die Becher Ereifen,
Kling, Klang, Kling;
Laßt die Stund’ uns preifen,
Sing, Zang, Zing;
Was des Tages Scheinen
zrennt, Klang, Kling,
Muß die Nacht vereinen,
Trinkt, Zang, Zing.
n
Der Hinzgenthurm. * 115
Und wie ber lebte Klang verhallet, war auch Alles
verſchwunden. —
Doch theuer mußte der Lauſcher feinen Vorwitz
büßen, denn von dem Augenblide an, ta er den fans
senden Nacbaren dad Geficht Diefer Nacht erzählt,
verficchte er fihtbar an Leib und Gemüth. Der Geis
fterlieder Weife lag ihm immerbar im irren Sinne,
und als das nächfte Zwielicht über dad Gebirge herauf
309, ba fummte er noch einmal heil deffen Schlußreim
vor ſich bin, und eilte in wildem Sprung dem Feläge-
füfte zu. Nie bat eines Menſchen Blick ihn jemals
wiedergefehen. — |
Der unaudgefeßten Bennruhigung müde, ſannen in⸗
deß die Bewohner der Umgegend allefammt, wie fie fid)
wohl ver dem Spuke der Fleinen Koboldleutchen fichern
und davon befreien könnten. Befchwörungen, die fchon
öfters aus Prieftermunde über fie ergangen, richteten
nicht viel aus, denn obfchon die Hinzlein ſich alsdann
eine Zeitlang ruhig verhielten, fo Fehrten fie gleichſam
dem heiligen Werke zum Trotze, bald wieder zurüd,
und trieben dann noch tolferen Unfug. Da vereinten
fich endlich alle Bewohter des Gaues, auf gemeinfame
Koften eine Kapelle, und zwar dicht an dem Felfens
grunde der Emmaburg, zu erbauen, und füberten raſch
diefen Entfchluß zur That. — Bald fand des heiligen
Kreuzes Zierde auf dem neuen Gotteshaufe, und zur
Stunde, als fein geweihetes Glöcklein die Gläubigen
zur heiligen Meffe gerufen, war auch der Sinzlein
Spuk aus Felfen und Gegend fortgebannt.
114 Der Hingenthurm.
Kaum aber hatten die erlditen Landleute dem hodh-
weifen Magiftrat der freien Reichs⸗ und Krönungsftabt
Aachen die Anzeige von der Hinzen Verfchwinden aus
der Feldgegend der Emmaburg gemacht, jo ging fr
Aachen der Teufelsſpektakel los.
An dem äußern Stadtwalle zwiſchen dem Sand⸗
kaul⸗ und Kölner⸗Thore, ſtand ehemals ein hoher
Mauerthurm, deß unterirdiſche Gänge weit hinaus ind
Land führten. Niemand hatte bisher ſeine unerforſchten
Tiefen zu betreten gewagt, denn ſchaurige Sagen gin⸗
gen von ihnen umher. Dort fchlugen die Kobolde nuns
mehr ihren Wohnſitz auf, und trieben ed eben fo bunt,
wie vormals in ihrem Felspallaſt. — * |
Borzüglich wurden nun jedoch die Bewohner ven?
Kölnerftraße von ihnen geplagt. Zu gewiffen Zeiten
bed Jahres, welche durch mancherlei Vorzeichen, wie
3. B. ein leifed Pochen an der Hausthür, ein Picken
und Kniflern auf dem Heerd, oder ein Geraffel unter
dem Küchengefchirre angekündigt wurden, hielten bie
Hingen großes Feit, und die Einwohner waren alddann
genöthigt ein jeglicher Haushalt, ein Fupfernes band
gefcheuerted Gefchirr dazu herzugeben, wenn fie fid) ben
nächtlichen Frieden erfaufen wollten.
Denn in dem Haufe, vor deflen Pforte um bie
zehnte Stunde ein folches Gefchirre nicht fland, oder im
‚welchen gar einer der Inſaſſen fich eine Aeußerung ded
Unglaubend erlaubte, da konnte man drauf rechnen,
that auch Fein Chriftenmenfch ein Auge zu.
Gepolter, Trepp auf und ab, Gezifch und Geheul
in Rauchfang und Gängen, Turz ein wahrer Hüllen
Der Hingenthurm, 115
ſpektakel verfcheuchte den Schlummer ans, feinen Waͤn⸗
den. Dem Spötter aber, o bem ergings erft aber noch viel
jämmterlicher, der wurde von unfichtbaren Händen ders
maßen auf feinem Lager herumgezaust und tormentirt,
bag man ihn des Morgens wie halbtodt In feinem
Bette wiederfand. Ga einmal hat es ſich fogar beges
ben, daß zwei fühne Kriegögefellen, die in dem Haufe
zum Wildenmann im Quartier gelegen, den Hausherrn
weidlich ob dem vorerwähnten Keffelausfegen aufges
zogen, und fich vermeſſen, daß, ftatt blanker Gefcirre,
die Hinzlein ihre blanfen Degen finden ſollten. Weshalb
fie denn auch nicht gezaudert, und fich,. ald Die zehnte
„Stunde verfchollen, mit gezogener Wehr vor die Haus
thuͤr gefegt und wacker gezecht. Bald aber hat mar
nicht weiter ihr Iuftiged Singen gehört, fondern vers
wundernd wahrgenommen, wie fie in Zwiſt gerathen,
und endlich gar als ein paar blutdürftige Raufbolde,
einer dem andern unaufhörlih: Hinz! Hinz! zufchreiend,
felbander zu Leibe gegangen, unter welchem Gefchret
fie fid) auch durch das Hinzengäßchen bis vor den alten
Manerthurm getrieben, an deſſen Fuß man fle amt
folgenden Morgen, Einen von des Andern Schwerdte
durchrannt, Darnieder geſtreckt gefunden.
Solche ſchreckenvolle Beifpiele mußten die Bürger
wohl fattfam vor ähnlichem Frevel warnen, deswegen
blieb der Hinzlein Mahnung nie ohne Erfolg, und vor.
jeder Hausthür fand abendlicd, richtig ein Fupfern ober
irdenes Gefchirr zu ihrem Gebrauch bereit. Kam nun bie
Mitternacht heran, dann zog ein lärmenbes Getümmel
durch das, noch bis auf heutige Stunde nach ihnen
I G
116 Der Hinzenthurm.
benannte Gäßchen, bid gegen den Wildenmann in der
Kölner Straße heran, Bier aber theilte es ſich rechts
und links, und nachdem ed trapp, trapp, trapp, durch
das Stadtviertel die Runde gehalten, packte jedes
Hinzlein feinen Keflel auf, und nun dem Thurme zu.
Da aber wurde gejubelt, bis zum Sonnenaufgange,
des andern Morgend aber fand,jeder Eigenthümer fein
Kochgefchirr wieder blank und fauber vor feiner Thür,
diejenigen audgenommen, welche ihre Keffel nicht vols
lends reinlich ihnen dargeboten hatten, denn folche fans
den nicht allein diefe, fondern auch ihr ganzes Haus
über und über mit Koth und Schmuß befchmiert.
So trieben ed denn die muthwilligen Kobolde woh
manches Menfchenalter hindurch, und waren 8
feit langen Jahren heimiſch geworden, als ploͤtzlich bie
Weihung des Regulirherrn⸗Kloſters fie auch aus biefem
Aufenthalt fcheichte. |
Seitden hat nimmermehr etwas Weiteres von
ihrem Treiben verlautet, doch ob auch fchon Jahrhun⸗
derte zwifchen ihrem Scheiden und der Gegenwart lie
gen, und lange auch der alte Thurm, worinnen fie
gehauft, in feinem Schutte darnieder liegt, fo ruft ber
Kame Hinzengäßchen dod noch immer bad Ge
daͤchtniß ihres früheren Dafeind ins Leben zurüd.
Drachenfels und Rolandscc,
. Ir
}.
1
.
Mer ans dem Norden den Strom hinaufzieht um das
underherrliche Rheinthal zu beſuchen, ben begrüßen
uerſt als mächtige Stromwaͤchter auf dem rechten Ufer
ie luftigen Höhen des Siebengebirges, wie auf dem linken
men gegenüber, ſich die Kuppel erhebt, die einſt bie
attliche Rolandsvefte trug. Des Flachlandes Einerlei
ört, wie durch Zauber, anf bei Diefem gewaltigen
jergthore, Jedem wird Iebendig, warum ber Rhein
er Sage und des Sanges Bater genannt wird, dent
em Gemüthe und der Phantafie erfchließt fich eine
eue, reiche Welt.
Schwimmt der Wanderer auf bes Stromes grünen
Bellen durch died Paradies den nördlichen Rhein⸗
henen entgegen, fo winken ihm fchon aus weiter Ferne.
je freundlichen Berge mit ihren Lanbzimmern und
Be‘
118 Drachenfels und Rolandseck.
Burgtrümmern, ein wogendes Bergmeer, durch der
Sonne Strahl in mannigfaltigem Farbenwechſel belebt
und bewegt. Unwiderſtehlich fühlt er ſich nach den
Sonnengipfeln hingezogen, und Jeder beſucht wenigſtens
den Drachenfels, ſo heißt die ungeheure Felswand,
welche auf dem rechten Ufer mit ihrem grauſigen Gekläuft
fteil aus dem Strome anbaut, und auf ihrer Krone
noch die Trümmer einer alten Befte trägt... Gegen Norben
lehnt ſich an diefelbe das heitere Städtchen Königswinter,
wie im Süden das freundliche Nhöndorf hinter der
wilden Felewand Schub fucht wider den Nothwinbd.
Ueppiges Nebengelände und Baumgruppen ſchurder
des Berges Fuß und ſüdlichen Saum.
Sn dem Felſengeklüft, das von des Berges ſüdweſt⸗
lichen .Hange dem Wanderer entgegenflarrt, haufte In
vorchriſtlicher Zeit, ald das rechte Rheinufer noch im
blinden Heidenthume feufzte, ein grimmiger Drache, bem
die Bewohner ded Berges göttliche Verehrung zollten,
von dem auch der Berg den Namen Drachenfels
führt.
Wild und graufam waren bed Berges Anwöhner,
Krieg und Raub ihr Geſchäft. So zogen fie aud
einft aud auf Beute nach dem Iinfen Ufer, wo ſchon
des Chriſtenthums Segen waltete, und. Glüd geleitete
ihre Waffen, denn eine edle Chriften-Sungfrau, hold und
fhön wie die Mainacht ihrer Gauen, warb ihre Beute,
Zwei der Heiden-Anführer, die Mächtigften bed
Stammes, entbrannten in wilder Liebe für bie züchtige
Magd, aber weder der gewaltige Horsrif, noch ber gelenfe
Rinbod, fand Erhörung. Beider Leidenfchaft wuchs
Drachenfels und Rolandseck. 119
aber defto mehr, je flärker der Miderfland, und mit
ihr auch die gegenfeitige Eiferfucht. Was Flehen und
Schwuͤre nicht vermochten, follte Gewalt vollbringen;
aber Keiner wollte dem Andern den anmuthigen Preis
zugeftehen. jeder nannte fi Herr ber Beute bes
. Kampfes, und fo entfpann fi ein heftiger Streit
zwifchen Beiden, der felbfl den ganzen Stamm in zwei
fampfgierige Partheien theilte. Da fprachen die Aeltes
ften des Stammes: Es fey eine Schmad für das
Volk, daß ſich um eine Magd, bie nicht einmal zu dem
Ihren gehöre, die Edelften entzweiten, die Götter hätten
daher. die Jungfrau zu ihrer Beute erforen, und mit
nächtter Frühe folle fie dem Drachen geopfert werden.
Die beiden Reden mußten fih in den Willen der
Goͤtter fügen.
Sn aller Frühe des Tages, ald Taum das erfte
Roth erglomm, und bie Nebelriefen ihre mächtigen
eiber aus dem Strome erhoben, um ben alten Kampf
mit der Tages⸗Koͤnigin zu beginnen, wurde bie Jung⸗
frau heransgeführt auf den Felfen über der Höhle, in
welcher der grimme Drache wohnte, umb hier anges
fettet, eine fichere Beute des Unthierd. Fromm ergeben
in bes Emigen Willen, Fam feine Klage über ber
Jungfrau Lippen, ihr Blick ſchaute auf zum Often, ber
fi immer ffeblicher röthete. Hoch auf der Platte des
Berged harrte der ganze Stamm des Ausgangs. Go
wie bie erften Strahlen der Sonne über. dem Berge
leuchteten, wachte der Dracde auf, und gierig nad)
Beute, wälzte er fich ans feiner Höhle, ber Jungfrau
entgegen. '
-
2120 Dradenfels und Rolanbsced.
Der Augenblid fiheren Verderbens rhdte näher, ie
näher ihr bad ungeftaltete Ungethüm mit fürchterlich
drohendem Rachen kam — fchon wollte ed losſtürzen
auf feine Beute, — da zog die Sungfran ein Krenzlein
aud dem Bufen und hielt e& dem Lindwurm vor. Kaum
anfichtig des Zeichens, vor dem felbft der Hölle finftre
Scaaren erzittern, Inäuelte fid) der Drache zufammen,
und flürzte, zerfchelt an den Feldriffen, hinab in die
©tromfluth, die ihn auf immer verfchlang.
Staunen und Verwunderung erfaßte der Heiden
Schaar ob dem Wunder, dem fie faum zu glauben fid
frauten. Aus der erften Beftürzung erwacht, ſtand bie.
Sungfrau auch ſchon in ihrer Mitte, denn Rinbod
hatte fie der Fefjel entledigt, und fie auf ſtarkem Arme
zu der Höhe getragen.
Der Unfhuld Stimme fand bald Gehör in der
Unbaͤndigen Herzen, das Wort der Liebe ward ver⸗
nommen und befolgt, der ganze Stamm bekannte ſich
alſobald zu der Lehre Chriſti und war hocherfreut, als
die Jungfrau dem eifrigen Werber Rinbod ihre Hand
als Gattin reichte.
Auf des Drachenberges Gipfel führten ſie dem
Paare eine Wohnung auf, die Drachenburg genannt.
Die Trümmer, die jetzt des Berges Scheitel Frönen,
gehören zwar einer fpätern Zeit an, doch befucht fie
Seder; denn nicht mit dem Worte zu ſchildern find die
Fernfichten von dieſer Höhe, die herrlichiten des Rheins,
fo Iohnend durch ihren Wechſel, wie erfreuend durch ihre
Anmuth. Den füdlichen Vorgrund der Landichaft bilden
bie aus dem hellen Wogenfpiegel emportauchenden lieb⸗
“
Dradenfels und Rolandseck. 121
hen Eilande Grafen» und Nonnenwerth, and
effen bichten Baumlauben und anmuthigen Blumenges
egen die Weißen Gebäulichfeiten eines ehemaligen
rauenkloſters herauficimmern. Dem Nonnenwerthe
egenüber erhebt ſich auf dem linken Ufer teil, die dunkle
uppel mit ben gar fpärlichen Reften der alten Ro⸗
mdöburg.
Bor langen Sahren haufte auf Diefer Befte ein
mger Ritter. Geachtet und geliebt war Herr Ro⸗
zud im ganzen Sau und freundlicher Empfang warb
m, wo er nur immer einſprach. Oft befuchte er den
Htter vom Dradhenfeld, und immer häufiger wurden
ine Befuche, feit er des Grafen einzig Töchterlein Hils
egunde gefehen hatte, um fie herzinnig zu minnen.
ie Herzen verftanden ſich bald, und mit Freude vers
ahm der alte Ritter vom Drachenfeld von dem jungen
oland die Kunde, daß er Hildegunden liebe, und zum
elichen Gemahl begehre.
Schon war der Tag des Beilagers feſtgeſetzt, da rief
n Freund den Ritter Roland um Beiſtand an in arger
ehde, mit der er bedroht war, Roland folgte dem
ufe, wie ed Ritterpflicht und Ehre gebot.
- Eine Thräne zitterte in Hildegundend hellem Auge,
s Roland ben Abfchiedfuß auf ihre Lippen brüdte
1d baldige Heimkehr verſprach. Der innern Wehmuth,
er Angſt, die ihre Seele füllte, Fonnte fie feinen Aus⸗
uck geben, nie war ed ihr aber fo ſchwer geworden,
h von den Geliebten zu trennen. Als Roland ſchon
Berg hinab ritt, rief Hildegunde ihn noch einmal
trück, und bat ihn fehnlichft, Doch nicht zu ungeſtum
48 Drachenfels und Rolandsed:
des Kampfes Gefahr zu fuchen, und ihrer zu gedenken,
ſich ihretwegen zu ſchonen.
Roland verſprach, was bie Gelibte von ihn
heiſchte, und ſchied ſelbſt mit wehmuthsvollem Herzen. Die
Fehde rief ihn aber fern vom heimiſchen Gau, und er
focht noch fein Arm manch glänzenden Sieg, fehütte ihn
auch die Liebe im wildeften Getümmel, fo zog fich der
- Kampf doch in Die Länge, und drängte ihn feine Sehns
fucht auch nach der Heimath, fo wollte er doch bem
Freunde das gegebene Wort treuritterlich halten.
Kaum war der Fehde Ende aber da, fg: eilte
ach Roland, felbit des Freundes Danf nicht
achtend, nach dem Rheine und ohne auch nur auf ber
eigenen Burg einzufprechen, war der Drachenfels feines
Sehnens Ziel,
Am fpäten Abende Fam er in die Nähe ber Burg;
dumpfes Waffengetön und Sturmruf Ließ ihn das Roß
nody immer mehr antreiben. Was er geahnet, war
Wirklichfeit, Die Burg war von einem Raubritter übers
fallen und erſtürmt worden. Im innern Burghofe wüs
thete der Kampf, nahe der Entfcheidung für des Feindes
Waffen. Raſch wie der Blitz fuhr Roland unter bie
Streitenden, und feinem Schwerdt widerſtand Keiner.
Schon hatte er des Feindes Schaar aus dem äußern
Beenge getrieben, fein Beifpiel gab den Drachenfelfern
von neuem Muth und Kraft, Rolands Schlachtruf hallte
furchtbar durch dag Gebirge, Keiner wagte es feinem
Schwerdte zu ftehen.
Da warf fich ein Ritter dem blind Kämpfenden
entgegen, furchtbar toften und bröhnten die Waffen
Drachenfels und Rolandseck. 123
und Harnifche, ein wächtiger Schwerdtſtreich ſtreckte
ben Gegner leblos zu Boden. Die Räuber flohen, ber
Steg war bie Drachenfelfern, ihr Siegesruf fchallte
durch die Nacht, und halte jauchzend in den Bergen
wieder. Noland folgte den Fliehenden, und als er
zurückkehrte zur Burg, weld ein Anblid empfing ih.
Im ſtummen Schmerz flanden des Drachenfeld ’Mannen,
in fchmerzlichen, herzzerreißenden Sammertönen beffagte -
Hildegunde den Tod bed Vaters, über deſſen Leiche
hingeworfen, fie Alles um fich her vergaß. Roland
brängte ſich hinzu, um ber Geliebten beizuftehen und
fie zu tröften, aber Todesſchauer dDurchriefelte fein Ges
bein, als er beim Kadelfcheine erfannte, daß der Ritter,
den er erichlagen, Hildegundens Vater war.
„Ich bin fein Mörder!‘ rief er, „o Himmel vers
gib mir, Hildegunde, kannſt Du dem Frevler verzeihen?’
und flürgte nieder bei der Leiche. ‚Roland, Du —. fein
Mörder!” - rief mit heftigem Schrei bie Sungfrau, des
Geliebten Stimme erfennend, und tiefe Ohnmacht raubte
ihr die Befinnung.
Die fchöne Beute follte dem Tode noch nicht wers
den, Hildegunde erwachte wieder zum Leben, jebod)
auch ihr unfäglicher Schmerz. Sie hatte den Bater,
ihr Theuerfted auf Erden, verloren, und zwar durch
des Geliebten Hand, durch den, welchen ber Verblichene
ftolz feinen Sohn nannte, Thränen brachen des Schiners
zes ungeſtüme Heftigfeit, und wie ber ftille Gram ſich
ihrer Seele bemächtigt, hatte fie auch ben Vorſatz ges
faßt, der Welt und ihren Freuden, felbft dem Geliebten,
gu entfagen,
124 Drachenfels und Rolandseck.
Roland hörte den Entſchluß aus ihrem Munde,
und ed war fein Todesfpruch, aber weder Bitten noch
Flehen, nichtd Fonnte Hildegunde von dem Entfchluffe
abbringen, in der ftillen Freiftatt des Nonnenwerthed
Friede für ihre Seele, Troſt für ihren Schmerz zu
ſuchen. |
„sm Gebete werde ich Dein gedenfen, und vers
gefien, was Du mir warft,“ ſprach Hildegunde gefaßt,
als Roland fam, um noch einmal zu verfuchen fie zu
andern Gedanken zu vermögen. „Dort in der einfamen
Zelle finde ich, was mir die Welt doch nicht mehr bietemi
kann. Beten will ih, daß Gott Dir verzeihe, was
unmiffend Du thateft. Ich habe Dir verziehen.“
Rolands Lebensblume war gefnict, feines Daſeins
hoͤchſte Wonne empfing des Klofters enge Zelle. Waf
fen und Waidgeräthe rubeten, Harm und Gram zogen
nun in die fonft fo fröhliche Rolandsburg. Bon der
rofigen Frühe bis zum goldenen Abende faß Roland an
dem Erker der Burg, der hinausfchaute nach der Wohs
nung des Friedens auf dem grünen Eilande; glücklich
war er, wenn fein Auge nur die Geliebte erfpähte,
wenn er fie gewahrte, eine bleiche Lilie unter den
Blumen des Kfoftergartend. So verſtrichen Monde
und wieder Monde — da ertönten eines Tages in ber
Frühe die Klofterglödlein in feierlich abgemeilenen
Schlägen. Rolands Herz fagte ihm, wen der Trauer⸗
ton galt, und die letzte Thräne trat in das ſchon trockne
Auge, als er ſah, wie die Hülle Hildegundend Dem
Mutter⸗Schooße übergeben wurde. Des filen Grabes
Hügel, den der Schweftern Liebe zu einem blühenden
Dradenfels und Kolandseck. 125
Garten umſchuf, benz er barg ja auch ber Blumen
boldefte, ließ er nicht aud dem Blide, und fo fand
man ihn felig Lächelnd, nach dem Eilande hinübers
fchauend, eined Morgens dem Herrn entfchlafen.
Die Burgen Dradenfeld und Rolandsed find zwar
längit gebrochen, nur ihre Trümmer fprechen von ihrem
Dafein, und auf Rolandseck mahnt nur noch der von
bunfelm Epheu wild üppig umranfte Feniterbogen, ver
auf das Eiland Nonnenwerth hinausfieht, wo Hildes
gunde fhläft, Roland einft faß, aber immer und ewig
fagen und fingen die Sänger von Rolands treuer Liebe.
Die Stolzenburg.
Wenn der Waller das fruchtbare Urftthal von Gall
nach Dahbenden hinaufzieht, gewahrt er auf einer, and
ſchauerlichem, dichtem Gebüſche hervorragenden Felſen⸗
Kuppe, halb verwittertes Mauerwerk und eingeſunkene
Räume, welche die Ueberreſte einer Burg aus der
Vorzeit ſind, in der einſt ein hartherziger Ritter zum
Unheil der Umgegend und zum Schrecken d der Reiſenden
hauſte.
Sein Lebenszweck war Saufen, Rauben und Plün
dern, und feine größte Freude beftand im Unterdrücken
ber hartbedrängten Anwohner; darum war er von je
dermänniglich gehaßt und gefürchtet; feine Raubgenoffen
felbft hegten einen geheimen Widerwillen gegen ihn
und mochten ed im Gemüthe nicht billigen, daß er ben
armen Leuten in verwerflichem Webermuthe unnöthigen
Drud aufbürdete, ober dem Armen, der um ein Stüds
chen Brod bat, um ſich und die Seinigen vor gramfem
Hungertode zu retten, mit höhnifchem Gelächter von
.
|
Die Stolzenburg. 127
feinem Hofraume peitfchen, oder ihn gar von der Rotte
Haffender Hunde hinaushetzen ließ. |
Der Stolgenburger., fo hieß der Wütherich
(deun bis zum 10. oder 12. Jahrhundert hinauf, pfleg»
ten die Ritter ihre Familiennamen von ihren- Beften
herzuleiten), führte ein fo arges Leben, daß mandjer
fromme Dann blutige Thränen darüber hätte - weinen
mögen. Bon Geiz befeffen und der daraus entfprins
genden Habfucht getrieben, fammelte er fich durch die
himmelfchreiendften Mittel Schäße, nicht beherzigenb ber
frommen Spruch feines Haudgeiftlichen: „Unrecht Gut
hilft nicht, nur Geredhtigfeit hilft am Tage des ewigen
Zornes,“ vielmehr täglich fortfchreitend auf der breiten
Bahn des Böfen. Der Kaufherr zog darum auch mit
Furcht und Zittern den einfamen Thalweg hinan länge
dem Raubneſt bed goldgierigen Mannes, und nicht
felten war 88, daß er aus feinem wohlverftedten Hins
terhalt, worin er mit feinen Neifigen aufzulauern
pflegte, wenn er Kunde von einer bevorftehenden Beute
erhalten, verderbend hevorbrach, den vorüberziehenden
Wanderer aufhob, ihm feine Habfeligfeiten raubte und
ihn elend und blos dahinziehen Tieß, oder ihm gar das
Leben nahm. Heimgefehrt von Raub und Mord ergögte
er fich am Peinigen feiner Unterthanen, denen bad
wahrlich traurige Loos zu Theil geworben war, daß
fie auf Gottes fchöner Erbe nichts ihr eigen nennen
Tonnten, und felbft ihr elendes Leben von einem Winke
ded Zwingherren abhing. Die Unfchuld, die eheliche
Treue war in feinen Augen leerer Tand; und bie Dies
ner des göttlihen Wortes fchügte nicht ihe frommes
41% Die Stolgenburg.
"gu, und fanden bort nur noch bie Zinnen aus einem
ungeheuren Schlunde fpärlich hervorragen. Die Burg
war mit Allem, was darauf gewefen war, in den Abs
grund gefunten. Den Ritter hat man fpäterhin in
verfchiedenen trugvollen Geſtalten herumfchweben ges
fehen; am öftern erfcheint er als fchwarzer Hund und
muß in den tiefen Gängen der Burg feine Schäbe bes
wahren, die zu erheben fogar noch in neuerer Zeit
Menfcen aus fremden Landen gefommen, welche aud
wieder mit der Erfenntniß. abgezogen find, daß Alberw
heit fie bethört hatte,
. ‘m
17
Die Gründung der Abtei Steinfelh.
Unter des Regierung Kaifer Heinrichs des Vogiers
lebte im Kölner Erzſtift ein vornehmer und reicher
Graf, mit Namen Sibodo von Hochſteden, Herr
gen Altenahr. Sein Stamm warb von Keinem an,
ebler Herkunft übertroffen; er felbft that ſich ſchon
in feiner Jugend hervor durch chriftliche und ritterliche
Tugenden, und erwarb fich viele Kenntnifle in gelehrten
Dingen.
Es traf ſich einmal, daß Sib odo bei der Taufe
eines Kindes zugegen war und dieſes mit dem Zeichen
des Kreuzes ſegnen ſah. Das fiel ihm auf und er
forſchte nach der Urſache und frug feinen Hofmeiſter:
„Bin ich gleichfalls mit dem heiligen Krexze bezeichnet
worden, ald man mich taufte?“ — „Freilich,“ rwie⸗
derte ihm bisfer, „biſt Du ebenſo geſegnet wrden.“a*
9
133 Die Gründung bes Abtei Steinfelh,
„Wenn das ift,” verfegte drauf der Süngling, „fo
fehe ich gar nicht ein, weßhalb ic; mich felder woch
immerfort fegnen fol.” Und von diefer Stunbe au
unterließ er den chriſtlichen Gebrauch. Das merkte
alfobald der Teufel und dachte bei fih: Ei, ei, der
ift mir der rechte Gefelle; bei einem folchen Heren mag
ich gerne Diener fein.’ Nicht lange währte es, fo trat
er vor deu jungen Grafen hin, in ber Geftalt und
Kleidung eines Dienerd. „Wer bift Du?” frug diefer
ihn. „Mein Rame. ift Bonſchariant,“ erwiederte der
Arge; ich habe viele Länder Fennen gelernt und wünſche
jest in Euren Dienft zu treten.’ Dem Grafen war
das ganz recht, denn er fuchte eben einen Knappen,
und der Fremde dünkte ihn gewandt und thätig. Er
nahm ihn alfo zu ſich anf fein Schloß zu Ahr, und
berente es. nicht, denn niemals hatte ereinen unermüd⸗
lichern und rafchern Knecht gehabt. Diefer fah ihm
jeden Wunfch an den Augen ab und opferte ihm Tag -
und Nacht, wenn ed darauf anfam, wußte ihn auf
durch allerhand Kurzweil und gottlofe Streiche zu be
Inftigen.
Ded Grafen Ruhm nahm zu mit feinen Jahren.
Keiner übertraf ihn in ritterlicher Gewanbtheit und ex
blieb Sieger auf allen Turnieren: inftmald unter
nahmen fromme Ritter und Pilger einen Zug gegen die
Ungläubigen. Sibodo fchloß fidy ihnen an, und Überall
blieb den Ghriften das Schlachtfeld, wo er fich bei
ihnen befand. Der Diener begleitete ihn überaf, und
wurde ihn fo lieb, daß er fich nicht von ihm trennen
fonnte. So gefchah ed auch einmal, daß am: Rheint
Dle Gruͤndung der Abtei Steinfelt 1.38 '
ein Krieg’ ausbrach, und die Feinde in dag Fifelland
einfielen. Der Graf griff alsbald zu den Waffen: die
Gegner wurden mit blutigen Köpfen hetungeſtindt und
der Sieger zog mit den Seinen auf bag jenfeitige, Ufer
des Rheinſtromes. Gegen Abend entfernte er Sich luſt⸗
wandelnd von feiner Schaar und feßte ſich, vom
naſchen Ritt ermübet, unter "einen Baum, wo er ein⸗
füiflief. Dies war aber von ben Feinden erfpäht
worden, und fie befchloffen ihn gefangen zu nehmen,
ober zu töbten.. Schon waren fie dem Schlummeruden
gan; nahe, als Bonfchariant, die Gefahr merkend,
berbeieilte, den Grafen weckte und ihn im Nu auf,ken
Rüden Ind. Died fam Herrn Sibobd ganz fonderhar
vor, und er rief, halb verwundert, halb erfchrocden:
„Was wilft Du Sant?” Aber in bemfelben Augen
bfi@ traf der Waffenlärm der Herbeieilenden fein Ohr,
nad er fühlte wie Bonfchariant ſich in Die Luft erhob,
höher und immer höher, bis er endlich im Mondlichte
ben Rhein wie ein breited Band unter ſich erglänzen
fah. Gott fei mir gnädig! bebte auf Sibodo's Lippen,
aber in bemfelben Moment vernahm er feines Diener
faft unfenntlicd; gewordene Stimme, welche ihn rauh
anfuhr: „Schweige wit Deinem Geplärr und, halte
Did ruhig, oder ich werde Dir eine Taufe geben, daß
Du für Dein Leben lang davon genug haben. folk?"
Da wurde dem Grafen Har, mit wem er angebusben
hatte; er fagte Fein Wort mehr und vollendete, am, bie
Schultern feines vermeintlichen. Diener geflammert,
den Iuftigen Ritt, ber ihu in Siqꝛerheit zum andern
Ufer brachte.— . a Be
34 Die Gründung der Abtei Steinfan
u Auch nach dieſer Btgebenheit fuhr Vonſchariaut
fost, im Schloſſe zu Ahr zu verweilen. Sibodo hatte
zwar nachgerabe eine gewiſſe Scheu vor ihm befonmen,
und bie alte Herzlichkeit war verſchwunden; aber da
durch, den langen Umgang mit bem Böfen feine Zwei⸗
felfucht und Ungläubigfeit immer zugenommen hatte
und er an ihm fletd einen treuen und gehorſauen
Diener fand, ſo fuchte er feine Gewiffensbiffe Im
durch zu unterbrüden, daß ‘er fich ſelber fagte: er
„habe. doch mit, dem Schwarzen nie einen Pakt abge
ſchloſſen und dieſer befige feine Gewalt über ihn. Das
mis. beruhigte er fi, und das Berhältniß blieb daſſelbe.
Auch that Bonfchariant alles Mögliche, die Gunſt
feines Herrn zu bewahren. Es traf fich, daß Beide
einmal nach Köln ritten und dort in eine Herberge
einkehrten. Sibodo hatte fich ſchon Tängft zur Nähe
begeben, ald fein Begleiter in feine Kammer flürzte
und .mit den Worten: „Steht auf, Herr, ober Ihe
feid verloren!” weckte. In großer Angft fprang ber
Graf vom Lager und hatte faum Zeit feinen Mantel
umzuwerfen und ind Freie zu laufen, als fchon das
ganze Haus zufammenftürzte und Alle, die ed bewohn⸗
ten, unter feinen Trümmern begrub.
Jahre waren unterbeffen vergangen und Sibodo
war in allen weltlichen Dingen glücklich geweſen, ald
feige Gattin fchwer_ erfranfte, Die herbeigernfenen
Aerzte machten ein düfter Geficht und fagten dem Gras
fen, er möge die Hoffnung aufgeben, fie genefen zu
fehen. Da Fam noch ein Anderer dazu und fprad;:
Eine Arznei weiß ich, welche die Kranke reiten kann,
—
LU y — — y um ——
Die Srämbung deu Abtei Steinfelb. 135
aber ed wird‘ unmöglich fein, fie zu erhalten. Es ig
Milch von Loͤwinnen, mit Dracendl" wermifdf, Als
Sibodo das vernahm, ward er gar fehr betrübk, denn
er hielt nun feine edle Hausfrau für verkoren. Dyyıs
ſchariant aber tröftete den Grafen mit den Worten:
„Wenn das die Gräfin retten Tann, -fo verlaget Euch
auf mich und fie fol genefen.” Damit war. «vers
ſchwunden: die andern Diener hatte ihn wölreisen
gefehen. Nach zwei Stunden trat er wieber ind Zim⸗
wer mit der serlangten Arzenei, wehhe die ꝰGraͤfin
ähm, worauf fie fich bald, völig- hengeficht, wog:
Lager erhob. Wo Bonſchariant geweien war. erfuhr
Riemand als fein Herr; unfehlbar war er nach dee
beißen Zone Aethiopiens geflogen; : hatte bost eing
fäugende Lowin niebergeworfen und gemelll, dann einen
Drachen in feiner Höhle aufgefpürt, mit feinem Schwerte
derwundet und deſſen Herzblut aufgefangen. So war
daB vom Arzte verordnete Traͤnklein herbeigefchafft
Worben. ..
Der edeln Gräfin war aber doch bie Sache efinas
verdaͤchtig geworden, und fie lag ihrem Gemahl fo
lange an, bis er ihr entdedte, was ed mit bem angeb⸗
lichen Diener für eine Bewandniß habe. Da erſchrak
Die gotteöfürchtige Frau fehr und drang in ihn, dem
gefährlichen Gaft zu entfernen. Das aber wollte Sibodg
ducchansd nicht, und ftellte ihr vor, wie Pflichtvoll und
bienftfertig Bonfchariant ſich immerfork gegen ihn Bes
sömmen und wie er ihr und ihm das Leben gerettek
habe. Alles was fie Yon ihm erlangen Tonnte, war,
Daß er verfpräch, dem Haren eine Kircht und ein
—* Die Gründung ber Abtet Steinfein,
Eloſter zu welhen. Der geößte Theil des Landes; war
damalẽ voii dichter Waldung bedeckt, bie eine Fon⸗
ſetzung der Ardennen war und auch fo benannt wurde
In diefer Waldung ag eine öde Anhöhe, welche was
das Steinfeld nannte, weil der Boden felfig war um
nur weniges Gras und Geftrüpp fortfam. Diefen Drt
waͤhlts die Gräfin, um den Plan auszuführen, zu
weichele fi fie ihren Gemahl vermocht hatte, und woburd
f& 8effen Geele zu retten hoffte. e:
Der Ardenner Wald war ganz mit Wild gefüht, |
und Sibodo pflegte dort oft zu jagen, denn er ag
ein großer Freund ded edlen Waidwerks. Als er num
Binmaf auf einem foldhen Streifzug ſich befand, von
Bonſchariant begleitet, lenkte er fein Roß nach der
Gegend 588 Steinfelds hin. Als fie des Oxges anſchtig
wurden, begann er folgendermaßen: „Diefer Wald ift
fo weiß‘ entlegen von unferm Schloffe, daß die Jagd
in dentfelben immer mit großer Befchwerbe verbunden
ift, weil ed aw Wohnungen fehlt, wo wir einfchreg
kdunten. Sch tabe alſo befchloffen, auf dieſem Hügel,
den wir vor uns ſehen, ein Haus zu erbauen, das
uns als Jagdſchloß dienen ſoll, und in welchem wir
fröhliche Gelage halten mögen. So beweiſe mir. benr
and, wieder Demen guten Wilen und helfe mir bei
dem Werke.”
Als der Teufel worte, zu welchem Zwecke das Ge⸗
baͤude dienen ſollte, war er ſehr froh und allſogleich
bereit, dabei thätig zu fein. Kalk und Steine man
bald herbeigefchafft und eis felfenfeftes Fundament ges
legt. Obgleich Bonſchariant der einzige Baumeiſter
Die Srindang der Abtel Steinferd, 137
war, erhob fih Wie Mauer fchnel zu einen großen
Hoͤhe. In turzer Zeit ſtand ein flattliches Gebäude
? we geräumigen Saͤlen und Gängen. Als nun
nur wenig woch zur Vollendung fehlte, dachte der Graf:
Run Tann ich meinen Rorfag ausführen, und dem ohne
Mühe und Koften erbauen Haufe feine wahre Be:
fimmung geben. Hiemit ging er hinauf zur höchften
Spise und -pflanzte dort ein Kreuz auf, welches er
zu dieſem Zwecke bereitet und verborgen gehalten, hatte.
Kaum war Died gefchehen, fo grfchien der Teufel in
Der Luft, einen gewaltigen Stein tragend, den er in
den Thurm einmauern wollte, Sogleich erblidte er
bad Kreuz, fließ eine laute Verwünſchung aus, und
Phleuderte den Felsblock mit aller Mat von fid,
Damit er auf dad Gebäude fiele. Aber dem war nicht
fo: der Stein nahm, yon einer unfichtbaren Hand
getragen, eine andre Richtung, rolite über den Boden
weg, und blieb erft bei dem jebigen Dertchen Dieffens
bach liegen, wo man ihn noch unter dem Namen des
Tenfelöteind dem Fremden zeigt. Auf der Burg zu
Ahr Tieß fih von jenem Tage au der Diener nicht
mehr bliden, | .
Das Klofter zu Steinfeld wurbe bald vollendet
und Sibodo fihenfte_ dem Kölner Erzftift einen großen
Theil feiner Güter, um bie Nounen - des Benebiftiners
Drdens, melde es bezogen, reich zu begaben. Sm
Schleidener Kreiſe des Eifellandes liegen Zauf einem
Hügel die großartigen Gebäude, und überrafchen auch
noch in unfern Tagen durch ihren Umfang und ihre
fhöne Anlage, nachdem fo manche” Veränderungen
{38 Die Gründung ber Abtei. Steinelb.
daſelbſt Statt gefunden haben, feitgem bie Abtei, be
rühmt durch viele auögezeichuete und fromme Beiftliche,
welche in ihr gelebt, aufgehoben und Privat Eigen
geworben iſt. m.
Sn
Dr)
da
Die Brüder. -
Die laͤngſt in Trümmer gefallenen Burgen Sternfels
und Kiebenftein, auf fchroffen Felſen liegend, die nur
durch eine Kluft gefchieden find, gehörten vor Jahrhun⸗
derten dem edeln Geſchlechte der Beyer von Boppart,
deffen Namen man in ber Gefchichte des Rheinlandes
fo oft begegnet. Nicht immer indeß hatten die einander
fo nahe gelegenen Bergfchlöffer die nämlichen oder eins
ander befreunbete Befiter.
Heinrich Beyer erzog neben feinen beiden Söhnen
eine verwaifte junge Verwandte, Hildegard Brömfer,
and der berühmten Familie von Rüdesheim. Selbſt
wenn fie weniger Liebreiz, weniger anmuthige Einfach⸗
heit zu eigen gehabt hätte, wenn ſi ie weniger fromm
und anfpruchlos geweſen wäre, hätte doch dad Zufams
menleben mit ihr ‚ auf der flilen Burg, die nur felten
son Gäften befucht zu werben pflegte, allmählig eim
140 Die Brüder,
immer feftere® Band um bie Herzen der Jünglinge
fhlingen müffen. Wie viel mehr noch war dies jetzt
der Fall, da beibe fich geftehen mußten, daß Hildegard
. alle, die fie auf benachbarten Schlöffern der .Edellgute,
oder in den Städtchen im Rheintbal Fennen zu lernen
Gelegenheit gehabt, an ' Schönheit wie an mildem Sinne
übertraf,
Ein Fremder würde Heinrich und Conrad Tan
für Brüder gehalsen haben, jo unaͤhnlich waren fie eins
ander in Allem, ausgenommen in ihrer Borliebe für
ritterliche Uebungen und der Begierde nad; Thätigkeit.
Heinrich, der ältere, war ernft und verfchloffen; je
weniger er im erften Moment blendete, deſto feiter z0g
er die an fich, welche fein edles Herz und feine Charak⸗
terftärfe einmal..erfannt hatten. Eonrad war lebewbiger,
feuriger; or Tieß sich leicht vom erſten Eindruck hin
reißen, wie er auch auf Andere durdy fein freundliches
Entgegentommen bald günftigen Eindrud machte» Seine
Gefinnungen waren redblih, aber ihnen fehlte Beftan«
Digfeit.
Die Sahre der Kindheit waren vorüber — Hilde
gard zur blühenden Jungfrau herangewachfen, die Brüder
um einige Sahre älter ald fie. Das vertraute, geſchwiſter⸗
liche Berhältuiß hatte unter ihnen fortgewährt, ohne
daß einer anderg Forderungen gemacht, oder. auch nur
die Natur der Empfindungen ihm Far geworden wäre,
Aber fo Eonnte es nicht bleiben. Heinrich fühlte immer
mehr, wie der Eindrucd, den die junge Verwandte in
den Kinderfpielen anf ihn gemdcht hatte, tiefer und
tiefer in feinem Herzen wurgelte, und wie ihr Bild
Die Brüder, 141
Anzertreunlich war von feinen Träumen ber Zukunft.
Ein ruhigerzaber ſcharfer Beobachter, fonute er nicht
umhin zu erkennen, daß Conrads Blicke jedem Schritt
Hildegards folgten, daß er, ber Jugendfrohe, alle Ge⸗
ſellſchaft mied, um im ihrer Geſellſchaft zu ſein; daß auch
bei der Jungfrau manches Erröthen, mancher ‚pon ihr
unbegchtet geglaubte Seufzer verkündete,, fie kaͤmpfe
mit· bjisher ungekannten Gefühlen. Heinrich taͤuſchte ſich
nicht; wenn: Hildegard mit ſchweſterlicher Zuneigung au
dhmmbing, wenn fie in dem ernſten aber fanften Züngfinge
eineg Freund ehrte, einen Berather fuchte, fo gehörten
feinem Bruder wärmere Empfindungen, welche fe fich
ſelher faum zu geflehen und deutlich zu wachen wagte.
Aber fie konnten jenem nicht entgehn, und ein feiner
würdiger Entichluß ſtand im ihm feit, ſobald, er ſich
Sewißheit verfchafft zu haben glaubte. Durch Berzich-
sung auf fein eigen Glück wollte er dad Glück derer
begsündeg helfen, bie ihm gm naͤchſten ſtanden.
Eine edle und großmüthige Entfagung übend, ehe fie
von ihm gefordert wurde, ſprach er erſt mit Kontab,
vermochte dann Hildegard, ihre jungfränliche Schüchterns
heit befiegend, fi) dem Bruderherzen zu eröffnen. Nicht
ſchwer war es ſodann, durch ded Baterd Einwilligung
Die Sefigfeit des Liebenden Paares zu begründen. Fami⸗
lienverhältniffe veranlaßten indeß, die Verbindung noch
auf einige Zeit hinaudzufchieben,
Heinrich hatte num einen .fchweren Sieg über, ſich
ſelbſt errungen: aber wenn er auch innerliche Befriedi⸗
‚gung empfand, fo konnte er doc; keinen Troft finden,
und er mußte fich felbft geſtehn, daB für jegt der fort
142 Die Brüper.
gefetste Aufenthalt anf der väterlichen Burg ie Wunde
feines Herzens immer tiefer winchte, und dag die eühem
errungene Refignation am Ende weichen mußte vor dem
Drang-feiner nicht beruhigten Gefühle. Daheruhiet er
eö für das Beſte, ſich zu entfernen, und in- ber- Ferne
im thätiget Leben Linderung zu fuchen; willfommen
war ihm der Aufruf, ber an die Ritter der chrifigiien
Welt erging, ſich unter das Banner des Kreutes zu
ftellen, und bald fah man ihn, nach wehmkthigem Ab⸗
ſchiede, den ſteilen Burgpfad hinabziehn und wit wertgeg
Begleitern ſich auf den Weg nach Frankfurt begeben,
wohin die Gotteöftweiter beſchieden worbem:waren:a
Sp vergingen mehre Monde — nur Tage fchiegen
fie dem glüdlichen Paare. Die Zeit der Vermuͤhlung
ſollte num endlich Beftimmt werben, ald aus dem fernen
Morgenlande Kunde von Heinrich und feinen ritterTichel
Thaten anlangte. Da blitte in bes leicht „erregtem
Conrads Seele ein Gebanfe auf: der Gedanke, daß es
ihm nicht zieme, daheim zu bleiben und die Jahre feiner
Jugend in ruhmloſer Unthätigfeit zuzubringen, Yoährend
Die edeln Söhne der nachbarlichen Burgen, während
fein eigener Bruder im frommen Kampfe Lorbeeren ers
rangen. Der Liebenden Hildegard konnte es nicht ent
gehen, daß ein Geheimniß auf ihm laſte; nachdem er
endlich Far gemacht, was ihn drückte und bewegte, vers
mochten nicht Die Thränen der Braut, nicht die ernften
Vorſtellungen des kopfſchuüttelnden Vaters, ber ihm vors
hielt, wie verfchieden im gegenmwärtigen Augenbild feine
Pflichten von denen ſeines Bruders feien, feinen Ent
ſchluß zu ändern. Nur noch wenige Male war bie
Die Brüder, - 143
Sorte aufgeſtiegen, und ſchon fah fie Conrad auf
derfelfen Straße, welche vor ihm Heinrich gezo⸗
gen "sr. Ä
Kur feltene und ennzuwrläffige Nachrichten trafen
von ten Brüdern ein. Der alte Ritter flarb, und -
Doppelt einfam fühlte Hildegard ſich auf Kiebenftein.
"Sie blidte nicht freudig mehr in die Zukunft. War
auch ihr Vertrauen zu der Liebe ihres Verlobten wicht
wankknd geworden, ließ fie auch feiner Begierde, nicht
ruhmlos zu erfcheinen unter Ruhmgefrönten, Gerechtigs
leit widerfahren‘, fo ſah fie fich Doch. von ihm durch
Berge und Meere getrennt, und nicht-abzufehen war die
Beit ihrer Wiedervereinigung. Se konnte ffe ſich trüber
Gedanken und Ahnungen oft nicht erwehren. (Eines
“Tages faß fie and; wieder, ihrer Gewohnheit nad), ar
einem enfter der Burg, welches eine weite Ausficht
über den tief unten firömenden Rhein und bie falfigen
Ufer gewährte, als fie fah, wie eine Heine Schaar
von Bewaffneten den Weg zum Liebenftein herauftitt und.
ein ihr wohlbefanntes Banner, Bas der Beyer, wehen
Be Es iſt Conrad! war ihr erfter Gedanke — nach
wenigen Augenblicken traf ein Ritter in dad Gemach,
und Heinrich ſchloß fie, die unter Thränen laͤchelte beim
unverhofften Wieverfehn, in feine. Arme, >
Ungenügend war die Kunde, die er ihr von ihrem
Berlobten brachte, und hätte ein Verdacht in Hildegards
arglojer Seeke auffteigen können, fie hätte bemerfen
müffeg, Daß eine gewiſſe Verlegenheit ihn hinderte, ſich frei.
über den Bruder auszuſprecheũ. Nur fo viel vernahm fie,
daß Evnrad nur Eurziu zeit in Paläflinz geweilt und
144 Die Brfider.
bald. zuruͤckgekehrt fei.in die griechifche Kaiſerſtadt. Tech
ter vermochte ber Bruder nichtö Aber ihn zu berichten.
Als Gefchwifter, wie in vorigen Tagen, dbtenr
Heinrich and Hildegard nuͤn wieder auf dem einfamen
Liebenſtein, welches vrfterm als Erbe zugefallen war,
während Sternfels dem Jüngern Hehören follte. Nie
: flieg der Gedanke, die Sungfrau für fich zu gewinnen, ’
in der Bruſt des Ritters auf: er ſah in ihr nur die
Braut ded Bruders, er betrachtete fih nur als ihren
Beſchuͤtzer und Freund. Sein eigenes Glück hatte’
laͤngſt zu Grabe getragen: dad Immergrün der See⸗
lenruhe, welche Die Reſignation edler Gemüther gewinnt,
war baraus -hervorgeblüht. Es maren nicht meh”
die glücklichtn frohen Zage ber in Hoffnung und Tram
men fchmwelgenden Jugend: e8 war bie ftille Heiterkeit,*
welche den Stärmen folgt. Tage folgten Tagen, und
feine Kunde fam von Conrad. Aengftliche Beforgmiß
hatte ſchon Tange SHildegarbd Frieden getrübt: tief
empfunbenes, aber ftandhaft getragenes Leid fchien auf
ihr zu laſten. Ihr Zuftand fonnte der beforgten Theis
nahme des brüderlichen Freundes nicht entgehn, vbſchor
feine Klage über ihre Lippen Fam.
Da traf endlich Nachricht vom fernweilenden Ritter
ein — aber welche! Er fei auf der Heimreife, hieß e&
aber nicht allein: eine Gattin, griechifchem Blute ents
fproffen, begleite ihn nebft prangendem Gefolge. Heins
rich ſah ſchmerzvoll feine fchlimmften Ahnungen erfüllt,
welche die bisweilen "zu ihm gelangte geheime Kunde
von Conrads leichtfertigem Treiben unter dem ſittenver⸗
derbten Wolk der Griechen, mitten unter den beramichens
. Die Brüder. oo. 245
dee Genüſſen Wr noch immer Mächtigen umb reichen
Käiferftadt in -igen erweckt‘ hätten. » Hildegard war die
letzte, zu deren’Ohr das Gerücht gelangte; fie war
We einzige, die ſich noch beftrebte,.nidht daran zu glaus
ben. Aber ihte freiwillige Täuſchung follte nieht Lange
mehr währen. An einem milden Sommer⸗Abende luſt⸗
wndelte fle einſam im Gärtchen, das mühfam auf
dei nadten Felſen, durch Schupmauern geftüßt, ges
Bidet war, als Lauter Jubel erfiang und efn fröhlicher
Troß die Höhe von Sternfeld hiftanzog. Ihr Blut ers
ſtaͤrrte; um nicht zu finfen, mußte fie ff nieberfegen
auf ein nahes Mauerſtück. Doch vermochteifie den Blick
nicht abzuwenden von dem, was fie fo mit banger Ah
mung und Schreden erfüllte. Die Enffernung des Pfades
zur nahen Burg war fo gering, daß e*die Perfonen
dentlich unterfcheiden Fonnte, ohne von ihnen "bemerkt
zu werben. Da fah fie‘ Conrad, und neben ihm eine
Weibliche Geſtalt, mit ſchwarzem Haar und breasnendem
Auge, das jenem freundlich entgegenlächelte. Einige
Zeit baranf fand der Bruder, welcher vom Fenfter feis.
6 Gemaches aud Zeuge der Heimkehr des Herrn vom
Sternfeld gewefen war, und welcher Hildegard zu fuchen
gegangen, fie auf derfelben Stelle, Ohne einen Laut
folgte fie ihm in die Burg.
Als er am folgenden Morgen bie Jungfrau wiebers
fah, war eine folche Veränderung mik ihr vorgegangen,
daß er fle faum erfannte. Auf fein eigenes Lebensglück
hätte Heinrich großmlithig "verzichtet, um das ber Ges
fiebten und des Bruberd zu "begründen, aber ber leb⸗
haftefte Schmerz und gerechte Entrüflung ergriffen ihn,
146 "Die, Breiter.
als er bie heiligften Gefühle von ihm mit Fußen gesresen
fah. Die Zeit war rauh und wild: eine Herausforderung
zum Zweifampfe mis dem beleidigten -Bruber flog nad
Sternfeld. Bei diefer ernſten Mahnung mochte der
Leichtſinnige wohl aufgeſchreckt werden aus dem Sinnen⸗
taumel und fein Ungecht erkennen, aber Stolz und bie
Furcht, unmännlic zu erfcheinen vor feiner ſchönen
Gemahlin, bewogen ihn ſich zu fielen. Am Fuße der
Felfen, in der Nähe des Kloſters Bornhofen, trafen
die Brüder auf einander mit wenigen vertrauten Beglei⸗
tern. Finſterer Ernſt ſprach aus des Neltern- Zügen;
Conrad wagte kaum feinem Blid zu begegnen und, machte
ſich mit den Seinigen zu fchaffen, bis alles zum Kampfe
georbnet war: fein beffered Gefühl war noch nicht .nyy
tergegangen, wenn auch unterbrüct Dusch rafche Leiden
ſchaftlichkeit. Endlich fanden die, welche bei ihrem letz⸗
ten Zufammenfein mit Thränen einer an bed andern
Bruft lagen, einander gegenüber und gefreuzt waren
ihre Schwerter, als eine meißverfchleieste Geftalt fi
zwifchen die Feindlichen warf. Heinrich, ſprach Hilde⸗
gard, nachdem fie fic in etwa gefammelt und mühſan
Herrin ihrer Empfindungen geworden, willft bu um
meinetwegen zum Brudermörber werden? Conrad —
und ihre Stimme zitterte — ift dad Dein Willkommen
nach der langen Entfernung? Ihr Raſchen, bedenkt
ihr die Folgen Eures Beginnens? Leget die Waffen
nieder, ſchwöret mir, Ruhe zu halten und Frieden, jetzt
wie künftig, wenn ich End) ferne fein werde. Mein Ent⸗
ſchluß flieht feft: morgen nimmt mic, dad Klofter auf,
Bewahret dad Andenken einer Zugendfreundin, bie num
Die Brüder 147
nicht mehr der Welt angehört. VBerföhnet euch — und
dies fei das lebte Werk, was ich hier vollbracht.
Die Schwerter der Streitenden hatten fich bei
ihrem erften Worte geſenkt; Conrad, von taufend Erins
nerungen ergriffen und beftürmt bei dem Anblick, bei
ber Stimme, die fein Ohr traf, wagte das Auge nicht
emporzufchlagen. Stumm legte er feine Hand in bie
bargebotene Rechte feined Bruders, dem jede Bitte
Hildegard’s ein Befehl war, wie viel mehr ihre ernften,
feierlichen Worte. Aber Fein freundliches Wort begleis
tete das Zeichen der Verföhnung der Brüder.
Am folgenden Tage fchon fette die Sungfrau ins
Wert, was fie befchloffen. Ueber den Rhein geleitete
fie der brüberliche, geprüfte Freund; unter Thränen
nahm fie Abfchied von ihm auf immer. Im Klofter
Marienberg bei Boppard entfagte fie der Welt, die
ihr fein Glück zu bieten vermochte.
Tiefe Stille herrfchte auf Liebenftein; Tautes Leben
auf Sternfeld, wo die fchöne ©riechin nad) Luft und
Willkür fchaltete und die ganze frohe Ritterfchaft der
Umgebungen in Saud und Braus um fi) verfammelte.
Aber aus Conrads Seele war die Ruhe gewichen, und
je weniger er bei feiner Gattin Antheil und entgegens
kommendes Vertrauen fand, um fo mehr empfand er,
wie fehr er ſich durch feine Leidenfchaft und Unbeftäns
digkeit hatte verlocden laffen vom Pfade der Pflicht.
Er verſank allmählig in düflere Träumereien und fo
fonnte es nicht fehlen, daß diejenige, an die er fein
Geſchick gefettet, Leicht erregbar wie der füdliche
Karakter ift, in der Öefellfchaft Anderer ſich mehr gefiel
138 Die Gründung ber Abtei.Oteinfelb.
dafelbſt Statt gefunden haben, feityem die Mbtei, be
rühmt durch viele ausgezeichnete und fromme Geiſtliche,
welche in ihr gelebt, aufgehoben und Private
geworben iſt.
%
Bie Brder. -
Die länge in Trümmer gefallenen Burgen Sternfels
und Kiebenftein, auf fchroffen Felſen liegend, die nnr
durch eine Kluft gefchteden find, gehörten vor Sahrhuns
derten bem edeln Sefchlechte ber Beyer won Boppart,
defien Namen man in der Gefchichte des Rheinlandes
fo oft begegnet. Nicht immer indeß hatten die einander
fo nahe gelegenen Bergfchlöffer die nämlichen oder eins
ander befreundete Befiter. |
Heinrich Beyer erzog neben feinen beiden Söhnen
eine verwaifte junge Berwandte, Hildegard Brömfer,
ans der berühmten Familie von Rũüdesheim. Selbſt
wenn ſie weniger Liebreiz, weniger anmuthige Einfach⸗
heit zu eigen gehabt hätte, wenn fie weniger fromm
und anfpruchlos gewefen wäre, hätte body das Zufams
menleben mit ihr, auf der flilen Burg, bie nur felten
von Gäften befucht zu werben pflegte, allmählig ein
140 Die Brüder,
immer feftere® Band um bie Herzen der Singfinge
fchlingen müſſen. Wie viel mehr noch war dies jetzt
der Fall, da beibe fich geftehen mußten, daß Hildegard
. alle, die fie auf benachbarten Schlöffern der .Edelfeute,
oder in ben Städtchen im Nheinthal Kennen zu Iernen
Gelegenheit gehabt, au Schoͤnheit wie an mildem Sinne
übertraf.
Ein Fremder würde Heinrich und Conrad fan
für Brüder gehalsen haben, fo unähnlid, waren fie eins
ander in Allem, ausgenommen in ihrer Borliebe für
ritterliche Uebungen und der Begierde nad, Thätigfeit.
Heinrich, der ältere, war ernſt und verfchloffen; je
weniger er im erften Moment blendete, defto feiter z0g
er die an fich, welche fein edles Herz und feine Charak⸗
teritärfe einmal..erfannt -hatten. Eonrad war lebendiger,
feuriger; er Tieß ſich leicht vom erſten Eindruck bin
reißen, wie er auch auf Andere durch fein freundliches
Entgegentommen bald günftigen Eindrucd machte Seine
Gefinnungen waren redlich, aber ihnen fehlte Beſtaͤne
Digfeit.
Die Sahre der Kindheit waren vorüber — Hilde
gard zur blühenden Jungfrau herangewadhfen, die Brüder
um einige Sahre älter ald fie. Das vertraute, geſchwiſter⸗
Iihe Berhältuiß hatte. unter ihnen fortgewährt, ohne
daß einer anberg Forderungen gemacht, oder. auch ner
bie Natur der Empfindungen ihm Flar geworben wäre,
Aber fo Fonnte ed nicht bleiben. Heinrich fühlte immer
mehr, wie der Eindrud, den die junge Verwandte in
ben Kinderfpielen auf ihn gemacht hatte, tiefer und
tiefer in feinem Herzen wurzelte, und wie ihr Bild
Die Buäber. 141
ungertraunlich war von feinen Träumen. ber Zukunft.
Eis ruhiger aber ſcharfer Beobachter, konute er nicht
umbin zw. erfennen, daß Conrads Blicke jedem Schritt
Hildegards folgten, daß er, ber Sugendfrohe, alle Ges
ſellſchaft mied, um in ihrer Gefellfchaft zu fein; daß auch
bei der Sungfrau. mandjed Erröthen, mancher von ihr
unbegchtet geglaubte Seufzer verkündete,. fie kaͤmpfe
mit biöher ungelannten Gefühlen. Heinrich täufchte fich
nicht; wenn. Hildegard mit fchwefterlicher Zuneigung an
dhrebing, wenn fie in dem ernſten aber fanften Zünglinge
eineg Freund ehrte, einen Berather fuchte, fo gehörten
feinem Bruder wärmere Empfindungen. welche fe fich
felper kaum zu geftehen und deutlich zu wachen wagte.
Aber fie konnten jenem nicht entgehn, und ein feiner
würdiger Entichluß ſtand in ihm feit, ſobald, er ſich
BGewißheit verfchafft zu haben glaubte. Durch Berzich-
tung auf fein eigen Glück wollte er dad Glück derer
begsündeg helfen, die ihm am naͤchſten ſtanden.
Eine edle und großmüthige Entfaguug übend, ehe fie
von ihm gefordert wurde, fprach er erſt mit Kontad,
vermochte dann Hildegard, ihre jungfräuliche Schüchterns
heit befiegend, fich dem Bruderherzen zu eröffnen. Nicht
ſchwer war es ſodann, durch des Baterd Einwilligung
Die Seligkeit des Liebenden Paares zu begründen. Fami⸗
lienverhältniffe veranfaßten indeß, die Verbindung noch
auf einige Zeit hinaudzufchieben,
Heinrich hatte nun einen ‚fchweren @ieg über. fich
felbft errungen: aber wenn er aud, innerliche Befriedi⸗
‚gung empfand, fo kounnte er doch keinen Troſt finden,
und er mußte fich felbft gefichn, daß für jegt der fort
143 De Brüser.
gefetste Aufenthalt auf der väterlichen Burg Wie Wunde
feines Hetzens immer tiefer sfüichte, und dag die muͤhßam
efrungene Nefignation äm Ende weichen mußte vor Dem
‚Drang-feiner nicht beruhigten-Gefühle. Daheruhiet er
es für das Beſte, fich’zu entfernen, und in ber. Kerne
im thösige Leben Linderung zu ſuchen; willfommen
war ihm der Aufrkf, der an die Ritter der chriſtlichen
Welt erging, ſich unter das Banner des Kreutes u
ftellen, und bald fah man ihr, nach wehmäthiäem Ab⸗
ſchiede, den ſteilen Burgpfad hinabziehn und mit wertgeg
Begleitern ſich auf dun Weg nach Frankfurt begeben,
wohin die Gotteöftweiter beſchieden worden waren
So vergingen mehre Monde — nur Tage ſchienen
fie dem glücklichen Paare. Die Zeit: der Vermuͤhlung
{te nf endlich beſtimmt werben, ald aus bem fernen
Morgenlande Kunde von Heinrich und feinen ritterTichel
Thaten anlangte. Da blitte in des leicht „erregtem
Conrads Seele ein Gebanfe auf: der Gedanke, Daß es
ihm nicht zieme, daheim zu bleiben und dieSahre feiner
Jugenb in ruhmloſer Unthätigkeit zuzubringen, während
die edeln Söhne der nachbarlichen Burgen, während
ſein eigener Bruder im frommen Kampfe Lorbeeren er⸗
rangen. Der liebenden Hildegard konnte es nicht ent
gehen, daß ein Geheimniß auf ihm laſte; nachdem er
endlich klar gemacht, was ihn drückte und bewegte; ver;
mochten nicht die Thränen der Braut, nicht Die ernften
Vorſtellungen des Fopfihüttelnden Vaters, bet ihm vors
hielt, wie verſchieden im gegenwärtigen Augenbild Yeine
Pflichten von denen feined Bruders feien, feinen Ent⸗
ſchluß zu aͤndern. Nur nöch wenige Male war bie
Die Brüder, 143
Sorte anfgefiegen, und ſchon ſah fie Conrad anf
derfelfen Straße, welche vor ihm Heinrich gezo⸗
gen "mar.
Kur feltene und anzuverlaͤſſige Nachrichaen trafen
von den Brüdern ein. Der alte Ritter ſtarb, und
Doppelt einfam fühlte Hildeyard ſich auf Kiebenftein.
"Sie blickte nicht: freudig mehr in die Zukunft. War
auch ihr Vertrauen zu ber Liebe ihres Verlobten wicht
wankknd geworben, ließ fie aud feiner Begierde, nicht
ruhmlos zu erfcheinen unter Ruhmgekroͤnten, Gerechtigs
keit widerfahren, fo ſah fie fich "Doch von ihm durch
Berge und Meere getrennt, und nicht abzuſehen war die
Meit ihrer Wiedervereinigung. Se konnte fle fidy trüber
Gedanken und Ahnungen oft nicht erwehren. Eines
“Tages faß fie auch wieder, ihrer Gewohnheit nad), am
einem Fenſter der Burg, welches eine-meite Ausſicht
über Den tief unten ſtrömenden Rhein und bie falfigen:
Hfer gewährte, als fie fah, wie eine Feine Schaar
von Bewaffneten den Weg zum Liebenftein herauftitt und.
ein ihr wohlbefannted Banner, das der Beyer, wehen
KR. Es ift Eonrad! war ihr eriter Gedanke — nach
wenigen Angenbliden trat ein Ritter in dad Gemach,
amd Heinrich fchloß fie, die unser Thränen lächelte beim
sinverhofften Wiederfehn, in feine. Arme, Ä
Ungenügend war die Kunde, die er ihr von ihrem
Derlobten brachte, und hätte. ein Verdacht in Hildegards
arglofer Seele aufſteigen können, fie hätte bemerken
müſſen, daß eine gewiſſe Berlegenheit a hinderse, ſich frei
übse ben Bruder auszuſprechen. Nur fo viel vernahm fie,
daß Enurad nur kurzes zeit im Palaͤſting gemeilt und
144 | Die Brlder.
bald zuruͤckgekehrt fei.in die griechifche Kaiſerſtadt. Mei
tee vermochte der Bruder nichts Aber ihn zu berichten.
Als Geſchwiſter, wie in vorigen Tagen, dÜbten
Heinrich und Hildegard nin wieder auf dem einfamen
Kiebenftein, welches wrfterm ald Erbe zugefallen war,
während Gternfeld dem Jimgern Gehören follte te
. flieg der Gedanke, die Sungfrau für fih zu gewinnen, ’
in ber Bruſt ded Ritters auf: er ſah in ihr nur die
Bsaut des Bruders, er betrachtete ſich nur als ihren
Beſchützer und Freund. Sein eigenes Glück hatte er
längſt zw Grabe getragen: dad Smmergrün der Sew
lenruhe, welche die Refignation edler Öemüther gewinnt,
war daraus hervorgeblüht. Es waren nicht mehr?
die glücklichen frohen Tage ber in Hoffnung und Tram
men fdjwelgenden Jugend: ed war die ftille Heiterfeit,®
weiche den Stärmen folgt. Tage folgten Tagen, und
feine Kunde fam von Conrad. Aengftliche Beſorgaiß
hatte ſchon lange Hildegards Frieden getrübt: tief
empfunbenes, aber ftandhaft getragenes Leib ſchien auf
ihr zu laſten. Ihr Zuftand konnte ber beforgteun Theil
nahme des brüderlichen Freundes nicht entgeht, obſchor
feine Klage Aber ihre Lippen Fam.
Da traf endlich Nachricht vom fernmweilenden Ritter
ein — aber welche! Er fei auf der Heimreife, hieß e&
aber nicht allein: eine Gattin, griechifchem Blute ents
faroffen, begleite ihn nebft prangendem Gefolge. Hein⸗
rich fah ſchmerzvoll fetne fchlimmften Ahnungen erfüllt,
welche die biöweilen zu ihm gelangte geheime Kunde
von Conrads leichtfertigem Treiben unter dem ſittenvar⸗
berbten. Bolt ber Griechen, mitten: unter den berättichens
. Die Brüder. . 245
den Genuͤſſen Wr noch immer Mächtigen und reichen
Kaiferftadt in ihm erweckt‘ hätlen. · Hildegard war die
letzte, zu deren Ohr das Werücht gelangte; fie war
We einzige, die ſich noch beſtrebte, nicht daran zu glau⸗
ben. Aber ihke freiwillige Taͤuſchung ſollte nieht lange
mehr waͤhren. An einem milden Sommer⸗Abende luſt⸗
wundelte fle einſam im Gärtchen, dad mühfam auf
dein nadten Felſen, durch Schutzmauern geſtützt, ges
Set war, als lauter Jubel erklang und en fröhlicher
Troß die Höhe von Sternfeld hiflanzog. Ihr Blut ers
flarrte; um nicht zu finfen, mußte fie ſich niederfeßen
auf ein nahes Mauerſtück. Doc; vermochte*fie den Blick
nicht abzuwenden von dem, was fie fo mit bänger Ah⸗
Ming und Schrecken erfüllte. Die Enffernung des Pfades
zur nahen Burg war fo gering, baß ſiesdie Perfonen
dentlich. unterfcheiden konnte, ohne vor ihnen "bemerkt
zu werben. Da fah fie‘ Conrad, und neben ihm eine
Weibliche Geftalt, mit ſchwarzem Haar und breunendem
Auge, das jenem freundlicd; entgegenläcjelte. Einige
Zeit darauf fand der Bruder, welcher vom. Fenſter feis
es Gemaches aus Zeuge der Heimkehr des Herrn vom
Sternfeld gemefen war, und welcher Hildegard zu fuchen
gegangen, fie auf derfelben Stelle, Ohne einen Laut
folgte fie ihm in die Burg.
als er am folgenden Morgen bie Jungfrau wieders
fah, war eine ſolche Beränberung mit ihr vorgegangen,
daß er fle kaum erfannte. Auf fein eigenes Lebensglück
hatte Heinrich großmlthig "verzichtet, um das ber Ges
fiebten und des Bruders zu "begründen, aber der leb⸗
haftefte Schmerz und gerechte Entrüftung ergriffen ihm,
146 "Die, Bruͤder.
als er bie heiligften Gefühle von ihm mit Fußen getreten
fah. Die Zeit war vauh und wilb: eine Herausforderung
zum Zweilampfe wis dem Beleidigten Bruber flog nad
Sternfeld. Bei diefer ernſten Mahnung mochte der
Leichtſinnige wohl aufgeſchreckt werden aus dem Sinnen⸗
taumel und fein Unrecht erkennen, aber Stolz und bie
Furcht, unmännlid zu erfcheinen vor feiner fchönen
Gemahlin, bewogen ihn fid, zu fielen. Am Kuße Ser
Felfen, in ber Nähe des Kloſters Bornhofen, trafem
die Brüder auf einander mit wenigen vertrauten Beglei⸗
tern. Finfterer Ernſt fprach and des Aeltern- Zügen;
Conrad wagte kaum feinem Blick zur begegnen und machte
fi) mit den Seinigen zu fchaffen, bis alles zum Kampfe
georbnet war: fein beffered Gefühl war noch nicht uyy
tergegangen, wenn auch unterdrüdt durch rafche Leiden
ſchaftlichkeit. Endlich fanden die, welche bei ihrem letz⸗
ten Zufammenfein mit Thränen einer an des andern
Bruft lagen, einander gegenüber und gefreuzt waren
ihre Schwerter, als eine meißverfchleieste Geftalt ſich
zwifchen die Feinblichen warf. Heinrich, ſprach Hilde
gard, nachdem fie fich in etwa gefammelt und mühfme
Herrin ihrer Empfindungen geworden, wilft bu um
meinetwegen zum Brudermörber werden? Conrad —
und ihre Stimme zitterte — ift das Dein Willfommen
nach der langen Entfernung? Shr Rafchen, bebenft
ihr Die Folgen Eures Beginnend? Leget die Waffen
nieder, fchwöret mir, Ruhe zu halten und Frieden, jetzt
wie fünftig, wenn ich Euch ferne fein werde. Mein Euts
ſchluß fteht feſt: morgen nimmt mid) das Klofter auf.
Bewahret dad Andenken einer Sugendfreundin, Die nun
Die Brüder, 147
nicht mehr ber Welt angehört. VBerfühnet euch — und
dies fei das lebte Werk, was ich hier vollbracht,
Die Schwerter der Streitenden hatten fich bei
ihrem erften Worte geſenkt; Gonrad, von taufend Erins
zerungen ergriffen und beftürmt bei dem Anblick, bei
ber Stimme, die fein Ohr traf, wagte das Auge nicht
emporzufchlagen. Stumm Iegte er feine Hand in die
dargebotene Rechte feined Bruders, dem jede Bitte
Hildegard’s ein Befehl war, wie viel mehr ihre ernften, _
feierlichen Worte. Aber fein freundliches Wort begleis
tete das Zeichen der Verfühnung der Brüder.
Am folgenden Tage fchon feßte die Jungfrau ins
Merk, was fie befchloffen. Ueber ben Rhein geleitete
fie der brüberliche, geprüfte Freund; unter Thränen
nahm fie Abfchied von ihm auf immer. Im Klofter
Marienberg bei Boppard entfagte fie ber Welt, die
ihr kein Glück zu bieten vermochte.
Tiefe Stille herrſchte auf Liebenſtein; lautes Leben
auf Sternfels, wo die ſchöne Griechin nach Luſt und
Willkür ſchaltete und die ganze frohe Ritterſchaft der
Umgebungen in Saus und Braus um ſich verſammelte.
Aber aus Conrads Seele war die Ruhe gewichen, und
je weniger er bei ſeiner Gattin Antheil und entgegen⸗
. kommended Vertrauen fand, um fo mehr empfand er,
wie fehr er fich durch feine Leidenfchaft und Unbeftäns
digkeit hatte verlocken laſſen vom Pfade der Pflicht.
Er verſank allmählig in düſtere Träumereien und fo
konnte ed nicht fehlen, daß diejenige, an bie er fein
Geſchick gefettet, Heicht erregbar wie der fübliche
Karakter ift, in der Öefellfchaft Anderer fich mehr gefiel
148 Die Brüder,
als in ber feinigen. Wenn er auch nicht an ihre Schule
glaubte, mußte er doch die Veränderung bemerken.
Mit dem Bruder war er in feinen Verkehr getreten;
nie hatte fich diefer blicken Iaffen auf Sternfels, we
bei ausgelaffenen Gelagen nicht felten gefpottet wurde
über den mönchifchen Burgherrn.
So war etwa ein Jahr vorübergegangen, als eines
Morgend Conrad unerwartet in das Gemach trat, we
Heinrich ſaß. Der einft fo lebensfrohe und freudige war
bleich und voll trüben Ernſtes. Ohne ein Wort zu
reden, ergriff er Die Hand des Bruder’s, dann, nachbem
er ſich niebergefeßt, berichtete er ihm das Borgefallene,
Die Griechin war in der Nacht mit einem jungen Rib
ter entflohn. Ihre Liebeshändel waren nur für ber
Gatten ein Geheimniß gemefen. -
Heinrich hatte fein Wort des Vorwurfs für den
ſchon hart Geſtraften. Er drückte ihn an ſeine Bruſt,
er ging willig auf ſeine Bitte ein, ihm auf Liebenſtein
eine Stätte zu gewähren. Sternfels war und blieb
veroͤdet; nimmermehr kehrte der Beſitzer in die leeren
Hallen zurück. Auf der nachbarlichen Burg lebten in
Eintracht und ftiller Zurückgezogenheit Die Brüder.
Sant Gear.
Huf den reichhefegten Tafeln des berühmten Gaftros
romen Lucullus bat der Rheinlachs gewiß nicht
gefehlt. Wenn, woran nicht zu zweifeln ift, Lucca
yamals fchon fo Foftbares Del Tieferte wie heutzutage,
md Modena fo vortrefflichen Effig, fo mußte biefer
Sich im heißen Clima der römifchen Campagna ein
nerfeßbared Labfal fein, und ba ed Damals ein Leichtes
var, in einer Woche von Babylon nad) Eonftantinopel
nit Poftpferden zu gelangen, fo kannte jener fantafie-
:eihe und elegante Praffer ohne Zweifel ein Mittel,
ven. Salm Iebend in feine Küche zu ſchaffen. Da machte
7 denn wohl ebenfo großes Glück wie Acnead von
Butter auf der Torte der Königin Dido.
Es ift ein betriebfames, aber im Allgemeinen armes
Bölfchen, welches fich mit dem Salntfang befchäftigt,
yon den fteilen Kelfenwänden umringt, zwiſchen benen
150 Sanct Goar.
der Strom bindurchfchießt, tofend, und wie ungehals
ten über den engen Raum, der ihm vergönnt tft. Das
Tagewerk, mit dem fie fich heute abgeben, verfchaffte
ihnen fchon im fechiten Sahrhundert nach des Heiland
Geburt den Lebensunterhalt, als der fromme Einfiebler
Spar fich bei ihnen nieberließ. In Aquitanien von
vornehmen Eltern geboren, hatte er früh fchon feinen
Beruf erfannt, das Wort Gottes auf Erben zu ver
breiten. Dur) Gallien ziebend, gelangte er, nad
manchen Mühfalen und Entbehrungen, zu ben Ufern
des Rheines, wo er ein armed, aber fleißiged und
gutgefittetes Volk fand, das feiner Lehre ein woilliged
Dhr lieh. Hier befchloß er zu verweilen: eine niebere
Zelle bot ihm Obdach neben den Hütten der Kifcher,
für deren Wohnungen der Raum fo beengt war, daß
fie zum Theil dicht an die Felfenwand fich anlehnten.
. Nicht felten nahm er an den Arbeiten der Einwohner
Theil, und wenn dad Tagewerk vollbracht war, Tagen
ten fie fi um ihn mit Weibern und Kindern, und er
verfündigte ihnen die Worte und die. Thaten des Erlös
— a
ſers. Eine Menge Leute aus der Umgebung wurde
durch den Ruf bes gotteöfürchtigen Mannes herbeige
zogen, und bald entitand eine Meine Ortfchaft auf dem
Iinfen Slußufer, am Fuße der gewaltigen Kelfenmaffe,
welche gegenwärtig die durch Brand und Menfchenhand
verwüfteten Mauern der einft flarfen Vefte Rheinfels
trägt. Doc; auch der fromme Goar wurde vom böfen
Leumund nicht verfchont, und der Bifchof von Trier, der
ihm feindlfich gefinnt war, betrübte ihn durch Verfol⸗
ungen aller Art, bis der fränfifche König Siegbert
Sankt Goar. 151
von der Sache vernahm, und ben Siedler zu ſich be:
ſchied. Seine Unſchnld und fein tugendhaftes Leben
wurden hier klar erwiefen, und der König wollte ihn, an
feined Gegnerd Stelle, auf den bifchöflichen Stuhl er:
erheben. Aber Spar, in feiner Einfalt und Befcheiden:
beit, wünſchte nichts fehnlicher als zu feinem frühern
Allen Wohnort zurückkehren zu Fönnen. Dies geftats
tete ihm denn auch Siegbert, und von feinen alten
Freunden und Schülern umgeben, entfchlief er nach ſchwe
xen Prüfungen im Suli des Sahres 575,
Wo Goars Zelle geflanden, errichtete die Fröm⸗
migfeit jener Zeiten ein Kirchlein, das viel befucht und
reich beſchenkt ward, und fich in fpäteren Jahrhunderten
der befondern Gunſt der fränfifchen Könige zu erfreuen
hatte. Das reiche Klofter, welches fich bei der Kirche er-
hob, und zu dem viele Pilger aus der Nähe und Ferne
zogen, nachdem Spar in die Zahl der Heiligen aufge:
nommen worben war, übte dagegen willige Gaſtfreund⸗
fchaft, und von feiner Wein» und Waffertaufe und feinen
gefüllten Fäflern wird noch manche luſtige Gefchichte
'erzählt. Der Drt, welcher fich nach dem Siedler nennt,
vergrößerte fich rafch, und wurde zu dem durch Mauern
und Thürme befchüsten Städtchen, da feine Einwohner
gut nährt und von Fremden gerne beſucht wird. Des
Heiligen Name lebt aud) fort in dem gegenüber Tiegen-
den St. Goarshauſen, über welchem die Ruinen eines
Schloffes thronen, das nach feinen Erbauern Neus
Katsenellenbogen, beim Volke indeß gewöhnlich die Kate
heißt.
Sore- Sy,
(Hierzu bas Bild IV., erfunden von X. Rethel, or von
&, Steifenſand.)
Wild brauſt der Rhein zwiſchen Wefel und St. Goar
über Klippen und Sandbänke, gleichfam zürnend der
ungeheuern Felſen, die hier einander immer näher and
näher rüden, feinen Lauf zu hemmen fcheinen, und
durch welche er mit ftürmifcher Haft feine Bahn bricht.
Richt ohne Grauen wagt ſich felbft der geübteſte Schiffer
in diefe Schlucht des Strombetted, wo ihm am fchreoffen
Steine und auf Untiefen des Untergangs Gefahr droht.
Naht er fich diefer Stelle, fo faltet er inbrünftig bie Hände
zum Gebet, auf daß ihn der Herr der Stürme fchüge
und bewahre. Der Neifende, den ded Dampfichiffe
Kiel in dieſes wüſte Gewirre trägt, in dem ploötzlich
alle Vegetation aufzuhören foheint, fchaudert unwillführs
lich zufammen, beim Anbli der gewaltigen, nadten
Felsmaſſen, die ſich wild übereinander, dem Laufe des
beflügelten Schiffes entgegenthürnen.
Bon einer der graufigften fleilen Wände tönt
feine Stimme in taufendfahem Wiederhalle nedend,
zurück, denn hoch auf demfelben thront die Nire Lore,
bie jegt zwar fich nicht mehr in ihrer Alles bezaubern⸗
|
":
Lore⸗Ley. 153
ven Schönheit zeigt, wenn Auch der Ton ihrer ſuͤßlocken⸗
den Stimme im Lauf der Zeiten ſchon viele Opfer
in die ſchwindelnde Tiefe ded Stroms herabzog. Unter
dem Schuke des fleilangehenden Ley bergen fich jet
einzelne Fifcherfähne, Die bier im. Mondfcheine des.
Salmenfange warten und immer reicher Beute froh.
werden. Erzählen fie auch noch zumeilen von der
wunderfchönen Sungfrau Lore, wie fie fich hoch auf
dem Ley im Mondfcheine zeige, und durch ihren Weng
derſang ſchon manchem füfternent* Mligfinge „d den, Uns
tergang bereitet habe, fo hat fie doch * Nemand
geſehen, denn ſchon ſeit langen Jahren iſt fie in
den Rhein gebannt, weil ſie den Geliebten, den ſie ſ ch
erkor, in den Fluten gefunden hat.
Der Pfalzgraf bei Rhein ſah ſeiner Jugend ſchöne
Zeit wieder neu aufblühen in ſeinem einzigen Sohne,
einem der kräftigſten und flattlichiten unter den Jüngs
lingen des Rheingau's. Ihn hatte die Nire gefeben,
ald er an einem lauen Eommer-Abende, unter Anlei-
tung feines Waffenmeifters, Walter, unterhalb des Fel-
ſens, der einen Borfprung bildet, badete, und mit
Fräftigem Arm die im lichten Scheine ded Mondes
taufendfältig fchillernden Fluten durchſchnitt. Schon
wollte fie ihren Zauberfang anjtımmen, und fi dem
in den Fluten fpielenden Jünglinge in ihrer blendenden
Schönheit zeigen; doch rührtee Mitleid ihr Herz,
wenn fie den Liebreizenden Mann auch gern gang ihr
eigen genannt hätte. | |
Lange Zeit hörte man Nichts mehr von der Wafs
ſerjuugfrau. Ohne Gefahr zeigten ſich ber Fiſcher
154 Lore⸗Ley.
Kaͤhne, ſelbſt unter dem Felſen, wo ihre Netze immer
den reichſten Fang thaten, und die Nixe mit allen Fahr⸗
niſſen waren vergeſſen, des Pfalzgrafen Sohn aber ſchien
in Allem, was er unternahm, das Glück zu verfolgen.
Die unbändigſten Roſſe, die Niemand zwingen konnte,
folgten wie die Laͤmmer feiner Fauſt, und trugen ihn
Aber Steinflüfte, wohin auch der Fühnfte Reiter ſich nicht
wagte. Seine Bolzen erreichten den Steinadler in dem
Höcen Lüften, die Falken die er abrichtete, waren bie
gewandteſten, safhäteh und treueften. Keines Wildes
Faͤhete entging feinen Hunden, und wenn er im ber
Gegend des Felfend, auf dem bie Nire ihren Wohn
fit aufgefchlagen, jagte, Iohnte ihm immer die reichfle
Beute die Mühen des Waidwerks. Wenn er oft
ftundenlang in den Felfenfchlünden des Ley, wohin man
über Dörrfcheid gelangt, ohne Beute umhergeftrichen,
lockten ihn yplößlich gar wunderliebliche Töne, und bies
fen folgend, fließ er gewöhnlich auf irgend ein Wild,
Das nie feinem Wurfgefchoß oder feiner Armbruft entging.
War er ganz erfchöpft von der Sagd, fo fprudelte
plöglich zu feinen Füßen, wo er es gar nicht erwartete,
ein heller Quell, deſſen Waffer ihn gar wunderfam
ftärfte, oder ein reiched Erdbeerenbeet duftete ihm lieb⸗
Yich entgegen, wo fonft nur dürres Haidefraut fpärlic
fortgewuchert. Nicht felten bot ihm auch, wenn er ganz
erhist und ermattet, eine anmuthige Felfengrotte, wo
er fie früher nie bemerkt, Kühlung und ein weidjes
Lager zum Ausruhen, und immer glaubte er dann ein.
gar ſüßes Singen und Klingen zu hören, welches ihn
in den fanfteften Schlaf lullte.
Lore⸗Ley. 155
Als der Junker eines Tages ſehr emſig des Waid⸗
werks gepflogen und ſich erſt am ſpaͤten Abend zur
Heimkehr anſchickte, ging er auf der ſonſt ihm ganz
vertrauten Bahn irre. Wie er auch auf dem Felfen
umher Eletterte, um zu des Stromes Ufern zu gelangen,
er ſchien fich immer weiter davon zu entfernen. Bald
glaubte er dad Braufen und Saufen der Wogen zu
hören, bald Fang ed wie ferned Saitenfpiel- in fein
Dhr. Die Töne feines Hüfthornd, mitedem er feinen
Sagb-Sefellen rief, hallten wie nedender Hohn von Dem
Felfen wieder, Mit Mühe Eletterte er eine Wand
empor, um ſich ‚eine Ausficht auf den Strom zu vers
fchaffen; auf der Felfenfuppe angefommen, fland er auf
einmal geblendet, denn wie glühender Frührothfchein
ftrahlte es in fein Auge, und was fah er, als ſich der
Blick einigermaßen an die Helle gewöhnt — eine Jungs
frau fo lichreigend und. hold, wie fein Auge noch nie etwas
Srdifched gefehen. Dem Mondhimmel gleich, an dem
die Sterne milde funfeln, umwob ein lichter Schleier
ihr Antlitz, aus dem ein Paradies voll GSeligfeiten zu
ihm binüberlächefte.e Schon wollte er auf die fchöne
Jungfrau -zufchreiten, als der. Öedanfe an die Nixe
Lore durch feine Seele fuhr und er, fi) andächtig bes
kreuzend, zurücfchredte. Die Helle war yplößlich vers
fhwunden, und wie aus einem verwirrenden Traume
‚erwachend, : fand er fich auf dem rechten Wege wieder,
der hinab zur Straße führte,
Seit diefem Abenthener konnte ſich der Junker
des Gedanfend an die holde Jungfrau nicht mehr er-
wehren. Wachend und träumend lebte das zauberifche
156 Lore⸗Ley.
Bild in ſeiner Seele, und ſo oft er konnte, beſuchte er
bie Stelle, um ber ſchoͤnen Geſtalt nur noch einmal
anfichtig zu werben. Aber umſonſt. Der wonnige Um.
blick, das Biel feiner Sehnfucht, wurde ihm nicht mehe
za Theil. Zwar Fang noch zuweilen ber oft vernom⸗
- mene Sang in fein Ohr, und wenn er ihn Taufchenb
folgte, führte er ihn nur anf die Spur eines Wildes,
deffen Fährte er aber nicht mehr verfolgte, benn er
Dachte nur der@liebreisenden Jungfrau, die feine Seele
gefeſſelt hielt. "
Sein treuer Waffenmeifter Walter warb auch ber
Bertraute feines Sehnend und Fopffihüttelnd mahnte
der Alte. den Süngling an die Gefahren, bie ihm
drohten, wenn er dem Trugbilde traute, und unerfchöpfs
lich war der Alte an Mähren von Sünglingen und
Männern, weldye ber Nixe Lore Tiebreiz und Lieb ſchon
ind Berberben gefodt. Aus des Junkers Seele war
aber das Zauber:Bild nicht zu bannen, und fein ganzes
Sinnen ging nur dahin, fie noch einmal in ihrer Schöns
beit zu fehen.
Freudig vernahm es der alte Walter, daß fein Zögs
Ting bald an des Kaiſers Hof ziehen follte, um fich bier
den goldenen Sporn zu verdienen. Wie froh der Jun⸗
fer auch fonft diefem Augenblict: entgegengefehen, der
alle feine Jugend Wünjche Frönen follte, gern hätte er
ihn jest noch fern gewünfcht; der Tag ded Scheidens
war aber fchon beftimmt, und voller Freude theilte ihm
Walter die ihm fo ermünfchte Kunde mit, denn er follte
feinen Zögling an des Kaiſers Hof begleiten, und war
ſchon entzückt in Dem Gedanken an das Lob und die Ehre,
tore⸗Ley. 157
die fein junger Herr vor den übrigen Hofjunfern eins
arndten würbe. Je näher ber Abfchied kam, um fo
beffiommener wurde des Juͤnglings Herz, benn er ſollte
ſcheiden, ohne die Holde noch einmal gefehen zu haben.
Sleißiger denn je übte er jest in den Iehten Tagen.
das Waidwerk, aber auf feiner Wünfche, feiner Sehn⸗
ſucht Ziel, harıte er vergebene. Walter fah mit ins
nerm Schmerz bed Tünglingd Kummer, deſſen Urſache
im allein befannt war, und den er troß aller Bemüs
bungen nicht zu verfcheuchen im Stande war. Als der
Sunfer ihn daher am Abende vor ihrer Abreife. bat,
od) einmal mit ihm hinaus zum Rheine zu ziehen, um
ihr Glück im Fifchfange zu verfuchen, fonnte er die
Bitte nicht abſchlagen, obwohl es ihm im Innerſten
graufte vor dem Gedanken an die Nire,
Es war ein milder MaisAbend, die Erde lag im
frifchen Brautſchmuck, wie fehnfuchtsovol den Bräutigam
erwartend; wie Seufzer der Liebe ftrichen die Wefte über
ded Rheines Spiegel. — Alled hauchte ringe Anmuth
and Wonne; des Himmels Pracht fehien zu verfchmels
zen mit dem Iebendigen Schmude, den der Frühling
Aber Berg und Thal gebreitet. Selbſt die ſtummen
Bewohner der Tiefe vergaßen im Monnengefühl der
Katur die Gefahren des ihrer harrenden Need, und
die reichfte Beute warb unfern Kifchern. Der Junker
fenfte ven Kahn nähe am Ufer bin, doch immer näher
dem gefährlichen Felfen zuftenernd, ohne daß Walter,
des glüdlichen Fangs ſich freuend, es zu bemerfen
fchien. Als endlich der Mond in-feiner ganzen Pracht
hinter dem Ley emportauchte und fein freumbliches Licht
158 eore⸗Ley.
auf den Hoͤhen und in den murmelnden Wellen zitterte,
ſo daß die Fiſche in wohliger Luſt aufſprangen, da
gewahrte Walter, wo fie ſich befanden und mit ben
Worten: „Sunfer, feht ihr dort den Ley“ entfanf das
eben zum Wurfe ausgebreitete Neb feinen Händen,
„D laßt und ans Ufer binftenern, bat Walter; ber
Junker fchien aber Fein Ohr zu haben, fein Blick war
feft auf bie Felfenplatte gerichtet, über welche ber. Monb
fein ganzes Lichtmeer ausgoß. Horch! es ranfchten
and murmelten die Wellen wie zum Gruße,. und hoch
auf der Platte erjchien in vollem Zauberreize Die Jung⸗
frau, welche der unter fchon einmal gefehen. Die
ganze Natur fchien fich rings in himmlifchen Wohllant
aufzulöfen, als die Nire ihren Gefang anftimmte und
Die Arme ausbreitete, ald wolle fie den Gegenſtand
ihrer Liebe brünftig umfangen. Dem Süngling entjant
das Steuer, fein Auge fah nur fie, Walter’d Odem
ftocte, fein Wort, keine Silbe Fam über feine Lippen.
Immer näher der Klippe glitt der Kahn, dem braufens
den Gewirre der Wafler zu, die fich wilbflürmend an
dem Ley brachen und, auf einmal ſich hoch anthürmend,
den Kahn und feine Führer verfchlangen, welche von
dem füßen Zauberton befangen, in den reizenden Ans
blick verloren, die Gefahr nicht ahnten.
Eine mächtige Woge trug Waltern an das jen
feitige Ufer, und ald das Bewußtfein ihm wiederfehrte,
. wähnte er aus einem Traume zu erwachen. Laut rief
er des Sunferd Namen, ber von ben Bergen wieder
zu ihm herüberflang, aber vergebens harrte er einer
Antwort. Was ihm fihredender Traum gefchienen,
Lore⸗Ley. 159
ar alfo fchmerzliche Gewißheit. Thräanen traten in
8 Alten Augen, er mußte ber Trauerbote feyn, wels
er dem unglüdlichen Vater den Tod des geliebten
ohnes verfünden follte. Hätten ihn doch lieber die Wel⸗
n auch verfchlungen, — dies war fein einziger Wunfch,
ber männlich gefaßt trat er vor ben alten Pfalzgrafen,
sb brachte ihm die Kunde des Vorfalld. Des Vaters
schmerz hatte feine Worte, Feine Thränen. Nach eis
gen Augenblicken fuhr er anf: „Wer mir die gottvers
nchte Fee tobt oder lebendig bringt, ihn wi ich
siglich belohnen.”
„Laßt mir Herr, den Troft” ſprach Walter „dieſes
Jagniß zu beftehen; mag mic, benn auch: der Tod im
a Wellen finden.’
- Der Pfalzgraf winfte, ihn allein zu laſſen.
Als am andern Abend der Mond aufftieg, zogen
es Pfalzgrafen Reiſige and, Walter an ihrer Spiße,
m bie Nire zu fahen. Dad ganze Ley wurbe ums
et, und Walter mit den Beherzteften hatten fich
nf der Kuppe des Ley felbit gelagert. Ald der Mond
un hoch über dem Kelfen ſtand, erfchien auch bie
Bafferjungfrau wieder, Tieblich wie die Mainacht. —
Mir nach, rief Walter, in Gottes Namen, und
e Zauberin kann Euch nichts anhaben. Die jüngern
riegsfnechte waren aber bei dem Anblide der Jung⸗
an ganz verwirrt. „Wen ſuchet ihr?“ fragte Die
lire.
„Dich, böfe Here” fuhr fie Walter an, und fich
it dem Zeichen des Kreuzes bezeichnend, fchritt er
sit den Worten: „Wo iſt der Junker?“ auf fie zu.
160 Loresäen.
Die Nire deutete auf ben Strom, deſſen Waffer,
wie. vom Sturme gepeiticht, am Felſen emporgifchte:
Metterwolfen verhüllten Mond und Sterne, nım
fie ſtand hellleuchtend in bunfler Nacht, wie ein erha⸗
benes Sternbild. Ungeſtuͤm brauſte der Wind über
die Felſen, aus tiefſtem Grunde die Wellen aufwühlend.
Auch Walter ſchreckte zurück.
Ihren ſchimmernden Halsſchmuck warf die Nixe in
die Flut, die ſich alſobald beſaͤnftigte. Wie ein rief
ger Perlenkranz ſchwammen bie einzelnen Perlen auf
dem ruhigen Spiegel. Die Jungfrau breitete ihrem
| Schleier in die. Luft aus, reich blikend wie Sternen
- schein, und mit anmuthiger Stimme fang fte ihre Weite,
in ber fie die Gewäſſer befchwor.
Alfobald ranfchten aus der Mitte bed Perlenkran⸗
zes zwei.ungehenere Wogenberge empor, fie warf ihren
Schleier von fich und trat fingend auf die Fluthen, bie
fie fanft in die Tiefe hinabtrugen. — Langfam ſenkte
ſich der Schleier ihr nad und ergoß noch lange eim
mildes Licht über den ganzen Strom, bid auch dies
verſchwunden.
Walter glaubte in den Wogen das Antlitz des Jun⸗
kers geſehen zu haben, er glaubte bemerkt zu haben, wie
er die hinabſinkende Nixe Lore umfing, und mit ihr in
den Wellen des Stromes verſchwand.
Kein ſterblich Auge hat ſeit dieſem Augenblicke die
Nire Lore mehr gefehen, aber nody naht Fein Schiffer
dem Felſen, dem fie bewohnt, ohne Furcht unb Graus.
⸗
<
Die fieben Iungfrauen.
Jei dem Städtchen Oberivefel liegen auf einem Hügel
e Ruinen ven Schönberg, auch Schomberg genannt,
as Schloß gehörte einft der berühmten Familie, deren
amen jetzt mit dem der Grafen von Degenfeld vers
inden ift, während im Neckarlande, beit Eppingen, ein
beites Schomberg, in unfern Tagen entftanden, von
ner Anhöhe auf das grüne Land herabfchaut.
Es ging einmal Inftig zu auf Schönberg. Sieben
‚one adlige Fräulein, die. Töchter ded Grafen Lud⸗
ig von Arnftein, waren zum Befuche angelangt, wie
: denn oft auf den Rheinburgen in diefer Gegend zu
rweilen pflegten. Bald fchaarten fich vornehme Jung⸗
ige in. Menge um fie herum — denn die Schweitern
ren fchön, liebendwürdig und reich. Aber fo freunds
h fie auch gegen Alle thaten, fo Tonnte doch Feiner
r- anwefenben: Ritter fich einer befondern Gunſtbezeu⸗
162 Die fieben Jungfrauen.
gung rühmen; ja, jede ernitere Bewerbung und Auf
merkfamfeit wurde mit einem gewiffen Kaltfiun aufges
nommen, welder auch dem Kühnften wenig Muth
machte. Ob ed den Schönen damit Ernft war, ober
ob fie nur die Öefinnungen der Ritter ergründen wolls
ten, wußte Niemand, gegen Adelund Familie der Freier
fonnten fie nicht8 einzuwenden haben, denn unter ihnen
befanden ſich Sügglinge aus den erften Gefchlechtern
bes Nheinlandes And bes fernen Ungarns, und ber
Wettſtreit, in dem fie hier gleichfam auftraten, fpornte
fie an, ihre Talente der Unterhaltung wie ihre ritter
liche Gewandtheit in vollfter: Glanze zu zeigen.
Es konnte alfo nicht fehlen, daß das Leben: auf
der Burg und im nahen Städtchen Weſel viele Aus
nehmlichleit und Vergnügen darbot. Da wurde ge
ritten, da wurde gefochten, da vernahm man Lauten
fpiel und Gefang, und heitere Erzählungen. Jeder
that fein Möglichfted, eine gute Meinung von fi zu
erweden. Mancher, der fonft eben nicht. gefprädig
gewefen, wurde in kurzer Zeit beredt, ohne die firenge
Schule eined Demofthened durchmachen zu müflen. Der
Eine fühlte, daß fein Arm von Tage zu Tage erftarkte,
der Andere, Daß Auge und Hand ihm immer ficherer
wurden. Es ließ ſich nicht leugnen, die liebenswürdi⸗
gen Gräfinnen waren gute Genien, fo ft auch biefer
oder jener, der fich in feiner Hoffnung, Eindruck auf
bad Herz einer berfelben zu machen, getäufcht fah, dad
Begentheil glauben und behaupten mochte. .
Als an einem Abend eine Menge Geſchichten vor⸗
getragen worden, wie oft zu geſchehn pflegte, und dabei
4
"Die fieben Sungfrauen. 163
die Reihe auch an die theild heiteren, theild fchredhafs
ten Sagen gefommen war, ‚die fid an den Namen
and die Entftehung faft jeden Schloffed, jeden Dertchens
am Rheine knüpfen, frug auf einmal dee Graf von
Naſſau, welcher in feinen Bemühungen zu gefallen
gerabe an biefem Tage fehr geringen Erfolg gehabt zu
haben wähnte: Habt ihre denn fchon die Gefchichte von
- den fieben Sungfrauen gehört? är |
Freilich wohl, jagten die Einen; Nein, die Andern.
Erzählt fie und, wenn's Euch gefällig ift, fiel die Mehr,
zahl ein. Nun wohl, fuhr der Naſſauer fort, ich bin
gerne bereit Dazu, wenn nicht irgend ein befferer Erzähs
Ier fich findet — wollt She nicht, Graf Sfenburg? —
Richt doch, wie follte ich die Mähren aus Eurer Großs
mutter Tagen Eennen! erwiederte der Gefragte, welcher
den ganzen Tag nicht von der Seite der blonden Bertha
gewichen war, und mehr Luft hatte, ſich im Anfchauen
ihrer fchelmifchen Augen ald im Berichten alter Kunden
zu vertiefen. — So fei ed denn, nahm der erſtere wies
der das Wort: im Voraus muß ich aber verfichern,
daß jedes Wörtchen Wahrheit ift, was ihr verneh⸗
men werdet.
Auf der Burg, wo wir und gegenwärtig befinden,
lebten vor vielen Jahren fieben wunderfchöne Schwe⸗
ftern. Eine Schilderung ihrer Neize und Vorzüge will
ich nicht unternehmen, ob ich gleich nie treffendere
Borbilder dazu finden könnte, als in diefem Augenblid.
Aber fo ſchoͤn fie waren, fo Felfenhart waren ihre Hers
zen. Sie fchienen nicht zu willen, was Liebe heißt;
Jagd und Spiele waren ihre Vergnügungen; erflangen
164 Die fieben Iungfranen.
ihre Zithern, fo war es nur von ritterlichen Thaten
oder von ben Gefchichten alter Franenfraft und Hoheit.
Vergebens, daß bie ganze junge Ritterjehaft des Landes
wetteiferte, fie zn gewinnen: Schönheit, Tapferkeit, Ins
gend, Kenntniffe — alled war fire fie wie nicht vor
handen. Sie achteten anf nichtd, oder fie ließen ihrer
muthwilligen Laune anf Koften der Freier ungeftörten
Lauf; fie fchien heute gerührt, um morgen mit dop⸗
pelter Härte und Grauſamkeit zurückzuſtoßen. So ger
ſchah es denn, daß gar mancher ſich verletzt und zuͤrnend
wegwandte und die Schlimmen auf ewig zu fliehn be⸗
ſchloß — aber ſeine Stelle blieb nicht lange leer; bald
war ein Andrer da, um dieſelben Erfahrungen zu machen,
und mit blutendem Herzen das böſe Geſchick zu ver⸗
wünfchen, das ihn, Ruf und Warnung zum Trotz, in
Den gefährlichen Kreis geführt hatte. Als nun aber
endlich die Herren die Geduld verloren und die Schwe
ftern anlagen, fie möchten fich erflären: fo ſchienen diefe
fi) zu befinnen, und bald wurde den Harrenden die
Antwort ertheilt, fie würben eine beftimmte Auskunft
erhalten, wenn fie fi) am folgenden Morgen im großen
Saale einfinden wollten. Die, welche ſich für am mei
ſten begünftigt hielten, fonnten Faum die Nacht erwarten,
und am andern Tage waren Alle im fchönften Putze,
und goldene Ketten, glänzende Waffen, prächtige Rei
herfedern, kurz alled was ind Auge fiel, wurde hervor
genommen und angelegt. Die Thüren bed Saales
‘wurden endlich geöffnet, die Ritter traten em, und es
‚war luſtig anzufehn, wie fie fi, Alle in bie maleriſch⸗
ſten Stellungen zu bringen ſuchten, um bie Blicke anf
-
Die fieden Jungfrauen. 165
"ich zu ziehn. Es währte fo eine Weile — die Erfehnten
erſchienen immer noch nicht — und fchon begannen ber
‘Wine und Andere unruhig zu werben, ald auf einmal
lautes Gelächter von den Fenftern ded Saales erfcholl.
Alle fürzten hinzu — in demſelben Augenblicde ftieß ein
"Kahn vom Ufer, und in ihm faßen die fieben Schönen,
"Welche ſich fpättifch gegen bie Freier verneigten und
Ahnen ein Lebewohl zuriefen. »
Was für Gefichter die Gefoppten fchnitten, unb
wie fie laut und heimlich die Spröden verwünfchten,
will ich gar nicht befchreiben. Aber dabei blieb es nicht
— fie wurden geräcdht, ehe fie ed vermutheten. Wäh—
rend noch Alle hinaudblickten, ereignete ſich plötzlich
eine fchredliche Szene: der Kahn fließ unverfehend auf
einen Felfen und ſank. Wehegefchrei trat einen Augens
blick lang an die Stelle der freudigen Töne — weiße
Gewänder ſchwammen noch einige Sekunden auf der
Oberfläche — dann war Alles verfchmunden. Bleiches
Entfegen im Geficht, blickten Die Zurückgebliebenen einans
der an, und ein: Herr Jeſus Chrift! bebte auf mancher
Lippe. Bon diefer Zeit an bemerkten die Schiffer bei
niedrigem Wafferftande auf dem led, wo dieſer Vor⸗
fall fich zutrug, fieben Felfenfpisen, an denen die Welle
ſich brach. Sorgfältig mieden fie die Klippen, welde
fie die fieben Sungfrauen nannten, aber noch macher
Nachen fol dort den Untergang gefunden haben, wenn
die Fluth hoch ging und der Schiffer des Weges nicht
durchaus hundig war.
Hiermit endigte der Graf von Naſſau ſeine Ge⸗
ſchichte. Mir wiffen nicht, welchen Eindrud fie auf
2*
„innerhalb ihrer ſtattlichen Mauern.
166 Die ſieben Jungfsauen.
feine fchönen Zuhörerinnen machte, aber wir haben in
„Chroniken gelefen, daß bie reizenden Gräfiunen „von
„Arnftein in der Blüthe ihrer Jahre glänzende Ehebünd⸗
niſſe eingingen. Pfalzgräfin von Tübingen wurde bie
‚Eine, Gräfin von Sfenburg die Andere, nach ‚Unger
„land zogen zweie. Auch Burg Naffau, die von waldiger
‚Höhe auf das freundliche Thal herabblidt, durch wel-
ches die Lahn ſichwindet, ſah bald eine junge Gebieterin
Der Pfalzgrafenſtein.
Ehe der Orleansſche Erbfolgekrieg das ganze Rheinland
ſchonungslos verwüſtete, und die Uebel, welche ber
dreißigiährige Krieg herbeigeführt hatte, die unglücklichen
Bewohner in verboppeltem Maße empfinden ließ, war
Stählek eine anfehnliche Burg und Bacharach eine
wohlbefeftigte Stadt. Größtentheild in Trümmern lie⸗
gen jetst die 16 hohen Thürme, welche die Mauer ber
füßten, die von der Stadt aus, welche fle auf der
Flußfeite umgab, ſich zum Schloffe hinanzog; auf
dem Abhange des Hügels fieht man noch jest das halb»
jerftörte Gemäuer der Wernerskirche, mit fchönen
gothifchen Fenfterbogen, aber ohne Dach und dem uns
vermeidlichen Untergange raſch entgegengehend. Sie
wärbe zum Andenfen an einen Knaben Werner, aus
dem Dertchen Warmörode gebürtig, erbanf, welcher
zu Ende des achten Jahrhunderts von den in dem be-
=
168 Der Yfalzgrafenftein.
nachbarten Oberwefel wohnenden Suden geraubt und
gemartert, und dann an biefer Stelle begraben wurde.
Auf der Burg Stahled, von wo man auf Sfhdt
und Strom und auf die vielen Weinberge, welche
Bacharachs Namen berühmt gemacht haben, hinabblidt,
pflegten bie rheinifchen Pfalggrafen öfterd ihre Zeit
zu verbringen. So that auch Konrad von Hohenftanfen,
der Halbbruder Kaifer Friedrich des Rothbarts, welcher
dem Einderlos geftorbenen Herrmann von Stahled im
ber Pfalzgrafenwürde folgte und zu deren nachmaliger
Bedeutung den eigentlichen Grund legte. Dem um diefe
Zeit mächtigften und blühendften deutſchen Fürftenhaufe
angehörend, reich und angefehn, fchien er faft keinen
Wunſch hegen zu koͤnnen, deſſen Erfüllung ſich nicht
hoffen ließe. Eines aber fehlte an feinem Glück: er ſah
feine Söhne um fich emporblühen; die beiden, welche
feine Gemahlin Irmengard von Henneberg ihm gefchenft,
woren in der Kindheit verftorben, und nur eine Tochter,
Agnes mit Namen, ihm geblieben, die nun die Erbin
feiner meiften Befigungen werben follte.
Als Agnes heranwuchs, war e& natürlich, daß
viele vornehme Herren und Fürften ſich um ihre Hand
bewarben. Unter diefen war auch Heinrich von Brauns
ſchweig, Heinrich des Löwen Sohn, und zu einer Zeit,
ald der alten Feindſchaft zwifchen Hohenftanfen und
Melfen durch Bündniß und Verfchwägerung ein Ende
gemacht fchien, wurde die Verbindung des jungen Pags
res befchloffen. Aber ehe der Zeitpunkt heranfam, ben |
man beftimmt hatte, traten neue Umftände und Miß⸗
verhaͤltniſſe ein, welche den frühern Plan el
Der Pfalggrafenftein. 169
ließen, umfomehr, ba andere Ausfichten ſich darboten,
welche dem Ehrgeise bed Pfalzgrafen mehr zuſagten
und ſchmeichelten.
Der König von Frankreich, Philipp Auguſt, welcher
den Kreuzzug nach dem gelobten Lande gemacht hatte,
hielt um Agneſens Hand an. So willkommen nun die⸗
fer. Antrag dem Vater war, fo wenig behagte er der
Tochter: fie hatte den Braunfchweiger liebgewonnen -
und wänfchte feinen andern zum Gatten zu haben, als.
ihn, der ihr durch der Eltern Willen beftimmt gewefen .
war. Heinrich, ber ſich im Lager des Kaifers befand,
wandte alle. Mittel an, die ihm zu Gebote ftanden, um
von dem, was auf Stahled vorging, Nachricht zu er⸗
halten: eine Bertraute hatten die Liebenden an.. der
Pfalzgraͤfin, welche der Heirath mit dem franzöftfchen
Könige nicht hold war, und die Wünfche des Welfen⸗
herzogs begünftigte, wodurch fie das Glück ihres einzige
Kindes zu begründen hoffte. |
Um diefe Zeit traf es fih, das der Pfalzgraf fich
veranlaßt ſah, die Burg auf einige Tage zu verlafien.
Irmengard, nachdem fie noch einmal die Gefinnung
ihrer. Tochter erhorfcht und diefe feſt und entſchloſſen be-
funden, benußte die Gelegenheit; nah Stahlef im
Geheimen beſchieden, war der glüdliche Heinrich bald
in der Nähe feiner Geliebten. Der Burgpfaff, von der
Pfalzgräfin aufgefordert, legte noch an demfelben Tage
die Hände des jungen Paares ineinander. In größter
Stille wurde die SHochzeitfeier begangen, aber beflo
inniger war die Seligkeit der Stunden und Tage, die
fie nun mit einander. verlebten.
170 Der pfalzgrafenſtein.
Es währte nicht lange, fo kehrte der Pfalzgraf
gurüd, Irmengard, auf einen ernten Auftritt geftßt;:
ging ihm entgegen. Herr, ſprach fie, ein Falke kam
bergeflogen, mit braunem Haupt’ und weißer Kehle.
Gut gefrümmt zu mächtigem Fange find ihm Klanew“
und Schnabel, und die Schwungfebern reichen ſo ‘weit,
daß man wohl fieht, fein Vater habe ihn auf hohem’
Horſt erzogen. Diefen Vogel, nie ſaht ihr einen fchönern,
habe ich gefangen und behalten. Und mit diefen Worte '
führte fle ihn in das Gemach, wo Heinrich und Agnes
fi befanden.‘ Beide warfen fich ihm zu Füßen. Com‘
rads Zorn kannte Anfangs feine Grenzen, doch behaup⸗“
tete er dem Welfen gegenüber fcheinbare Ruhe nub'
Hoffnung. Mit wenigen Worten Tündigte er ihm au,
er möge fofort die Burg verlaffen: die Verbindung fei-
ohne feine Einwilligung gefchehen, er möge nicht erwar⸗
ten, eine abgenöthigte Zuftimmung zu erlangen. - Bitten:
und Thränen der Gattin und Tochter vermochten nicht#:
über ihn, der junge Herzog war troftlos, ſich von Agnes
fen’ trennen zu müffen, und das unter folchen Verhälts
niffen! Aber er beruhigte fich allmählig mit dem Gedans
fen, baß die Erbitterung des Vaters nachlaffen, - und:
diefer ihn doch als Eidam aufnehmen werde. Srmengarb
war nahe daran, ſich Vorwürfe zu machen, daß fie
felbft die Sache auf diefen Punkt gebracht, denn fie bes
forgte, der Pfalsgraf werde um Trennung ber Ehe
nachſuchen. Trübe Stille herrfhte auf Stahled.
Heinrich war weggezogen, die Frauen überließen ſich
ihrem Gram, Conrad beobachtete ſtrenges Stillſchwei⸗
gen und ließ fih nur beim Mittagemahl blicken.
Des Pfalggrafenftein. 111.
tährenb ben andern Stunden fah man ihn bänfig
drkiten. |
Eine kleine Strecke unterhalb Bacharach, der Stadt:
mb: gegenüber, ragt aus dem Strome eine Felſen⸗
atte bervor, welche ein ſonderbar geſtaltetes Gebaͤude
gt, das ben Schiffenden auf den es umſpülenden
Ken zu fchwimmen fcheint. — Breit ift die Baſis,
efeitig der Bau, maſſiv das Mauerwerk, Hein und
ebrig die Thüre, zu welcher cinige Stufen führen.
ne Menge vierediger, fpiger Thürnchen, zum Theil
if Vorſpruͤngen ruhend und mit Heinen Kenftern vers
Yen, umgeben ben in ber Mitte emporfteigenden Haupt⸗
kom, deſſen Fuppelfürmiges Dach eine Leuchte ziert.
5 diefem Thurme herab erflang im früheren Tagen
# Ton. der Glocken, welche das SHerannahen vom:
Kiffen verfündeten, die hier den Rheinzoll zu erlegen‘
wen. Ein tiefer Brunnen gibt gutes Waſſer; mehre
ine Gemächer und Gewölbe befinden fi im Innern
eſes fonderbaren, auch jetzt noch gut erhaltenen Schlofs
. Es iſt der Pfalzgrafenftein, kur zweg auch die
falz genannt.
Vor dieſem Gebaͤude lag eines Morgens das
chifflein Conrads von Hohenſtaufen. Er hatte ſeine
ochter Agnes dahingeführt und ihr mit wenigen Wor⸗
gs angelündigt: die Stromveſte werde ihr Wohnſitz
a, bid er weiteres über fie befchloffen. Mit Gelafs
heit ergab fie fi; in ihr Schickſal. An dem Feniter
& niedrigen KRämmerleind fitend, bas für fie beftimms
ar, blickte fie hinaus über ben Waflerfpiegel und auf
e SHügelletten bes Uferd, und dachte an ihren fernen
1723 Der Yfelgzzafenfcie.
Gatten. Rur felten durfte Irmengard die Einſame bes
fuchen. Einf fam fie wieder, aber nicht allein — als
Pilger gekleidet trat Herzog Heinrich bintet ihr ein.
Trauer unb Eutbehrung vergangener Tage waren. ik.
dieſem einen Momente vergeften. Aber nur auf Eurze Zeit
onnten fie das Glück der Wicbervereinigung genießen. .
Der Pfalzgraf war unterbejien auf andere Geſin⸗
nungen gefommen. Am Hofe ded Kaiferd durch dieſen
ſelbſt gedrängt, Heinrichs Ehe mit Agnefen für nichtig
erflären zu laſſen, erwachte fein Batergefühl und er.
konnte ed nicht über fidh gewinnen, fein einziges Kind
ungladlich zu machen. Die Erwägung ber Nachtheile,
welche durch eine fo heftige neue Berfeindung mit Dem.
Haufe der Welfen entitchen Fönnten, legte auch ein Ges.
wicht in die Wagſchale. Noch, aber hatte er fich Abes-
nichtö gegen Irmengard geäußert, ald diefe ihm bie-
Nachricht brachte, Agned hoffe Mutter zu werben.
Damit war die Berfühnung befiegelt. Aber nur mit
einem Erben anf dem Arme wollte er die Tochter wies
der einziehn fehn auf Stahleck — dieſe blieb auf ihrer
Felfeninfel, aber nicht mehr einfam und traurig, Denn
nun brandıte der Welfenherzog nicht mehr in der Ber
Fleidung zu ihr zu fchleichen. Heinrich von Braunfchweig,
ber Lange genannt, folgte Conrad von SHohenftaufen
in der Pfalzgrafenwürde, die nach ihm auf feinen gleich
namigen Sohn überging, Bon der Zeit der fchönen Agnes
her, fol ſich die Sitte erhalten haben, daß die. rheinifchen
Pfalgräfinnen ihr Wochenbett in dem Eleinen . Schloffe .
halten mußten. Mauche bezweifeln jedoch, daß Letzteres
gefihehen fei: nur bie Sage bewahrt die. Erinnerung
Die Tentelsleiter.
ꝛx ben edeln Gefchlechtern, beren Namen man in
nittelalterlichen Gefchichte des Rheingaues findet,
bas der Gilgen von Lord eined der angefehenften,
e aus dieſer Familie hatte während der Zeit, wo
ganze deutfche Adel zu den Kreuzzügen entboten‘
), ebenfalld Theilnahme angelobt; aber er that es
nach langer Ueberredung und wider Willen, und
weil er die Unehre fcheute, welche durch eine
jerung fich an feinen ritterlichen Namen geheftet
ı würde, ald aus Frömmigkeit und Herzensdrang.
fein Herz war es eben, was ihn zurüdhielt. Seit
m mit einem fchönen und edeln Fräulein verlobt,
te er ed nicht über fich gewinnen, ſich von ihr
reißen. Als er endlich dennoch das Kreuz nahın,
elte Mancher an der Aufrichtigkeit feines Ents
ſes.
Die Zeufelsleiter. 4175
begreiflich, wie wenig Menfchenkraft und Menfchenwille
‚bier vermöchten, und wie er nichts anders thun koͤnne,
‚als fich in Geduld faſſen, um zu ſehn, ob die Stand»
haftigkeit der Gefangenen den Räuber, ber jeglicher
Aufforderung fpottete, endlich auf andere Gedanken
‚bringen werde. Aber, Geduld und Ergebung, wo follte
Gilgen die hernuehmen? Der Umftand, daß man ihm
‚merten ließ, wie man den ganzen Borfall ald eine
‚Strafe des Himmeld für die Verleßung feined Gelüb-
‚ne3 betrachte, fo allgemein auch Gertrudens Geſchick
betrauert ward, trug nur dazu bei, feine - Erbitterung
‚und feinen Groll zu mehren, flatt ihn zu reuigem In⸗
fichgehn zu vermögen.
In diefer Stimmung befand er fih, ald er eines
Abends von einem Ritt durch die fich kreuzenden und
‚verfchlingenden Thäfer zurückkehrend, welche bei Lorch
‚münden, nahe bei den Felfen des Kedrich hielt. Indem
‚er mehre Minuten lang die fteile Höhe hinaufblickte
und mit jedem Augenblide die Unmöglichkeit irgend
‚eines Anfchlagd zur Befreiung der Geliebten Flarer
vor ihm Stand, burdyzudten bligähnlich feine Seele
Empfindungen, ‚welche den Chrifteg des Namens, ben
er führt, unwürdig machen. Einen gräßlichen Fluch
‚swifchen den Zähnen murmelnd, wandte er fein Roß,
um den Heimweg anzutreten, als ein Unbekannter ihm
‚auf dem fchmalen Pfade entgegentrat. Gilgen fchaus
derte zufammen, denn .er hatte eine Ahnung, wen Dies
werzerrte Geficht angehören könne. Von einer plößlichen
‚ bumpfen Furcht ergriffen, wollte.er vorbeireiten, aber
der Andere ließ ihn ‚nicht unangerebet ‚vorüber, und -
wie gebannt blieb das Pferd auf der Stelle ſtehn.
176 Die Zeufelstleiter.
Ritter, ſprach eine tonlofe Stimme, kann ich euch hels
fen? ‚Keine Antwort erfolgte. Sch weiß, was ihr
begehret, was ihr wünfchet, fuhr jener fort; aber fchant
auf! Verſucht's, reitet die Klippen hinauf: einem tapfern
Ritter wie ihr feid, kann ja nicht unerreichbar fcheinen.
Kehre zur Hölle zurück, du Hund! fchrie Gilgen
ergrimmt über ben Hohn, und ein gewaltiger Schwert .
bieb fchien dad Haupt des Unbefannten zu fpalten —
aber ein heifered Lachen ließ fi, vernehmen, und die
dünne Geftalt ftand auf dem vorberften Felfen. Nehmt
Vernunft an, hieß es weiter; ich allein Tann ench zu
bem verhelfen, was ihr verlanget, vertranet ench mir
an, und heute noch ift die fchöne Gefangene die eure.
Wie Espenlaub erbebte der Ritter bei dem Gebans
fen, baf er an ver Schwelle des ewigen Unterganges
fiehe; er ſchwankte und wollte dem Roſſe die Sporen
geben, um dem Berfucher zu entfliehn. Da kraͤchzte bie
Stimme: Morgen ift die Braut für euch verloren!
Sept noch könnt ihr fie gewinnen! Tobende Leidenfchaft
erfüllte Gilgens Gemüth: ber Pakt mit dem Fremden
war gefchloffen. Der Mond trat hervor und goß fein
Licht über die zagigen Felfenmaffen aus. Friſch anf,
du kühner Reiter! rief die Stimme — Gilgen fah ſich
allein, der Sturmwind heufte und peitfchte zerriffene
Wolfen über den fchwarzblauen Sternenhimmel. Lant
auf wieherte dad Roß, ald es den Syorn fühlte und
war mit einem Sate auf dem fchmwindelnden Pfabe.
‚Mit der einen Hand hiek der Ritter den Zügel ftraff
geipannt, mit ber andern hatte er dad Schwert gezos
gen. Eine Windsbraut fehien dag hier emporzutragen:
Die Teufelsleiter. 177
auf Stellen, nur für der Gemfe Tritt gemacht, haftete
fein Huf; unerfchroden ſaß Gilgen im Sattel, wenn
er auch rüdlings hinabzuftürzen drohte Der Lärm
hatte die Wenigen, die ſich auf der Burg befanden,
auf die Mauer gerufen: flare vor Schrecken blidten
fie bin und wagten ihren Augen nicht zu trauen, als
Der wilde Reiter, durch Ruf und Ferfe das Thier ers
munternd, fich gefpenfterhaft zu ihnen heranfarbeitete.
Der Augenblid war da: auf dem Thurme erblickte Gils
gen die weiße Geftalt Gertrudend — noch ein Sprung,
die lebte, toddrohende Klippe hinan, und die Spike
war erreicht — das Thor erflürmt und der Räuber lag,
eine biutende Leiche, vor des Raͤchers Füßen am Bos
den. Eine Minute fpäter, und Gilgen hielt Gertruden
in feinem Armen. |
‚Aber fein Glück, das frevelhaft erfanfte, follte
nicht von Dauer fein. Kaum war er wiebervereinigt
mit ihr, um die er. irdifchen Ruhm darangeſetzt und
ewige Seligfeit, fo welfte fie dahin, wie eine Blüte
beim Wehen des Wüſtenwindes. Nach ihrem Tode machte
Gilgen durch eigne Hand feinem Leben ein Ende. —
Die Bewohner Lorchd zeigen noch mit Sraufen auf ben
faft unerfteigbaren Pfad, der von jenen Ereigniffe den
Ramen ver Teufelöleiter führt, und bewahren auf ihrem
Rathhauſe den Zaum des muthigen Roſſes. “
Bas Wisyerihal.
Hinter Lorch liegt ein wildes, einſames Thal, mit
einigen armen Hütten. Lange war es unbewohnt, denn
Viele, Die es betreten hatten, wurden anf mancherlei
Weiſe geneckt und geängftigt und einige Tamen and) gar
nicht wieder zum Vorſchein. Bor mehrern Sahrhunder
ten begab ſich's, daß drei kecke junge Gefellen in ber
Kheingegend Inftreiften. Es waren Söhne reicher Kaufs
herren aus Nürnberg. In der Herberge zu Lorch hörten
fie von dem wunderlichen Thale, und faßten aldbald
den Entichluß, daſſelbe zu beſuchen. Muthig arbeiteten
fie fich durd, die Wildniß, und gelangten, nad} einer
halben Stunde, zu einer ungehenern Felfenmafje, welche
faft die Geftalt eines Schloffed hatte, Auch waren oben
ſchmale, fpiszulaufenve Kenfter eingehauen, wie bie
Fenſter eined Doms.
Das Wisperthat. 179
Aus einem der Fenfter ſchauten, neben und überein
ber, drei wunderfchöne weibliche Köpfe. Sie riefen
n Sünglingen ein wieberholted „BfE! zu, und biefe
jten untereinander: „Das fieht nicht fo granfig aus,
e man und gefagt hat. Die fchönen Jungfrauen
gen wohl Langeweile haben, wir wollen hinauf, und
ten bie Zeit verkürzen.‘ Der Feld hatte zur. Seite
te fchmale Thüre. Die drei Geſellen gingen hinein,
d kamen durch einen langen dunkeln Gang an eine
eppe. Diefe führte in eine geränmige Vorhalle.
er die Finfterniß war hier fo groß, daß man bie
mb vor ben Augen nicht ſehen Fonnte. Nach langem
rumtappen gerieth einer ber Wandrer an eine Chäre,
b öffnete fie. Ein Glanz von taufend Kerzen flims
rte ihnen entgegen, und blendete ihr Geficht, Sie
fanden fih am Eingang einer weiten Halle,
en Wände von oben bis unten mit großen Spiegeln
ect waren. Zwifchen ben Spiegeln waren unzählige
tchter mit brennenden Kerzen. „Seyb uns willfoms
R’, riefen. die drei Sungfrauen und reichten ihnen bie
nde entgegen, aber die Gefellen waren in großer
rlegenheit, denn ftatt der brei fahen fie mehr als
ıbert fchöne Mädchengeftalten; aus jedem Spies
fchanten welche hervor, und boten ben Fremden
Hände zum Gruß und lachten ob ihrer Verdutzt⸗
. Jetzt öffnete fich in einer Nifche der Halle eine
iegelthlire, und ein hochgeftalteter Greis trat heraus,
fhwarzem Gewand, und mit kreideweißem Bart.
ging auf die Zünglinge zu, und fagte: „Ihr ſeyd
hl gefommen, meine Töchter zu freyen? Ich wil
12
180 * Das Wisperthal.
nicht knickern, denn ich bin fein Kaufherr, und einem
jeden von Euch tauſend Pfund Goldes zur Ausſteuer
geben. — Da lachten die Mädchen noch mehr, und bie
jungen Leute wußten nicht, was fie denken oder fagen
follten. „Nun fo nehme ſich ein jeder die Seinige Wi
rief endlich der Alte mit donnernder Stimme, ... . .-.,
Zitternd ging jeder der Zünglinge auf eines. her
Mäpdchen zu, und indem er ihr die Sand zu :geben
meinte, berührte ex einen Spiegel. Da fing auch: ber
Breid zu lachen an und fagte: „Ich will's Euch bes
quemer machen.” Er führte jeßt einem jeden eine ber
Sungfrauen zu, und wie unheimlich e8 auch den Geſellen
um's Herz fein mochte, ſo fiegte doch ber Zauber ber
Schönheit über die Furcht, und fie entbrannten alle
drei in verberblicher Glut zu den Töchtern des Alten.
„Ich erlaube Euch, Eure Bräute zu küſſen, fagte dies
fer.” Sie ließen fich das nicht zweimal: fagen, aber
die Küffe bethörten ihnen Herz und Sinne noch mehr.
„Jetzt müßt Shr aber auch eine Probe Eurer Liebe
geben ‚’ fing ber reis wieder an. Meine Töchter
haben feit geftern Abend ihre drei Schoosthiere vers
loren; das eine ift ein Staar, das andere ein Nabe,
das dritte eine Elſter. Wahrfcheintich figen fie Draußen
im Walde. Shr möget fie daran fennen, daß ber Staar
ein Raͤthſel weiß, der Nabe ein Lieblein, bie Elſter
aber die Gefchichte ihrer Großmutter. erzählt, fobalb
fie darum "gefragt wird. — Geht nun, Ihr wadern
Freyer, und bolt die lieben Thierchen, die fromm find,
und fi) gern fangen laſſen.“
Das Wisperthal. 4181
: Die drei Gefellen tbaten nad). ben Worten des
reiſes. Ungefähr eine. Biertelftunde von der Felſen⸗
wg fanden fie die drei Vögel nebeneinander auf bem
& einer abgeftorbenen Eiche figen.
— „Staarmasg, fag’ und dein Raͤthſel,“ rief einer der
efellen. Der Staar flog herab, ihm auf die Schulter,
d fagte: |
„Sprich, was flgt Die im Geſicht,
und Du ſiehſt's im Spiegel nicht?”
"Rabe, Rabe, fing dein Liedlein,’ rief der Zweite.
er Rabe fang, mit etwas heiferem Ton:
1. |
„Einſt in's Schlaraffenland zogen
Drei Pfaffen auf einem Gauls
Da kamen die Bögel geflogen
Gehraten jedem vor's Maul;
Doch keiner kam in ein Maul hinein,
Die Vögel waren groß, bie Mäuler Hein,”
2
„Gar hungrig Echren bie Pfaffen
Wieder um in's Vaterland,
und fhwören: Wei ben Schlaraffen
Sey doch Fein Funke Verftand ,
Sonft müßten die gebratenen Voͤgel Klein,
Die Mäuler aber viel größer fein.”
Kaum hatte der Vogel fein Liedlein vollendet, als
gleichfallid vom Baum herab flatterte, und fid, dem
seiten Gefellen auf den Kopf feste. — Elſter, Elſter,
zäh mir die Gefchichte von Deiner Großmutter,” rief
tzt der Dritte, Die Elfter warf ſich in die Bruft
132 Das Wisperthal.
und erzählte: Meine Großmutter war eine Eifer, und
legte Eyer, und daraus wurden wieder Elftern, und
‘wenn fie nicht geftorben wäre, fo lebte fie noch. —
Mit diefen Worten fchlug fie ihre Fittige und flog dem
dritten Süngling auf die Hand.
Die jungen Kaufherren waren nicht wenig erfreut,
die Probe fo Leicht beftanden zu haben, und. fie eiften
Hals über Kopf der Felfenburg zit — welche fie andı
mit einbrechender Nacht erreichten.
Als fie aber in die Halle traten, war nichts mehr
von der Pracht der Spiegelwände zu fehen, und eben
fo wenig von den fihönen Sungfrauen. Die granen
Wände und Pfeiler des weiten Gewölbes hatten feine -
Befleidung, und in drei Nifchen ſtanden brei Tifche,
mit Wein und Speifen befest. Drei uralte, zahnlofe
Mütterchen wadelten den Sünglingen entgegen, und
reichten ihnen die welter Hände zum Gruß. „Ach,
unfere lieben Freier,“ Trähten fie, wie aus einem
Munde und umarmten die betroffenen Sünglinge fo
herzlich, daß es dieſe Falt und warm überlief. Run
fingen die Mütterchen an, Durcheinander zu fchnattern und
zu Happern, der Staar fagte fein Räthfel her, der
Nabe fang fein Liedlein und die Elſter erzählte die
Gefchichte von ihrer Großmutter. Kurz ed war ein
Gequiek und Gepiep, daß Niemand ein Wörtchen vers
fiehen mochte. |
Jedes Mütterlein ergriff jegt feinen Augderwählten
beim Arm, führte ihn an einen der drei: Tifche,
und fpracd mit ihm von den goldenen Tagen, die fle
mit einander verleben wollten auf der Felſenburg .
|
Das Bicpertbat 183
Auch die. Drei Vögel fangen unb ſchwatzten in einem,
fpet; : Die Gefellen. fühlten weder Hunger noch Durſt,
bach: ‚Tief ſich jeber .einen Becher koͤſtlichen Weins aufs:
nöthigen, und faum hatten fie den geleert, als ein
tiefer Schlaf ſich ihrer bemächtigte.
Die Sonne ftand bereitd hoch am Himmel, ale
fie erwachten. Sie lagen im dichten Geftrüpp, am Fuß
einer wildzerriffenen Felfenwand, und. hatten Mühe,
anf die Beine zu Fommen und fich ind Freie zu arbeis
ten. Bol Scham und Nerger nahmen fie den eg
durch das Thal zurück, aber von allen Seiten töute
aus den Bäumen das verwünfchte Bft, Bft, herab, und
es Fam ihnen vor, ald ob aus jedem Wipfel der Kopf
eined alten Mütterchen’d ihnen zuwinfe. Am Ausgange
and dem Thal in die Ebene faßen die drei Vögel auf
einer alten Ulme, und ber Rabe fang fein Lieb, und
der Staar fagte fein Räthfel, und die Elſter erzählte
ihre Gefchichte. Einer der Gefelen, der nun wies
der keck wurde, weil er freied Feld vor fich fah, fragte
einen Bauersmann, der eben vorüberging: „Guter
Freund, kannſt Du und wohl fagen, was dieſe ver:
wünfchten Vögel eigentlich meinen?” — „Wenn Ihr
mir's nicht übel nehmen wollt,” antwortete der Bauer,
„0 deute ich Euch den Scherz. Das Räthfel des Staar’d
geht auf eine Rafe, wie fie wohl Maucher fchon bes
Iommen hat, die aber, zam Glück, Niemand fehen kann.
Der Rabe mit feinem Lied will fügen, man foll die
gebratenen Vögel lieber mit der Hand fangen, als mit
dem Maul, und die Elſter erzählte eine Geſchichte, die
ve Enfel vielleicht auch einmal von Euch erzählen
184 gas Mitpertbet
werden. — Die drei Geſellen fahen ſich einander fat
etwas einfältig an, und vermaßen ſich hoch und thener,
nie anf ein BR zu hören, uud wenn ed and bem ſchoͤn⸗
- fen Munde konmen follte.
Die Braut vom Rheinflein.
(Hierzu das Bib V, erfunden von Sonderland, aeftochen von
. Ed. Schuler.)
ie:
&s ift nicht ein öber Trümmerhaufen, eine halbzer⸗
flörte, einfame Warte, ein Brandgefchwärzter Steinreft,
ber und diesmal eine Sage zuruft aus jenen Tagen,’
wo die feſte Burg ſtattlich prangte und der Stolz und
Schuß ihrer ritterlichen Inſaſſen war; ihr ſchauet viels
mehr verwundert hinauf an die hohen Steinmaffen,
auf denen eine zierliche und mächtige Feſte thront,
ihr glaubet, die Wellen des Rheins haben euch zurück⸗
gefpült in jene Zeit, wo jede Kelfenfpige eine Ritter:
burg trug, wo in jedem fihattigen Thale ein Klofter
Rand, von frommen Mönchen oder jungfränlichen Non;
nen bewohnt, wu jede Bergeshoͤle einen chrwürdigen
Klausner beherbergte, und wo in flillen Gründen Die
Elfen und Kobolde beim Mondesglanz ben Tuftigen
Reigen tanzten.
186 "Die Braut vom Rheinftein.
E83 ift die alte Burg Rheinftein, bie ihr ew
blicket. Aus den Trümmern, in welche bie Gewalt ber
Zeit und bie Zerftörungswuth der Menfchen fie vers
wandelt, ift fie herrlich und mächtig wieder erflanden.
Bon der hohen Warte weht ſtolz herab dad Banner
des Föniglichen Haufes, aus welchem der edle, fürfts.
Iiche Befißer und Wiederherfteller der Burg entfproffen.
Und nicht Verberbendränende Wurfgefchoffe, noch
geſchwungene Flamberge, noch gefenfte Hellbarden weh⸗
ren euch den Eingang, wenn ihr beſchauen wollet die
Zellen und Gemächer der Burg; die Fallbrücke ſenkt
ſich und die eichene Pforte öffnet ſich gaſtlich eurem
Eintritt, der greiſe Pförtner hat Pickelhaube und Panzer
abgelegt und geleitet euch gern durch die alterthümlichen
Räume bid hinauf auf die Zinne, wo euren flaunenben
Augen das herrliche Rheinthal mit feiner grünen Ge
genwart ımd feiner in grauen Ruinen nachlebenden
Bergangenheit ſich ausbreitet.
Die Sage erzählt und, daß vor langen Zeiten, in
den eriten Jahren des vierzehnten Säkulums, ein Ritter
Sifrid von Rheinflein auf der Burg haufte, der in fer
ner Jugend ein gar wildes und wüſtes Leben geführt,
auf einem feiner häufigen Raubzüge auch ein wunder
ſchönes Mägdlein aus dem Franfenlande feinen Eltern
entführt und Daffelbe mit anderer reichen Beute auf
feine ftarfe und wohlverwahrte Veſte gebracht habe,
Nach diefer Zeit aber habe der wilde Waffenlärm,
welcher fonft ohne Aufhör in der Burg getobt, urplößs
lich ein Ende genommen, viele Mannen und Knechte
hätten die Dienfte des Ritters verlaffen, weil biefer
Die Braut vom Rheinfteiim. 187
befchloffen habe, binführo feine Raubzüge mehr zu thun,
£ondern in Frieden daheim zu bleiben und den Reſt
feiner Jahre zuzubringen in Ruhe und gemädjlichem
Leben. . Dem war’d auch fo, und es hatte die Liebe au
der fchönen Jungfrau Died alles in Sifriden bewirkt.
Er ehelichte fie auch bald nach diefem und fie führten
ein files und zufriedenes Leben.
Es dauerte aber nicht lang, daß Freude und Trauer
zugleich anf die Burg hereinbrachen, denn bie ſchoͤne
Jutta ſchenkte ihrem Gemahle ein Mägdlein, gefegnete
aber wenige Stunden darauf das Zeitlihe. Der Ritter
Sifrid war außer fih vor DBetrübniß und Schmerz
und warb von Diefer Zeit an ganz finfter und menfchens
ſchen, fo daß bald alle Säfte die Burg mieden und des
Thurmwarts Horn einroftete. Sifrid aber lebte fortan
nur dem Andenfen an feine heimgegangene Gattin und
ber Erziehung feines einzigen Töchterleind, dad er wie
feinen Augapfel liebte und in Zucht und Frömmigkeit
anferzog, auch in allen weiblichen Sünften untermweis
fen ließ. |
Darüber verftrihen Sahre und Gerda war zur
Freude ihres alternden Vaters herangewacfen, nnd
einer zarten Blume zu vergleichen an Lieblicyleit und
Tugend. Und Pilger, die auf ihren Zügen wohl hin
und wieder in einer unfreundlichen Nacht, Herberge
heifchend und erhaltend, in die Burg einfehrten, vers
breiteten in allen Gauen ringdumher die Kunde von
der Annuth und Holbfeligfeit des Burgfräuleind auf
dem Pheinftein, betheuernd, daß Feine fchönere Sungfrau
zu finden fey im ganzen Rheingau. Solche Kunde
188 Die Braut vom Mheinftien.
aber regte in manchem jungen Ritter und Edelknecht
die Luſt auf, das holde Maͤgdlein zu ſchauen und zu
minnen, und war ein luſtiges Rennen und Reiten nach
dem Rheinftein, und war ſchier, ald ob dem alten Sifrib
Fehde angefagt worden wäre, fo zogen bie Ritter in
Schaaren, mit glänzenden Rüftungen und wehenden
Helmbüſchen angethan, dem Nheinfteine zu. Aber bem
alten Ritter warb bange ob des Heranftürmend fo vieler
Freyer, und er runzelte die Stirn und ließ ben ſtatt⸗
lichen Herren fammt und fonders fagen, fie möchten Kur
wieder heimziehen und fich einftellen auf dem großen
Turnier, welches der Biſchof von Mainz hatte anfagen
laſſen, und er wolle auch dafelbft fein mit feiner Tod
ter und fie wekde dann wählen, wer ſich am tapferſten
und männlichiten auswieſe.
Nicht gar lange Zeit nachher fand auch das be⸗
ſagte Turnier ſtatt und waren dazu viele Ritter und
ſchoͤne Frauen von nah und fern nach Mainz gekom⸗
kommen, und auch der Ritter Sifrid hatte ſich, ſeinem
Verſprechen getreu, mit ſeiner Tochter Gerda daſelbſt
eingefunden.
Und es erwies ſich, was die Pilger von ihr ver⸗
kündigt hatten, daß fie den Preis der Schönheit Davon
trug, über alle die Frauen und Sungfrauen, und Aller
Augen hafteten auf ihrem Antlig und alle Zungen
priefen ihre Anmuth. | |
Es waren aber vornemlich zwei Ritter, welche von
bed Mägdleind Liebreiz dermaßen entzückt waren, daß
fie fi) hoch und theuer vermaßen, ed zu erfämpfen,
und ſchwuren, Gut nnd Blut daram zu ſetzen. Es
Die Braut vom Rheinftein.: 180
waren biefed der junge Kuno von Reichenftein, hochge⸗
ſchaͤtzt von Kürften und Rittern wegen feiner Tapferkeit
und adlichen Sitten, und Kurt von Ehrenfeld, älter ald-
Jener, ebenfalld ein tapferer Degen, aber mehr ges
fürchtet al& geliebt wegen feiner vanhen und finfleren
Gemüthdart, die ihm auch den Zunamen bed Böfen
erworben hatte. Beide waren übrigens bem Ritter vom
Rheinſtein verwandt und hatten die fchöne Baſe bei
ihrer Ankunft in Mainz begrüßt und eifriged Bemühen
gezeigt, ihre Gunft zu erwerben. Doc, haftete Gerda’s
Bli lieber auf dem offenen, heitern Antlig Kuno’,
als auf dem rauhen, fonnverbrannten und bereitö was
weniges durchfurchten feined Nebenbuhlerde. Ihr Vater
mochte auch wohl ihre Herzensmeinung errathen, denn
er fagte ihr mit freundlichen Worten, daß er dem
waderftien von beiden Kreyern geftatten wolle, um fie
zu minnen. |
Es gefchah aber ein großer Sammer, denn Gerba’s
bränftige Gebete, auf daß Kuno obfiegen möchte, wur⸗
ben nicht erhört, vielmehr mußte derfelbe, nachdem er
ſich mit Ruhm und Tapferkeit auf dem Plan herumges
tummelt und viele Gegner in den Sand geftredt hatte,
der größeren Körperftärfe Kurt's des Böfen unterliegen.
Diefer ſtand nun nicht an, feine Bewerbung beim Ritter
Sifrid zu machen, welcher ihn auch alfogleich ber Toch⸗
ter zuführte, erflärend, daß er ihm ald Eidam genehm
und willfommen. fey. SchönsGerda war durchaus nicht
Diefer Meinung, und obwohl fie dem Willen ihres Bas
terd nicht gu widerfircben wagte, fo rief fie doch
im einfamen Kämmerlein unter heißen Thränen ihre
190 | Die Braur vom Rheinſtein.
Schubheilige um Befreiung von dem unerwünfchten
Bräutigam an, gleichzeitig bittend, daß beifen Stelle
durch ben geliebten Kuno befegt werden möchte.
Diefed Mal ſchien das Gebet der frommen Jungs
frau ein geneigtered Gehör zu finden, indem fich fols
gende, wunderbare Gefchichte begab, welche die Wüns
ſche der Tiebenden Gerda auf eine unerwartete Weile:
krönte.
Nachdem nämlich der Ritter Kurt von Ehrenfels
nach kurzer Bewerbung das freiwillige Jawort Sifrids
und das gezwungene ſeiner Tochter erhalten hatte,
nachdem auch der arme Kuno, an ſeinem Glücke ver⸗
zweifelnd, den Entſchluß gefaßt hatte, ſich einem von
mehreren Fürſten und Herren beſchloſſenen Zuge nach
dem heiligen Lande anzuſchließen, in der Hoffnung, im
Sarazenenblute die qualvolle Erinnerung an ſein ver⸗
lornes Lieb zu ertraͤnken, war endlich der Tag heran⸗
gekommen, der zu Gerda's Vermählung mit dem von
Ehrenfels beſtimmt worden war. Schon ſtand das
holde Maͤgdlein, braͤutlich geſchmückt, doc, nicht bräuts
lichen Antlitzes, in dem Ritterſaale des Rheinſteins;
bleich war ihre Wange und thränenmüde ſenkten ſich.
ihre Augenlider zu Boden. Der Myrthenkranz in
ihren braunen Locken ſchien dem Jammer der Traͤgerin
Hohn zu ſprechen und das reichdurchwirkte ſeidene Ges
wand, wie die blißenden Edelfteine an Hald und Armen,
fahben aus wie der Schmud eines Opferlammes, dad
man zum Altare führen will.
Schon hörte man das Geräufch von dem Anzuge
ded Bräntigamd, der mit einem glänzenden Gefolge
Die Braut vom Rheinftein. 191
von Rittern umb Knappen am Fuße des Felfens ange
tommen war, ba entfloh Gerda, unfähig dem über
mächtigen Drang ihrer Gefühle zu wiberfichen, deng
Kreife ihrer Zofen und Gefpielinnen und eilte hinaus
auf den Söller, von welchem fie fo oft die fehn-
füdhtigen Blicke nah) dem Reichenſtein ausgeſendet
batte.
Hier fan? fie halb bewußtlos, faſt ohnmädhtig nies
der, heiße Thränen überfirömten Wange und Buſen,
die flehenb auögeftredten Hände hoben fich bald zum
Himmel, der in feiner ruhigen Heiterkeit ihrer nicht zu
achten fdrien, bald gegen ben Reichenftein hin, auf deſ⸗
fen Zinne ein Berzweifelnder ſtand, der nicht ihe, nicht
fih zu helfen wußte. Da that fid) die Thür bes Söl⸗
lers auf, und heraustrat ber finftere Kurt, deſſen Ants
fig noch viel büfterer wurbe, ald er die Braut einem
Andern zugewandt fah, al& er drüben auf der nahen
Burg die Geftalt des gehaßten Rebenbuhlers erblidte,
und drohend firedte er die geballte Kauft dem Reichens
fteiner entgegen, während er mit der andern Dad vers
zagende Mägblein ergriff, ed emporriß und, einen Fluch
zwiſchen den Zähnen murmelnd, es eilig bavonfchleppte.
Wenig Minuten darauf mußte der von Schmerz
und Wuth erfüllte Kuno fehen, wie die unglückliche
Gerda auf ein Roß gehoben ward, und von ihrem Braͤu⸗
tigam und ihrem Vater geleitet, von einem Kaufen von
Reifigen umgeben, ber Kapelle bed heiligen Clemens
zuritt, welche swifchen beiden Burgen am Ufer liegt
und worin bereitd ber Priefter harrte, um das Braut⸗
paar einzufeguen und zu verbinden auf ewig.
ım Die Braut vom Rheinftein.
| Kuno, feiner nicht mehr mädjtig,usftürgt hinunter
zum Burgthor, mit dem Schwert in der. Fauſt will &
ich Die Geliebte erfämpfen, oder ben Tod finden; fchen
Öffnet fi ihm dad Thor; den Blick zur Gelichten him
gewendet, ift er im Begriff fein Pferd zu befleigen, —
Da hemmt ein wnnberbarer Anblid fein Beginnen,
regungslos bleibt er ftehen, den Ausgang der feltfamen
Szene vor. ihm in fprachlofem Staunen erwarten.
Denn fehet, — dad Roß, welches die Braut trägt,
wild und ungeftüm erhebt es fh, Feuer ſprüht ans
> "den aufgefperrten Nüftern, und mit Fräftigem Hufe zur
Rechten und Linken ausſchlagend und Ritter umb Knap⸗
"gen niederwerfend, fprengt es in blißfchnellem Laufe
voran, die erfchrocdenen Begleiter weit hinter ſich fa
fend, der Kapelle vorbei, die. von Furcht und Hoffnung
bebende und fi) um den Hald des errettenden Thieres
feftanfchmiegende Gerda dem Geliebten entgegentragend.
Schneller ald er den Fuß aus dem Steigbügel he
ben fann, ift fie bei ihm angelangt, in unbefchreiblichem
Entzüden eilt er-auf fie zu, hebt fie mit Fräftigen
Armen vom fchäumenden Noffe, und trägt fie jubelnd
in die Burg, eine heißerfehnte, beglückende und beglückte
Beute. —
Mit Mühe hatte fich der von fo außerordentlichem
&reigniß überrafchte Sifrid von dem Boben erhoben,
auf den er fo unfanft geworfen worben war; ber vom
heftigeren Sturze fchwerverwundete Ritter von Ehren⸗
feld wurde von feinen Knappen wehflagend zurüdge
tragen, und bald fah man einen Nachen Iangfam. uber
den Rhein fahren, ber einen Sterbenden trug.
Die Braut vom Rheinftein. 193
Der alte Sifrid aber erfannte in Dem wunderba⸗
ren DBegebniß den Willen des Himmels, und er fandte
hinüber auf den Neichenftein und lich Kuno fagen, daß
er zu ihm kommen möge mit feiner Tochter, und daß
er ihn annehmen wolle zum Eidam, dieweil es ber
Himmel alfo wolle.
Nicht gar Tange Zeit nach dieſer Begebenheit fah
man wiederum zwei feftliche Züge nach der Clemens:
kapelle wallen, und baffelbe muthige Roß, das früher
eine troftlofe Braut trug, brachte Diesmal, ftil und fromm
einhergehend, eine hochbefeligte Jungfrau zu ber Pforte
des Kirchleins, ans welchem fie, einen Flaren Liebes⸗
himmel auf dem Antlig und im Herzen, an der Hand
des glüdlichen Kuno von Reichenftein hervortrat, der
die junge Öattinn mit klopfendem Herzen in die Hallen
ſeiner Väter einführte
Sauct Rupert.
Unter der Regierung Karls des Großen ober Ludwigs
des Milden Iebte ein mächtiger Herzog am Rhein,
welcher das ganze Land zwifchen der Sel;, ber Blies,
der Simmer und der Heimbach von Bingen bis nad
Lothringen beherrfchte. Er hatte eine gar fchöne und
fittfame Tochter, Bertha mit Namen. Diefe vermählte
er an den zwar tapfern, aber noch wilden Fürften Ros
land oder Robolaus, in der Hoffnung, ihm Durch dieſe
Verbindung zur chriftlichen Religion zu bringen. Der
jungen Fürftin Reize feflelten aud) eine Zeitlang dem.
unbändigen Krieger, allein bald trieb ihn die wilde
Luft zum Kampfe und zu andern Weibern, und Bertha
mußte von ihm alle nur möglichen Unbilden eines rohen
Gemüthes ertragen. Dem ohngeachtet z0g fie ſich dub
dend in flille Einfamfeit zurüd, und klagte nur dem
Simmel ihre Roth. In der DBitterkeit ihres Kummers.
BSanct Rupert, 195
.
ef fie öfterd aus; „Ach Gott! Wann werbe ich einmal
on der Tyrannei dieſes Unholds befreit werben!“ Da
ber die Unarten des Gatten durch ihre Zurädhaltung
yer zus als abnahmen, gelobte fie bad Kind, das fie
on ihm unter dem gepreßten Herzen trug, bem himmlis
hen Bater, und gab ihm, ald es zur Welt kam, den
amen Rupert oder Ruhwert.
Bon nun an hing Bertha mit ganzer Seele an
rem Söhnlein, und fuchte ihn zu einem frommen
riftlichen Helden zu erziehen. Da fie die rohe Krieges
ft ihres Gatten als die Haupturfache ihres erbuldeten
nglüds anfah, fo flößte fie dem Fleinen Rupert mehr
e Zugenden der chriftlichen Sanftmuth und Liebe, ald
e des alten heidnifchen Heldenthums ein. Dadurch
achte fie aber das Herz ihres Gatten fich und ihrem
inbe mehr abhold, ald geneigt. Er verhöhnte die Er⸗
hung, welche fie ihrem Sohne gab, weil er fie für
eibifch hielt, und warf ſich defto frecher in ben Armen
ner Buhlbirnen und Kebsweiber herum. Er lag von
ın an beftändig zu Felde in heimifchen und fremden
ehden, und blieb endlich in einer Schlacht, vom Feinde
Schlagen.
Nach feinem Tode verließ Bertha das Schloß Lau⸗
nheim an der Nahe, wo fie biöher fo viel Kummer
tragen mußte. Sie nahm ihren geliebten Sohn Ru⸗
rt in die Arme und zog mit ihm nad) Bingen, um
m aller Welt entfernt, in der Einfamfeit zu leben.
aum wurde biefer Entfchluß in dem Lande befannt,
18 fogleich eine Menge von fürftlichen und ritterlichen
jteyern au ihrem Schloffe ritten, um das Herz und
13
— — — ———— ee — — ⸗;
* Die Braut vom Rheinflein.
Wer das Bild V, erfunden von Sonderland, geſtochen von
24 Ed. Schuler.)
— nicht ein oͤder Trümmerhaufen, eine halbzer⸗
Ike, einfame Warte, ein Brandgefchwärzter Steinreft,
£ uns Diedmal eine Sage zurnft and jenen Tagen,
b die feſte Burg ſtattlich prangte und ber Stolz und
chutz ihrer ritterlichen Inſaſſen war; ihr ſchauet viel⸗
ihr verwundert hinauf an die hohen Steinmaffen,
F denen eine zierliche und mächtige Feſte thront,
Fglaubet, die Wellen des Rheins haben euch zurück:
(Bart in jene Zeit, wo jede Felfenfpige eine Ritter:
rg trug, wo in jedem fchattigen Thale ein Kloſter
nd, von frommen Mönchen oder jungfränlichen Non:
n bewohnt, wo jede Bergeshoöle einen chrwürdigen
Tausner beherbergte, und wu in flillen Gründen Die
fen und Kobolde beim Mondesglanz den Inftigen
eigen tanzten.
186 Die Braut vom Rheinftein.
Es ift die alte Burg Rheinſtein, bie ihr ers
bliclet. Aus den Trümmern, in welche bie Gewalt der
Zeit und die Zerftörungswuth der Menfchen fie vers
wandelt, ift fie herrlich und mächtig wieder eritanden.
Bon der hohen Warte weht flolz herab das Banner
des Föniglichen Haufe, aus welchem der edle, fürfs.
liche Befiger und Wiederherfteller der Burg entfproffen.
Und nicht Verberbendränende Wurfgefchoffe, noch
geſchwungene Flamberge, noch geſenkte Hellbarben weh⸗
ren euch den Eingang, wenn ihr beſchauen wollet bie
Zellen und Gemächer der Burg; die Fallbrüde ſenkt
ſich und die eichene Pforte öffnet fich gaftlich eurem
Eintritt, der greife Pförtner hat Pidelhaube und Panzer
abgelegt und geleitet euch gern durch die alterthümlichen
Raäume bid hinauf auf die Zinne, wo euren flaunenben
Augen das herrliche Rheinthal mit feiner grünen Ge
genwart und feiner in grauen Ruinen nachlebenden
Vergangenheit fich ausbreitet.
Die Sage erzählt und, daß vor langen Zeiten, it
den eriten Sahren des vierzehnten Säkulums, ein Ritter
Sifrid von Rheinftein auf der Burg haufte, der in fer
ner Jugend ein gar wildes und wüftes Leben geführt,
auf einem feiner häufigen Raubzüge auch ein wunder
ſchönes Mägdlein aus dem Franfenlande feinen Eltern
entführt und Daffelbe mit anderer reichen Beute auf
feine ftarfe und wohlverwahrte Veſte gebracht habe,
Nach diefer Zeit aber habe ber wilde Waffenlärm,
welcher fonft ohne Aufhör in der Burg getobt, urplößs
lich) ein Ende genommen, viele Mannen und Knechte
hätten die Dienfte des Ritters verlaffen, weil dieſer
Die Braut vom R Heinfleim. 187
tichlofien habe, hinführo Feine Raubzüge mehr zu thun,
nbern in Krieden daheim zu bleiben und den Reſt
iner Sahre zuzubringen in Ruhe und gemädjlichem
eben, . Dem war’d auch fo, und es hatte Die Liebe zu
er schönen Jungfrau Died alles in Sifriden bewirkt.
r ehelichte fie auch bald nach diefem und fie führten
n filled und zufriedenes Leben.
Es dauerte aber nicht lang, daß Freude und Trauer
ıgleich anf die Burg hereinbrachen, denn die fchöne
ta fchenfte ihrem Gemahle ein Maͤgdlein, gefegnete
er wenige Stunden darauf bad Zeitliche, Der Ritter
iifrid war außer ſich vor Betrübniß und Schmerz
ıb warb von Diefer Zeit an ganz finfter und menfchens
yen, ſo daß bald alle Gälte die Burg mieden und des
hurmwarts Horn einroftete. Sifrid aber lebte fortan
ır dem Andenken an feine heimgegangene Gattin und
? Erziehung feines einzigen ZTöchterleind, das er wie
nen Augapfel liebte und in Zucht und Krömmigfeit
ferzog, auch in allen weiblichen Künften unterweis
t ließ. |
Darüber verftrichen Sahre und Gerda war zur
reube ihres alternden Vaters herangewachſen, nnd
ıer zarten Blume zu vergleichen an Lieblichleit und
ngend. Und Pilger, die auf ihren Zügen wohl hin
id wieder in einer unfreundlichen Nacht, Herberge
ifchend und erhaltend, in die Burg einfehrten, vers
eiteten in allen Gauen ringsumher die Kunde von
r Annuth und Holdfeligfeit des Burgfräuleins auf
m Rheinſtein, betheuernd, daß Feine ſchoͤnere Jungfrau
: finden fey im ganzen Nheingam Solche Kunde
188 Die Braut vom Eheinſtien. |
aber regte in manchem jungen Ritter und Edelkuecht
die Luſt auf, das holde Maͤgdlein zu ſchauen und zu
minnen, und war ein luſtiges Rennen und Reiten nach
dem Rheinſtein, und war ſchier, als ob dem alten Sifrid
Fehde angeſagt worden wäre, fo zogen die Ritter in
Schaaren, mit glänzenden Rüftungen und wehenden
Helmbüfchen angethban, dem Ntheinfteine zu. Aber dem
alten Ritter warb bange ob des Heranftürmend fo vieler
Freyer, und er rungelte bie Stirn und ließ ben flatt
lichen Herren fammt und fonders fagen, fie möchten iur
wieder heimziehen und fich einftellen auf dem großen
Turnier, weldjed der Bilchof von Mainz hatte anfagen
laſſen, und er wolle auch bafelbft fein mit feiner Toch⸗
ter und fie weibe dann wählen, wer fi am tapferſten
nnd männlichiten auswieſe.
Richt gar lange Zeit nachher fand auch das bes
fagte Turnier flatt und waren dazu viele Ritter und
fhöne Frauen von nah und fern nad Mainz gekom⸗
fommen, und auch der Ritter Sifrid hatte fi, feinem
Berfprechen getreu, mit feiner Zochter Gerda daſelbſt
eingefunden.
Und es erwies ſich, was die pitger von ihr ver⸗
kuͤndigt hatten, daß fie den Preis der Schönheit Davon
trug, über alle die Frauen und Sungfrauen, und Aller
Augen hafteten auf ihrem Antlig und alle Zungen
priefen ihre Anmuth.
Es waren aber vornemlich zwei Ritter, welche von
des Maͤgdleins Liebreiz dermaßen entzückt waren, daß
fie fh hoch und thener vermaßen, es zu erfämpfen,
und ſchwuren, Gut und Blut daram zu ſetzen. Es
Die Braut vom Rheinſtein. 180
waren dieſes der junge Kuno von Reichenſtein, hochge⸗
ſchätzt von Fürſten und Rittern wegen feiner Tapferkeit
und adlichen Sitten, und Kurt von Ehrenfeld, älter als
jener, ebenfalld ein tapferer Degen, aber mehr ges
fürchtet als geliebt wegen feiner rauhen und finfteren
Gemüthsart, die ihm auch den Zunamen bed Böfen
erworben hatte. Beide waren übrigens dem Ritter vom
Pheinftein verwandt und hatten die fchöne Baſe bei
ihrer Ankunft in Mainz begrüßt und eifriges Bemühen
gezeigt, ihre Gunſt zu erwerben. Doch haftete Gerba’s
Blick lieber auf dem offenen, heitern Antlig Kuno’,
als auf dem vanhen, fonnverbrannten und bereitd was
weniges burchfurchten feined Nebenbuhlere. Ihr Vater
mochte auch wohl ihre Herzensmeinung errathen, denn
er fagte ihr mit freundlichen Worten, daß er bem
waderften von beiden Freyern geftatten wolle, um fie
zu minnen. |
Es gefchah aber ein großer Sammer, denn Gerda's
bränftige Gebete, auf daß Kuno obfiegen möchte, wur⸗
den nicht erhört, vielmehr mußte derfelbe, nachdem er
fih mit Ruhm und Tapferkeit auf dem Plan herumges
tummelt und viele Gegner in den Sand geftredt hatte,
der größeren Körperſtärke Kurt's des Böfen unterliegen.
Diefer fland nun nicht an, feine Bewerbung beim Ritter
Sifrid zu machen, welcher ihn auch alfogleich der Toch⸗
ter zuführte, erflärend, daß er ihm ald Eidam genehm
und willlommen ſey. SchönsGerda war durchaus nicht
Diefer Meinung, und obwohl fie dem Willen ihres Bas
terd nicht zu widerftrcben wagte, fo rief fle doch
im einfamen SKämmerlein unter heißen Thraͤnen ihre
190 | Die Braus vom Rheinſtein.
Schubheilige um Befreinng von dem unerwünichten
Bräutigam an, gleichzeitig bittend, daß deſſen Gtelle
durch ben geliebten Kuno befeßt werden möchte,
Diefed Mal fchien dad Gebet der frommen Jung⸗
frau ein geneigteres Gehör zu finden, indem ſich fol⸗
gende, wunderbare Geſchichte begab, welche die Wüns
ſche der Tiebenden Gerda auf eine unerwartete Weiſe
krönte. | Ä
Nachdem nämlid; der Ritter Kurt von Ehrenfeld
nad) kurzer Bewerbung bad freiwillige Jawort Sifrids
und das gezwungene feiner Tochter erhalten hatte,
nachdem auch, ber arme Kuno, an feinem Glücke vers
zweifelnd, den Entfchluß gefaßt hatte, fich einem von
mehreren FZürften und Herren befchloffenen Zuge nad
dem heiligen Lande anzufchließen, in der Hoffnung, im
Sarazenenblute die qualvolle Erinnerung an fein vers
lornes Kieb zu ertränfen, war endlich der Tag heran,
gefommen, ber zu Gerda's Vermählung mit dem von
Ehrenfeld beflimmt worden war. Schon fand bad
holde Mägdlein, bräutlich geſchmückt, doch nicht bräut⸗
lichen Antliges, in dem Ritterſaale ded Rheinſteins;
bleich war ihre Wange und thränenmübe ſenkten fi.
ihre Augenlider gu Boden. Der Myrthenkranz in
ihren braunen Loden fchien dem Sammer der ZXrägerin
Hohn zu fprechen und das reichburchwirfte ſeidene Ges
wand, wie bie blißenden Edelfteine an Hals und Armen,
fahen aus wie der Schmud eined Opferlammes, dad
man zum Altare führen will.
Schon hörte man das Geräufch von dem Anzuge
ded Bräntigams, der mit einem glänzenden Gefolge
Die Braut vom Rheinſtein. 191
von Rittern und Knappen am Kuße des Felſens anges
tommen war, ba entfloh Gerda, unfähig dem übers
mächtigen Drang ihrer Gefühle zu wiberfichen, dens
Ereiſe ihrer Zofen und Gefpielinnen und eilte hinaus
auf den Sölfer, von welchem fie fo oft bie ſehn⸗
füchtigen Blicke nad) dem Neichenftein ausgeſendet
batte.
Hier ſank fie halb bewußtlos, faſt ohnmädhtig nie
ber, heiße Thränen überfirömten Wange und Bufen,
Die flehendb ausgetreten Hände hoben fich bald zum
Himmel, der in feiner ruhigen Heiterkeit ihrer nicht zu
achten ſchien, bald gegen den Reichenftein hin, auf befr
fen Zinne ein Berzweifelnder ftand, der nicht ihe, nicht
fich zu helfen wußte. Da that ſich die Thür bes Söl⸗
lers auf; und heranstrat der finftere Kurt, deffen Ants
litz noch viel birfterer wurde, ald er bie Braut einem
Andern zugewandt fah, als er drüben auf der nahen
. Burg die Geftalt des gehaßten Rebenbuhlers erblickte,
und drohend ftredte er die geballte Fauft dem Reichens
fleiner entgegen, während er mit der andern bad vers
zagende Mägdlein ergriff, ed emporriß und, einen Fluch
zwiichen den Zähnen murmelnd, es eilig bavonfchleppte.
Wenig Minuten darauf mußte der von Schmerz
und Wuth erfüllte Kuno fehen, wie die unglückliche
Gerda auf ein Roß gehoben ward, und von ihrem Bräu-
tigam und ihrem Bater geleitet, von einem Haufen von
Reifigen umgeben, der Kapelle des heiligen Clemens
zuritt, welche zwifchen beiden Burgen am Ufer liegt
und worin bereitö ber Prieiter harrte, um das Braut⸗
paar einzufegnen und zu verbinden auf ewig.
) 2 Die Braut vom Rheinftein.
Kuno, feiner nicht mehr. mächtig,geflürgt hinmter
zum Burgthor, mit dem Schwert .in ber, Fauſt will &
Sich die Beliebte erfämpfen, oder ben Tod finden; fchen
öffnet fich ihm das Thor; den Blick zur Geliebten hi
gewendet, ift er im Begriff fein Pferb zu befteigen, —
Da hemmt ein wunderbarer Anblik fein Beginnen,
regungslos bleibt er flehen, den Ausgang der feltfamen
Szene vor ihm in fprachlofem Staunen erwartenb.
Denn fehet, — das Roß, welches die Braut trägt,
wild und ungeftüm erhebt ed ſich, Feuer forüht ans
- den aufgefperrten Nüftern, und mit Fräftigem Hnfe zur
Rechten und Linken ausfchlagend und Ritter und Knap⸗
‘pen niederwerfend, fprengt es in bligfchnellem Laufe
voran, die erfchrodenen Begleiter weit hinter fich la
fend, der Kapelle vorbei, die. von Furcht und Hoffnung
bebende und fi um den Hald des errettenden Thieres
feitanfchmiegende Gerda dem Geliebten entgegentragend.
Schneller als er den Fuß aud dem Steigbügel he
ben fann ‚ it fie bei ihm angelangt, in unbefchreiblichem
Entzüden eilt er-auf fie zu, hebt fie mit Fräftigen
Armen vom ſchäumenden Roſſe, und trägt. fie jubelnd
in die Burg, eine heißerfehnte, beglüschende und beglückte
Beute. — |
Mit Mühe hatte fich der von fo außerorbentfichem
Ereigniß überrafchte Sifrid von dem Boden erhoben,
auf den er fo unfanft geworfen worden war; ber vom
heftigeren Sturze fchwerverwundete Ritter von Ehren
feld wurde von feinen Knappen wehllagend zurüdge
tragen, und bald fah man einen Nachen Iangfam. über
den Rhein fahren, der einen Sterbenden trug.
Die Braut vom Rheinftein, 193
=
Der alte Sifrid aber erfannte in dem wunderba⸗
n Degebniß den Willen des Himmels, und er fandte
näber auf den Neichenftein und ließ Kuno fagen, daß
zn ihm kommen möge mit feiner Tochter, und daß
ihn annehmen wolle zum Eidam, bieweil es der
immel alfo wolle.
Nicht gar lange Zeit nach dieſer Begebenheit fah
an wieberum zwei feftliche Züge nach der Clemens⸗
pelle wallen, und daſſelbe muthige Roß, das früher
ge troftlofe Braut trug, brachte diesmal, ftill und fromm
nbergehend, eine hochbefeligte Sungfrau zu der Pforte
s Kirchleins, aus welchem fie, einen klaren Liebes-
mmel auf dem Antlit und im Herzen, an der Hand
s glüdlichen Kuno von Neichenftein hervortrat, der
e junge Gattinn mit Hopfenbem Herzen in bie Hallen
ner Väter einführte.
Sanıt Wapert,
Unter der Megierung Karld ded Großen ober Ludwigs
des Milden lebte ein mächtiger Herzog am Rhein,
welcher das ganze Land zwifchen der Selz, ber Blies,
der Simmer und der Heimbach von Bingen bis nad
£othringen beherrfchte. Er hatte eine gar fchöne und
fittfame Tochter, Bertha mit Namen. Diefe vermählte
er an den zwar tapfern, aber noch wilden Fürften Ros
land oder Robolaus, in der Hoffnung, ihn durch Diefe
Verbindung zur dhriftlichen Religion zu bringen. Der
jungen Fürftin Reize feffelten auch eine Zeitlang den
unbändigen Krieger, allein bald trieb ihn die wilde
Luft zum Kampfe und zu andern Weibern, und Bertha
mußte von ihm alle nur möglichen Unbilden eines rohen
Gemüthes ertragen. Dem ohngeachtet z0g fie ſich dub
dend in file Einfamfeit zurüd, und Magte nur dem
Himmel ihre Roth. Sn der Bitterleit ihres Kummer.
Ze 1m — —
J ” Sanct Rupert. 195
rief fie öfterd aus: „Ach Gott! Wann werbe ich einmal
von ber Zyrannel biefes Unholds befreit werben)” Da.
aber die Unarten des Gatten durch ihre Suykefhaltung
eher zus ald abnahmen, gelobte fie das Kind, das fie
von ihm unter dem gepreßten Herzen trug, bem himmli⸗
ſchen Vater, und gab ihm, ald es zur Welt Fam, ben
Ramen Rupert oder Ruhwert.
Bon nun an hing Bertha mit ganzer Seele an .
ihrem Söhnlein, und fuchte ihn zu einem frommen
chriftlichen Helden zu erziehen. Da fie bie rohe Krieges
Iuft ihres Gatten ald die Haupturfache ihres erbuldeten
Unglücks anfah, fo flößte fie dem Fleinen Rupert mehr -
die Zugenden der chriftlichen Sanftmuth und Liebe, als
bie des alten heidnifchen Heldenthums ein. Dadurch
machte fie aber das Herz ihred Gatten ſich und ihrem
Kinde mehr abhold, ald geneigt. Er verhöhnte die Er⸗
ziehung, welche fie ihrem Sohne gab, weil er fie für
weibifch hielt, und warf ſich defto frecher in ben Armen
feiner Buhlbirnen und Keböweiber herum. Er lag von
nun an beitändig zu Felde in heimifchen und fremden
Fehden, und blieb endlich in einer Schlacht, vom Feinde
erichlagen.
Nach feinem Tode verließ Bertha das Schloß Lau⸗
benheim an ber Nahe, wo fie bisher fo viel Kummer
atragen mußte. Sie nahm ihren geliebten Sohn Rus
pert in die Arme und z0g mit ihm nach Bingen, um
von aller Welt entfernt, in der Einjamfeit zu leben.
Kaum wurde biefer Entfchluß in dem Lande befannt,
als fogleich eine Menge von fürftlichen und ritterlichen
Zreyern au ihrem Schlofle ritten, um das Herz und
13
196 Sancet Rupert.
bie Hand einer eben fo fchönen ald reihen Wittwe zu
erhalten. - Allein- Bertha verwarf alle Anträge, fo vor
theifhaft and Iodend fie auch für eine junge Fran ges
weſen fein mögen, unb widmete ihr Leben nur bem
Dienfte Gottes und der Erziehung ihred Sohnes. Die
fer wurde auch fo mächtig von der mütterlichen Lehre .
ergiffen, daß er fogar die üblichen Nitterfpiele feiner
Zeit hintanfegte, und nur der Wohlthäter armer Kin;
der feyn wollte. Wenn er einen Haufen foldyer Leidens
den Knaben zufammengebracht hatte, führte er fie vor
. Bertha und fagte: „Siehe, Mutter, Deine Kinder!“
Diefe antwortete hierauf, die Gefinnungen des jungen
Heiligen billigend, ‚Mein lieber Sohn, ed find aud
Deine Brüder!’ Seine Sorge für die Armen ging fo
weit, baß, ald die fürftliche Wittwe fih . in ihrem
Schloſſe eine. Hausfapelle erbauen laffen wollte, er auf
die Armen dentete, mit den Worten des Evangeliums:
„Brich erft den Hungrigen Dein Brod, bebede erft bie
Kadenden mit Deinen Kleidern, und führe Die verlaf
fenen Fremdlinge in Dein Haus, denn dieſe find bie
lebendigen Tempel bed heiligen. Geiftes !”
So fehr er ſich nun durch dieſe guten Werke die
Liebe der Armen und des frommen Volkes erworben
hatte, fo verächtlicdh wurde er Dadurch dem Adel und
den fürftlichen Leuten des Landes. Die jungen Ede
Inaben, welche ihn häufig befuchten,, wollten faſt nicht
mehr mit ihm umgehen. Sie gaben ihm zu verfichen:
„daß es feinem hohen Stande angemeffener wäre, fid
mit ihnen in Ritterfpielen zu üben, als ſich durch den h
Umgang mit ſolchen Bettelbuben zu entehren.“ Allein
’
Sanet Rupert. 197
alle biefe Spottreben der Edelknaben komnten ben juns
gen Fürften nicht abhalten, feine bisherige Lebensart
fortzufegen umb ben armen Kindern feine Wohlthaten
angedeihen zu laſſen.
Nur von himmliſchen Seligfeiten und Kronen ent
züdt, wandte er feine Blicke von dem irdifchen Glanze
feiner fürftlichen Hoheit und richtete fie nach dem
Himmel.
Unter fo frommen Gebanfen fchlief er eined Abende .
anf einem bemooften Felfen am Ufer bed Rheines ein,
und ihm erfchlen im Traume folgendes Geſicht: Er
fahe an dem Ufer einen ehrmwürbigen Greis, aber mit
einem 'gar freundlich»fchönen Angeficht fliehen, und um.
thn her fprangen viele muntere Knaben ins helle Waſ⸗
fer des Rheins. Der Alte wuſch einen jeden ganz rein,
und fo kam er in einer fchönern Seftalt aus den Fluten
hervor. Als Rupert eine Zeitlang Diefer Handlung zus
gefehen hatte, erhob ſich aus dem Fluſſe eine gar reis
gende Aue. Sie war mit den fchönften Blumen und
Kräntern befegt und aus ihnen duftete ein Föftlicher
Mohlgeruch, welcer bie ganze Gegend umher erfüllte, .
Am Rande war die Aue mit mancherlei Baumen und
Bebüfchen umgeben und an denfelben prangten die köſt⸗
Achſten Krüchte. Auf den Aeſten, mit weißer und roͤth⸗
licher Bluͤthe gefchmüct, flatterten muntere Bögelein
herum, in ben fchönften Farben glänzend, und in dem
Gebuͤſche fangen andere, füßer ald die Lerchen und
Nachtigallen. AS nun der Alte die Knaben alle ges
wafchen hatte, führte er fie über den Rhein auf das
1% Sanct Rupert,
ſchöne Eiland, befleidete fle mit weißen Gewändern
und wies ihnen die Blumen und bie Früchte zum Ge
nuſſe an. Rupert, von dem fchönen Schaufpiele hinge
riffen, wandte fich bittend zu bem Greife und fagte;
„O laß mich doch auch mit den Kindern auf biefer
fchönen Aue weilen!’ Diefer aber antwortete: „Hier
ift deine Bleibensflatt nicht; Du haft Dir durch Deine
guten Werfe eine Brüde zum Hinmel gebaut, wo Du
unter Engeln wohnen wirft. Dad Brod, welches bn
bisher den Armen gegeben, wird Dir bort ein Hims
melsbrod, und die Kleider, womit Du fie bedeckt hal,
ein Kleid der Unſchuld werben.”
Unter diefen Worten bed Alten fah ber heilige
Rupert aus den blühenden Bäumen ber Inſel einen
glänzenden vielfarbigen Regenbogen von einer Seite
bis zur andern fich zum Himmel mwölben. Auf ihm
Hatterten taufend und taufend fchöne, Tiebliche Engelein
mit goldenen Fittigen auf und ab. Ganz oben faß in
einer Lichtwolfe, mit Strahlen umgeben , das Chriſt⸗
findlein und vor ihm fnieete ehrerbietig der Fleine
Johannes, ihm ein zartes, reined Laͤmmlein vorfüh
rend, womit fie fpielten. Hierauf Tamen zwei Engel
geflogen, und brachte dem Fleinen Chrift das Kleid, was
furz zuvor der heilige Rupert einem armen Knaben
gefchenft hatte, Er ließ fih damit von den Engel
befleiden, und als er ed ganz angezogen hatte, fagte'er:
„Sehet, dies ift das Kleid, welches mir der Feine
Rupert gefchenft hat; dafür will ich ihm auch bereinft
mit dem Glanze der Heiligkeit umgeben.” Sm höchſten
Gefühle der Andacht und Wonne wollte der heilige
Sanct Rupert, 199
abe feine Hände nach dem Chriſt⸗Klndlein ausſtrecken;
lein die Erſcheinung verſchwand, er erwachte, und
w ihm EInieete der arme Knabe, um ihm für das ges
ſenkte Kleid zu danken. ..
Als Rupert alfo erwacht war, nahm er den Kna⸗
a mit fidy und erzählte feinee Mutter den Traum.
jefe freute fich fehr des heiligen Geſichts, er aber
ßte von nun an den Entichluß, nach Rom zu dem
rabe der heiligen Apoftelfürften zu wallen, und dort
in Leben dem Himmel zu weihen. Da Bertha merkte,
6 ihe Sohn entfchloffen fey, fie zu verlaffen, um
feinem noch zarten Alter eine fo weite Reife vorzus
hmen, wurde fie fehr betrübt und fagte ihm mit vies
[| Thränen: „Bedenke doch, mein Tiebfter Sohn, Daß:
y dich mit Schmerzen geboren habe, und auf Dir die
haltung uuferes edlen Fürftenftammes beruht. Wie
IM. ich ohne Dich die Einfamkeit meines Wittwenſtan⸗
8 ertragen? Sch habe Dir für Arme und Nothleis -
ande unfere Schäße willig hergegeben, wie kannſt Du
oft beffer und nüßlicher dienen, ald dur Wohlthaten.
id Almofen? Bleibe doch bei deiner Mutter, und ers
te mir meine Hoffnung und die Hoffnung unferes
rſtlichen Gefchlechtes! Durch dieſe mütterlichen Vor⸗
MNungen wurde Rupert gerührt, und er verſprach der
träbten Bertha, fie nicht zu verlaffen. -
Indeß hatte er bereits das Alter erreicht, wo it
m jugendlichen Herzen die erften Gefühle. der Kiebe
ud Mannbarkeit erwachen, und Bertha fohmeichelte ſich,
ad im ihm den frommen Stammvater eines großen
200 Sanct Rupert,
Fürſtenhauſes und ben chriftlichen Helden gegen bie
Ungläubigen zu finden. Sie umgab ihn daher mit edlen
Juͤnglingen und Fraͤulein, um ihn durch deren Umgang
an ritterliche Thaten und fürſtliche Geſinnungen zu ge⸗
wöhnen.. Dieſe ermahnten ihn auch: „daß er als Erbe
eined Herzogthums und großer NReichthümer fein Leben
‚nicht durch niedere Beichäftigung mit Bettlern und
Landſtreichern verächtlich machen dürfe. Sie fagten ihm:
daß ed nun Zeit fey, durch Uebung in Waffen und
edlen Sitten den Preis, der Ehre und ber Minne
zu erfämpfen.” So wollten die fürftlichen Sünglinge feis
sen Ehrgeiz reizen; die Fräulein aber warfen nicht
ungern ihre Augen auf einen Prinzen, welcher Anfprüche
auf eine fo hohe Würde und große Güter und Reich
thümer hatte. Diefes alles aber, ohne den geiftfichen
Helden zu reizen, beflimmte ihy viel fefter in dem Bors
fage, feine Wallfahrt nach Ron zu befchleunigen, um
> Dadurch, wie er glaubte, diefen Fallftricen des Teufels
zu entgehen. Statt des ſtolzen Fürftenmanteld zog er
ein einfaches Pilgerfleid an und flatt der gepriefenen
. Maffen ergriff er einen Pilgerflab und wallte zu der
heiligen Stadt, wo er am Grabe der Apoftelfürften das
Gelübde ablegte, fein Herzogthum zu verlaffen und
feine Güter unter die Armen zu vertheifen.
Nachdem er in Rom dad Grab der heiligen Apo⸗
ftelfürften gefußt hatte, kam er, durch fchlechte Speifen
und eine ermüdende Neife gefchwächt, in die Arme feis
ner traurigen Mutter zurück, fliftete neue Krankenhaͤu⸗
fer, die er felbft bediente, und lebte mehr wie ein Ein
fiebler, al8 ein Fürſt. Diefe anftrengenden Beſchaͤfti⸗
Sanct Rupert, 201
gungen untergraben feine ohnebied fchon gefchwächte
Körperkraft. Er wurde von einer gehrenden Krankheit
befallen, und farb bald nach feiner Zurückktunft ſchon
im zwanzigſten Jahre feined Alterd. Sein Körper
wurde zu Bingen begraben, feine Herrfchaften und
@&üter kamen an Fremde oder feine Berwandte,
Die heilige Hildegard.
Auf dem linken Ufer der Nahe, zu welchem von bem
Städtchen Bingen aus die Drufus-Brüde über den
Strom führt, erhebt fich der Rupertöberg. Hier fol,
ſo berichtet die Legende, der h. Rupert, gottesfürchtig,
ernft und wohlthätig fchon im jugendlichen Alter, mit.
feiner Mutter Bertha eine Kirche gebaut und in ihr
"die letzte NRuheflätte gefunden haben, als er erit zwans
zig Sahre alt, von dieſer Welt abgerufen ward. Bon
ihm erhielt der Berg feinen Namen, und lag, nachdem
das Land durch die Einfälle der räuberifchen Norman
nen entoölfert worden, lange Zeit wüſt und öde,
Es war im Sahre 1089, ald einem frommen, edeln
Paar, Hildebert und Mathilde von Böfelheim, die auf
der Burg Spenheim, nicht ferne von Kreuznach Iebten,
eine Zochter geboren wurde, welcher fie den Namen
⸗
Ps s
Die heilige Hildegard. 203
Hildegard gaben. Der Graf Meinharb von Sponheim
hatte ein Kind, Hiltrude, mit jener faft von gleichem
Alterz fie wuchjen zufammen auf, Gefpielinnen in ben
Kinderjahren, Novizen im Benedictiner-Klofter Diffibos
denberg, deſſen Yebtiffin Iutta, ded Grafen Schwerter,
war. Bon ber Welt hatten fie nicht anders gefehn,
ald das Vaterhaus und die ftillen Kloftermauern: es
foftete fie daher weder Kampf noch Entfagung, dem
Beifpiel der frommen Jutta zu folgen und im zarten
Sugendalter den Schleier zu nehmen.
Hier lebte, abgefchieden von allen äußern Eins
flüſſen, nur den gotteödienftlicyhen Uebungen und wohl
thätigen Werfen bingegeben, Hildegard viele Sahre
Yang. Sie hatte wenig Unterricht genoffen, wie bie
Mehrzahl ihres Geſchlechts, felbft die Kunſt ded Schreis
bens war ihr frembe und fie wußte nichts von dem
was vorging außer ihrer Zelle, der Kirche und dem
Garten, von wo fie vielleicht ohne Schnfucht dad mas
lerifche Thal und die waldigen Hügel anblickte. Aber
frühe fchon war ihr Geiſt thätig, und, fei ed daß eine
"von Natur Iebendige Kantafie in dem ruhigen, betrady
tenden Leben Nahrung fand und, Wirklichkeit und
Dichtung verbindend, Bau auf Bau emporthürmte,
oder daß der Herr, zu warnen und zu lehren in ans
ruhvollen, bedrängten Zeiten, in ihr die Sehfraft der
Bropheten bed alten Bundes wieder aufleben Tieß: in
der ungeftörten Einfamfeit offenbarten fich ihr geiftliche
und weltliche Dinge, wie fie waren und noch gefchehn
ſollten, und fie hatte nicht Raſt noch Ruhe vor den
Bildern, die ihre Seele erfüllten.
x
204 Die heilige Hildegard,
Aufangs wagte fie nicht Fundwerden zu laffen, was
in ihr vorging: Wenn aud) geängftigt durch die ſich
immer wiederholenden Gefichte, durch bie Stimmen,
welche mächtig in ihrem Innern wiederhallten, fuchte
fie doch mit jungfräulidfer Scheu und Zaghaftigfeit ihre
gewaltige Aufreguug zurüdzubrängen, ſich einzulullen
in eine Fünftliche Ruhe. Aber. der Beift in ihr war
färfer als fie. Der fieberhafte Zuftand, in dem fie fi
fortwährend befand, zehrte ihr Kräfte auf; ihre Eimpfäng-
lichkeit für alle äußeren Einprüde wurde krankhaft
gefteigert, und endlich ſank fie, fchmerleidend, auf das
Lager hin, das fte in angfterfüllten Nächten mit heißen
Thränen benegte. Da konnte fie dem Drange ihrer
Seele nicht widerftehen und entdeckte ihrem Beichvater
den Zuftand ihres. Sunern. Sie fühlte damit eine
Gentnerlaft von fidy abgewälszt: ihre Krankheit ließ nad,
ihre Kräfte kehrten, wenn aud) langſam, zurüd. Rod)
während der Genefung theilte fie ihren Umgebungen
einen Theil der Offenbarungen mit, die ihr gemacht
worden waren und Die wichtigften Angelegenheiten in
Gegenwart wie Zukunft von Kirche und Reich betrafen.
Der Ruf Diefer Vorgänge verbreitete ſich bald.
Die Weiffugungen der Franken Nonne, von der Niemand
zuvor etwas wußte und Die nicht über Die Schwelle bed
abgefihieden liegenden Klofters hinausgekommen war,
erregten überall das größte Erftaunen, um fo mehr da
man vernahm, wie fromm und heilig fie lebte. ‚Aber
auch damals ſchon fehlte es nicht au folchen, welche
fie und ihre Ausfpriche verlachten und Alles für bie
Ausgeburt einer überreizten Einbildungskraft nud leere
Die heilige Hildegard. 205
Traumbilder ausgaben. Unterbeffen war bie Nebtiffin
Jutta geitorben, und Hildegard ward an deren Stelle
gewählt. Die Menge ber Novizen, welche auf dem
Diffibodenberge in ihrer Nähe zu weilen verlangten,
nahm fo zu, daß bald Fein Raum mehr vorhanden war,
die Anfommenden aufzunehmen. Da faßte Hildegard
den Entichluß, ein neues, großes Klofter zu bauen, und
als fie darüber nachfann, welchen Ort fie zur Ausfühs
rung dieſes Vorhabens wählen folle, gab ihr Gott ben
Gedanken ein, ſich niederzulaffen auf dem Rupertöberge
bei Bingen. Sie gehorchte. Im Jahre des Heils 1148:
fand ein flattliches Klofter auf der erfornen Stelle,
durch die freundliche Theilnahme ihrer Berwandten und
der ganzen Umgegend vafch gefördert, Dahin begab fie
fich mit einem Theil der bei ihr lebenden gottgeweihten
Jungfrauen.
Der Geiſt der fie erfüllte, fuhr fort zu ihr zu reden
und ihr in einem mpftifchen Spiegel zu zeigen, was
ihre leiblichen Augen nicht fehen fonnten. Da wurde
fie die Zerwürfniffe gewahr, welche, zwifchen Papft und
Kaiſer entftanden, das römiſche Reich an den Nand des
Abgrundes bracdıten. Sie verfündigte, wie Macht und
Ehre fich mindern würden, Gehorfam und Unterthanens
treue auflöfen, Frömmigkeit und Zucht verfchwinden.
Die Kaifer würden mehr auf eigenen Vortheil bedacht
fein als auf das Wohl des Ganzen, deßhalb würde bag
Volk fid) abwenden und von ihnen trennen, Zwietracht
würde entfichn und Frieden und Blüthe verderben, die
guten Sitten würden untergehn in ber allgemeineit
Zerflörung, wobei and) die Kirche und der Glaube vers
206 Die heilige Hildegard.
fieren müßten, und Alles leiden in einem unfeligen
Chaos. Des hohenftaufifchen Hanfed ganze traurige
Gefchichte fand vor Hildegard's prophetifchem Geifte in
Flammenzügen gefchrieben.
Der unfelige Streit, welcher damals bie durch
Schismen getheilte Macht der Kirche ſchwaͤchte, vers
hinderte nicht, daß in der Chriftenheit Gebanfe und
Han eines neuen Kreuzzugs ſich entwidelten, Hülfe
zu leiten den bebrängten Brüdern. im gelobten Lande.
Mancher mochte vielleicht in der Theilnahme an einem
folhen Unternehmen Troſt fuchen für die Wehen der
Zeit. Papft Eugen III, aus dem Drben der Gifters
gienfer, hielt 1148 eine Kirchen⸗Verſammlung in ber
alten Stadt Trier. Ihn begleitete fein Lehrer, Bern
hard, Abt von Glairvaur, damals fohon im Rufe der
Heiligkeit ftehend, welche fpäter allgemein anerkannt
ward. Die Welt hatte feinen begeiftertern Gottesſtreiter,
feinen eifrigern Verfechter der Reinheit der Chriftuss
lehre: die Reinheit feiner Grundfäße und feines Wars
dels war maͤnniglich befannt, drum entfchied fein Wort
in den wichtigften Angelegenheiten, welche Kirche unb
Staat betrafen. So Ienfte er, in das Rheinland ges
kommen, auch diefe Verfammlung, an der eine Menge
frommer und gelehrter Männer Theil nahmen.
Es war bier, wo bie Weiffagungen der Aebtiſſin
vom Niupertöberg zur Sprache kamen. Ihre Schrifs
ten, welche fie ihren Mitſchweſtern dictirt, wurden ge
prüft; Abgeordnete wurden nach dem Kloſter gefandt, *
um fich von der Wahrheit an Ort und Stelle zu übers
zeugen. Dad Lob der Seherin war das einflimmige
Die heilige Hildegard, 207
Ergebniß und Urtheil, Der Papfi, Bernhards Erw
munterung folgend, fihrieb ihr einen liebevollen Brief,
in welchem er feine höchſte Berwunderung über bas
Ereigniß ausdrückt, wie Gott in diefen Tagen neue
Wunder gefchehn Iaffe und fo feinen Geift über fie ers
goſſen babe, daß fie Geheimnißvolles fehe, begreife und
verfüinde, wie er von den glaubenswürdigften Perfonen
und aus ihren eignen Schriften vernommen. Er yries
fie glüdlich und ermahnte fie, die Gnade die in ihr fei,
durch Demuth zu bewahren, weil ber Herr den Stoll
zen entgegen, den Demüthigen aber geneigt fei, und
fortzufahren, mit ihren Schweftern fromm zu leben
nad) der Regel des h. Benedictus.
Der Abt von Clairvaux begab fich num felbft nad
dem Nupertöberge. Bon ihm erhielt Hildegard ein
Gebetbuch, ein Meffer und einen Ring mit der Uns
fohrift: „Ich leide gern.” Willig folgte fie den Einges
bungen des heiligen Mannes, Shr flilles Klofter vers
laſſend, predigte fie in den Städten des Aheinlandes,
in den Kirchen wie auf den öffentlichen Pläben vor dem
Volke, ed ermahnend und ermunternd zur Theilnahme
am Zuge nad) Jeruſalem. So gelangte fie nad dem
Elſaß, nach Frankreich, felbft über die Alpen. Die, welche
eben noch war wie dad Kind, welches nie das Vaters
haus verlaffen, fühlte nun den Muth in fich, aufzutreten
als Mahnerin zu Buße und zum frommen Werfe frems
den Völkern.
Braucht ed wohl gefagt zu werden, wie fehr mit
jedem Tage Hildegards Ruhm wuchs, auch nachdem fie
urückgefehrt war in ihre enge Zelle; wie taufende von
208 Die heilige Hildegard.
Mächtigen wie Kinder ikren Nath und Beiftand be:
gehrten, wie man ihrem Wort und ihrer Lehre folgte
in Dingen von der höchften Wichtigkeit? Auf Dem Kurs
yertöberge fuhr fie fort, die ihr anvertrante Gemeinde
zu leiten in gottfeligem Wandel, während fie ihre Bis
fionen und Offenbarungen, tad Buch von der Erkennt
niß ded Weges zum Keil, vom Leben der Verdienſte
bon den göttlichen Werfen, ihre Gefänge und Homilien
aufzeichnen und Sendfchreiben an Friedrich Barbaroffa
und Papſt Eugen, an Erzbifchöfe, Prälaten und Ge
meinden erließ. Und hier, ihre ächte, findliche Gottes
furcht bewahrend, Tebte und wirkte fie bis zu einem
hohen Alter, ald Mütter geliebt, ald Lehrerin befolgt,
als Heilige verehrt.
| Der 1Tte September des Sahres 1179 war ber
Tag, an welchem die von Gott geliebte Fran diefe
Erde verlieh. Tauſende und wieder Tauſende ftrömten
herbei, die Leiche zu fehn. Sie warb in der Kloſter⸗
firche zur Ruhe beftattet. Nachdem im breißigjährigen
Kriege auch dies Gebäude wie fo viele andere in Trüms
mer gefunfen war (die Schweden verbrannten es im
J. 1632) wurden Hildegards fterbliche Nefte nach dem
Klofter Eibingen gebracht, wo auf Veranſtaltung bed
Kurfürften von Mainz die Benebictinerinnen vom Aw
pertöberge eine Zuflucht fanden.
Der Mläuſethurm.
0, and dem Strome unterhalb Bingen eine Reihe
Klippen gefahrdrohend emporragt, nur einen
m Raum, das fogenannte Binger-Loch, Der
ahrt vorfichtiger Schiffer geftatteud, wo von dem
Ufer die Ruine Ehrenfeld herüberfchaut und uns
auf dem andern, der fchöne Nheinftein den
r grüßt, erhebt ſich inmitten der fchäumenden
n ein finftered, halbzertrimmmerted Gemäuer. Es
Hatto's-Thurm. Wie dad Haus eined Böſen,
18 Denkmal eines ungehenern Frevels erfcheint
ergriffenen Befchauer, und wie rächende Geifter.
et von ber firengwaltenden Nemefid, umflattern
»Schaaren von Eulen und. Fledermänfen Dir
: Warte.
14
210 Der Maͤuſethurm.
Fa
Mänfethyrm nennt die Sage jened Öemäuer, von
welchen der Schiffer mit Grauen dad Geficht abmwendet
und betend hinüberlentt, wo aus der Feldwand bed
Uferd ihm, im heiligen Bilde der Noth-Gottes, Rath
und Tröſtung zumwinft.
Einft Iebte zu Mainz ein Erzbifchof, Namens
Hatto, deffen Herz rauh und hart war und unempfäng-
lich gegen die Noth der Bedrängten. Um dieſe Zeit
entfland am Rhein und rings in der Gegend eine große
Hungerdnoth, dergeftalt, daß viele Menfchen umfamen
in ſolchem Sammer. Der Bifchof aber, deffen Speicher
gefüllt waren mit brodgebendem Korn, öffnete dieſelben
dem Wucher, aber nicht dem Bebürfniß der Armen
feines weiten Sprengels,
Als nun die Noth feiner Umterthanen größer uud
größer wurde, Tiefen fie in Schaaren zufammen und
flehten den gefühllofen Mann an um Erbarmen und
‘ Kahrung, und ald dies umfonft war, murrten fie und
ftießen in ohnmächtiger Wuth Flüche aus über ben
Tyrannen. Und ob fein Herz nicht rege wurbe von
Mitleid, wurde ed doch rege von Zorn, und er er
grimmte und fchickte feine Schergen aus, die Murrenden
zu fangen und fperrte fie in eine große Scheiter und
ließ Feuer daran legen. Und ald das Feuer die Un
glücklichen ergriff und ihr Todchgeſchrei herantönte an
den Pallaft, herauf an die Ohren des Unmenſchen
und derer, die mit ihm faßen an ber üppigen Tafel,
rief er in teuflichem Hohme: Hört ihr die Kornmaͤus⸗
lein pfeifen da unten ? |
Der Maͤuſedhurm. 211
Aber ſtille ward es unten uno der Zorn Gottes
glimmte auf aus der Aſche der rauchenden Gebeine ſei⸗
ner gemordeten Kinder. Und die Sonne verhüllte ihr
Auntlitz, dunkel ward es im Saale und die entzuündeten
Kerzen vermochten die Dämmerung nicht zu verfcheis
chen, welche den finftern Mann von nun an umlagerte.
Und fiehe, es fing an ſich zu regen im Gaale, und
and allen Winkeln und aus den Riten bed Fußbos
Dend und zu den Kenflern herein und von Der Dede
herab Frochen und Tiefen zahliofe Schaaren nagens
der Mäufe und erfüllten alsbald alle Gemäcdher des
Pallaftes, und ohne Schen fprangen fie auf die Tiſche
und benagten die Speifen vor den Augen der erflaunten
Berfammlung. Und immer neue kamen hinzu, und die
ſchnell getödtete Anzahl verdoppelte fich im Augenblic,
und nicht die Brofamen blieben verfchont auf der Tas
fel und nicht der Biffen, der zum Munde geführt wurde,
Da ergriff Furcht und Entfegen Alle -die diefes '
fahen, und alle Freunde und Anhänger, und feine
Knechte und Mägde flohen die Nähe des Gottge⸗
ächteten. oo
Der Bifchof aber, dem Zorne des beleidigten Hims
meld zu entrinnen wähnend, beftieg ein Schiff und fuhr
den Rhein hinab bis zu jenem Thurme, welcher rings
von den Wellen ded Stroms befpült wird, wo er fid}
fiher wähnte vor ſeinen unerfättlichen Peinigern. Aber
Tauſende krochen aus allen Wänden mit Gepfeife hers
vor; vergebend erftieg er, bebend vor Angft, ftumm vor
Entfeten, die höchfte Warte; — auch dahin folgten fie ihm
und heißhungrig fielen fie den] unmenfchlichen Spötter an.
240 Der Mäaͤuſethurm.
Mänferhyrm nennt die. Sage jenes Öemäuer, von
welchem der Schiffer mit Grauen dad Geficht abwendet
und betend hinüberlenft, wo aus der Felswand ded
Uferd ihm, im heiligen Bilde der Noth-Gottes, Rath
und Tröſtung zuwinkt.
Einſt lebte zu Mainz ein Erzbiſchof, Namens
Hatto, deſſen Herz rauh und hart war und unempfäng-
Ich gegen die Noth der Bedrängten. Um diefe Zeit
entfland am Rhein und rings in der Gegend eine große
Hungersnoth, dergeftalt, daß viele Menfchen umfamen
in folchem Sammer. Der Bifchof aber, deffen Speicher
gefüllt waren mit brodgebendem Korn, öffnete dieſelben
dem Wucher, aber nicht dem Bebürfniß der Armen
feines weiten Sprengels.
Als nun die Noth feiner Unterthanen größer uud
größer wurde, Tiefen fie in Schaaren zufammen und
flehten den gefühllofen Mann an um Erbarmen und
Nahrung, und als dies umfonft war, murrten fie und
ftießen in ohnmächtiger Wuth Flüche aus über ben
Tyrannen. Und ob fein Herz nicht rege wurde von
Mitleid, wurde ed doch rege von Zorn, und er er
grimmte und fchickte feine Schergen aus, die Murrenden
zu fangen und fperrte fie in eine große Scheiter und
ließ Feuer daran legen. Und ald das Feuer die Um
glücklichen ergriff und ihr Todiligefchrei herantönte an
den Pallaft, herauf an die Ohren ded Unmenſchen
und derer, die mit ihm faßen an ber üppigen Tafel,
rief er in teuflichem Hobme: Hört ihr die Kornmänd
lein pfeifen da unten?
Dee Mäufethurm. 211
Aber ſtille ward es unten uno der Zorn Gottes
glimmte auf aus der Aſche der rauchenden Gebeine ſei⸗
ner gemordeten Kinder. Und die Sonne verhüllte ihr
Auntlitz, dunkel ward es im Saale und die entzundeten
Kerzen vermochten die Dämmerung nicht zu verfchents
chen, welche den finftern Mann von nun an umlagerte,
Und fiehe, es fing an ſich zu regen im Saale, und
and allen Winkeln und aus den Riten des Fußbos
dens und zu den Kenflern herein und von der Dede
herab krochen und Tiefen zahllofe Schaaren nagens
der Mäuſe und erfüllten alsbald alle Gemächer des
Pallaftes, und ohne Schen fprangen fie asf die Tiſche
und benagten die Speifen vor den Augen der erftaunten
Berfammlung. Und immer neue famen hinzu, und bie
ſchnell getödtete Anzahl verdoppelte ſich im Augenblick,
and nicht die Brofamen blieben verfchont auf der Tas
fel und nicht der Biffen, der zum Munde geführt wurde.
Da ergriff Furcht und Entfegen Alle die dieſes
fahen, und alle Freunde und Anhänger, und feine '
"Knecht und Mägde flohen die Nähe des Gottge⸗
ächteten. oo
Der Bifchof aber, dem Zorne des beleidigten Hims
meld zu entrinnen wähnend, beftieg ein Schiff und fuhr
den Rhein hinab bis zu jenem Thurme, welcher rings
von den Wellen ded Stroms befpült wird, wo er fi
ſicher wähnte vor ſeinen unerfättlichen Peinigern. Aber
Tauſende Frochen aus allen Wänden mit ©epfeife her⸗
‚vor; vergebens erftieg er, bebend vor Angft, ſtumm vor
Entfeßen, die höchfte Warte; — auch dahin folgten fie ihm
und heißhungrig fielen fie den] unmenfchlichen Spötter an.
912 Der Maͤuſethurm.
Blutige Spuren waren, bald Alles, was von ihm ge
blieben, den ber göttliche Zorn gerichtet.
Diefed ift die Sage von jenem einfamen Thurme
mitten im Rheine.
Die fieben Wächter,
‚riegesflurm tobte um ben Rhein. Die Winböbraut
tte die ſchwarze Wolfe, welche fich verberbensfchwans
r zuerft über den Wyſchehrad gelagert, von Böhmens
luren über Deutfchlands gefeguete Auen gepeiticht;
ngeäfcherte Städte, verlaffene Burgen, Zrümmerfläts
n, wo Dörfer, Deden wo blühende Felder gewefen,
igten nad DOften und Welten, nad) Norden uud
üben ben Pfad, den das Ungewitter, feiner Bliße
h entladend, in allen Richtungen kreuzend, genom⸗
en. Da war nichts ale Zerftörung und Elend, ale
vand und Berödung, als Todesfurcht und Glaus
ncshaß. |
er bat nicht, aus dem milden, parabififchen Rhein⸗
ıu kommend, an Bingen vorüberfahrend, beffen Woh⸗
ungen und Thürme fih in Rhein uud Nahe ſpiegeln,
F
214 Die ſieben Baͤchter.
den Mäufethurm bemerkt, von dem die Sage Erzbifchof
Hatto's graufige Gefchichte berichtet ? Einſam hebt
ſich die verlaffene, Fleine Veſte aus der fie umtofenben
Brandung, da wo der Strom von feinen grauen Fels
fenufern enger eingefchloffen wird, rechtd, auf Klippen
fi) niftend, Burg Ehrenfeld, links die Trümmer des
Vautsbergs, den unfere Tage in mittelalterlichen For—⸗
men wiedererftehn fahen.
Ueber verderbendrohend Geftein hinweg wälzt ſich
die Fluth in ihrem -gefchmälerten Bette; vorfichtig Ienft
der Schiffer den Nachen, um dem Strudel zu entgehen;.
freifchend fchwirret ein Heer von Vögeln um den alten,
verwitternden Thurm, den jede Welle wegzufpülen
droht, der aber Jahrhunderte hindurc allen Trotz ges
boten hat.
Es war das Sahr 1639. Die e Hälfte ber Einwoh⸗
ner Bingens war geflohen oder vernichtet; von Klopp,
der ftarfen Burg, vom Ehrenfeld wehte dad Banner
mit den drei Kronen des Nordlands, welches die Schaas
ven Herzogs Bernhards von Weimar dort aufgepflanzt
hatten. Nur auf der Spite des Mäuſethurms flatters
ten nod) die Kur⸗Mainziſchen Zeichen, Sieben Krieger
waren ald Beſatzung zurücgelaffen worden: die Gefahr
eined Angriffs, die tfolirte Lage des Thurmes, ficherten
fie eine Zeitlang, während die Burgen umher und die
Städtchen in des Feindes Gewalt geriethen. Aber ver
Schwede konnte ed nicht ertragen, fic yon dem verächt-
lichen Rattenneft, wie man's nannte, lange troßen zu
laſſen.
A
Die ſieben Waͤchter. a15
Auf der damals noch mit Zinnen umgegebenen
Warte ſaßen zwei der Wächter. Es waren alte, vers
fuchte Krieger, rau) wie das Handwerk, in dem fie
ergraut, gewöhnt an den Anblid bed Blutes wie ber
Flamme: feft wie der Stein, weldyer den Thurm trägt,
und treu ergeben dem Herrn, ber fie zu deſſen Ver⸗
theidigung geſandt.
Dom Rheine war der eine, aud des Frankenlands
grünen Ebenen der andere. Sonderbar hatte ber Zu:
fall auch die übrigen fünf zufammengewürfelt: jeder
wußte eine andere Heimath zu nennen, aber eines.
großen Feldherrn Fahne hatte file in wenigen Sahreıt
vereinigt und durch des Krieges Wechfelfälle waren
fie endlich hiehergeführt worden. Als die Beiden da
oben faßen und über die Wafferfläche hinwegfchauten,
und vom Tilly und Friedländer, von Magdeburgs Plün-
derung und ber Lübener und Rördlinger Schladht oft
wieberholte Gefchichten wieder erzählten, fahen ſie's
am Strande bei Bingen fidy regen und bewegeit.
ganzen und Hellebarden jchimmerten, Boͤte wurden
gelöft, bewaffnet Volk flieg in fie hinein. Drei Fahr⸗
zeuge mit Kriegern gefüllt trieben den Rhein herab,
indem fie das blau und gelbe Banner im Winde wehen
ließen. | | Ä
Der Führer der Feinen Schaar eilte, auf den Ruf
ber Beiden, die MWendeltreppe hinauf. Er zweifelte
nicht einen Augenblick, daß ed auf ihn abgefehen fei.
Raſch ertheilte er feine Befehle. Die niedere, eifenbes
fchlagene Thür’; welche in das Erdgefchoß führte, war
immer verichloffen: fie wurde mit allem, was fich
»
%
216 "Die fieben Wädter,
auffinden ließ, von innen verrammelt. Drei der Waͤch⸗
ter blieben unten, die vier übrigen beſetzten die Plat⸗
form. Die Fahrzeuge famen heran; aud dem vorber
ften erfchell die Aufforderung, fich zu ergeben: ein
Hagel von Steinen und Kugeln war die Antwort.
Schon hatte man zwei ber Böte befeftigt; fchon war
ein Theil der Mannfchaft auf die Heine Felfeninfel
gefprungen, welche den Thurm trägt.
Die Feldfchlangen, welche die, Schiffe mit fich führs
ten, unterhielten ein fortwährendes Feuer gegen bie
Manern. Donnernd fuhren Kolbens und Balfenftöße
wider die Mforte an, mancher von den Angreifenden
wurbe durch die ficher berechneten Schüffe niedergeftredt,
welche aus den Mauerpforten hervor, von den Binnen
herabpfiffen; manchen trafen die -Steine, welche bad -
eigene Geſchütz losriß. Aber die feindliche Macht war
zu überlegen; ein Theil bes obern Geſchoſſes ſtürzte
in Trümmern herab, während dad Gebälk zu brennen
anfing; bie Thüre Eonnte nicht länger wiberftehen —
fie .erbebte, fie krachte, fie flürzte, und in wenigen Aus
genblicten lagen die Brayen, die unten geflanden ., bins
tend am Boden. |
Wilder und heftiger noch entbrannte nun der Kampf
im Innern. Der Raum war eng, fehmal und fteil die
Treppe: mehr als ein Schwede büßte den Angriff mit
dem Leben. Aber ein zweiter und britter trat an bie
Stelle ded Fallenden — die vier Krieger im Thurm
hatten Feine Verſtärkung zu erwarten. Shre Kraft
fhwand, ihre Wunden biuteten. Einer fant nach dem
Andern: nur der Letzte fland noch, ein grauer Wallens
„ana mw nn
Die fteben Bäder. 217
fteinifcher Fußknecht. Wie Wetterleuchten fuhr ſein
Schwert im Kreiſe; über Feindes⸗ und Freundesleichen
hinweg gelang es ihm das Freie zu gewinnen.
Nur eine Handbreit Felſenufer trennte ihn von der
weißſchaͤumenden Fluth. Drohend war ſein Stahl noch
den Feinden entgegengeſtreckt, welche einen Augenblick
inne hielten, ſtaunend über feine Tapferkeit, nicht wiſ—⸗
fend, was er zu beginnen denke. „Dein Leben tft
geſichert!“ rief die Stimme bed Führers. „Ergib
dich. — Nichts von Ergebung! „war die Antwort.”
„Treu bleib’ ich meinem Heren und meinem Glauben.‘
Und ehe fie noch den Angriff auf den Einzelnen ers
nenern fonnten, warf er ſich mit erhobenem Schwerte
in die Fluth, und rauſchend fchlugen die Wellen über
den Unterfintenden zufammen.
Heinrich IV. auf Klopp =
(Hierzu das Bild VI, erfunden von H. Plübdemann, geſtochen
von A. Z3ſchokke.) |
Mer hat nicht, in den Gefchichten des beutfchen Volks
leſend, das trübe Schidfal Heinrichs Des Vierten
beflagt, das tanfendfache Unheil beweint, welches er
faft immer zur Unzeit hartnädig oder nachgiebig, guts
müthig oder fchwach, über fein Land, feine Anhänger
und fich felbft heraufbefchwor ? Bon Sugend an irreges
leitet und fchlechtberathen, herrifch und unvorfichtig, zu
feinem Unglücke einem Manne gegenübergeſtellt, deſſen
Charakter alle Eigenſchaften vereinigte, welche dem
Kaiſer abgingen, war ſeine ganze Regierung eine un⸗
unterbrochene Kette von momentanem Sieg und ff |
anhaltender bittrer Demüthigung, von Kampf und Ems
pörung,, von Leiden und verrätherifchem Undaul
von Seiten derjenigen, weldye ihm vor allen Treue
ſchuldeten. Br
d
w
Heinrich IV, auf Klopp. 219
Die unerhörte Schmach, welche ber ftolze Gregor
feinem Gegner in der Burg zu Kanoſſa zugefügt hatte,
wenn auch gerächt durch des Papſtes nachmalige Nies
derlage, war nicht abgewafchen, nicht vergeſſen. Ach⸗⸗
tung und Vertrauen waren verloren, und fchwer wieder;
sugewinnen. Am kaiſerlichen Hofe felbft herrfchte böfer
Unfriede, der ältefle Prinz war von des Baterd
Feinden gewonnen worden, ald Gegner flanden Beide
fi) gegenüber, bis den gedemüthigten Sohn ein früher
Tod in der Stadt Florenz abrief. Da reizten fie aud)
Heinrich, den andern Prinzen, an dem der Kaifer ſtets
mit der zärtlichiten Liebe gehangen, und den er im
Dome zu Aachen hatte Frönen Iaffen. Als er Alles
verſucht, den Bethörten zu Neue und Pflicht zurüdzus
führen, bot er den Heerbann gegen den Empörer auf,
mit dem die Mehrzahl der geiftlichen Fürften und ein
ftarfer Anhang waren. Bei Regensburg, wo ed zur
Entfcheidung fommen follte, machte der Kaifer eine neue
Erfahrung vom Unbeftand der Menfchen. Schnöde
verließen ihn die Meiflen der Seinen, und er fah nur
in der Flucht fein Heil. Da traten die Fürften als
Vermittler des Streited auf, und fammelten ſich in
Mainz zu einem Reichdtag, die Mehrzahl heimlich ent-
fhloffen, den alten Kaifer zur Abdankung zu nöthigen.
Aber nun fchien der junge Heinrich fein unchriftliches
Betragen zu bereuen. ALS er vernahm, daß der Vater
mit den Seinen am Rheine harrte, ging er ihm entges
gen. In Coblenz trafen beide zufammen ; fie umarmten
ſich und weinten, einander Vergeſſen und Gehorfam ges
Inbend, Und fo ritten fie vereint auf Bingen zu, wo
20 Heinsih IV. auf Klopp. -
der Kaifer die Vorbereitungen zu feinem Einzuge ın
Mainz treffen ſollte. j
Auf einem Hügel dicht hinter Bingen auf bem
Dreiedt, dad Rhein und Nahe bilden, Liegt die einft ſehr
Karte Burg Klopp, aud einem NRömercaftel entitanden,
welches Drufus Germanius zum Schuße bed Grenz
firomed anlegte. Mauer und Thürme find nun in
Trümmer gefunfen, ein freundlicdyer Garten umgibt bie
einmal fir unüberwindlich gehaltene Veſte, zu welcher
ber Wanderer binanfteigt, ſich an ber berrlichen Aus⸗
fiht über den anmuthigen Rheingau und bad. büfter
pittoreöfe NRheinthal, über das alte Bingen und bie
feuchtbare Niederung zu ergüßen, durch welche bie Nabe
von Kreuznad, herbeiftrömt.
Das nämliche wundervolle Rundgemälde, ſtatt ber
moosbedeckten Ruinen unfrer Zage auf fernen und
nahen Hügeln mit zinnenbewehrten Thürmen und hoben
Mauren geihmüdt, lag am Weihnachtötage im Sahre
bed Herrn 1105 vor einem Manne ausgebreitet, ber
aus dem fchmalen fpigbogigen Fenfter eines Gemaches
auf Klopp über Stadt und Strom hinwegfchaute, uns
empfindlich für den Neichthum und die Schönheit der
ihn umgebenden Natur, die jetzt, ernft und düſter in
ihrem Winterkleide mit ber Farbe feines Gemuths überein
ſtimmte. Leiden und Mühfeligkeiten fchienen mehr denn
das Alter fein Haar gebleicht zu haben, gebeugt aber
noch imponirend war feine Geſtalt; noch nicht erlofchen
der Stanz des kühnen Auges. Aber Died Auge war
Heinrih IV. auf Klopp. 221
nun durch bittre Thränen verbunfelt. Es war Heinrich
ber Vierte. Statt in Mainz auf dem Neichötage zu
fein, ſaß er auf Klopp: die Stimme ber Natur im
rauhen Bufen unterbrüdend, hatte fein Sohn ihn dort
verrätherifch eingefchloffen, fürchtend, die Mainzer würs
ben ſich zu Gunften bed alten Kaiſers erflären, welchem
fie immer mit Liebe angehangen hatten, und das Wert
. bed Kronenraubd hindern, das er im Sinne trug.
Durch Lift hatte er, Rene heuchelnd, den Bater auf die
Burg geloct. Die fummervollen, ftrafenden “orte,
mit welchen biefer ihn beim Scheiden angerebet, blies
ben‘ ohne Eindruck; die wenigen treuen Gefährten,
welche ihrem Heren gefolgt waren und ſich der unna⸗
türlichen That wiberfegen wollten, ließ er vor feinen
Augen durch bie Ueberzahl der Seinigen gewaltfam zu
Boden werfen, feſſeln und mißhandeln, und in bad, Burg⸗
verließ bringen. —
Nicht lange hatte der Kaifer fo gefeflen, feinen
trüben Gebanfen hingegeben, fo vernahm er Trompeten
Hänge und Noßgewicher in den engen Gaſſen deö zu
feinen Füßen liegenden Städtchen, ed regte und
rührte fich unten von Rittern und Reifigen, und Alles
ſchien auf Die Ankunft hoher Gäfte.zu beuten. Sn dies
fem Augenblid ging die Pforte des Gemaches anf, und
der an berfelben Wache haltende Krieger trat leife
ein, fchen nach allen Seiten ſich umſehend. Was will
Du? frug Heinrih; „Was foll dad Getöfe bedeuten,
Dad ich da unten im Orte vernehme? — Die geifl
Iichen Fürften find’s, Herr Kaifer, man fagt, fie feien
gefommen, Euch zu nöthigen, die Krone nieberzulegen,
222 Heinrich IV. auf Klopp.
auf daß Ener Sohn fie trage, Verrathet mich nicht,
Herr, ich kann Euch einen Weg zur Flucht zeigen, ber
End; fiher aus der Burg hinweg führen wird.’
Das Gefühl feiner Würde erwachte von Neuen
in dem mishandelten Herrfcher. „Ich fliehe nicht,” fagte
er, entichloffen fich erhebend. Sie mögen fonmen, fie
werden's nicht wagen, die Räuberhänbe an ihren Kai⸗
fer und Herren zu legen, — aber wer biſt Dur, welcher da,
wo ich ed. am wenigften erwartete, fich ald Helfer und
Retter dem anbietet, welchen alle Welt verläßt?
Roh ein Süngling, war ich zu Worms gegenwärs
tig, ald man vor vielen Sahren Euch das Ritterfchwert
umhing, und damals gelobte ich mir, Euch zu folgen
auf Euren Lebenöpfaden, wie es mir auch immer erge.
ben möchte. Als gemeiner Fußfnecht diente ich unter
dem Zähringer, ald ihr vor den empörten Sachſen ans
der Harzburg flohet. Sch fchlug mit Euch die Merfe
butger Schlacht gegen den Pfaffenfünig, da nahmen
fie mich gefangen, und nad langen Drangfalen. war
{ch genöthigt, mich vom Mainzer anmwerben zu laſſen.
"Aber ich halte doch feſt an der dem rechtmäßigen Kaifer
gelobten Treue.“
Eine Thräne benebte bad Auge des Greifes, an
welchem diejenigen meineidig geworben, welche ihm
zunächſt flanden, welche durch Bande ded Blutes at
ihn gefeffelt waren. „Ich danke dir,’ fagte er nach einis
gem Befinnen, „bewahre mir deine Ergebenbeit, vielleicht
fommt fie mir noch zu gute in biefen Nöthen.“ -Mit
* dieſen Worten trat er in ein Nebengemach, deſſen
Thüre er verſchloß. Bald darauf hatte der Burghof
Heinrih IV. auf Klopp. 223
fi mit Bolt angefüllt, fchwere Schritte und Sporn⸗
geklirr erfchollen auf der. fleinernen Treppe. Bon: ihren
Räthen und mehrern Rittern begleitet, traten die Erzs
bifchöfe von Mainz und Köln in den Saal, fie hielten
ed nicht für nöthig Einlaß zu begehren bei dem, beffen
einft heilig geachteter Würde Hohn zu fprechen fie ges
fommen waren, Sie fahen fih um. Heinrich war nicht
zugegen. Da ging die Nebenthür auf und vor ihnen
fiand der, welchen fie fuchten. Der SKaifermantel
wallte von feinen Schultern herab, die Krone Carls
des. Großen ſchmückte fein greife Haupt, feine Rechte
hielt daS goldene Zepter des Reichs, um feine Lenden
war das ſchwere Kaiferfchwert gegürtet, mit entfchlofe
fener Haltung und Miene trat er den Ankömmlingen
entgegen, die im erften Moment der Ueberraſchung
fchen vor des Kaiſers Majeftät zurückwichen.
„Was willft Du bier, Ruthard von Mainz, —
was kommſt Du zu fuchen, Erzbifchof von Köln? frug
Heinrich die Eingetretenen. Betroffen ſchwiegen fie einen
Augenblid, aber der Mainzer, allen Groll zufammens
faffend, welchen er Sahrelang gegen den getragen, wel-
chem er num gegenüberftand ,‚ und zu deffen Verberben,
wie. des Sohnes Empörung er das Hauptwerkzeug ge⸗
wefen, fammelte fi bald, Wir find gefommen, Euch
abzufordern, was Euch nicht mehr gehört. Heinrich
der Fünfte ift unfer König durch Recht und Wahl, ihm
legten wir den Eid der Pflicht ab. Erftattet ihm, was
ihre nicht ferner tragen bürft, ihr, den bie Kirche aus
ihrer Gemeinfchaft geſtoßen.“ |
294 Heinrich XV. auf Klopp,
Bei diefen Worten firedite er die freche Hand nach
dem Mantel and, der von ded Kaiferd Schulter herab:
fant, während die am Eingang bed Saaled und auf
der Treppe ftehenden Ritter ben Ruf: „Es Iebe unſer
König, Heinrich ber Fünfte” erfchallen ließen, welches
aus dem Burghofe hundertflimmig wiederholt wurbe.
Da verließ den mißhandelten Greid die Entichloffenheit,
die er eben noch mühfam gemuftert; ſtumm und ohne
Klage ließ er es gefchehen, daß man ihn der Inſignien
der Neichdwürbe beranbte, daß. Die Diener der Kirche
frevelnd die Hand an ihn legten.” —
Bald nach diefem unmürdigen Auftritt, welchen bie
Gefchichte gerne mit dem Schleier bed Bergeffend be;
decken möchte, warb ber willenlofe Monarch nach dem
nahen Ingelheim. abgeführt und Die prächtige Pfalz
Carls ded Großen fah das traurige Schanfpiel der Er;
niederung deſſen, welcher auf dem Throne jenes Star:
fen und Mächtigen gefeffen. AS Heinrich auf dem
Wege dahin fich einmal umfah nad) denen, welche ihn
begleiteten, bemerkte er unter ihnen auch den Reiſigen,
der Wache gehalten an feiner Thür zu Klopp. Als er
nicht lange darauf noch einmal Deutfchland aufrief zu
feinem Beiftand gegen den unnatürliden Sohn, beglei—
tete Diefer ihn auf der Flucht vom Orte feiner Sefan
genfchaft.
Prömfer und Giſela.
Rein: Ort des Rheingau's vereint Die Reize der maleri⸗
chen Lage mit den redenden Zeugen einer thatenfräftigen
Borzeit, wie Rüdesheim An den Berg gelehnt, wels
ben Earl der Große zu Ingelheim, fein Frählingslas
ver baltend, mit Frankreichs Reben bepflanzte, und von
veffen Gipfeln der Bli ein Panorama umfaßt, das
salifchegermanifchen Charakter an fich trägt, prangt es
noch mit feinen vier Burgen und feinem fränfifchen
Saalhof, und erinnert, nicht blos durch Sage und Nas
men, fondern durch Denkmale vergangener Sahrhuns
derte, .an jene Familie ver Brömfer, die aus dem
eilienzweige ber Herren von Rüdesheim entfprand.
BSefchichte und Tradition fcheinen fi) das Wort gegeben
zu haben, ſchweſterlich zum Ruhme dieſes Namens beis
jutragen.
19
2236 | Brömfer und Gifela,
Es war die Zeit, ald zu Speyer Bernharb von
Glairvanr das Kreuz predigte; viele Ritter und Boll
gehorchten den Worten bed frommen Manned, und
waren bereit, ihr Leben und Gut zur Befreiung der
heiligen Erde aufzuopfern, wo ber Erlöfer gewandelt
und das herrliche Werk der Erlöfung vollbracht hatte,
Hand Brömfer war einer der erften unter denen, welche
das rothe Kreuz auf ihren Mantel hefteten. Schmerz
lich war ihm der Abfchied von feiner Lieben Tochter,
— fein Weib hatte er fchon verloren — aber ihn ermum -
terte der Gedanfe, daß er für die Ehre des chriftlichen
Glaubens ſtreite. Manch Abenthener wurbe erlebt,
ehe der Fuß ber Eriegerifchen Pilger den heiligen Bor
den Paläftina’s berührte; bald mußten die Sarazenen
die Fräftigen Schläge der Deutfchen empfinden; aber
vor Allen zeichnete ſich Brömfer durch Tapferkeit am,
und fein Name warb unter ben Franfen geehrt, und
gefürchtet von ben Ungläubigen.
Nahe bei dem Lager der Chriften lag eine Felfen
höhle. Sn ihr fprudelte eine fühle Quelle, weldje bie
Krieger mit friſchem Waller verfah. Im diefer Höhle
hatte ſich aber feit einiger Zeit ein Lindwurm gelagert,
Jedem Tod drohend, der bem Borne nahete, um fich an
feinem Strahl zu Iaben. Niemand wollte ferner zur
Duelle hingehen, und ein brücdender Waffermangel trat
im Lager ein. Der Herr von Rüdesheim fah Die Noth
ber Seinen und erbarmte ſich ihrer; in Stahl gehüllt
ſchritt er in Chriſti Namen zur "gefürchteten Höhle,
Kaum warb ber Wurm einen Dienfchen gewahr, fo
erhob ex ſich mit Zifchen und fuhr mit weit gedffnetem
1
- Brömfer und Gtfela. 227
Rachen auf den Ritter zu, um ihn gu packen. Doch
Brömfer war des Angriffs gewärtig: im Augenblick
faß die Klinge dem Unthier im Naden, und ald es
heulend zurüdtaumelte, da ftieß er ihm fein Schwert in
die Weichen; zwer Streiche, und das Lager war von
feinem Schreden befreit: zudend lag ber Drache in
feinem Blute. Kaum aber hatte ber. Tapfere fein
Schwert gereinigt, da überfiel ihn, aus einem Hinter
halte hervorbringend, ein Haufen Ungläubiger. Der
vorberfte, der auf Brömfer eindrang, ftürzte fogleich,
von feinem Stahl getroffen, zu Boden, und fchon war
das Schwert gegen einen andern gehoben, ald er von
hinten mit einer Schlinge niebergeriffen, gefnebelt und
im Triumphe einem. nahen Schloffe zugeführt ward, auf
deſſen Zinnen ber Halbmond den Kreuzherren Troß bot.
Da ſaß nun der Held in Ketten, in feinem trauris
gen Kerfer, mußte ben aus der Ferne zu ihm dringenden
muthigen Schlachtenf feiner Freunde hören, und hier
in unthätiger Ruhe durch das Gitterfenfler den Tapfe⸗
ven zufehen, an deren Spite er zu flreiten gewohnt
war. Unmuthig und feufzenb wandte er ſich ab und
empfand um fo Iebhafter alles Elend ber Gefangen:
fchaft, je glühender in ihm ber Durft nach Thätigfeit
war. Er firedte fich auf fein hartes Lager hin, um im
Schlafe Ruhe für fein unruhig pochendes Herz zu finden:
ed warb ihm gewährt, aber nur noch mehr vegten ihn
Traumbilder auf. Gifela, feine heimgelaffene Tochter,
ftand vor ihm, hob die frommen, blanen Augen bittend
zum Himmel, und ſtreckte fehnfüchtig die Arme nad)
dem geliebten Vater and. Brömfer erwachte, aber mit
228 Brömfer und Sifele,
ihm auch die Sehnfucht nach dem theuren Heimaths
firande, ımd in heißer Aufmallung that er das Ges
lübde, dem Himmel feine einzige Tochter zu weihen,
wofern ihn Gott aus diefer Noth befreite und ihn an
den fchönen Rhein zurücführte. Und Gott erhörte ihr.
Mit dem Dämmern des jungen Taged erftürmte bad
Ghriftenheer das ftolge Schloß und Brömfer war gerettet.
Wer ift der Pilger, mit Stab und Mufchelhut,
der betend und fingend, rüftigen Schritted vorwärts
"fchreitet, der die lombardiſche Ebene fchon hinter fich ges
laffen hat, und von ewigem Eife umringt den. Saum
pfad herabfteigt, welcher über des Gotthard's Hoͤhen
ind Schweizerland führt? Geſenkt ift fein Haupt, aber
nicht vom Alter, — lebendig ift dad Auge, dunkelge⸗
färbt Antlig und Hände, wie bei Einem, der lange um
ter des Südens Sonnenftrahlen gewandelt. Hand
Brömſer iſt's. Sehnfucht hat ihn nicht länger im Mor
genlande gelaffen — an der Alpen Schnee erkannte
er. die Heimath wieder, und bald begrüßte er an beö
Breisgau's Grenze den Rhein, an den bie Erinnerums
gen eined ganzen Lebens ihn feffelten. Und als er am
Rolzfluthenden Strome die Burg feiner Väter erblidte,
da wallte fein Herz über, er ſank an's Ufer hin und
benegte ed mit heißen Thränen, und dankte Gott mit
vollem Herzen, daß er ihn wieder zur Heimath geführt.
Der Drang der Gefühle Tieß ihn nicht raften: er fland
auf und näherte fich feiner Burg, und gewahrte auf
dem. Söller eine Sungfrau, welche über den Strom und
die im buftigen Gold der Abendfonne fchimmernde Lands
VBrömfer und Bifela, 229
ſchaft binbficte; ihr weiches, blonded Haar ward vom
fofenden Welt gewiegt, ber mit ihrem weißen Schleier
fpielte. Es war Giſela: die Knospe hatte ſich zur bfüs
henden Rofe entfaltet. Der Pilger trat in den Burghof:
man erfannte ihn nicht, denn fein tief auf die Brauen
gedrücter, breitgeränderter Hut und fein langer Bart
veränderten ihn, und mancher Frühling war feit feinem
Scheiden verfloſſen; er verlangte zum Schloßherrn ges
führt zu werden — man erwiderte ihm, der fei zum
heiligen "Grabe gewallt und Niemand daheim, als
deffen einzige Tochter. Vom Hausmeifter geleitet, ftieg
er die hohe fleinerne Treppe hinan, fchritt durch den
Saal, den die Rüftungen und Kampfpreife feiner Väter
füllten und fah bald fein Kind vor ſich. Im Augen⸗
blicke, wo fie fi) nad) dem Kommenden umwandte, riß
er feinen Hut ab — „Giſela!“ — ein Schrei — und
fie lagen fich in den Armen.
Der erfte Naufch, die erfte Worte des Wieder⸗
fehnd war vorüber. Der Ritter eilte durch alle Ges
mächer feiner Burg, freute fih beim Wiederbegrüßen
der treuen Diener, die er in ihr zurückgelaſſen, beim
MWiederfehen der Gegenden und Orte, deren Bilb uns
dergänglich feiner Erinnerung eingeprägt blieb. Erſt
jest konnte er die nöthige Ruhe gewinnen, die ſtürmi⸗
fchen Gefühle meijtern, um fich mit feinem Kinde zu
befprechen, von Allem, was fich während der langen
Trennung mit ihr, mit ihm ereignet hatte. Aber auf
beiden Seiten fchien ein gewiffer Zwang die willige
Hingebung, das rüchaltlofe Vertrauen zwifchen Vater
und Tochter zu hindern. War ed das Fremdwerden
230 Brömfer und Giſela.
dad jahrelange Abwefenheit felbft befreunbete, liebende
Herzen im Augenblid des Wiederfehend empfinden läßt
— entfprang ed aus andern Gründen — ein Etwas
fehien bei Beiden den vollen Erguß ihrer Empfindungen
Rörend zu hemmen.
Als fie fo da faßen, auf dad Treiben ber Veweh⸗
ner bed noch aͤrmlichen Städchens, auf die Nachen
und Frachtſchiffe blidend, welche an Hatto’d Thurme
den Zoll für die Nheinfahrt entrichteten, welchen zu
jenen Zeiten jeder Herr einer Hanbbreit Landes ver
Iangte, bog plößlich in feharfem Trabe ein Roß um bie
Ede der Burgmauerz im innern Hofe angelangt, fchwang
fi ein junger Ritter aus dem Sattel und war bald
auf dem Erfer, wo die Beiden fich befanden. Er wollte
auf Gifela zueilen — ihre zaghafte Verwirrung, ber
drohende Bli des Manned, der neben ihr ſaß und in
demfelben Moment auffland, fefielten feinen Fuß an
den Eingang. Gifela faßte ſich. „Es ift ber Ritter
von Falkenftein, mein Vater“ fagte fie, während ber
betroffene Süngling näher trat. Brömfer empfing ihn
falt — er ahnte, was ihn herführe, er fah Gifela’s
Erroͤthen, und die Erinnerung an das, was er in ber
Stunde der Zrübfal dem Himmel gelobt hatte, fand
lebhaft vor feiner Seele. Nicht minder überrafcht und
‚ geängftigt war der Falkenſteiner, der nicht von bed
Alten Rückkehr wußte; — nur furze Zeit währte bie
Unterhaltung, das Mädchen getraute fich Feine Silbe
an ihn, er feine an fie zu richten — und wortfarg und
unfrenndlich entließ Brömſer den unwillkommenen Bes
fucher.
Beömfer und Gifela. 231
„Giſela,“ begann ernft der Bater, nachdem ber
legte Hufichlag des ſich .entfernenden Roſſes ver;
Hungen war, „was wollte der Ritter hier?“ Gie
antwortete nicht. „War er häufig auf der Burg? —
Gifela,, mein Kind,” fagte er milder, ihre Hand nehs
mend, „falle Vertrauen zu deinem Bater und gib Ants
wort auf feine Fragen. Wie Eonnteft Du, wie fonnte
die Pflegerin deiner Sugend, der ich dich bei der Abreife
anvertraut, Died geſtatten?“ Da ermannte fie fi
und beſchloß die Wahrheit zu geftehen. „Zürnet mir
nicht, Vater,“ ſprach fie. „Alles will ich euch bekennen.
Oft ſah ich Otto, als ich noch halb Kind war — er
iſt edel und ritterlich. Alle wollen ihm wohl: ſollte
ich's nicht — fügte fie erroͤthend hinzu, „wenn ich aus
eines Jeden Munde fein Lob vernehme 2’
Brömfer war aufgeflanden; eine heftige Bewegung
kaͤmpfte in feinen Zügen, in denen fich der Streit zwis
ſchen Rührung und der flarren Härte fpiegelte, welche.
durch ein langes Leben im wüſten Waffenhandwerfe
feinem Gemüthe eigen geworben. |
„Giſela,“ fprach er firenge, „du barfit ven Falken,
fteiner nie wiederfehen: von einem Verhältniffe zwiſchen
dir und ihm kann nicht die Rede ſeyn.“ — ‚Vater,
Bater! fprich das harte Gebot nicht aus,” Iallte die Er-
ſchrockene; „Otto ift mein Verlobter!“
Ein „Ha!“ und eine krampfhaft geballte Fauſt
waren die ganze Antwort. Aber bald meiſterte er, ob⸗
gleich mühſam, ſeine Leidenſchaft und zwang ſich, im
Innern kochend, zu ſcheinbarer Gelaſſenheit und Ruhe.
„So viel wagteſt du ohne mich, ohne mein Beiſein!“
232 Bromfer und Gifela.
fuhr er mit angenommener Kälte fort. „Es thut mir
leid um did), aber du felbft hajt dir die Folgen zuzu⸗
fchreiben. Du bift nicht, mehr frei: eine höhere Fügung
hat dein Schickſal beftimmt. Bon Kerkernacht umfans
gen, von ber Nache der Ungläubigen bebroht, gelobte
ich, Dich dem Himmel zu weihen, wenn id) meine Freis
heit wieder erlangte. Gott erhörte mid; — dein Schids
fal ift unwiderruflich beftimmt.” Da warf Gijela ſich
zu des Nitters Füßen, und umklammerte feine Kniee.
„Vater,“ fchluchzte fie, „willſt du nicht, daß ich Otto's
Gattin werde, ſo goͤnne mir nur ein Kaͤmmerlein in
deiner Burg. Hier, wo du mich auf deinen Armen
trugſt, hier will ich dich in deinem Alter pflegen; nur
ſtoße mich nicht von dir: in den öden Kloſtermauern
muß ich vergehen!“ |
Da bielt Brömfer ſich nicht mehr — die flehenben
Worte waren für ihn verloren, ber Widerfpruch yeizte
den Heftigen. „Wähle dad Klofter, in welchem du ben
Schleier nehmen willſt; des Vaters Fluch würde bie
Ungehorfame treffen.” Mit diefen Worten verließ er
ben Erker; betäubt ſank die Unglückliche auf den Boden
nieder. ALS fie wieder zu ſich Fam, war ihr Geift. vers
mirrt — wie ein drohendes Geſpenſt ftand Das Bild des
Klofterd vor ihr, fie Fonnte nicht ertragen, dem geträums
ten füßen Xebensglüf auf immer entfagen zu müſſen.
Wie Wahnfinn ergriff fie der Gedanke. — Dunkel ums
gab. fie, Nacht erfüllte ihr Gemüth, erfchredend ſchwebte
der Fluch ihr vor. Unten hörte fie das dumpfe Braufen -
des Fluffes, mit dem der Donner zufammenftimmte, der
ſchon Lange leife um dag Gebirge rollte; es erfaßte fle
Brömfer und Giſela. 233
ein Talter Todesſchauer, fie wollte ihrer Qual eutflichen,
und flürzte ſich von der Höhe in die Fluth des Rhei⸗
ned, die fchäumend über ihr zufammenfchlug. Brömfer
fiehbt in der Dämmerung ein weißes Gewand flattern
und hört einen fchweren Fall im Waffer; eine furchts
bare Ahnung ergreift ihn; den Namen feiner Tochter
rufend, eilt er auf den Erker, und gewahrt beim Wets
terleuchten eine weiße Geſtalt, welche von der Strös
mung getrieben wird. „Gifela! Giſela!“ Wind und
Brandung überfliimmten feinen Angftruf, dem nur ber
Donner Antwort gab.
Sram und Gewiſſensbiſſe Tießen dem einft fo Fräfs
tigen Manne keine Ruhe mehr und nagten- an feinem
Reben: überall fihien ihn der Beift feiner unglücklichen
Tochter zu verfolgen, und ihn ded Mordes anzuflagen.
Zur Sühne gelobte er ein Gotteshaus zu bauen; aber
mehrere Fehden, in die er ſich abfichtlich verwidelte, um
im wilden Schlachtengedräng Linderuug für fein gequäl⸗
ted Gewiflen zu fuchen, ließen ihn feinen VBorfag auf
fange verfchieben. Einft lag er in tiefem Schlummer
in feinem Bette, da erfchien ihm im Traume ber Lind»
wurm, den er in Paläflina erlegt; drohend, wie vor
Sahren, war des Unthierd Rachen gegen ihn geöffnet,
aus dem bie gefpaltene Zunge gierig hervorſchoß; aber
in verflärtem Scheine ſchwebte Giſela's Geftalt in das
Gemach, hob die Linke drohend gegen den Drachen, daß
er alfobald entwich. Wehmüthig blickte fie den ſchla⸗
fenden Bater an, und wie ein Frühlingnebel war die
Erfcheinung in Richts zerfloffen. In demfelben Augen:
blick fielen mit dumpfen Geklirr die Sklavenfetten, welche
23 Brönfer und Giſela.
Brömfer einſt in SPaläflina getragen unb von dort
mitgebracht hatte, von der Wand. Zitternd vor Schreden
fuhr Brömfer aus dem Traume empor. Dad Morgens
licht fah durch das Heine Fenfter herein: kaum hatte
er über den wunderbaren Traum nachgedacht, fo wurbe
gepocht, und einer feiner Knechte brachte ihm ein Fleines
unfcheinbares Bild des Gekreuzigten. ALS dieſer naͤm⸗
lich auf dem Felde gepflügt hatte, ſcharrte der Ochſe
etwas aus dem Grund: es war ein Chriſtusbild, und
der Mann betheuerte hoch und theuer, es habe nach
Hülfe gerufen. Brömfer erinnerte ſich nun wieder ſei⸗
ned Gelübdes, und ſah das Wunder ald eine Ermah—⸗
nung an,.ed zu vollführen. Auf berfelben Stelle im
Walde, wo der Auerochſe das Gruzifir gegraben, ließ
er eine Kirche nebft einem Kloſter bauen, und nannte
ed Noth Gottes, und von ferne und nah wallten
Pilger zu dem wunderthätigen Gnabenbilbe.
Kapuzinermöndhe bewohnten Sahrhunderte Fang das
nun entweihte einfame Klofter, das nicht ferne von bem
weinreichen Aßmannshanfen am Walde liegt. Frommen
und Neugierigen zeigten fie dann die verfnöcherte Zunge
des Ungeheuers, das der heldenmüthige Stifter im ges
Iobten Lande erlegt und die Ketten, welche er während
feiner Gefangenfchaft getragen hatte,
Karl und Elbegaſt.
Ingelheim d. i. Engelheim, woſelbſt Karl d. Gr. eine
Pfalz hatte, deren Glanz und Pracht die Zeitgenoffen
nicht genug zu rühmen wiffen, verdankt feinen Namen
nachflehender wunderbaren, und wie der Dichter ber
Hiſtorie van Konintende van Elegafl *) ver
fihyert, ganz wahren Begebenheit, zu deren hiftorifchem
Berftändniß hier nur vorausgefchickt werden möge, daß
fi, wie Alberich in feinem Chronifon zum J. 783 ers
zählt, unter Anführung Harderichs Cin der vorliegenden
Sage Eggerich genannt) gegen König Karl eine mädj
tige Verſchwörung der Auftrafier bildete, nach deren
Entdedung (durch die Erfcheinung eined Engeld herbeis
geführt) viele verftimmelt oder verbannt wurden. —
*) Die vorliegende Sage ift eine freie, jedoch moͤglichſt getreue
Bearbeitung dieſes altniederländifchen Gebichtes, nach der Aus:
gabe von Hoffmann von Fallersieben im Aten Theile ber Hörae
Belgicac.
230 | Karl und Eibegaft.
Ed war an einem Abend, ald König Karl zu In⸗
gelheim am Rhein, wofelbft er Hof hielt, ſich nieder
gelegt und eben einznfchlafen begann. — Da erfchien
ihn ein heiliger Engel, wedte ihn mit füßen Morten
und ſprach: „Steht auf edeler König, legt eiligft euere
Kleider an, waffnet euch und geht ftehlen; alſo beftehlt
euch Gott, der im Himmelreich Herr ift; noch in dieſer
Nacht müßt ihr ftehlen, wofern ihr nicht Thron und
Leben verlieren wollet; darum nehmet euern Speer
ſammt euerm Schilde, befteigt eiligft euer Roß und
fäumet nicht. Dieſe Rede befremdete den König gar
fehr; weil er aber Niemanden fah, fo wähnte er ge
träumt zu haben und kehrte fich nicht weiter Daran.
Da fprad ter Engel abermals: „Steht auf, Karl,
und geht ftchlen, alfo befiehlt eud; Gott Durch mid;
anders verliert ihr euern Leib.” Mit diefen Worten
fhwieg er. Der König aber war noch mehr beflürzt
ale das erſte Mul und dachte bei fih: Was iſt's wohl,
das Died Wunder meint? Iſt es das Drücken bes
Alps, dad mich. qualt und folches Phantom erzeugt?
— Du himmlifcher Herr, was follte mir noth thun
zu ſtehlen? Sch bin fo reich, kein Mann auf dem
Erdboden, weder König noch Graf, ift fo reich an Gut
und Hab, alle müffen mir unterthan fein und zu mei:
nen Dienften fichen. Mein Land ift fo groß, man findet
nirgends feines Gleichen, und rings iſt ed mein eigen,
bis hin nadı Köln an-dem Rhein und fort bis Rom
hin gehört alles dem Kaifer; ich bin Herr, mein Weib
iſt Herrin, im Oſt bis zur wilden Donau, im Welt
bis zur wilden See, dazu habe ich Gallizien und dad
Karl und Elbegaſt 237
Land Hispanien, das ich felber mir gewann mit meiner
Hand und die Heiden barand vertrieb; was follte mir
noth thun zu ftehlen! Warum enibietet Gott mir fol
ches? Ungern breche ich fein Gebot; aber ich vermag
eö kaum zu glauben, daß Gott mir die Schande zuge
dacht, daß ich anfangen folle zu ſtehlen. — Während er.
noch fo lag und hin und her, fort und zurüd dachte,
befiel ihn wieder der Schlaf, fo daß er ein Weniges
die Augen ſchloß. — Da begann der Engel wieder:
„Wollt ihr Gottes Gebot überhören, Herr König, fo
ift es um euch gefchehen; ed wird euch an einer Leben
‚geben; thut alfo befohlener Maßen und geht fiehlen
und werdet ein Dieb. — Habt ihr auch jet darob
großes Ungemach, fo wird es doch nachmals euch lieb
ſeyn.“ Mit diefen Worten fuhr der Engel von banner,
und Karl fprach bei ſich: Gottes Gebot, fein Wort,
will ich nicht außer Acht laſſen; ich will Dieb werden
und bringt es auch Schande und follt’ ich auch hangen
bei der Kehle. Gleichwohl hätte ich vicl Tieber, daß
mir Gott nähme, was ich von ihn zu Lehen habe, beis
des Burg und Land, und ich müßte mid) nähren mit
Schild und Speer, wie einer, der nichtö bat und auf
Abenteuer lebt; dad wäre mein Wunfch eher, dann daß
ih num muß fiehlen gehen fonder einiges Zögern, fo
idy nicht Gottes Huld verwirken fol. Nun, ich muß
mir ein Herz faflen. Sch wollte, ich wäre unbemerkt
aus dem Pallafte und EFoftete ed mir fieben der ſchön⸗
ſten Burgen auf dem Rheine. Was fol ich nur den
Nittern unb Herren fagen, die hier liegen in ben Ges
mächern, daB ich in Diefer düſtern Nacht, allein, ohne
230 Karl unb Eibegaft
Es war an einem Abend, oa’ ein Niemand ats
gelheim am bein, woſelbſt e|., Kanoniche, Aebte,
gelegt und chen einznfchlaf ßßt, koömmt, wo er der
ihm ein heifiger Engel, weg. — Er hebt fie aus
und ſprach: „Steht ar " ‚ Die Heide fallen und nimmt
Kleider an, wafmeh „rund Pferde, Gold, Silber, Klei⸗
euch Gott, ber ir „.ö fie mit fih führen. So hält er
Nacht müßt —* die reiche Beute. Seine Liſt if
Leben vr; giemand kann ihn fahen, obgleich Mans
ſammt + Br ANed aufgeboten hat. — Sch möchte in
fäume’ BLM wohl fein Gefelle ſeyn. „O Herr Gott,
Ich azu!“ Mit dieſen Worten ritt der König
t Fe und hörte nicht, wie ein Nitter angefprengt Fam,
pn einholen zu wollen fchien. Schwarz waren
Waffen wie Kohlen, ſchwarz war Helm und
acid, ſchwarz der Panzerrod, ſchwarz war das Roß,
goranf er faß; auch Fam er einen fonderlichen Pfad
quer durch ben Wald geritten. — Als der. König ihn
auf ſich zufommen fah, fegnete er fidh und war in
Sucht, denn er wähnte, ed wäre der Teufel, weil er
fo ſchwarz war, und befahl ſich dem allmächtigen Gott.
Gehe ed mir fchlimm oder gut, ich muß das Abenteuer
beftchen; jedoch weiß ich im Voraus, es ift der Teufel
and Niemand anders, denn wäre ed von Gott, fo wäre
ed nicht fo ſchwarz; Alles ift ja ſchwarz, Pferd und
Mann. Sch fürdhte, ed nahet mir Unheil und bitte
Gott, daß er wache, damit diefer mir nicht ſchade.“
Der ſchwarze Ritter aber, als er den König näher
fommen fah, Dachte in feinem Sinne: „Der ift verirret
bier und hat feinen Weg verloren; ich will das von
EN Karl und Elbegaft; 241
er foll aber feine Waffen Iaffen, die dem
Sie beften find, fo ich in fieben Sahren
ten wie der Tag von Steinen und
„en fam er in den Wald? Der if
‚„sann, der foldie Waffen trägt und folches
‚cet, fo ftart und fchön von Gliedern.“ Al
nun äufammen trafen, ritten fie ohne Gruß einander
orbei, der eine befah den andern wohl, allein fie fag-
en Fein Wort. Der mit dem ſchwarzen Roß hielt,
»bald.er beim König vorbei war, ftille und dachte bei "
ch: „Wer mag der wohl fein, daß er mich nicht grüßt,
a er mir begegnet und um fein Ding nicht fraget.
sch glaube, daß er auf böfen Wegen if. Wäre id)
efien ficher, daß er käme um zu fpioniren, daß er mid)
der die Meinen in Leid bringen wollte beim König,
effen Gunſt ich verloren: er möchte die Nacht ohne
Schaden mir nicht entfommen: Was hätte er nüthig
inter Bufch und Strauch zu jagen, wenn er mich nicht
uchte? Bei dem Herrn, der mich erfihaffen! er ents
eitet die Nacht mir nicht; ich werde feine Stürfe yrüs
en; ich will ihn fprechen und kennen lernen, und mag
x fein wer er will, ich will fein Roß gewinnen und
vad er an hat und ihn mit Schimpf und Schande nad)
Yaufe ſchicken, den Dummbart! Hiermit warf er fein
doß berum, und folgte dem König nad. Sobald er
hn eingeholt, rief er laut: „Halt, Ritter! wohin reitet
her ich will wiffen, was ihr bier fucht und jagt und
u fchaffen habt? Eher entreitet ihr mir nicht von
der und wärt ihr noch fo kühn und noch fo verfteckt
uere Sprache; berichtet ed mir, ihr thut wohl daran.
16
PR
+
240 Karl und Elbegaſt.
Kaufmann Taßt er dad Seinige; allein Niemand ans
ders ift fiher vor ihm. Bifchöfe, Kanoniche, Aebte,
Mönche und was nur Pfaffe heißt, koͤmmt, wo er der⸗
gleichen ertappen kann, übel weg. — Er hebt fie aus
dem Sattel, daß fie auf die Heide fallen und nimmt
ſich alsdann Maulthier und Pferde, Gold, Silber, Klei⸗
der und Alles, was fie mit ſich führen. So hält er
ringsum Jagd auf die reiche Beute. Geine Kit. ik
mannigfaltig. Niemand kann ihn fahen, obgleich Mans
cher deshalb Alles aufgeboten. hat. — Sch möchte in
diefer Nacht wohl fein Gefelle fepyn. „O Herr Gott,
hilf mir dazu!“ Mit diefen Worten ritt der König
weiter und. hörte nicht, wie ein Ritter angefprengt Fam,
der ihn einholen zu wollen fchien. Schwarz waren
deffen Waffen wie Kohlen, fchwarz war Helm und
Schild, ſchwarz der Panzerrod, fchwarz war das Roß,
daranf er ſaß; aud Fam er einen fonderlichen Pfad
quer durch den Wald geritten. — Als der. König ihn
auf ſich zufommen fah, fegnete er fi und war in
Furcht, denn er wähnte, ed wäre der Teufel, weil er
fo ſchwarz war, und befahl ſich dem allmächtigen Gott.
Gehe es mir schlimm oder gut, ich muß dad Abenteuer
beftehen; jedoch weiß ich im Voraus, es ift der Teufel
und Niemand anders, denn wäre ed von Gott, fo wäre
ed nicht fo ſchwarz; Alles ift ja ſchwarz, Pferd und
Mann. Sch fürchte, es nahet mir Unheil und bitte
Gott, daß er wache, damit Diefer mir nicht ſchade.“
Der ſchwarze Nitter aber, ald er den König näher
fommen fah, dachte in feinem Sinne: „Der ift verirret
bier und hat feinen Weg verloren; ich will das von
Karl und Elbegaft 241
ihm hören; er fol aber feine Waffen Iaffen, die dem
Anfchein nach die beften find, fo ich in fieben Jahren
geſehen; fie leuchten wie der Tag von Steinen und
Gold. Bon wannen fam er in den Wald? Der ift -
fein armer Dann, der ſolche Waffen trägt und folches
Roß reitet, fo flarf und. fchön von Gliedern.” As
fie num zuſammen trafen, ritten fie ohne Gruß einander
vorbei, der.eine beſah den andern wohl, allein fie fag-
ten fein Wort. Der mit dem ſchwarzen Roß hielt,
fobald.er beim König vorbei war, ftille und dachte bei
fih: „Wer mag der wohl fein, daß er mich nicht grüßt,
ba er mir begegnet und um fein Ding nicht frager.
Sch glaube, daß er auf böfen Wegen if. Wäre ich
Deffen ficher, Daß er Fäme um zu fpioniren, daß er mic
oder die Meinen in Leid bringen wollte beim König,
deſſen Gunft ich verloren: er möchte die Nacht ohne
Schaden mir nicht entfommen Was hätte er nöthig
Binter Bufch und Strauch zu jagen, wenn .er mich nicht
fürchte? Bei dem Herrn, der mich erfihaffen! er ent⸗
zeitet die Nacht mir nicht; ich werde feine Stärfe yrüs
- fen; ich will ihn fprechen und kennen lernen, und mag
)
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er ſein wer er will, ich will ſein Roß gewinnen und
was er an hat und ihn mit Schimpf und Schande nad)
. Haufe fchiden, den Dummbart! Hiermit warf er fein
Roß herum, und folgte dem König nad, Sobald er
ihn eingeholt, rief er laut: „Halt, Ritter! wohin reitet
ihre? ich will wiflen, was ihr bier fucht und jagt und
zu fchaffen habt? Eher entreitet ihr mir nicht von
hier und wärt ihr noch fo kuͤhn und nod) fo verſteckt
euere Sprache; berichtet ed mir, ihr thut wohl daran.
16
⸗
e
242 Karl und SElbegaſt.
Sch will wiffen, wer ihr feid und wohin ihr reitet um
diefe Zeit, und wie euer Vater heißt; ich kann es euch
nicht erlaffen.” Da antwortete der König: „Ihr frage
mich fo manches Ding, daß ich nicht weiß, wie euch
berichten. Lieber will ich, daß wir fechten, dann ich
“e8 euch gezwungen ſagte. Wahrlich, ich hätte viel zu
lange gelebt, wenn mid, ein Menſch zwingen follte, von
Dingen, die ich nicht wollte, zu berichten, um meinen
Leib zn wahren. — Geh ed mir gut oder übel, wir
wollen diefen Streit zwifchen uns beiden kürzen und
mit den Waffen entfcheiden.” — Des Könige Schild
war verdbedt, denn er wollte ihn nicht offen führen
wegen des Zeichens, fo darauf fland, damit man nicht
merfe, daß er der König wäre. Sie warfen num ihre
Roſſe ſtark und ſchnell herum; beide waren wohl ge
waffnet und ihre Speere ftarl. Es war ein umzäunter
Ort; fie trafen fich beide mit folchem Haß aufeinander,
daß die Roſſe fih baͤumten. Männlid, griffen fie hierauf
zum Schwerte, Tampfbegierig, und fochten eine lange
Zeit, daß man darüber eine Meile hätte gehen Fönnen.
Das Schwert ded Schwarzen war flark und fohnell und
feine Streiche gewaltig, fo daß der König fchon beforgt
ward und wieder wähnte, e8 wäre der Teufel felbft.
Da fchlug er dem Schwarzen auf den vorgehaltenen
Schild, daß dieſer in zwei Stüde flog, als wenn es
Laub von einem Baume wäre. — Der Schwarze aber
ſchlug auf den König, die Schwerter gingen auf und
nieder auf die Helme, auf die Panzer, und glitt aud)
mancher Hieb ab, fo war doch Fein Harnifch fo gut, daß
nicht das rothe Blut Durch die eifernen Panzerhemde
*
Karl und Eibegaft, 243.
vordrang. — Dad war ein Drobnen von Streichen!
Die Epäne flogen von den Schilden, die Helme auf
ihren Häuptern bogen ſich voll von Scharten und Spals
ten, fo fcharf waren die Schneiden der Schwerter. Der
König’ dachte in feinem Herzen: „Der it der Waffen
aut Tundig! fol id) aber meinen Namen fagen? ich
- müßte mich des ewig fchämen, nimmermehr ermwürbe -
ich Ehre.” — Hiermit führte er nach dem Schwarzen:
einen fo gewaltigen Streich, Daß diefer vom Roß taus
melte.- Es war damit aber noch Fein Friede zwiſchen
beiden. Der Andere fh’;7 auch nad) dem König und-
tbat einen fo gewaltigen Schlag auf defien Helm, daß
das Schwert in zwei Stüde flog. Wie der Schwarze
nun fah, daß er fein Schwert verloren hatte, rief er:
„Pfui, daß-ich je warb geboren! Wozu mag ich wohl
leben? Niemals habe ich ein gutes Glück gehabt, und
ſoll es nimmermehr haben, Womit fol ich mich jet
wehren? Sch gebe nicht zwei Birnen für mein Leben,
nun ich mit leeren Händen daftehe.” Da däudjte es
dem Könige Schande, zuzufclagen, indem er das
Schwert, in zwei Stüde gebrochen, auf dem Felde lies
gen fah, und er dachte bei fich: „es ift Feine edele Rache,
einem au fchaden, der fich nicht wehren fann.” Wäh⸗
rend fie nun ftille hielten, war ihr Sinnen mannich⸗
faltig; der eine Dachte, wer ber andere wohl fein möchte.
„Bei dem Herrn, der mich erſchaffen!“ ſprach endlich
Karl, der König, „ihr berichtet mir ein Ding, Herr
Nitter, um das ich euch frage; wie heißt ihr und wer
ſeid ibe? Nun ich mit Ehren, weiter ziehen Tann, werde
ich euch von hinnen reiten laſſen, fobald ich euern
#
244 Karl und Elbegaft,
Namen weiß.” Der Schwarze entgegnete: „Ich bin
dazu bereit, fo ihr mir Ignd gebt, was euch Noth that,
bei Nachtzeit hicher zu kommen, und zu weſſen Verder⸗
ben ihr wacet.” Da fagte Karl, der evele Mann:
Antwortet mir zuerfi, ich fage euch ſodann, wäs id
bier fuche und warum ich nicht bei Tage reiten darf;
denn es ift nicht ohne Noth, daß ihr mich alfo gewaff⸗
net fehet, und ich werde euch ſagen, wie ed kömmt, fo
ihr mir eueren Namen nennt, bed feid verfichert.”—
„Herr, antwortete Ritter Elegaft, — denn fein andes
rer war der Schwarze, — „es ift mir nicht zum Beften
ergangen; ich habe Gut und Land verloren, das id
vor dem hier hatte, durch Unglück, wie e8 Manchem
thut. Sollte ich euch ganz Fund machen, wie meine
Sachen gekommen find, ed follte euch viel zu ange
dünfen, eh’ ich euch das Ende gefagt!” ALS Dies der
König hörte, ward er frohen Muthed und fagte: „Rit⸗
ter, ift’8 euch bequem, fo nennt mir nun eueren Namen
und wie ihr euch ernährt. Bei Allem, was Gott lieb
hat, und bei ihm felber zuvor, von mir habt ihr nichts
zu befahren!” — So mißt denn, Herr, ich heiße
Elegaft, und dad, wovon ich lebe, muß ich ftch-
fen. Seit ich Hab und Gut verloren und König Karl
mich aus meinem Lande vertrieben, habe ich mich in
Wildniffen und Wäldern aufgehalten; den Lebensunter⸗
halt müſſen reiche Leute hergeben: Bifchöfe und Ka-
noniche, Aebte und Mönche und was nur Pfaffen heift.
Meine zwölf Gefellen find im Walde; ich ritt auf
Abenteuer aus und habe ein bitteres gefunden, wannen
ich mein Schwert verloren und aud) meinen Theil Schläge
Karl und Elbegaft, 245
babe, mehr denn ich ‘je in einer Nacht von einem Manne
gewann. Nun fagt mir, Ritter, wie ihr heißt und wer
euer Feind ift. Iſt er von ſolcher Macht, daß ihr bei
Nacht reiten müßt? Könnt ihr euere Widerfacher nicht
„bezwingen? Shr feid doch der Waffen gut kundig!“
Der König date in feinem Herzen: „Gott hat mein
Beten erhört, nun muß er mich ferner berathen, dies
iſt der Mann, den ich gerade wünfchte, baß er mitreite
in dieſer Nacht. Gott hat ihn mir zu rechter Zeit ges
fandt. Nun muß ich lügen aus Noth. — Bei Gott,
der mich berufen, ſprach er dann zu Elegaft, an mir
habt ihr ein fichered Geleite, einen flätigen Freund und
Frieden. Ich will euch meine Lebensweiſe fagen; mas
hilfts, Freunden verhehlen? sch habe fo viel Gut ges
ftohlen, daß, wäre ich gefangen, man wahrlich mid)
nicht entgehen ließe.’ — ‚Nun fagt mir, Ritter, wer
ihre ſeid?“ — „Ich will euch meinen Namen fagen,“
fprady der König, fo es euch genehm ift, ich bin ge-
heißen Adelbrecht. Ich pflege zu ftehlen in Kirchen und
Klöftern und in allen Gstteshäufernz ich ftehle, was
mir vorkömmt und laffe Niemand ungefchoren, Reid)
noch Arm; ich achte auf fein Sammern und nehme lies
ber dem Armen fein Gut, denn ich ibm dad Meine
gäbe. So habe ich mich ernähret und habe nun einen
neuen Hinterhalt gelegt, um einen Schaß zu heben, den
ich weiß. Sch verfehe mich enerer Hülfe dazu. Der
Schatz ift übel gewonnen, Gott wird ed uns nicht
verargen, wenn wir ein fünfhundert Pfund davon nehs
men. Er liegt in einem Gaftell, dahin mir die Wege
fund find. Nun fagt mir, Ritter, ob ihr die Nacht
246 Karl und Elbegaft.
mein Gefele fein wollt auf diefer Jagd. Was wir
zuſammen erbeuten, wollen wir bergen, bis es tagt,
dann werde ich theilen und ihr follt wählen dürfen.
„Elegaſt entgegnete: Sagt an, lieber Gefele, wo liegt
der Schatz? Des muß ich Fundig fein, oder ich folge
euch Feinen Fußbreit.“ — „So will ich es euch denn
berichten,‘ antwortete Karl, „der König hat folchen
großen Schatz“ — Wie der König fagte, daß er fid
felber beftehlen wolle, ward Elegaſt unwillig und fagte:
„Das möge Gott verhüten, daß ich in meinem. Leben
dem König Schaden zufügen follte! . Hat er mir aud -
burch böfen Rath mein Gut genommen und mid). vers
trieben, fo werde ich ihm Doch mein ganzes Leben gut
Freund fein nad) meinen Kräften und in feinen Scha⸗
den nicht willigen, dieweil er nad) Recht Herr ift; ich
müßte mid ja fchämen vor Gott.” Als died der Kür
nig hörte, ward er froh in feinem Herzen, daß ihm
Elegaſt, der Dieb, wohl wollte und ihn lieb hatte und
Dadıte: Möchte er mit Ehren zurückfehren, er follte fo
viel haben, daß er fein Lebtage ehrlidy davon Teben
Fönnte, ohne Stehlen und Rauben. — Nad) diefen Ges
danken, worin er war, frug er Elegaft, ob er nicht
leiden wollte, daß fie unter ſich beide auf Raub aus
gingen in diefer Nacht; er thäte gern fein Beſtes dazu,
fo er ihn mitreiten laſſe. Elegaſt fügte: „Ja, fehr
gern, wofern ihr nicht euern Scherz habt. Bei Egge-
rich. von Eggermonde, der des Königs Schweſter hat,
da mögen wir ohne Sünde ftehlen; es ift cine Schande,
daß er lebt. Er hat Menfchen verrathen und in großen
Schaden gebracht und auch feinem Herren, dem König,
Karl und Elbegaft, 247
folite er Leib und Ehre nehmen, möchte es nach feinem
Willen gehen, bad weiß ich. Und doch hat er vom
Könige Land und Sand, Burg und Lehen und manchers
lei Ding; ed möchte ihm wenig fchaden, wenn wir von
dem Seinigen zehrten. Dahin wollen wir reiten, fo es
ener Wille ift.” Der König war bereit dazu. Gie
famen nun auf ein Feld, da fanden fie einen Pflug
ftehen. Der König flieg ab und nahm fich die Pflugs
fhaar. Er dachte in feinem Sinn: „die ift gut zum
Handwerf! Wer in Burgen einbrechen will, muß ſich
folche Dinge beforgen, die er dazu bedarf.” Dann faß
er unverweilt auf und folgte Elegaft, der ein Weniges
vor war, indem er fein Roß ſpornte. Als fie vor die
Veſte kamen, die die fohönfte und befte war, fo irgend
je an dem Rheine ftand, ſprach Elegaft: „Hier laßt
und halten. Nun fehet,. Adelbreht, was dünkt euch,
wie wir es - am beften machen? Sch will nach euerem
Rathe handeln; mir wäre es leid, gefchäh euch Scha⸗
den, daß man hernach fagen müchte, ed fam Alles von
diefem Manne.“ Der König antwortete auf biefe Rede:
„Ich kam niemald, daß ich wüßte, in den Hof noch in
den Saal, und würde es mir ungelegen fein, follte ich
nun hineingehen; es flieht daher an euch.” Elegaſt
fügte: „Es ift mir recht; ich will fchon bald fehen: ob
ihr ein gefchickter Dieb ſeid. Laßt ung ein Loch in die
Mauer machen, da wir hindurch friechen mögen.” Das
gefiel ihnen beiden wohl, Sie banden ihre Roſſe an
und gingen ohne einigen Laut zur Mauer. . Elegaft z0g
ein Eifen hervor, um bamit die Mauer aufzubrechen.
Run langte auch der. König die Pilugfchaar vor. Da
248 Kari und Eibegaft.
lachte Elegaft und fagte: „Dergleichen fah ich noch
nirgends zu folcherlei Arbeit gebrauchen!’ — „Mag
wohl fein!‘ verfeßte der König; ich Fam auf dem Rheine
gefahren, — ed ift nun fihon der dritte Tag, — um
auf Erwerb auszugehen; da mußte ich mein Eifen Taf
fen; es entfiel mir auf der Straße, ald man mich vers
folgte, und weil ich Schande halber nicht umfehren durfte,
fo war ich meines Eifend quitt, und nahm Diefes, das
ih im Mondfchein an einem Pfluge fand, Elegaſt
“ fagte: „Es ift fürberhand gut genug; hernach laßt
ein anderes machen.” Sie ließen nun Dad Reden und
machten das Loch. Elegaſt verftund fich beffer darauf
ald der König, fo groß und ſtark diefer auch war. Al
fie num das Loch gebrochen hatten und hineingehen fol
-ten, ſprach Elegaft: „Ihr könnt bier draußen Alles
in Empfang nehmen, was id) euch bringen werde.
Denn er wollte es nicht zugeben, daß der König hinein,
gehe, fo fehr beforgte er Schaden für ihn, weil diefer
ihm fein gewandter Dieb däuchte. Gleichwohl wollte
er Lieb und Leid und feinen Gewinn mit ihm theilen. —
Der König blieb alfo draußen und Elegaft ging hinein,
Diefer zog nun ein Kraut aus und that es in ben
Mund; wer folches hatte, verftund, was Hähne Frähen
und Hunde bellen. Da hörte er, wie ein Hahn und
ein Hund in ihrem Latein fagten, der König ftehe
Draußen vor dem Hofe. Elegaſt ftutte und dachte bei
fh: „Wer mag das fein? Sollte der König hier
draußen halten, fo meine ich, daß mir Unglüd nahet.
Ich bin verrathen, oder mid) drückt der Alp!’ Er ging
nun zurüd, wo er den König gelaffen, und erzählte ihm,
Karl und Elbegaſt. 249
was er vernommen. Da fügte Karl: „Was follte wohl
der König hier thun? Wollt ihr Hühnern glauben
oder was ein Hund bäffzt, fo ift euer Glaube nicht feft.
Mich dünkt, daß ihr mir Fabeln erzähle. Wozu beun⸗
ruhige ihre mich?” „Hört ſelber,“ ſprach Elegaft und
ftete dem König ein Kraut in den Mund, das vor
ihm fland. Da Frähte der Hahn wieder und fagte wie
zuvor, daß der König da wäre, allein er wiſſe nicht
wie nahe. ‚Wie nım, Gefelle, ſprach Elegaft, ich will
bei der Kehle baumeln, fo der König nicht in der Nähe
iſt.“ Da fagte Karl: „Pfui, Gefelle, fällt euch das
Herz? Sch wähnte, daß ihr Fühner wäret.” — Wohlan,
ſprach Elegaft, ich will and Werk; gebt das Kraut
her, was follte e8 euch fruchten?“ — Der König ſuchte
bin und her in feinem Munde; ald er es aber nicht
finden Eonnte, fprach er: „Was iſt mir gefchehen?
Mich dünkt, ich habe mein Kraut verloren, das ich Doch
feft zwifchen meinen Zähnen hielt. Bei meiner Treue,
Bas geht nicht mit rechten Dingen zu.” Da lachte
Elegaſt wieder und fagte: „Seid ihr ein fo arger.
Dieb? Wie kömmt's nur, daß man euch nicht fängt, fo
oft als ihr ſtehlen geht? Daß ihr lebt, ift wahrlich ein
großes Wunder, ihr wäret. fonft lange todt. Gefelle,
ich habe euer Krant geftohlen! Ihr wißt fein Haar von
Stehlen!” Der König dachte: er fpricht wahr! — In⸗
deffen ließen fie das Reden. Elegaft befahl ſich Gott
und fchloß dann alle Schlöffer auf, Heine und große,
und ging, wo der Schat lag, ehe es jemand hörte oder
ſah, und holte fo viel, als ihm gut däuchte. —. Da
wollte nın Karl von bannen veiten, Elegaft aber hieß
2350 Karl und Elbegaſt.
- ihn warten. Er wollte nach einem Sattel gehen, ber in
der Kammer ftand, darin Eggerich und fein Weib lag,
das fchönfte Gefchirr, das man je fah, daran hundert
große Schellen hingen, die alle von rothem Golde waren
und Elingelten, wenn Eggerid) ritt. „Geſelle, feid fing
und wartet! Sch will ihm noch feinen Sattel ftchlen
und follte ed mir meinen Hals often” Das war dem
König ungelegen; er hätte lieber den Gewinn vom Sat
tel entbehrt, denn daß Elegaft wieder zurückkehrte. Als
Elegaſt nun zu dem Gefchirr Fam, gaben die Schellen
einen folchen Klang, daß Eggerich dabei aus dem Schlafe
auffprang und rief: „Wer ift da an meinem Gefchire?”
Er wollte fein Schwert ziehen, hätte die Frau es nicht
gewehrt, die ihn frug: „Was haft du vor? Quaͤlt dich
der Alp? Hier ift Niemand hereingefommen, denn wir
beide. Es ift etwas Anderes, das dich beunruhigt.” —
Sie ermahnte und befchwor ihn nun, daß er ihr fein
Vorhaben entdede, und frug ihn, warum er feit drei
Naͤchten nicht fchlafen und feit drei Tagen nicht eflen
fonne.
Brauentift ift mannichfalt,
Seien jung fie oder alt,
Sie lag ihm fo lange an, daß er ihr gefland, er
habe des Königs Tod gefchworen, und Diejenigen, fo
dies auszuführen beſtimmt feiern, würden in Kurzem
kommen; zugleich nannte er fie ihe bei Namen. Died
hörte Elegaft Alles: und hielt e8 im Herzen feſt.
Die Fran aber fagte: „Mir wäre viel lieber, daß man
euch bei der Kehle aufhängte, dann ic) das erleben folls
te. Da flug Eggerich ihr fo plöglich vor Naſe und
Karl und Elbegaſt. | 251
Mund, daß ihr fogleich das Blut hervsrftrömte. Gie
richtete fich num auf und hielt ihr Antliß über die Bett
lehne. Elegaſt nahm dies wahr, kroch leife hinzu und
empfing in feinem Handfchuh dad Blut der Frau, um
ed vor den König zu bringen, damit er ihn warne vor
dem Unglück. Darauf fagte er ein Gebet, womit er alle
fchlafen machte, die irgend da waren, und als er fein
Wort ohne Furcht gefprochen, fo daß fie beide feft fchlies
fen, ftahl er Eggerichd Sattel und fein Schwert, das
biefer lieb und werth hatte und machte fish feiner Wege
aud dem Hofe zu feinem Pferde und zum König. Diefer
war fehr.erzürnt und fragte, wo er fo lange verweilt
hätte. „Es ift meine Schuld nicht,” fagte Elegaftz „bei
Allem, was Gott leben läßt, ed ift ein Wunder, daß
. mir das Herz nicht bricht. Geſelle, dies ift das Gefchirr,
wovon ich euch ſprach; haltet es, ich will gehen und
Eggerich das Haupt abfchlagen oder mit einem Meffer
töbten, da er bei feinem Weibe liegt. Das leide ich
nicht um alled Gut der Welt; ich werde fchnell wieders
kehren.“ — Da befchwor der König ihn, daß er ihm
fage, warum er fo fehr betrübt und aufgebracht fet.
„Was fehlt euh? Habt ihr nicht bei gehnhundert Pfund
und auch das Gefchirr, darum ihr ginget?“ — „Ei,
Herr, ed ift ein ganz ander Ding, das mein Herz bes
unruhigt und verzehrt. Sch habe meinen Herrn, den
König, verloren und mit ihm den Troft, noch bereinft
zu meinem Gute zu kommen. Mein Herr fol morgen
früh fterben, Eggerich hat feinen Tod gefchworen. Da
erkannte Karl, daß Gott ihm zu ftehlen geboten, um ihn
vom Tode zu retten, und dankte ihm demüthig. Doch
252 | Karl und Elbegaft.
fprach er zu Elegaft: „Wie wähnt ihre wohl zu entgehen,
fo ihr ihn erftecht mit eurem Meffer, während er- bei
feinem Weibe liegt; die ganze Burg würde in Allarm
fommen, und ihr müßtet mehr denn Glück haben, fo ihr
nicht fogleich euer Leben verlöret. — Stirbt der König,
fo ift er tobt, was ſoll's weiter, laßt euch das- nicht
anfechten.“ Dies fagte er aus Lift, um Elegaft zu prü⸗
fen; doch hatte er noch einen. andern Grund: er wäre
gern von bannen gewefen, denn das lange Warten war
ihm leid. Elegaft aber antwortete: „Bei Allem, was
Gott leben läßt! wärt ihr nicht mein Gefelle, es bliebe
die Nacht nicht ungerocdyen, was ihr da dem König
Karl, meinem Herrn, zu nahe fprecht, der aller Ehren
werth if. Bei dem Herrn, der mich erfchaffen! ich werbe
. mein Borhaben ausführen und mein Unglüc rächen an
dem, der des Königs Tod gefchworen, ehe ich won ber
Burg fiheide, gehe e& mir gut oder übel.” Der König
Dachte: „Dies ift mein Freund. Hab’ ich ed auch ſchlecht
um ihn verdient, ich will ed gut machen, fo ich Das Le⸗
ben behalte;. er foll alP fein Elend vergeffen. „Geſelle,“
fprad; er dann zu Elegaft, „ich will euch beffer weifen,
wie ihr ihn in's Netz bringet. Reitet zur Morgenftunde
zum König, wo ihr ihn findet, erzählt und offenbart
ihm die Unthat und den Mordplan; der König wird,
fo er ener Wort hört, euch zu Gnaden aufnehmen und
euer Lohn wird nicht geringe fein; ihr werdet zu feiner
Seite reiten all euer Leben, fo lange euch Gott bewahrt,
ald ob ihr fein Bruder wärt.“ - Elegaft antwortete:
„Mag mir gefchehen, was da wolle, ich, komme nicht
vor den König; er ift mir allzu gram, weil ich ihm einft
Karl und Elbegaft. 253
son feinem Schatz fo ein Scherflein genommen, dad
faum zwei Pferde an Werth betrug; es iſt traurig und
hart!” — „Ich will euch fagen, was ihr thut,“ ſprach
Karl, „reitet weg in den Tann, wo ihr eure Geſellen
gelaffen und führt eure Beute fort; morgen am Tage
wollen wir fie theilen. Sch will unterdeffen diefer Sache
ein Bote fein beim König, denn ed wäre mir leid,
fchlüge man ihn todt.“ — Mit diefen Worten fchieden
fie. Elegaſt ritt zu feinen Leuten im Tann und Karl
gen Ingelheim zu feinem Palafte. Sein Herz war bes
trübt, weil diejenigen, fo ihm nach Recht follten zur
©eite ftehen, ihn verrathen wollten. — Noch fand bie
Dforte offen, und alle feine Leute fchliefen. Er band
dad Roß auf dem Stall und ging zu feinem Schlafges
mad, ehe ed Jemand fah oder hörte. Eben hatte er
feine Waffen abgelegt, ald der Wächter von den hohen
Binnen den Tag blied, der ſich fchon zu zeigen begann,
und männiglich erwachte. Da fandte Karl nad) einem
feiner Kämmerlinge und nach feinem geheimen Rathe
und erzählte, wie ed um ihn ſtehe; er wife, daß fein.
Tod gefihmworen fei von Eggerich von Eggermonde, der
zu dem Ende in Kurzem kommen werde mit aller Macht
des Landes; fie follten ihm guten Rath geben, wie er
Thron und Leben wahre. — Hierauf ſprach der Herzog
Son Baiern: „Laßt fie fommen, fie finden uns hier, es
fol Manchem das Leben foften. Hier ift mancher tapfere
Mann aus Franfreih und Brabant, mandyer Ritter
und Neifige, die mit euch in's Land gefommen find; fie
follen ſich allzumal waffnen, und ihr felbft, Herr König,
ſollt gewaffnet in unferm Kreife ftehen. Wer euch dann
7
-
24 Karl und Elbegaſt.
ſchlagen will oder fchaden, dem wollen wir es ſchon
wehren; er fol Blut laſſen und Eggerich voran.” —
Diefer Rath Düuchte ihnen gut. Cie waffneten fi
ſchleunig, Alcd was Waffen tragen konnte, Klein und
Groß, Denn jie bejergten ſchweren Wirerkund, weil
Kaaerüb von großer Macht war und alle Gewaltigen
nieder uud eb dem Rbein su jener Hülfe waren. Man
Rein ſechözig Mann, gewaffnet und in Pauzern, bei
der Pforte. ME nen Eggerichs Yeare m Schaaren zu
SE Kengd Cef deranzegen, ſchleß mau tie Pierte
wit een und lieh fe ale Butunh Sue ic aber u
din Hof kamen, rc man ihre die Kleler am. Du
faul iz auf tdrem Yale Baufe Dur; zu har
Meyer; Te Uxehu wer epeutur. Mir Ir ee
Kurze sera, i0 ex ie sInzaab Euoen, IcH ame Be
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Karl und El begaſt. 255
daß er auf das ſchleunigſte komme; alle Miſſethat ſei
ihm vergeben, und beſtände er den Kampf gegen Egge⸗
rich, ſo werde er ihn reich und maͤchtig machen. — Als
die Boten Elegaſt gefunden und ihm Alles geſagt, was
der König ihnen geheißen, ward er ſehr erfreut ob der
neuen Mähre. Er ließ ſein Reitzeug, das er Eggerich
geftohlen, liegen, ſonder einiges längeres Zögern, und
ſchwur, ſo wahr er Chriſt ſei, daß wenn Gott ihm
‚einft ſchuldig wäre, er fein ander Gut begehren würde,
denn den Kampf auszufechten für feinen gerechten Herrn.
Sie ritten nun eiligft weg. Als Elegaft, der gute Rits
ie | Ei SEE Zu -n
:ter, in des Königs Saal trat, fagte er: „Gott behüte
biefed Haus, den König und was ich hier finde; aber
Eggerich grüße ich nicht. — Gott, der ſich Freuzigen
ließ um unfertwillen und allmächtig ift, und Maria bie
füße Magd, mögen mich an diefem Tage fehen laſſen,
daß man ihn in den Wind hänge, den Eggerich von
Eggermonde. Könnte Gott Sünde thun, fo hätte er
Sünde gethan, daß Diefer dem Galgen entgangen ift,
um daß er meined Herrn Tod geſchworen fonder einige
Roth und Zwang.” — Diefe Worte hätte Eggerich
‚gern gerochen, allein er hatte veflen nicht Macht und
männiglich verachtete ihn. Der König aber antwortete:
.. „Seid willlommen an meinem Hofe! Sch vermahne
a euch jetzt, offen und frei, ſonder Jemandes Gunſt, die
2 Wahrheit und nichts anders zu fagen und den Mord⸗
plan Eggerichs, den ihr hier ſehet, zu offenbaren.“ —
5 Sehr gerne, fprady Elegaft; „ich bin deffen gewiß, daß
Eggerich euern Tod geſchworen; ich hörte es ihn ſagen
„als er zu Bette lag, und weil fein Weib ihn mit Wor⸗
256 Karl und Elbegaf.
ten zu ftrafen wagte, gab er ihr einen Schlag, baß ihr
das Blut aus Zähnen, Nafe und Mund floß. Sie
richtete fi) auf uud hielt ihr Antlig über die. Bett
lehne; ich nahm ed wahr und kroch leife hinzu; in mer
nen rechten Handſchuh fing ich das Blut.der Frau auf.”
Kun ließ er ed den König frauen und Alle, die es
fehen wollten, „Dürfte Eggerich es läugnen, ich wolle
ihm durch Kampf die Unthat beweifen, noch, ehe die
‚Sonne untergeht.” Der König antwortete hierauf:
- „Bei meiner Treue, ihr redet wahr! Sollte ich nad
Hecht verfahren, ich Tieß ihn durch einen Schergen hin
wegfchleppen und bei der Kehle aufhängen.” Als
Eggerich fah, daß das Spiel aus war und fein Menſch
am ganzen Hofe zu feinem Frommen zu fprechen wagte,
dachte er bei ſich: „Beſſer iſt Kampf, denn den Hals
verloren!’ und nahm den Sweifampf an, Der König
entbot feine Barone, kurz nad) der Mittagsftunde ge:
waffnet auf dem Platz zu erfcheinen. Unterdeſſen ließ
er die Borbereitungen zum Kampfe treffen und bat
Gott, denfelben nad) Recht zu entfiheiden. Dann trö-
ftete er Elegaft und ſprach: „Hat euer Fechten einen
guten Ausgang und behaltet ihr euer Leben, fo werde
id) euch meine Schwefter geben, die Eggerich zur Frau
hatte. Man ſteckte nun den Kampfplab ab und zog
Strike herum, wo die Menge gewaffnet hielt. Ein
Weniged vor Vesperzeit fam Elegaſt zuerft in den
Kreis, weil er Anfläger war. Er flieg ab, warf fid
anf die Knie und betete: Gott, durch deine Barmher⸗
zigfeit Fomme ich heute zu Gnaden nach allen meinen
Miffethaten, die ich wohl erkenne; rädje an biefem
Karl und Eibegaft. 257
Tage meine Sünden an mir; bei deinen heil. fünf
Wunden, die du um unferer Rettung willen empfangen,
ftehe mir heute bei, daß ich nicht fterbe, noch im Kampf
unterliege. Und du, Maria, füße Jungfrau, ich will
dir dienen mit rechter Treue und ninintermehr fortan
werbe id} ald Räuber oder Schächer in Wilbniffen und
Wäldern mich aufhalten, fo ich hier mein Leben be-
halte.“ Als er ſein Gebet geendiget, fegnete er gar
fehön mit feiner Rechten alle feine Glieder und fein
Fitterdgewand iind auch dad Noß, das vor ihm Hielt,
indem er Gott in Demuth bat, daß es ihn mit Ehren.
tragen und aus dem Kampfe zurückbringen möge: Hier⸗
mit ſaß er anf in Sattel und Zeug und hing den Schild
m feine linke Seite und nahm den Speer in die Hand.
Sept Fam auch Engerich, mit großer Kampfgier ind
wohl zum Streite gewaffhet. Sein Herz war hart; et
. richtete Fein Gebet an Gott, fondern fette die Sporen
feft ein und fprengte auf Elegaft los. Diefer aber
ſtach ihn durch das Leber feines Küraſſes mit folcher
Gewalt, daß er vom Roſſe zur Erde fiel. Eggerich
griff. nun zum Schwerte und rief: „Jetzt will ich euch
beide tödten, dic und dein Pferd, es fei dann, daß du
fofort abſteigeſt; dann mag dein Roß das Leben behal-
ten; es ift fo ftattlich und flarf, ed wäre Schade,
fchlüg? ich es todt; Jedermann ſollte ed beklagen. Kannft
Du mit dem Leben davon fommen, fo behältft du dein
Pferd.“ Elegaſt verſetzte aldbald: „Obzwar ich, da du
zu Fuße bift, diefen Streit Fürzen könnte, fo will ich
Dich gleichwohl nicht zu Fuße fihlagen; ich will rühm-
lich an dir handeln und follte ed mir auch zum Uebel.
258 Karl und GElbegaſt.
gereichen. Sige wieder auf bein Roß und laß uns
fechten nach Nitter-Art. Ich will lieber, daß man mid,
preife, dann daß ich Dich fchlüge, Da du im Nachtheil
bift, und follte ich auch im Kampfe verbleiben.’ —
Dem König Karl war ed leid, daß Elegaft Tange zügerte
und Eggerich fohonte. Diefer aber ergriff, während Ele
gaft alfo ſprach, ſogleich fein Roß und faß auf in Sattel
und Zeug. Nun bob ein gegenfeitiger Kampf an bis
lange nach Vesperzeit, fo ſcharf ald Niemand irgend
je an einem Tage zwifchen zweien gefehen. Elegaſt
hatte ein Schwert von lauterm Gold, das ihm der Ks
nig gegeben; mit diefem und mit Gottes Hülfe führte
er endlich einen fo gewaltigen Streich, daß er Eggerid
Das Haupt fpaltete und derfelbe todt aus dem Sattel
fiel. AS dies der König fah, dankte er Gott. Man
fchleppte nun Eggerich fort und hing ihn auf und mit
ihm, da half nicht Sagen noch Bitten, alle anderen Verraͤ⸗
ther. Elegaft aber blieb in Ehren und ber König gab
ihm Eggerichs Weib, mit ber er fein ganzes Leben
glüdlich war. —
Die Königin Hildegardis,
, Der Kaifer Karl war ausgezogen mit feinen Rittern
und einem: anfehnlichen SHeergefolge, um die feindfeligen
Sachſenvölker zu befriegen, und hatte feinen Hofhalt
zu Ingelheim, wie feine junge und fchöne Gemahlin
Hildegardis der Obhut feines unächten Bruders Taland
befohlen. Taland hatte lange Zeit am Hofe des .grie-
chiſchen Kaiferd gelebt und fein urfprünglich edelmüthi-
ges und männliche® Herz war dort arg von dem Noft
Ioderer Sitten angefreffen worben; dergeftalt, daß er
an feine Weibed-Tugend mehr glaubte, vielmehr wähnte,
Daß der füßen Schmeichelrede der ftandhaften Gunft-
bewerbung Feiner Sungfrau Unfchuld, feiner Gattin
Treue zn wiberftehen vermöchte. Hoch über allen Frauen
und Sungfrauen an des Kaifers Hofe ftrahlte nun die
edle Fran Hildegardis im Glanze der Schönheit und
tugendlicher Sitten. Eines geringen Ritters Tochter,
0
&
260 Die Königin Hildegarbis,
hatte fie Karl, den Edelſtein in der fchlichten Faflung
wohl erfennend, aus der Einfamfeit ihrer väterlichen
Stammburg fich geholt und fie zur Genoffin feines Kais
ſerthrones erhoben.
Wie aber das glänzendſte Kleinod die Habgier des
Diebes am ftärfiten reizt, alfo auch hatte Taland in
lüſternem Muthe feine Augen auf die edle Königin ge
worfen, und fie, die in ihrer arglofen Unſchuld nichte
Schlimmes ahnete, zum Ziele feiner freventlichen Bes
werbungen gemacht. Was konnte nun dem ehrvergeſſ'⸗
nen Ritter erwünfchter kommen, als diefer Heereszug
feines Faiferfichen Bruders und beffen Befehl, in feiner
Abwefenheit der Obwächter und Befchüger feines Hof
halts zu fein. Der. finnenbeftricte Thor benußte denn
auch die feinen verrätherifchen Abfichten fo günfkige
Gelegenheit, um die hohe Frau erft mit fapften„Liebeös
worten, dann, da fie feine Wünfche gar nicht zu ver-
ftehen fchien, mit leidenfchaftlichen Erklärungen gu be
flürmen. Die Königin hoffte nun, den Berirrten durch
Milde und Freundlichkeit von feiner Krankheit Cald
folche betrachtete fie des Ritters Leidenfchaft) heilen zu
können; allein fie. täufchte fich, denn was bei Taland
früher nur Eitelfeit und SHofirerei war, wurde jeßt,
durch den täglichen Anblick der holdfeligen Königin, wie
durch ihre milde Begegnung zur heftigen und brennenden
Begierde, dergeftalt, daß er eines Tages, als er die
Frauen der Königin geſchickt zu entfernen gewußt hatte,
in ihr Gemach eindrang, Hildegardis einen heftigen und
unziemlichen Liebesantrag machte, und mit ber Erflärung
ſchloß, daß er fi) töbten werde,. falls fie ibm nicht
o
'Die Königin Hildegarbis, 261
erhöre. . Die tugendhafte Königin war darüber erft fo
erftaunt ‚ daß fie kaum eined Wortes mächtig wurde,
eudlich aber des Ritters frevelhaftes Anfinnen mit dem
größten Unwillen abwies und ihm mit der ſchweren
Ahndung drohte, die ihn bei der Rüdkunft ihres Ges
mahts für feine Berwegenheit ohnfehlbar treffen werbe,
Da aber weder Bitten noch Drohungen bei dem von
Leidenschaft ganz verbliendeten Ritter etwas fruchteten,
jo trachtete Hildegarbis, ihre behrohte Ehre durch eine
Lift zu erretten und ben fchlimmen Feind berfelben für
die. Zufunft unfchädlich zu machen. Gie ftellte fich
daher, als wenn fie den Wunfchen des Ritters allmälig
nachgäbe, und fagte ihm endlich eine Zufammenfunft
zu, welche aber, ba fie in größter Heimlichfeit gefchehen
‚ müffe, in einem entfernten und verborgenen Zimmer des
Pallaſtes Statt finden ſollte.
An dem fejtgefegten Tage, zu ber beflimmten
Stunde, fand ſich Taland, von brennendem Verlangen
erfüllt, bei der Königin ein. Diefe führte ihn alsbald
durch einen dunfeln Gang einer Thüre entgegen, welche
fie aufſchloß und den Ntter voraus gehen hieß. Aber
fobald ald dieſer Die Schwelle des Gemaches überfchrits
ten hatte, warf fie die Thüre hinter ihm zu und vers
Schloß felbe in Eile, indem fie dem Nitter, der vor
Schred und Beftürzung faſt zu Stein geworben war,
die Worte zurief: „Nun mögt Ihr ehrnergeßner Thor
Eure Liebesglut zwifchen vier feuchten Mauern abküh⸗
Ien und. die Strafe Eurer Vermeffenheit bid zur Rück⸗
funft meined Gemahld, Eures Kaifers und Herrn, er:
- warten!’ Und damit ging fie weg und überließ den
262 Die Königin Hildegardis.
Ritter feinem ohnmächtigen Grimm und den ſchwarzen
Kacheplänen, welche die Wuth betrogener keidenſchaft
in ihm audbrütete,
Ein Hoffräufein, welches die Königin zur Dertrans
ten in dieſer Sache gemacht hatte, reichte dem Gefans
genen täglich durch ein Fenfterchen die nöthigen Speifen
zu. Diefe hinterbrachte eined Tages ihrer Gebieterin,
Daß der Ritter fle dringend bitten laſſe, ihm ein kurzes
Gehör zu bewilligen, um der hohen Frau die Erfennts
niß feines Kehle und feine tiefe Nene darüber darzu⸗
legen. Hildegarbid war erfreut Died zu vernehmen und
erfüllte die Bitte des Gefangenen. Taland ergoß fi
nun in den lauteften Betheurungen, wie er fein ſtraf⸗
würdiged Beginnen von Herzen bereue, gelobte ber
Königin mit den thenerften Eidfchwüren, daß er hin⸗
führo Feine unlautere Regung in ſich auffommen Iaffen
werde, und fchloß, indem er mit flehenden Geberden
anf die Knie ſank, mit der Bitte, daß die Königin ihn
Doch nicht der harten Strafe, die fein Bruder und Koͤ⸗
nig Zweifelsohne über ihn verhängen würde, ausſetzen
wolle. Die mildherzige Hildegardis ward von des
Ritters anfcheinend fo tiefer Neue gerührt, und entließ
ihn, feinen Gelöbniffen vertrauend, feiner Haft.
Sp erfchien denn Taland unter dem Vorgeben, daß
er auf einer nothwendigen geheimen Seife begriffen
gewefen, wieder bei Hofe und Feiner von den Hof
leuten ahnete etwas von dem wahren Grunde feiner
Abmefenheit.
Kurze Zeit nachher trafen Abgefandte des Königs
Karl ein, die deſſen baldige Nückkunft verkündeten.
Die Königin Hildegardis. 263
Alles bei Hofe wurde nun zu feinem Empfange einge-
richtet und Taland ritt dem Könige, von einigen Die-
nern begleitet, entgegen. Nach der erſten Begrüßung
fragte der König nad feinem Weibe. Anftatt dieſe
Frage zu beantworten, erbat fich Taland ein geheimes
Gehör und beftridte nun den König, als er mit ihm
allein war, mit einem höllifchen Rügengewebe, worin er
die Königin der Untreue an ihrem Gemahle bezüch-
tigte und die fchamlofeften Gefchichten ald Beweiſe vors
brachte; dergeflalt, daß der König, welcher heftigen
und aufbranfenden. Gemüthed war, in den höchften
Zorn gerieth und feinem Bruder den Auftrag gab, die
treulofe Gattin auf der Stelle einem fchmählichen Tode
zu überantworten.
Ohne abzuwarten, Daß der König zur ruhigen Bez -
finnung fommen und vielleicht den rafchen Befehl wi-
derrufen möchte, ritt der Verräther dem Könige voraud
nad) Hofe zurüd und ließ ſogleich die Königin gefangen
nehmen. Das Hoffränlein indeffen, welches der Köni-
gin Vertraute bei der Gefangenhaltung Talands geweſen
war, entging dem auch ihr beflimmten Schickſale durch
eine fihnelle Flucht und verbarg ſich im Walde, ber
Das Schloß umgab.
Nachdem Taland dad Vergehen der Königin und
den Willen ded Herrfcherd am Hofe Fundgemacht hatte,
übergab er die arme Hildegardis zweien ihm ergebenen
Knappen, mit dem Befehle, daß fie diefelbe tödten
folten. Die unfchuldige Königin ward demnach von
ihren Henfern beim Abenddunkel in den Wald geführt.
Als fie an eine tiefverborgene Stelle neben einem
264 Die Königin Hil degardis.
meitfchattenden Eichenbaum gelangt waren, hießen bie
Knechte, den rührenden Bitten der edlen Frau nur Hohn
und fchinpfliche Neben entgegenfegend, fie niederfnieen,
um ihre Eeele dem Himmel zu empfchlen, und fich be
reit halten, von ihren Edjwertern den Zodeöftreich zu
enıpfahen. Da erfihollen plötzlich aus dem Gezweige
des Baumes, wie von einer Engelöflimme, die Worte:
„Laſſet ab, ihr Frevler, von Eurem fchlimmen Werke,
font trifft Euch des Himmels Strafe!’ Schreden ers
griff da die abergläubifchen Knechte, ald fie Died hörten;
ihre zum graufen Morde gefchwungenen Arme eritarıs
ten, wie durch Zauberei verjteint, und ihre Blicke ridy
teten ſich ſcheu und furchtfam nach dem Baume, von
dem herab die wunderbare Stimme erfihollen war. Ale
fie num dafelbft Fein menſchliches Wefen erblidten, wur;
den fie in ihrem Glauben, daß fie einen Befehl höherer
Mächte vernommen hätten, noch mehr beftärkt, be
freuzten ſich und flohen, fo fihnell fie fonnten, von
bannen. Hildegard wagte, in frommer Scheu nicht, ihre .
Augen zu dem Eichenbaume zu erheben, von dem ihr
die wunderbare Rettung gefommen war und richtete
ein brünftiges Daufgebet an die heilige Zungfran. Da
hörte fie ein Raufchen in den Zweigen und auf dem
Boden und ehe fie noch umfchauen konnte, fühlte fie
ihren Arm und ihr Gewand ergriffen nnd mit Küffen
und freudigen Thränen bedeckt. Ed war Die treue
Zofe, welche Talands Rachſucht entgangen war. Im
tiefen Walde nad) menfchlihen Wohnungen bange
umbherirrend, hatte fie vor den nahenden rauhen Mäns
neritimmen in dem dichten Laube des Eichenbaumd
Die Königin Hildegardis, 265
Schub gefucht, und war fo durch gnädige Fügung bes
Himmeld der Rettungs- Engel ihrer ſchuldloſen Gebie⸗
terin geworden.
Nachdem Beide in wiederholtem heißen Gebete
Ruhe und Vertrauen gefunden hatten, bereiteten ſie ſich
unter der Eiche ein Lager von Blättern und ſchliefen
in ſüßen Träumen, bis der Morgen von unzähligen
Vogelſtimmen ſchmetternd verkündet wurde. Waldbeeren
und Kraͤuter, welche ſie in Menge fanden, dienten den
beiden Frauen zum Frühmahl, und Gottes Hülfe ver⸗
trauend, drangen ſie hierauf muthigen Herzens in den
dichten Wald hinein.
Unterdeſſen waren die von Taland zum Morde
ausgeſandten Knappen nad) Hofe zurückgekehrt und
hatten, in der Furcht, von dem ſtrengen Herrn übel be⸗
handelt zu werden, demſelben angeſagt, daß ſie ſein
Gebot vollzogen hätten, ihm auch zum Beweiſe ihre
noch vom Blute triefenden Schwerter, mit welchen fie
- vorher eine Hirfchfuh getödtet hatten, vorgezeigt.
F
Zaland Iobte und belohnte die Knappen und bes
richtete dem Könige, welcher kurz darauf feinen Einzug
- Bielt, daß fein Befehl vollzogen und die fchnöde Vers
rätherin an der Ehre feines Ehebetts nach Würden bes
ftraft fei. Worauf der König in finfterem Trübfinn
durch ſtummes Kopfniden feine Zufriedenheit ausdrückte,
hinführo aber alle Heiterkeit verlor und an Feinerlei
Ding mehr Freude hatte,
Als Hildegardis mit ihrer treuen Zofe mehrere
Tage lang im Walde herumgeirrt war, fanden fie eine
Klausnerhütte, deren Bewohner, ein ehrwürdiger Greis
266 Die Königin Hildegardis.
mit langem Silberbarte, ihnen bereitwillig ein obwohl
kümmerliches Obdach bot. Hier, von der ganzen übri⸗
gen Welt abgefchieden, lebten die Frauen eine geraume
Zeit und füllten die Stunden ded Tages größtentheils
mit Gebet und frommen Webungen aus. Hildegarbis
benußte ihre Muße noch befonders, indem fie die. Heil
fräfte der Pflanzen und Kräuter erforfchte, eine Bes
fchäftigung, der fie in früher Sugend fchon mit Vorliebe
obgelegen hatte, und worin fie der alte Klausner mit
feinen weifen Belehrungen unterftüßte. Auf den Rath
ded Greifed, dem Hildegardis ihren Stand und and
ihr Geſchick entdeckt hatte, verließen fie endlich bie
Klaufe, um nad) Rom zu pilgernz; dort, fagte er,
würde Die unſchuldig Verfolgte beim heiligen Vater
Schuß, und, ſetzte er in feierlich »prophetifchem zone
hinzu, Gerechtigkeit finden.
In der nächſten Stadt vertaufchten die Frauen
ihre Kleidung gegen Pilgeranzüge und wanderten mu⸗
thigen Herzend nad) Nom. Andächtig betraten fie die
heilige Stadt, befuchten alle Kirchen und wurben des
Segens des heiligen Vaters der Chriftenheit theilhaftig.
Um ihr Leben zu friften, wie ihren frommen Neigun⸗
gen Genüge zu thun, fing bier Hildegard an, die
Kunft auszuüben, welche fie in fröhlicher Sugendzeit in
der Stille ihrer Heimathwälder erlernt hatte, und
worin ihr. tiefere Kenntniß durch den weifen. Walb⸗
bruder verfchafft worden war... Die Kranken und Ge
brechlicyen fuchte die hohe Frau auf und brachte ihnen
Hilfe und Heilung; Denen, die Fein Kraut und Feine
Salbe mehr retten mochte, erleichterte fie den Heimtgang
— —
Die Königin Hildegarbis. 267
Durch frommen, erbaulichen Zufpruch; bergeftalt, daß
die ganze Stadt Nom die Tugend und göttliche Kunft
der Frau Doloroſa (ſo hatte fie fich genannt) yries,
und Alle die da-Gebreften hatten, zu der hohen Duls
derin famen, fich heilen zu laſſen, und den Troſt ihrer
frommen Rebe zu empfahen. Und wie nın nad und -
nach der Ruf der heiligen Aerztin fic weiter und weiter
ausbreitete, hörte auch der Papſt Hadrian von ihrem
wohlthätigen Wirken und ald er einftend in Prozefs
fion nach der Kirche zog und bie fromme Frau am
Eingange nieberfniete, den Saum feines Gewandes zu
küſſen, ertheilte er. ihr vor allem Volke feinen Segen
Sp gefchah ed denn auch, daß ‚Pilger, Die von
Rom nach Deutfchland kamen, an dem Hofe Kaifer
Karls von der Frau Dolorofa und ihren wunderbaren
Heilungen erzählten.
Mit Begierde hörte ſolche Mähr der Bruder bes
Königs, Taland, welcher in einer böfen Krankheit das
Augenlicht verloren hatte, Gottes Strafgericht in Dies
fem Verhängniß wohl erfennend, hatte der übelberathene
Ritter feine Miffetbat an der unfchuldigen Königin
innig bereut, aber in Furcht vor Karls vernichten
dem Zorne hatte er diefem nichts zu entdecken gewagt
und die Vergebung feiner ſchweren Sünde von ber
Barmherzigfeit Gottes und der Fürfprache des heiligen
Geifted der unfchuldig Gemordeten erfleht. Als nun
der König Karl befchloß, einen Zug nach Rom zu thım,
bat ihn Taland, daß er ihn mitnehmen möchte, um
von der weitgepriefenen Heilfundigen Genefung zu ges
winnen, welches ihm ber König auch gern bewilligte.
268 Die Königin Hildegardis,
Das Gerücht von des Königd Anzuge verbreitete
fih bald in der heiligen Stadt und ward der frommen
Dulderin Hildegardid von ihrer getreuen Zofe alsbald
hinterbracht. Mit Herzpochen vernahm fie den Bericht
und eine Ahnung fagte ihr, daß fich jeßt des Klausners
prophetifches Wort an ihr erfüllen und fie das Ende -
ihres unverdienten Leidens fehen werde. Mit Inbrunſt
warf fie fid) vor dem Altare der Mutter Gottes nieder,
und erleichterte, unfähig de Mortes, in heißen Zähren
ihre- beffommene Bruft. | |
Der König Karl zog in Nom ein, fein Bruder mit
ihm. Am felbigen Tage noch befchicdkte Leßterer bie
fromme Heilfundige und ließ ihr anfagen, daß er am
anderen Morgen su ihr fommen würde, Hilde gardis
erwartete ihn beruhigt und geſtaͤrkt; und als nun ihr
bitterſter Feind, mit Blindheit geſchlagen, Hüffe ſuchend,
vor ihr ftand, fprach fie zu ihm: „Bevor ich End,
Herr, im Namen Gottes, feined Sohnes und ber hei
ligen Sungfrau von Euren Gebrechen au heilen unters
nehme, ift es nöthig, daß Ihr Euch durch freimillige
Befenntniß Eurer Sünden und Vergehen entlebigt,
damit Shr der Gnade Gottes durch meine Hand theil
baftig werden möget. Knieet alfo nieder, befennet
Eure Sünden und thut mir Eure Neue kund!“
Taland. verfegte hierauf: „Wohl babe ich, heilige
Fran, der Sünden mancherlei begangen, als ein ſchwa⸗
cher, gebrechliher Menſch; aber Feine brüdt mid
fchwerer als die, fu ich an einer reinen und tugend
haften Frau volführet, welche ich, götttlichen und -
menfchlichen Gefegen zuwider, verläumbet und elendiglid
Die Königin Hildegardis, 269
rderbt habe. So die göttliche Gnade mir Diefe fchwere
ünde ‚verziehe, dürfte ich Die Vergebung aller andern
Gewißheit erhoffen.
„Und habet Ihr, fuhr Die Beichtigerin fort, Euer
erbrechen auch Dem bekannt, den Ihr nach Gott
durch am meiften gefränft und beleidigt habet?“
. Zögernd antwortete Taland: „Ich habe es nicht
wagt, aud Furcht vor harter Strafe; denn der,
n ich gefränft, ift mein Herr.” Darauf Hildegard:
Des Himmels Zorn ruht ſchwerer auf dem Sünder,
an itdifche Züchtigung; ‚auch kann ich Euch nicht hei⸗
i, bevor ihre Jenem nicht befaunt habet. Wofern
w biefes aber thun mwollet, öffentlich und unverholen,
will ich für Euch bitten, daß Euch vergeben werbe.
Nach kurzem Bedenken erwiderte darauf Taland
tiehloffen: „Euer Rath, heilige Fran, ift gut, denn
it beſſer, daß ich durch irdifchen Tod büße, als daß
ine ewige Geligfeit verloren gehe. Kommet, ich bitte
ich, mit mir und feid Zeuge meiner Befenntniß, und
ndet, wenn Shr könnt, meines Herrn Zorn von mir!”
Er Tieß fih darauf von feinen Dienern vor den
Inig führen, der eben mit bem heiligen Bater einen
viefprach hatte, und Hildegardis mit ihrer Zofe bes
eiteten ihn. Taland warf ſich dem Bruder zu Füßen,
ihrend Jene mit ber Zofe an der Thüre ftehen blie-
n, und befannte, indem er eine herzliche Bitte um
ergebung vorausfchicdte, in bemüthigen und reuigen
zorten feine Miffethat. |
Sprachlos vor Staunen und Entrüftung hörte
arl den Bericht von bem fchnöden Berrathe an, feine
270 Die Königin Hildegardis.
Hand, die ſchnelle Dienerin feines Zornd, ergriff das
Schwert, um den Böfewicht zu firafen; — ba trat
Hildegardis hervor, Fnieete, den Bedrohten ſchützend,
vor dem Könige nieder und rief aud: „Haltet ein,
hoher Herr, der Himmel hat ſchon gerichtet; an Euch
ift e8, zu vergeben!’ Der König trat, von nenem
Staunen ergriffen, und feinen Augen, welche ibn das
Bild der todtgeglaubten Gemahlin erbliden, feinen
Dhren, welche ihn die Stimme berfelben vernehmen
ließen, mißtrauend, zurück; Hildegardid aber ging zu
dem Blinden, geleitete ihn zu feinem Site, und ba,
nachdem fie ihn bedeutet hatte, fich ſtill zu verhalten
und feine Seele Gott zuzuwenden, unternahm fie die
unfchwere Heilung und gab dem Ritter das Licht der
Augen wieder. Das Erfte, was er erblickte, war feine
Retterin; — und, wie der König erſtaunt, ja entfebt,
da er ein Gefpenft zu fehen vermeinte,. flürgte er zu
ihren Füßen nieder, laut ausrufend: ,„Wofern nicht
‚ein trügerifcher Schein an die Stelle meiner Blindheit
getreten ift, fo fehen meine Augen den Geift Derer
die ich tödten ließ!“ |
„Nicht ihren Geiſt fehet Ihr — fie felbft, die Gott
von dem Zode gerettet, Euch vor der Sünde bewahret,
und — hier wandte fie ſich zu dem in ihre Arme ftür
. genden Könige — meinem gnädigen Herrn und Gemahl
feine treue ©attin erhalten hat!”
Der Papſt fegnete Das wiedervereinigte hohe Paar
und der König Karl vergab in der Freude feines Her
zen feinem reuevollen Bruder; worauf Alle heimzogen
nad) Deuifchland, wohin die Kunde von dem glüd
Die Königin Hildegardie. - 2971
Yichen und wunderbaren Ereigniß ihnen bereitö vorans
gegangen war und allgemeine Freude bei Hohen und.
Niedern verbreitet hätte. .
Noch lange Sahre erfreute fich der König Karl des
Beſitzes feiner vielgeliebten Hildegardie, und Fonnte
nicht fatt werden, von Neuem und immer wieder die
Gefchichte von ihrer Rettung und ihren Wanderungen
zu: vernehmen, feine Leichtgläubigfeit zu beflagen und
Gott zu danken, der Alles fo wohl und zum Heile ge⸗
lenkt hatte. Auch des Hoffräuleindg wurde nicht vers
geffen, welche dad Werkzeug der Rettung ihrer Ges
bieterin und deren treue DBegleiterin in allen ihren -
Fähren und Nöthen geweien war. Sie wurde zur be>
ftändigen Hofdame der Königin ernannt und einem
hohen Herrn des Reiches vermählt.
Adolf von Hafau und Imagina.
Ein granfer Krieg durchtobte das fehöne Thüringer
Land. Die wohlthätige Ruhe, welcher. Deutfchland fi
unter Rudolfd von Habsburg Fräftiger Regierung leider
nur auf zu kurze Zeit erfreut hatte, war mit ihm vers
fhwunden; der Graf von Naffau, welchen die Wähler
des Reiches ihm zum Nachfolger gegeben, hielt, feines
entfchloffenen Karakters und perfönlichen Muthed un
geachtet, die Zügel nur mit unficherer Hand, und fein
zu fichtbareö Beftreben, die geringe Macht feined Stamm:
haufes zu vermehren, fchadete feinem Anfehn mehr, ald
die zahlreichen Feinde, die er ſich fchon gemacht und
die ſich um Albrecht von Deftreih, Kaifer Rudolf
Sohn, fohaarten, der im Naffauer nur den Räuber der
Reichskrone fah, von welcher er geglaubt hatte, fie
Tonne ihm felbft nicht entgehn.
Adolf von Naſſau und Smagina, 273
Eine wilfommene Beranlaffung hatte ſich dem Kb,
nige dargeboten, feine eignen Beſitzungen zu vergrößern.
In Meißen und Thüringen herrfchte Landgraf Albrecht,
den man den Ausgearteten nannte, feines unnatürlichen
Betragend gegen feine Gemahlin, die hohenftaufifche
Margarethe und gegen feine Kinder, Friedrih und
Diepmann wegen, deren traurige Schickſale fo oft wies
dererzählt worden find. Diefer, um feine eignen Söhne,
mit denen er immer im Unfrieden lebte, gewiffermaßen -
zu enterben, verkaufte auf dem Nürnberger Reichstage
fein Land dem Könige für die Summe von 12000
Marf Silbers. Inwieferne das Recht auf Adolf Seite
war, dies zu erörtern iſt hier der Ort nicht: daß er
weber ug noch edel handelte, bewies der Eindrud, den
die Verhandlung hervorbrachte, und der Auögang. Die
jungen Landgrafen fetten feinem Vorrücen Widerftand
‚entgegen, aber vergebend. Eiſenach, die in einer ro»
mantifchen Gegend zwifchen Waldungen von Eichen
und Tannen gelegene Stadt, auf welche der alte Fürs
ftenfiß, die Wartburg, von grüner Höhe herabfchaut,
wurde erobert; viele Graufamfeiten wurden begangen,
die Einwohner geplündert, die Dorffchaften vermüftet.
Es traf fich nun, daß, ald das Fönigliche Heer vor
Freiburg im Dfterland lagerte, Adolf einen Streifzug
begleiten wollte, den er zur Erforfchung der Gegend
ausfante. Schaaren Iandgräflicyen Kriegsvolks, durch
bewaffnete Bauern verftärft, ließen fid hie und da
blicken; auf eine folche ftieß der König mit den Seini—⸗
gen. Das Gefecht währte nicht lange, und die Thüringer
wichen, aber Adolf wurde bedeutend am Arme verwundet
274 Adolf von Naſſau und Imagina.
Zum Lager zurückzukehren, hätte zu großen Verzug
herbeigeführt: man mußte ſich alſo nach einer einftweilis
gen Nuheftätte umfehn. Ausgefandte Reiter Fehrten
mit der Nachricht zurüd, daß nicht weit von da, am
Eingange der Waldung, ein Klofter liege. Dakin ber
ſchloß man zu ziehn. Bald gelangte man and äußere
Thor: es war ein Nonnenftift, und den Ankommenden
wurde der Eintritt verfagt. Nur nach langen Borftels
Iungen ließ man den Berwundeten mit einem feiner
Begleiter ein; ein Theil der Neifigen lagerte in ber
Nähe, während die Andern ind Lager zurüdkritten, um
Kunde vom Gefchehenen zu geben.
Mehre Wochen waren vorübergegangen, während
deren Adolf die freundlichfte Pflege im Klofter fand.
Die Wunde war ernfihafter ald ed Anfangs fchien;
Die Ungeduld des Königs, zu den Seinen zurüdfzufehs
ren, und die angeborne Heftigfeit feines Karakters ver:
mehrten das Fieber, in welchem er bie erften Tage über
lag. In den halbwachen Träumen, welche ihn quälten,
war es ihm oft, als ftehe ihm, während dad Geräufd
ded Kampfes ihn zu umtoben oder abmwechfelnd die
Stille eines Grabed zu umgeben fihien, ein fehügender
Engel zur Seite, feine Leiden lindernd, die Schweiß
tropfen der Angft und der zweckloſen fieberhaften Anſtren⸗
gung abtrocknend auf feiner Stirne. Ald er wieder zum
Bewußtſein kam und die Augen aufgehn ließ, da fa
er ein junges Mädchen neben feinem Lager: die Kleis
"dung fündigte fie ald eine Novize an, Sie war fein
Engel gewefen: fie hatte bei ihm gewacht und gebetet und
feine brennenden Lippen gefühlt mit wohlthätigem Tranke.
Abolf von Raffau und Imagine, 275
Nun genas der’ König ſchnell. Seine Eräftige Na-
tur trug bald den Sieg über die nach ber Krankheit
zurüdgebliebene Mattigkeit davon und nad) 'einigen
Tagen fühlte er fich wieder im Stande zu dem Heere
zurüdzufehren. Aber wenn die im Kampf erhaltene
Wunde ihn nicht mehr fohmerzte, fo that e& eine Wunde
im Herzen. Und er litt nicht allein. Die, welche ihn
fo treu gepflegt, die junge Smagina fcehauderte bei dem
Gedanken, daß irdifche Liebe ihre Bruſt erfülle, bie
fih) nur der himmlischen weihen follte — und befaß
Doch nicht Kraft genug, ihre Leidenfchaft zu beſiegen.
In Ddiefem heftigen Kampfe der Empfindungen
wünſchte fie den Augenblic® herbei, wo Adolf fcheiden
mußte, und body zitterte fie, wenn fie an dieſen Augens
blick Dachte. Dem Könige konnte nicht entgehn, was vor«
ging im Herzen der Jungfrau. Endlich machte er fie
mit dem Zuftand feines eignen Innern bekannt; er bat
fie ihn nicht zu verlaffen, da es ihm unmöglich fein
würde ohne fie zu leben; er fchlug ihr vor mit ihm zu
fliehen. Anfangs fträubte ihr Pflichtgefühl fich heftig,
aber ihre Schwäche gab endlidy der Stimme per Vers
Iodung Gehör. Während der Nacht, die dem zu Adolfs
Abreiſe beftimmten Tage voranging, lag fie auf den
Knieen vor dem Altar der Klofterfirche, weinend und
betend; bie ftille Hoffnung welche fie nährte, der Schuß« *
engel deſſen werben zu können, ben fie liebte, Gutes
zu wirken durch feinen Einfluß, befchwichtigte einiger,
maßen die anflagende Stimme ihre Gewiſſens.
Am folgenden Tage zog der König ab. Bis gegen
Abend harrte er, hinter feinen Begleitern zurückbleibend,
268 Die Königin Hildegarbie,
Das Gerücht von des Königs Anzuge verbreitete
ſich bald in der heiligen Stadt und ward der frommen
Dulderin Hildegardid von ihrer getreuen Zofe alsbald
binterbradht. Mit Herzpochen vernahm fie den Bericht
und eine Ahnung fagte ihr, daß ſich jet des Klausners
prophetifches Wort an ihre erfüllen und fie Das Ende
ihres unverdienten Leidens fehen werde. Mir Inbrunſt
warf fie. fi) vor dem Altare der Mutter Gottes nieder,
und erleichterte, unfähig des Wortes, in heißen Zähren:
ihre beklommene Bruſt. | |
Der König Karl zog in Rom ein, fein Bruder mit
ihm. Am felbigen Tage noch beſchickte Lebterer bie
fromme Heilfundige und ließ ihr anfagen, daß er am
anderen Morgen gu ihr kommen würde. Hilde gardis
erwartete ihn beruhigt und geftärft; und ala num ihr
bitterfter Feind, mit Blindheit gefchlagen, Hüffe fuchend,
vor ihr fand, ſprach fie zu ihm: „Bevor ich Euch,
Herr, im Namen Gottes, feined Sohnes und der heis |
ligen Sungfrau von Euren Gebrechen au heilen unters
nehme, ift es nöthig, daß Ihr Euch durch freimillige
Bekenntniß Eurer Sünden und Vergehen entlebigt,
damit Ihr der Gnade Gottes durch meine Hand theil
haftig werden möget. Knieet alfo nieder, befenne
Eure Sünden und thut mir Eure Neue kund!“
Zaland. verfegte hierauf: „Wohl babe ich, heilige
Frau, der Sünden mancherlei begangen, ald ein ſchwa⸗
cher, gebrechlicher Menfch; aber Feine drückt mid
ſchwerer ald die, fu ich an einer reinen und tugend⸗
haften Frau vollführet, welche ich, götttlichen und
menfchlichen Gefegen zuwider, perläumdet und elendiglich
Die Königin Hildegardis. 269
verberbt habe. So die göttliche Gnade mir dieſe ſchwere
Sünde ‚verziehe, dürfte ich die Vergebung aller andern
in Sewißheit erhoffen.
„Und habet Ihr, fuhr die Beichtigerin fort, Euer
Verbrechen aud Dem bekannt, den Shr nach Gott
dadurch am meiften gefränft und beleidigt habet ?“
Zögernd antwortete Taland: „Ich habe es nicht
gewagt, aud Furt vor harter Strafe; denn der,
ben ich gefränft, ift mein Herr.” Darauf Hildegard:
„Des Himmels Zorn ruht fchwerer auf dem Sünder,
denn itdifche Züchtigung; auch kann ich Euch nicht hei⸗
len, bevor ihr Jenem nicht befaunt habet. Wofern
hr dieſes aber thun wollet, öffentlich und unverholen,
fo wi ich für Euch bitten, daß Euch vergeben werbe.
Nach kurzem Bedenken erwiderte darauf Taland
entfehloffen: ‚Euer Rath, heilige Frau, ift gut, denn
es ift befier, daß ich durch irdifchen Tod büße, als Daß
meine ewige Seligfeit verloren gehe. Kommet, ich bitte
Euch, mit mir und feid Zeuge meiner Bekenntniß, und
wendet, wenn Ihr könnt, meines Herrn Zorn von mir!“
Er ließ ſich darauf von feinen Dienern vor den
König führen, der eben mit dem heiligen Vater einen
Zwiefprac hatte, und Hildegardis mit ihrer Zofe bes
gleiteten ih. Zaland warf ſich dem Bruder zu Füßen,
während Jene mit der Zofe an der Thüre ftehen blie-
ben, und befannte, indem er eine herzliche Bitte um
Bergebung vorausfchicte, in demüthigen und reuigen
Worten feine Miffethat. |
Sprachlos vor Staunen und Entrüftung hörte
Karl den Bericht von dem ſchnöden Berrathe an, feine
270 Die Königin Hildegardis.
Hand, die fchnelle Dienerin feines Zornd, ergriff dad
Schwert, um den Böfewicht zu firafen; — ba trat
Hildegardid hervor, Fnieete, den Bedrohten fchügend,
sor dem Könige nieder und rief aus: „Haltet ein,
hoher Herr, der Himmel hat fchon gerichtet; an Euch
ift e8, zu vergeben!’ Der König trat, von nenem
Staunen ergriffen, und feinen Augen, welche ihn das
Bild der todtgeglaubten Gemahlin erbliden, feinen
Dhren, welche ihn die Stimme berfelben vernehmen
ließen, mißtrauend, zurück; Hildegardid aber ging zu
dem Blinden, geleitete ihn zu feinem Site, und da,
nachdem fie ihn bedeutet hatte, fich ſtill zu verhalten
und feine Seele Gott zuzumwenden, unternahm fie bie
unfchwere Heilung und gab dem Ritter das Licht der
Augen wieder. Das Erfte, was er erblidte, war feine
Retterin; — und, wie der König erflaunt, ja entfekt,
da er ein Gefpenft zu fehen vermeinte,. fürzte er zu
ihren Füßen nieder, laut ausrufead: „Wofern nicht
‚ein trügerifcher Schein an die Stelle meiner Blindheit
getreten ift, fo fehen meine Augen den Geift Derer
Die ich tödten ließ!“ |
„Nicht ihren Geift fehet Ihr — fie felbft, die Gott
von dem Tode gerettet, Euch vor der Sünde bewahret,
und — hier wandte fie fich zu dem in ihre Arme ftir
senden Könige — meinem gnädigen Herrn und Gemahl
feine treue Gattin erhalten hat!’
Der Papſt fegnete das wiedervereinigte hohe Paar
und der König Karl vergab in der Freude feines Her
zens feinem reuevollen Bruder; worauf Alle beimzogen
nad Deuifchland, wohin die Kunde von dem glüd
Die Königin Hildegarbie, — 271
lichen und wunderbaren Ereigniß ihnen bereitd voran-
gegangen war und allgemeine Freude bei Hohen und
Niedern verbreitet hätte.
Noch lange Fahre erfreute fich der König Karl des
Befitesd feiner vielgeliebten Hildegardis, und konnte
nicht fatt werden, von Neuem und immer wieder die
Gefchichte von ihrer Rettung und ihren Wanderungen
zu: vernehmen, feine Leichtgläubigfeit zu beklagen und
Gott zu danken, der Alles fo wohl und zum Heile ge-
lenkt hatte. Auch des Hoffräuleins wurde nicht ver:
geffen, weldye das Werkzeug ber Rettung ihrer Ges
bieterin und deren treue DBegleiterin in allen ihren -
Fähren und Nöthen gewefen war. Sie wurde zur be-
ftändigen Hofdame der Königin ernannt und einem
bohen Herrn des Reiches vermählt.
Adolf von Naſſau und Imagine. |
Ein graufer Krieg durchtobte das ſchöne Thüringer
Land. Die wohlthätige Ruhe, welcher. Deutfchland ſich
unter Rudolfd von Habsburg fräftiger Regierung leider
nur auf zu kurze Zeit erfreut hatte, war mit ihm vers
ſchwunden; der Graf von Naſſau, welchen die Wähler
des Reiches ihm zum Nachfolger gegeben, hielt, feines
entfchloffenen Karafterd und perfönlichen Muthes uns
geachtet, die Zügel nur mit unficherer Hand, und fein
zu fichtbares Beftreben, die geringe Macht feines Stamm:
haufes zu vermehren, fchadete feinem Anfehn mehr, ald
die zahlreichen Feinde, die er fich fchon gemacht uud
die fi) um Albrecht von Deftreih, Kaifer Rudolfs
Sohn, fehaarten, der im Naffauer nur den Räuber der
Reichskrone fah, von welcher er geglaubt hatte, fie
könne ihm felbft nicht entgehn.
Adolf von Naſſau und Imagine. 273
Eine willfommene Beranlaffung hatte fi dem Koͤ⸗
nige Dargeboten, feine eignen Befigungen zu vergrößerm,
In Meißen und Thüringen herrfchte Landgraf Albrecht,
den man den Ansgearteten nannte, feines unnatürlichen
Betragend gegen feine Gemahlin, die hohenftaufifche
Margarethe und gegen feine Kinder, Friedrich und |
Diekmann wegen, deren traurige Schicfale fo oft wies
dererzählt worden find. Diefer, um feine eignen Söhne,
mit denen er immer im Unfrieden Iebte, gewiffermaßen -
zu enterben, verkaufte auf dem Nürnberger Reichstage
fein Land dem Könige für die Summe von 12000
Marf Silberd. Inwieferne das Recht auf Adolf Seite
war, died zu erörtern ift hier der Ort nicht: daß er
weder Flug nod) edel handelte, bewies der Eindrud, den
die Verhandlung heroorbrachte, und der Ausgang. Die
jungen Landgrafen fetten feinem Vorrücken Widerftand
‚entgegen, aber vergebend. Eiſenach, bie in einer ro»
mantifchen Gegend zwifhen Waldungen von Eidjen
und Tannen gelegene Stadt, auf welche der alte Fürs
ftenfiß, die Wartburg, von grüner Höhe herabfchaut,
wurde erobert; viele Graufamfeiten wurden begangen,
die Einwohner geplündert, die Dorffchaften verwüſtet.
Es traf ſich nun, daß, ald das Fönigliche Heer vor
Freiburg im Ofterland lagerte, Adolf einen Streifzug
begleiten wollte, den er zur Erforfchung der Gegend
ausfandte, Schaaren landgräflichen Kriegsvolks, durch
bewaffnete Bauern verftärkt, Tießen fih hie und da
blicken; auf eine folche fließ der König mit den Geinis
gen. Das Gefecht währte nicht lange, und die Thüringer
twichen, aber Adolf wurde bedeutend am Arnie verwundet
974 Adolf von Naffau und Imagina,
Zum Lager zurüdzufehren, hätte zu großen Verzug
herbeigeführt: man mußte füch alfo nad) einer einftweilis
gen Nuheftätte umfehn. Audgefandte Reiter Fehrten
mit der Nachricht zurüd, daß nicht weit von da, am
Eingange der Waldung, ein Klofter liege. Dakin be
ſchloß man zu ziehn. Bald gelangte man ans Äußere
Thor: es war ein Nonnenftift, und den Ankommenden
wurde der Eintritt verfagt. Nur nad) Sangen Borftel
Iungen ließ man den Verwundeten mit einem feiner
Begleiter ein; ein Theil der Neifigen lagerte in ber
Nähe, während die Andern ind Lager zurückritten, um
Kunde vom Gefchehenen zu geben.
Mehre Wochen waren vorübergegangen, während
deren Adolf die freunblichite Pflege im Klofter fand.
Die Wunde war ernfthafter ald ed Anfangs fchien;
die Ungeduld des Königs, zu den Seinen zurückzukeh⸗
ren, und die angeborne Heftigfeit feines Karakters ver:
mehrten das Fieber, in welchem er bie erfien Tage über
lag. Sn den halbwachen Träumen, welche ihn quälten,
war es ihm oft, als ftehe ihm, während das Geraͤuſch
ded Kampfes ihn zu umtoben oder abwechfelnd bie
Stille eined Grabed zu umgeben fchien, ein fchügender
Engel zur Seite, feine Leiden Iindernd, Die Schweiß
tropfen der Angft und der zweckloſen fieberhaften Anftren
gung abtrodnend auf feiner Stirne. Als er wieder zum
Bewußtſein fam und die Augen aufgehn Tieß, da fah
er ein junges Mädchen neben feinem Lager: bie Kleis
dung fündigte fie ald eine Novize an, Sie war fein
Engel gewefen: fie hatte bei ihm gewacht und gebetet und
feine brennenden Lippen gefühlt mit wohlthätigem Tranle.
Abolf von Raffau und Imagine, 275
Nun genas der König fchnell, Seine Fräftige Nas
tur trug bald den Sieg über die nach der Krankheit
zurüdgebliebene Mattigkeit davon und nad, 'einigen
Tagen fühlte er fich wieder im Stande zu dem Here
zurüdzufehren. Aber wenn die im Kampf erhaltene
Wunde ihn nicht mehr fchmerzte, fo that eö eine Wunde
im Herzen. Und er litt nicht allein. Die, welche ihn
‚10 treu gepflegt, die junge Smagina fchauderte bei dem
Gedanken, daß irdifche. Liebe ihre Bruft erfülle, bie
ſich nur der bimmlifchen weihen follte — und befaß
doch nicht Kraft genug, ihre Leidenfchaft zu befiegen.
Sn diefem heftigen Kampfe ber Empfindungen
wäünfchte fie den Augenblick herbei, wo Adolf fcheiden
mußte, und Doch zitterte fie, wenn fie an biefen Augen
blick dachte. Dem Könige konnte nicht entgehn, was vors
ging im Herzen der Jungfrau. Endlich machte er fie
mit dem Zuftand feines eignen Innern befannt; er bat
fie ihn nicht. zu verlaffen, da ed ihm unmöglich fein
würbe ohne fie zu leben; er fchlug ihr vor mit ihm zu
fliehen. Anfangs firäubte ihr Pflichtgefühl fich heftig,
aber ihre Schwäche gab endlich der Stimme per Vers
Iodung Gehör. Während der Nacht, die dem zu Adolfs
Abreiſe beftimmten Tage voranging, lag fie auf ven
Knieen vor dem Altar der Klofterfirche, weinend und
‚betend; die ftile Hoffnung welche fie nährte, der Schutz⸗
engel beffen werben zu koͤnnen, ben fie liebte, Gutes
zu wirken durch feinen Einfluß, befchwichtigte einigers
maßen die anflagende Stimme ihres Gewiſſens.
Am folgenden Tage z0g der König ab. Bid gegen
Abend harrte er, hinter feinen Begleitern zurückbleibend,
276 Adolf von Naffau und Imagine,
in ber Nähe des Kloſters. Als es dunkel geworden
war, zeigte Imagina fi) an der Pforte: ein Mantel
verhuͤllte ſie. Adolf hob ſie auf einen bereitgehaltenen
Zelter und raſch gings nach dem Lager hin. Ohne be⸗
merkt zu werden, blieb Imagina, nachdem ſie ihre
Kleidung gegen Männertracht vertauſcht, in einem
Zelte: nur ein Vertrauter des Königs wußte um dad
Geheimniß. Nicht lange darauf glaubte Adolf das Land
verlaffen zu können, welches nun größtentheild in feine
Gewalt gegeben war, fo wenig auch die Herjen der
Bewohner ihm gehörten, und zog dem heimifchen
heine zu. | |
Nicht weit von dem heiffpendenden Schwalbach
Viegt am Ufer ber Yar, welche fich durch eine. felfige
Gegend ihren Weg bahnt, ein nur von wenigen Famis
lien, nur Landleuten, bewohnte Dörfchen, bei welchem
die Trümmer einer alten Burg ſich trauernd erheben.
Noch in unfern Tagen hat Adolfseck den Namen ſei⸗
ned Erbauerd bewahrt. Hier, in dieſem abgelegenen,
ſtillen Winfel, wohin nur felten das Geräufh der Welt
drang, barg der Raffauer die Entführte; hier genoß er
- in den Stunden, welche fein unruhiges, bewegtes Leben,
feine faft anhaltenden Kriege ihm frei Tießen, an ihrer
Seite des Glückes der Liebe. Aber bei Smagina drängte
ſich ftetS wie ein finftrer Schatten zwifchen den ruhigen
Genuß der Gegenwart und die Ausficht in die Zukunft
die bange Ahnung, daß noch hier die Schuld, die fie
auffich geladen, ihre Strafe finden werde. Sie Fonnte
fich nicht verhehlen, daß Adolf immer ernfler und büftrer
wurde, baß die Zuverſicht mit welcher er ſonſt bem
Adolf von Naſſau und Imagine, 277
-Kommenden entgegenfah, ſich allmälig verlor. Seine
Abwefenheit von der Burg fand inmer häufiger und
länger flatt; feine Zuneigung blieb warm und herzlich
wie ehemals, aber es hatte fi etwas Wehmüthiges
darin gemifcht, das feinem feurigen Karafter und feis
nem ganzen Weſen fremde war.
Als er eined Tages wieder zu dem Schloffe zuruͤck⸗
fehrte, Fonnte er der harrenden Geliebten Die Wahrheit
nicht mehr verbergen. Ein unheildrohendes Gewitter
hatte ſich über feinem Haupte zufammengezogen. Sn
einer bis dahin unerhörten Verhandlung "hatten die
Kurfürften, dazu vermocht durch mancherlei Ränfe und
Berfprechungen, überdies fich getäufcht fehend in der
Hoffnung, die fie gehegt hatten, im Grafen von Naſſau
ein willenlofed Werkzeug zur Ausführung ihrer eignen
Plaͤne zu erhalten, auf dem Kürftentag zu Mainz den
König Adolf abgefegt und feinem ärgftien Gegner, dem,
Herzog von Defterreich, die ihm entriffene Krone aufs.
gefegt. Nichtig und ungerecht war die Mehrzahl ber
gegen den Naffauer erhobenen Anklagen. Aber er war
nicht der Mann, fid) ruhig zu fügen in die ihm anges
thane Schmach, wobei feine Ehre nicht nur, fondern
auch fein Dafein auf dem Spiele fland. Sein Anhang
in Deutſchland war immer noch zahlreich genug, um
feinen Feinden die Spige bieten zu können. Bald bes
gann der Krieg mit Kleinen Gefechten, bald dem Eis
nen, bald dem Andern Gewinn oder Berluft brin⸗
gend. Die feindlichen Heeredmaffen hatten fich Dem
Rheine genähert, und eine entfcheidende Schlacht ſtand
bevor.
278 Abolf von Naffau und Imagine.
Die Beforgniß um Adolf, welche den Bufen Imas
gina's erfüllte, Titt ffe nicht mehr auf ihrer flillen Burg,
Sie wollte ſich in den Stunden der Gefahr nicht von
dem trennen, welcher ihr Alles war auf der Erde
Meinend fchied fie, männliche Kleidung tragenb, von
Adolfseck: es fchien ihr, als Laffe fie The ganzes Glück
in ſeilen verödeten Gemächern. “Fünf Stunden vom
alten Worms erſtreckt ſich die Ebene von Gelnheim,
wo ber Blick eine große Strede Landes umfaßt, durd
welche der Rhein ſtrömt und welche zur Rechten von
der Kette des Hardtgebirges begrenzt wird. Hier flie
Ben die Heere aufeinander, In dem bei Gelnheim ges
legenen Klofter Rofentbal harrte Imagina des Aus
ganged. Die bängften Beforgniffe erfüllten ihre Bruſt;
fie hatte nicht Raſt nicht Ruhe, kaum behielt fie Fafs
fung genug, um im Gebete die Sache und das Leben
ihred Geliebten dem Herrn anzuempfehlen. So ging
der Tag vorüber, ald gegen Abend dad Gerücht von
der Niederlage des Königs ſich verbreitete. In grens
zenlofer Verzweiflung flürzte Smagina hinaus; das Ges
wühl nicht achtend, durchirrte fie das. mit Leichen befäete
Schlachtfeld, Adolfs Namen rufend. Ueberall war
Entfegen, Flucht, Plünderung. Ein Häuflein Krieger
hatte fich-gefammelt, wo neben einem Eichbaum mehre
Gefallene nahe bei einander am Boden lagen — mit
einem Schrei des Entfeßend warf die Unglückliche ſich
hber einen der Todten hin.
Es waren die biutigen, verflümmelten Reſte Adolfs
von Naſſau, die fie, feldft eine keiche, mit ihren Ars
men umſchlang.
—*
Adolf von Naffau und Imagine, 979
Der Kurfuͤrſt von Mainz, weicher dad Hauptwerk⸗
zeug zum DVerderben des Königed gewefen war, bem
aber fein eigenes widriges Schickſal fich vorzuſpiegeln
ſchien im Augenblick, wo er Jenen durch Albrechts Hand
fallen ſah, [ließ den Leichnam im Kloſter Roſenthal
beerdigen, da man ihm die Aufnahme in die Kaifergruft
zu Speyer verfagte., Auf der Stelle, wo er gefallen,
erinnern ein Kreuz und eine Inſchrift an feinen bius
tigen Ausgang. Bon ihm reden aud die Trümmer -
Adolfsecks, welche der unverföhnliche Albrecht bald nach
der Gelnheimer Schlacht ſchonungslos durch feine Rotten
zerſtoͤren ließ.
*
Eppflein.
Heilſpendende Brunnen entfprudeln den anmuthigen
Thälern des Taunus, an Erinnerungen reiche Burgen
blicfen von feinen bewaldeten Höhen, die wie eine Kette
das fihöne, fruchtbare Land umfchließen, welches auf
dem rechten Ufer des Mains ſich dahin zieht. Mächtige
und angefehene Gefchlechter wohnten hier nebeneinans
der, wo Falfenftein, Königftein, Eppftein, Sonnenberg,
Hohenftein Tiegen, wo der Altking und der Feldberg,
an die Begebniffe altfränfifcher Gefchichte mahnend,
ihre ſtolzen Häupter über die nachbarlichen Berge her
vorfireden. |
Wo jetzt, von Thal und Hügel eingefchloffen, in
der fogenannten Naffauifchen Schweiz, dad Dorf Epp⸗
ftein mit dem hohen Thurme und den ftarfen Mauern
Liegt, welches der Stammſitz weitgebietender und viel
derfchwägerter Herren war, deren Geſchlecht dem
Eppſtein. 281
Mainzer Erzflift manchen Hirten gab: in dieſen nun
ftillen Gegenden wohnte einjt ein ungefchladhter Rieſe.
Auf feine Körperftärke troßend, wollte er Keinem ges
ftatten, fidy im Thale anzufiedeln: mehr aber noch, als
des Aderbauerd niedere Hütte, war ihm die Burg ded
Edeln zuwider, und hätte ed an ihm gelegen, fo würde
fein Mauerring fid) auf den Höhen des Taunus erho⸗
ben haben.. Da gefchah es emmal, daß er das Land
verlaffen mußte, um einigen Ländern im Elſaß zu
helfen, welche Mühe hatten, fi) der Angriffe der ſchwa⸗
chen, aber durch ihre Zahl und Gewandtheit übermie-
genden gewöhnlichen Menfchenfinder zu erwehren. Kaum
war der firenge Hüter von Aue und Wald fort, fo
ftedte ın der Umgebung Alles die Köpfe zu den Fenftern
hinaus und Iugte recht? und links, und nachdem die
Leute ſich überzeugt hatten, daß dad Ungethum wirklich
verfchwunden war, befamen fie Alle viel Muth, und
nachdem fie tief Athem gefchöpft, befcjloffen fie ſich den
Umftand zunuge zu machen und ohne langen Prozeß
fi) in die liegende Erbfchaft zu theilen. Als fie damit
im Gange waren und es ſchon manchen Zank und Has
der abgefegt hatte, indem Feiner ded Andern Anfprüche
gelten laſſen wollte, traf e8 fi), daß ein junger Nits
terömann in das Thal fam. Diefen wählte die nneinige
Gemeinde zum Schiedsrichter, und er verwaltete fein
Amt, troz ‚feines nur unfcheinbaren Bartes, fo gut,
daß nad) zwei Tagen alle Zwiftigfeiten beigelegt waren,
und er felbft, zu feiner eignen Berwunderung, fid) im
Befite des mit frifchem Grün bededten Hügeld fand,
der ſich fanft. auffteigend aus der Niederung erhebt.
282 Eypftein.
Eppo, fo hießader Süngling, begriff fehe wohl
feine Stellung und feine Pflichten. Sein Sädel war
ziemlich leer, aber durd; Feinheit und Ueberredungstunft
wußte er zu erſetzen, was ihm hier abging. Das Land⸗
volk Ternte bald einfehn, daß es nichtd befferes thun
fönne, ald dem Ankömmling beim Bau einer Burg
helfen, die mit denen der Nachbarn wetteifern würde,
Wie fchön mußte fie fich mit ihren Zinnen zwifchen den
dichten Waldungen auönehmen! Welchen Schuß Tonnte
fie dem ganzen Rande bieten, wenn ed dem Rieſen ein
mal wieder einftel, feine verlaffenen Befigungen zu bes
fuchen! Die Wahrheit aber war, daß ber Ritter,
- welcher gerade dieſen leßtern Grund am meiften her
vorzuheben fich bemühte, fo wenig im Ernfte des Riefen
gedachte, ald die Bewohner bed Thaled ed thaten. Es
war nun eine rechte Luft, das rege Treiben und bie
freudige Bewegung unter dem Voͤlklein zu fehn. Wäre
Herr Eppo ein mächtiger Kürft gewefen, und hätte er
über den Frohndienft Taufender und ben Arm ge
ſchickter Werkleute verfügen fönnen: ber Burgbau hätte
doch kaum gefchwinder vorfchreiten können. Die Mauern
ſchienen aud dem Boden zu wachfen — die guten Lands
leute vergaßen ihre eigenen Wohnungen drüber, und
wenn ja einmal ein Vorüberziehender nach dem Grund
biefer außerordentlichen Xhätigfeit fich erfundigte, fo
erhielt er die Antwort: zu ihrer Aller und des Landes
Wohl werde das Schloß gebaut.
Eppo lachte ınd Käuftchen. Schon war Das untere
Geſchoß fertig, und während einer fchönen Sommer:
nacht hatte er fogar befchloffen, die wenigen Stunden
Eppftein. 283
ber Dunfelheit oben zuzubringen. Zwar war noch Fein
ritterlich Gemach eingerichtet — aber was that's, ber
Gedanke, daß er auf feinem Eigenthbum ruhe, ließ ihn
felbft die harte Bank weich finden. So lag er beim
Frühlicht noch im tiefften Schlafe in einem Winkel, als
er plöglich durch. ein tolles Getöfe gewedt ward, das
fich über feinem Kopf und auf allen Seiten vernehmen
ließ. Erſchrocken erhob er fich vom Lager und traute
noch feinen Sinnen nicht. Balken und Pfoften fchienen
mit Gewalt nieberzufallen, die Erde erbebte unter ben
fchweren Stößen. Und dabei ließ fich ein Gebrülle vers
nehmen, das dem eines Jochs wüthender Stiere glich.
Eppo'n fehlte zwar auch eben der Muth nicht, aber er
hielt es doch für beffer, fich für's erfte in Sicherheit zu
bringen, da er jeden Augenbli fürchten mußte, bie
Wölbung werde über ihn zufammenfallen. Und er
hatte auch feine Zeitzu verlieren — faum war er durch
eine Fenfteröffnung ind Freie gefprungen, fo flürzte
ein Theil des Baues mit bonnerähnlichem Gekrach zus
fammen, und mitten in den Trümmern fland der aus
der Fremde heimgefehrte alte Rieſe, mit wilder Geberde
feine Keule fchwingend, und des erfchrocdenen Volkes
fpottend, das fich in tödtlicher Angft in der Ferne hielt
und dem Werke der Zerftörung zufah, ohne helfen zu
koͤnnen. |
Kein Tag war vergangen, unb ftatt des fchönen
Baued war nur ein wüſter Steinhaufen auf dem Hügel
zu fehn. Sn diefem ſchlug der Rieſe fein Hauptquartier
auf und beläftigte und ängftigte auf alle Weife die Um⸗
gegend. Wie fehnten fich da die Bewohner nad) den
‚284 Erpſtein.
vergangenen Tagen zuruͤck! Eppo ſchien eine Zeitlang
in Sinnen verloren, dann verließ er das Thal, aber
“nicht ohne dad Berfprechen zu geben, er werde bald
zurücfehren. Die Landleute fchienen feiner Rede we
nig Glauben beizumeffen, und als mehre Wochen vers
gingen, ohne daß fie die neringfte Kunde vernahmen,
begannen fie fih in ihr Schiffal zu fügen, und nahmen
fidh vor, den Gaft zu vergeffen. Doc fiehe, eines
Morgens erfchien er wieder in den Hütten, wo er mit
Subel empfangen ward; mit ihm kamen ein halb Dutzend
Gefellen, welche ſchwere Säde auf Maulthieren mit:
fhleppten. Was in dieſen enthalten fei, wollte ber
Ritter nicht fagen, und empfahl feinen Freunden bie
firengfte Berfchwiegenheit über fein Kommen an. Zu:
gleich erfundigte er fih, wann und auf wie lange ber
Niefe fein Mittagsfchläfchen zu halten pflegte, und
nachdem er vernommen, daß gerade jeßt die Zeit beffel-
ben da fei und bei der heißen Sahreszeit nicht allzufur;
wäre, ‚begab er fi, von feinen Gefährten begleitet,
in größter Stille nad, der zerflörten Burg.
Eppo wußte nicht, follte er weinen, follte er ſich
freuen, ald er die Stätte wiederfah. In einiger Ent:
fernung fchon vernahm er das laute Schnarchen bes
Ufurpators, wofür er den Rieſen zu erflären feinen
Anftand nahm, und mit Mühe gelang ed ihm, feine
Begleiter bei diefer Mufit, welche den langgezogenen
Tönen eines enormen Dudelſacks glich, vor dem Reiß—⸗
ausnehmen zu bewahren. Der Schläfer lag in der
Vertiefung, welche fich gwifchen den noch übriggeblies
benen Mauerreften gebildet hatte; einige Ellen groben
Eppftein. 285
%
egeftuch® dienten feinem Gefichte zum Schuß vor der
ngeuden Hitze einer Suli- Sonne. Durd, Zeichen er⸗
eilte Eppo feine Befehle: in einem Nu wurden die
äde geöffnet, eine Menge von Eifenringen herandges
unmen umb in größter Gefchwindigfeit zufammenges
gt. Mlled ging glüdlich von Statten: im Augenblid,
9 ber Riefe zufammenzudend die Augen auffchlug, Tag
ich Schon das ſchwere Netz über ihm und war auf
(en Seiten wohlbefefligt. Eppo aber fland auf der
tauer, und lachte noch toller über den Gefeffelten, als
efer fich einft über ihn, den Fliehenden, Tuftig gemacht
tte. Das Hüfthorn des Ritters rief bald alle uns
ohnenden Landleute herbei, und mit Verwunderung
d Freude erblidten diefe ihren fchlimmen Feind, der
nmächtig unter den ihn enge umfchließenden eifernen
anden tobte, und einen Strom der grauenvollften
erwünfchungen ausſtieß. Aber Niemand kehrte ſich
ran und nachdem die nöthigen Vorfichtmaßregeln ges
sffen waren, gingen die Meiften nad; Haufe. Am
dern Morgen ſchon brachten die Wächter die Nachs
ht, der Gefangene habe fid) im Grimme den Schädel
| der Steinwand zerjloßen.
Der Bau des Schloffed wurde nun wieder begons
n, und bald ftand ed da, feit und flattlich wie irgend
ıe8d. Bon feinem erften Befißer erhielt e8 den Namen
ppftein, und um kommenden Gefchlechtern zu zeigen,
ie es bei feiner Entflehuug zugegangen, wurden bed
iefen Gebeine über dem großen Thore angefchmiedet.
ort dienen ſie noch als Wahrzeichen. — Ob nun die
offnungen des Landvolfd in Erfüllung gingen, und
‚284 Eypitein.
vergangenen Tagen zuräd! Eppo ſchien eine Zeitlang
in Sinnen verloren, dann verließ er das Thal, aber
“nicht ohne das Berfprechen zu geben, er werbe bald
zurücfehren. Die Landleute ſchienen feiner Rede we
nig Glauben beizumeffen, und ale mehre Wochen vers
gingen, ohne daß fie die aeringfte Kunde vernahmen,
begannen fie fich in ihr Schicffal zu fügen, und nahmen
fid} vor, den Gaſt zu vergeffen. Doch fiehe, eines
Morgens erfchien er wieder in den Hütten, wo er mit
Subel empfangen. ward; mit ihm famen ein halb Dutzend
Gefellen, welche ſchwere Säcke auf Maulthieren mit:
fhleppten. Was in dieſen enthalten fei, wollte ber
Ritter nicht fagen, und empfahl feinen Freunden bie
firengfte Verfchwiegenheit über fein Kommen an. Zu
gleich erfundigte er fih, wann und auf wie ange ber
Rieſe fein Mittagsfchläfchen zu halten pflegte, und
nachdem er vernommen, daß gerade jegt die Zeit deffek
ben da fei und bei der heißen Sahreszeit nicht allzukurz
wäre, ‚begab er fi, von feinen Gefährten begleitet,
in größter Stille nad, der zerftörten Burg.
Eppo wußte nicht, follte er weinen, follte er ſich
freuen, als er die Stätte wiederfah. In einiger Ent
fernung ſchon vernahm er das laute Schnarchen des
Ufurpators, wofür er den Rieſen zu erklären feinen
Anftand nahm, und mit Mühe gelang ed ihm, feine
Begleiter bei diefer Mufif, welche den langgezogenen
Tönen eined enormen Dudelfads glich, vor dem Neißs
ausnehmen zu bewahren. Der Schläfer lag in der
Vertiefung, welche fich zwifchen den noch übriggeblies
benen Mauerreften gebildet hatte; einige Ellen groben
Eppftein. 285
Segeltuchd dienten feinem Gefichte zum Schuß vor der
fengenden Hite einer Suli- Sonne. Durd, Zeichen ers
theilte Eppo feine Befehle: in einem Nu wurden Die
Säde geöffnet, eine Menge von Eifenringen herandge
nommen und in größter Gefchwindigfeit zufammenges
fügt. Alles ging glüdlich von Statten: im Augenblid,
wo ber Riefe zufammenzudend die Augen auffchlug, Tag
auch ſchon das fchwere Net über ihm und war auf
allen Seiten wohlbefefligt. Eppo aber fland auf der
Mauer, und late noch toller über den ©efeffelten, als
diefer fich einft über ihn, den Fliehenden, luſtig gemacht
hatte. Das Hüfthorn des Nitterd rief bald alle ums
wohnenden Landleute herbei, und mit Berwunderung
und Freude erblidten diefe ihren fchlimmen Feind, der
ohnmächtig unter den ihn enge umfchließenden eifernen
Banden tobte, und einen Strom der grauenvollften
Bermwünfchungen ausftieß. Aber Niemand Eehrte fich
Daran und nachdem die nöthigen Vorfichtmaßregeln ges
troffen waren, gingen die Meiften nach Haufe. Am
andern Morgen fchon brachten die Wächter die Nadhs
richt, der Gefangene habe fid) im Grimme den Schädel
an der Steinwand zerftoßen.
Der Bau des Schloffed wurde nun wieder begons
nen, und bald fland ed da, feft und flattlidy wie irgend
eined. Bon feinem erften Befißer erhielt ed den Namen
Eppftein, und um kommenden Gefchlechtern zu zeigen,
wie es bei feiner Entftehung zugegangen, wurden des
Rieſen Gebeine über dem großen Thore angefchmiebet.
Dort dienen fie noch ald Wahrzeichen. — Ob nun die
Hoffnungen des Landvolks in Erfüllung gingen, und
286 Eppftein.
Eppo ein banfbarer und gütiger Herr und Befchüger
war, davon fchweigt die Geſchichte. Aber ihre Jahr⸗
bücher erzählen, daß die Herren von Eppitein reich und
mächtig wurden, und eine wichtige Rolle fpielten bei
ben wechfelvollen Ereigniffen des deutfchen Kaiferreis
ches, bis fie im fechszehnten Jahrhundert ausſtarben.
Die Burg ift verödet, aber in der Kirche bes Dertchend
finden ſich noch manche Grabfteine ber alten Beſitzer.
Eginhard und Emma,
Das mar eine gute, große und in ihren Folgen beglückende
Zeit, da der große Karl Hof hielt zu Ingelheim
auf der hohen Kaiferburg. — Vierzehn Kinder fanden
ihm zur Seite, die köſtlichſte Zierde der Faiferlichen
Habe. Des Baterd Auge aber ruhte mit befonderm
MWohlgefallen auf der jüngften Tochter, Emma (fo
nennt fie die Sage), die nicht nur in allen häuslichen
Tugenden von befondrer Tüchtigfeit war, ſondern auch
mit feltenen Eifer jede Gelegenheit benntzte, um ihren
Geift durch die Damals noch fo wenig gepflegten Wiſ⸗
fenfchaften zu bereichern. Dabei war fie fo tadelloſen
Leibe, daß — wenn das Ehrifienkum nit ſchon in
voller Blüthe geſtauden — man wohl geglaubt haben
würbe,. ed wäre die Göttin Beuns oh einmal vom
Olymp herabgeitiegen, um Vie Eterbichen zu muhw
dingter Anbetung gu zwingen. Den Mailer aber erireu⸗
288 Eginhardb und Emma. .
beides gar fehr: ihr verftändiged Gefpräc im Kreife
der Hausgenoffen und ihr anmuthiges Wefen in Webes
kammer und Küche, wo fie forgfam Alles ordnete und
Nauch mit Hand anlegte, befonderd wenn ed galt den
Gaumen ihres Herrn und Baterd zu .befriedigen, dem
fie namentlich ein Gericht von Rehfleiſch ſchmackhaft
zu bereiten und zu würzen verftand, daß feine Andre
ed ihm zu Dank machen fonnte. — Wenn der Kaifer
fie fo in Küche und Keller fchalten und fchaffen fah,
pflegte er fie wohl mit dem väterlichen tiebeönamen
„meine Imme“ zu nennen.
* Aber Emma war noch weit geſchäftiger, als der
gute, obwohl geſtrenge Vater es ahnen mochte. Nicht
nur am Tage war ihr Fleiß unermüdlich, auch zur
Nachtzeit pflegte ſie nicht des Schlafes, ſondern viel
ſüßerer Freuden. — Unter des Kaiſers Räthen befand
ſich Einer, der viel ſchöner und anmuthiger, auch viel
jünger war als alle Uebrigen, und dennoch der Ge
Iehrtefte und Berftändigfte des ganzen Rathes — bie
auf einen einzigen Punkt, an welchem denn freilid
feine ganze, Weisheit fcheiterte; — und dieſer Punkt
war — die zärtlichite Liebe für Emma, Die von ber
ſchönen Sungfrau in nicht geringerem Grade erwidert
ward.
Nun war aber, trob der großen Leutfeligfeit des
Kaiſers, doch ein allzuftarfer Abftand zwifchen ber jüng
ften feiner Zöchter und dem jüngften feiner Räthe, fo
daß es zur Tageszeit dem liebenden Paare unmöglid)
war, fi) anders ald vom Zwange der Berhältniffe ums
geben zu ſehen, während es doch auch in feiner Weiſe
.. Eginhard und Emma. 288
raͤthlich ſchien, auch ua den Verſuch zu machen, beit
Kaiſer für die Wünfche der jugendlichen Herzen zu
ftimmen. Ä
Diefer Umſtand warb aber den Liebenden bald fo
laͤſtig, daß fie fich entfchloffen, die ftille Nacht zum Arzt
des Tages zu. machen und es ihr zu überlaffen, ihren
duftigen Than dahin zu gießen, wo die Sonne alla:
ſtark gefengt hatte, oder Gedanfen an das fanfte Mond⸗—
Licht zu locken, die ded Tages zu heller Schein zurück⸗
fohredte: Und fiehe da — in Emma's Kämmerlein, zw
dem fie ihrem Eginharb heimlich ven Eingang geflattete,-
da ſchwand im matten Silberlicht der Stertie der Um
terfchieb zwifchen des Kaifers Tochter und . feinent -
Diener.
Doch auch in der Stille der Nacht und von allen
Zeugen entfernt, blieb ihre Liebe rein und keuſch, und
fie fündigten nicht gegen Gott — nur gegen bie Sitte
der Menſchen.
Manche Sommernacht wurbe in diefer füßen Stille
am offenen Fenfter verplaudert, und meift erzählten fich
die Liebenden Dinge, die der ganze verfammelte Hof.
des Kaifers ohne Anftoß hätte anhören können; ſogar.
die Gegenftände, in denen Eginhard Emma unterrichz
tete, wurden bier verhandelt; es war ihnen nur darum
zu thun, fich ohne Zwang an einander erquiden zu dürs
fen ; oft auch trat eine heilige Stille ein, Emma fah in das
ſchweigende Dunfel voll Teuchtender Sterne, und hing
an der Erde nur. durch die Hand, die Eginhard hielt, die.
wiederum mit dem Simmel durch den Blick zufammenhing,
den er auf ihr Auge heftete. — Als die Herbſtnebel
m
nagb Eginhard und Emma,
mit der höher ſchwellenden Fluth bes Rheinſtroms her⸗
anzogen und das Fenfter zugemacht werben mußte, ba
gedachten fie wohl öfter der düſtern Weltverhältniffe,
die ihre reine Kiebe verdunfeln wollten — und fie ſchloſ—⸗
fen fich noch enger, wärmer und felter aneinander.
Endlich fingen‘ die Novemberftürme an zu toben;
Emma hüllte fih in ſchützende Gewänder, während
Eginhard vor der Wärme feined glühenden Herzens
feine Kälte verjpürte; wieder hatten fie die lange Nacht,
verſenkt in Liebesträumen, im Kämmerlein gefefien, da
verkündete die Sanduhr, daß es für Eginharb an der
Zeit fei, in fein Gemach zurüchzufehren, das jenfeits
des Schloßhofes Tag.
Emma geleitete ihn bis an bie äußere Pforte und —
als fie dieſe leiſe geöffnet, da fuhren beide erſchrocken
zurüd, — der ganze weite Raum, den Eginhard durdy
- jchreiten mußte, war mit frifch gefallenem Schnee bes
det. —
Ach! wie war nun guter Rath theuer! Denn daß
Mannedtritte, von der Schwelle ded jungfränlichen
Gemaches Aber den Hof führend, gefehen würben, dad
fonnte Emma nimmermehr geftatten, und weder vor
dem Gerede der. Menfchen, noch vor dem Zorne des
Kaiſers verantworten.
Nach kurzem Sinnen gefchah eine That, die feitdem
von taufend Liedern befungen und zum fchönften Liebes⸗
denfmal erhoben wurde: Das ſtarke rüflige Mädchen
nahm den Geliebten auf den ſchlanken Rüden und fchritt
mit leifem Zeh über die weiße Fläche hin, die jegt nur
die Spuren Feiner Frauenflße zeigte,
Coinbarb und Emma, 289
Aber — and) der Kaifer hatte die Nacht durchs
wacht ; nicht in zartem Liebeögefofe, fondern in ernfter
Sorge um fein Reich, und ald er fich endlich zur Ruhe
legen wollte, öffnete er noch einmal fein Fenfter und
fah hinaus auf den befchneiten Hof und freute fih im
Voraus ber ſchönen Wildfpur — da fieht er plößlich
fein geliebted Kind, die Laſt eines Mannes auf dem
Rüden, durch den Hof eilen, und dann fihnellen Schrit«
tes zu ihrem Gemache zurüdfpringeg,. O Kaifer! wie
mag Dir ber Morgenfchlaf nad) diefer durchwachten
Radıt bekommen fein? —
Ded andern Tages faß Kaiſer Karl zu Rathe
auf feinem hohen Stuhle, und die den Kreis um ihn
fchloffen, erichrafen ob des Ernfted und der Trauer,
die Karls hohe Stirn bededten. — Nach faft Iangem
Schweigen warf er zu allgemeinem Erftaunen die Fras
ge auf: was eine Königstochter, die bei nächtlicher
Weile einen DBuhlen- in ihr Zimmer aufgenommen,
verbiene ?
Die Näthe fannen und fprachen bin und her;
aber fie kannten ja die milde Sinnesart ihred Herrn,
amb. gaben endlich ihre Stimme dahin ab: in Liebes,
fachen fei das Raͤthlichſte — Verzeihung.
Der Kaiſen entgegnete nichts, fuhr aber fort zu
fragen: was ein niederer Edelmann, der ſich nächtlicher
Weile in die Kammer einer Königstochter eingeſchlichen,
verdiene?
Und die Näthe, die wohl ahneten, wer gemeint fein
möge und ben jungen Eginhard liebten, gaben abers
mals ihre Stimme ab: in Liebesfachen fei das Räth⸗
2% Eginhard und Emma,
lichfte — Verzeihung! — Nur Eginbard felbit, der zu
unterſt im Kreife faß, und der fühlte, wie die Reue fein
Herz und die Scham feine Wangen beflürmte, zwang
Die zitternde Stimme zur Fefligfeit und ſprach beſchei⸗
den: „er verdient den Tod!“
Der Kaiſer ſah ihn lange an und erwiederte: „nicht
den Tod! — Doch mögen die hinausgehen in die Welt
und vergeſſen ſein von Allen, die ſie geliebet haben. “
Ald Emma die Kunde erhielt, weinte fie, daß ihr
das Herz brechen wollte, Doch fühlte fie, daß fie feinen
milderen Spruch habe erwarten dürfen. — Still legte
fie ihre fürftliches Gewand ab und wand das Gefchmeide
aus den langen goldenen Haaren los; dann gürtete
fie ein grobes Kleid um ihren Leib und nahm zärtlich
Abfchied von den Drten, die fie geliebt und ben Thieren,
- bie fie gepflegt hatte. — Ihr Täubchen ſetzte fich auf
ihre Schulter und begehrte die gewohnte Nahrung;
Doch fie füßte ed mit Thränen — und ließ es fliegen. —
Sie wendete der hohen Kaiferburg den Rüden und
ging mit befflemmter Bruft den Fußfteig zur Rechten
der Heerfiraße entlang. Sie war noch nicht weit ge
gangen, als fie mit dem goldenen Haar die Thränen
aus den Augen wifchte um ſich umzufehen; — da ging
auf dem Fußwege zur Linken ber Heerfigaße ein Anderer,
in tiefem Schmerz verfunfen, und Tieß das Haupt auf
feine Bruft finfen, ald fie ihn anfah; — und von
Neuem floffen ihre Ihränen, und flärker noch als zw
vor. So ging fie noch eine gute GStrede, bis ber
Fußſteig zu Ende war und fie auf. die Straße hinab
flieg und ihm die Hand hinreichte; — bie ergriff er
Eginhard und Emma. 291
und-drüdte fie an fein Herz, dann gingen fie neben
einander hin, fill und traurig, aber fie weinten nicht
mehr.
Ald es Abend war, hatte ſich der Wald um fie
gebichtet und fie fahen ein fernes Feuer. Erfchöpft
und hungrig gelangten fie bahin und fanden zwei
Köhler, die ihr Nachtmahl verzehrten, und deren Herzen
ein Blick auf Emma dergeftalt erweichte, daß fie nicht
nur die Hungrigen fättigten, fondern and) den Müden
ein Lager von trodenem Laub bereiteten. Aber Egin⸗
hard, nachdem er die Geliebte gebettet hatte, febte ſich
and Feuer, und fhürte ed an, um dad Zweighäuslein
zu erwärmen, bis ihm die Augen zufielen und auch er
in feften Schlaf fiel. ALS der fpäte Morgen bämmerte,
fchlummerten Beide noch; fie waren nach folder Wars
derung und fo maticher fihlaflofen Nacht vorher ber
Ruhe wohl bebürftig, und in dieſer Einfamfeit bes
Waldes, fern von den Menfchen und ihrem Zwange,
war es zum erfien Mal, daß fie, wie durch Klofters
mauern getrennt, fid) Feine Liebfofung und nicht eins
mal ein Wort der Liebe erlaubten. — Als fie endlich
erwachten, waren fie allein: die Köhler hatten fie vers
Iaffen, doch mancherlei Werkzeuge und felbft Nahrungss
mittel für mehrefg Kage hatten fie zurücigelaffen. Emma
trat aus ihrer Hütte Finaus in den Wald und fah
Eginharb ſtumm in der Ferne ſtehen; aber fie rief ihn
zu fi) und fagte: „Wen hab’ ich denn, ald dich, wen
haft du denn — ald mich?’ — und weinend fanfen. fie
fidy in die Arme.
Bald war ed .anderd. Rüſtig ging dad junge
292 Eginhard und Emma.
Paar an den Ban einer Hütte, die bequem für Zwei
war. In den. Morgenftunden fchoß Eginhard Wild,
und mit den SFellen beffeideten fie die Wände, deren.
Fugen fie vorher mit Moos verftopft hatten. Und
nachdem das Häuschen vollendet war, trat Eginharb
eined Morgens zagend vor Emma und fprach: „Wer
wird und den Segen des Herrn geben?” Emma aber
führte ihn zu einem fchlanten Baumſtamme, den fie zu
einem Kreuze geftaltet hatten, und Beide knieten davor.
nieder und baten Gott um feinen Segen zu ihrem Ehe⸗
bunde, ber num nicht länger verfchoben werben - follte;
da ranfchte ein heller Flügelfchlag über ihren Häuptern,
und als fie aufblicten, faß Emma’d Taube über ihnen
Am Baum. Nun waren fie Mann und Weib, und weil
ten ‚dort noch lange in feliger Umarmung.
In Ingelheim aber grämte fi) Kaifer Karl um
feine Imme, denn er hatte nichtd in der Welt fo fehr
geliebt wie fie, und mit ihr fchien die Freude aus feinem
Schloffe gezogen zu fein. Zwar ging er noch faft täglich
auf die Jagd und erlegte Wild die Fülle, doc es war
Niemand da, der ihn fo Liebevoll empfing, wenn er heim
fam, wie einft feine Emma. Auch bleichte fein Haar
und feine Wange fiel ein, und wer ihn nur vor ihrem
Ausſcheiden gefehen, der hätte ihn Seht nicht wieder
gekannt. Und die Käthe feufzten ſtumm nach der Rück⸗
kehr des geliebten Paares, und ſchickten heimlich Boten
in die Runde; aber fie waren verfchwunden, und Feine
Spur Tieß ahnen, wohin.
Zum fünften Male war der Herbft angebrochen,
feit jenem, ber Emma aus bes Vaters Schloß vertrieb;
Eginhard und Emma. 293
doch es Tag noch Fein Schnee auf der Heide, vielmehr
lächelte die Sonne, als ob fie noch die fommerliche Flur.
. beleuchtete: — Da machte der Kaifer einen weiten Jagd»
zug in ben Odenwald; eines Tages, da er einen Hirſch
verfolgte, fah er ſich ganz allein unter den rauſchenden
Wipfeln des bichteften Waldes. Sein Jagdruf auf
dem gewaltigen Bägelhorn, das feinen Befiker bis auf
ben heutigen Tag überlebt bat, blieb unbeantwortet,
und er fah fid) endlich genöthigt, folchem Abentheuer
nicht abhold, Die müden Glieder auf das weiche Moos
zu ſtrecken und für Diesmal auf fein Abendbrod zu vers
zichten. Plöglich theilten fich neben ihm die Büfche, ein
keckes Reh fprang hervor und hinterdrein ein Knabe,
‘der ed zu hafıhen firebte. Als der den großen Mann
im Moofe liegen fah, ftand er ftill, ging dann auf ihn
zu und reichte ihm die Hand. Der Kaifer fühlte ſich
beim Anblick des fchönen Kindes bewegt, das alsbald
ein gar ergöbliched® Spiel mit feinen Waffen begann
und endlich mit dem mächtigen Schwert in's Dickicht
lief. Der Kaifer rief: „Still bier, du Feiner Fant!“
Aber dad Kind hörte nicht, und fo mußte er fich ſchon
entfchließen, ihm zu folgen, was das Reh ſchon längſt
gethan hatte, — Nach Furzem Gange fland er auf einem
freien Plag im; Walde, wo eine zierliche Hütte fand,
“ vor der Hütte faß eine enzelfihöne Fönigliche Frau, Die
ein Kind fäugte und hinter welcher der Knabe mit dem
Schwerte ſich verbarg. Sobald die Frau den hohen
Fremden fah, fand fie auf, bewillfommte ihn und fragte
nad feinem Verlangen. Doc, faum hatte er einige
Worte gefpochen, als fie plöglich mit ihrem Säugling
294 Eginhard und Emma,
in die Hütte lief. Der Kaiſer fah ihr verwundert mad,
aber er Fannte fie nicht; fünf Sahre und Kleidung und
zwiefaches Mutterglüd hatten fie mehr noch verfchönt
als verändert, beides aber in fo hohem Grade, daß fie
dem Auge des eigenen Vaterd nicht Tenntlid war. —
Bald kam fie mit Früchten und kaltem Inbiß, Doch ohne
ben Säugling zurüd, und unterhielt fich freundlich mit
bem Gafte, ber feiner Berwunderung nicht Herr werben
Sonnte, folchen Vogel in ſolchem Nefte zu treffen: Als
es ſchon ſtark zu Dunkeln begann, Fam ein rüftiger Jager
mit einer erlegten Rife aus dem Walde, dem bad lange
braune Haupt» und Barthaar keineswegs ein verwilders
te8, vielmehr ein gar ftattliched Anfehen gab. Auch er
reichte dem Fremden treuherzig die Hand und unterhielt
ihn verftändig, während die fohöne Fran in der Hütte
bad Reh zerlegte, um die Abendmahlzeit zu bereiten,
und der Kleine um die beiden Männer herimfpielte,
daß der Kaifer feine herzinnige Freude an dem Frohfinn
des Kindes hatte. Schon war es dunkel, als die Frau
fie Ale in die Hütte rief zum Abendeffen. Wie ftaunte
der Kaifer über die Bierlichfeit ded Gemaches, das mit
Fellen behangen und mit Federn und Steinen geſchmückt,
ein wirklich einladender Aufenthalt war; aber welch’ ein
feltfames Beben ergriff ihn, als fein Bli auf der runs
den, von einer großen Lampe erhellten Tafel ruhte, und
er nun gewahrte, daß Alles genau fo angeordnet war,
wie er es daheim gewohnt war und liebte; und als end:
lich gar der Duft der Speife zu ihm heraufftieg und ihn
an längftentflohene Tage mahnte, da bob er den Blid
auf Emma unds Eginhard. — Sie aber hatte ihre
‚ Egindard und Emma, 295
Kraft verlaffen, weinend fan? fie dem Vater zu Füßen
— und Eginhard fchlich fich mit dem Knaben hinaus,
um ein ſolches Wiederfinden nicht zu flören. — Doch
er hatte nicht lange draußen geflanden, als der Kaifer
ihn rief und an fein Herz drückte.
Indem erfchallte draußen Hörnerflang und Nübdens
gebell; — bei hellem Mondlicht zog das Sagdgefolge
des -Kaiferd heran; — er aber fagte nach kurzem Gruß:
„sch habe ein: köftlicher Wild gefunden, denn je’ — und
zeigte ihnen feine herrliche, Fönigliche Tochter und den
vielgeliebten Schwiegerfohn fammt den holden Kindern! —
So verließ Emma aufs Neue ihren Wohnort, ihre
Lauben und Fruchtgärten, und zog fammt Bater und
Gemahl nad) Ingelheim und dann nad) Machen, wo der
Lettere die Thaten des Erfteren auffchrieb und vers
ewigte. — An der „feligen Statt” aber, wo Emma fünf
‚Sahre mit ihrem Gemahl verlebte, ward das Klofter
Seligenftatt gegründet, wo fpäter ihr fchöner Leib
der Erde wiedengegeben ward. —
ckriedrich und Gele,
oder:
Gelahauſens Gründung.
Der Wanderer, der in dem Rheinparadieſe in den
höchften Genüffen der Ratur geſchwelgt, wird von Mainz
aus, wo der herrliche Rheingan feinen Segen fpendet,
auch wohl einen Abftecher über Frankfurt durd das
Mainthal nach Hanau machen. Das liebliche Thal der
Kinzig, die freundlichen Höhen der Wetterau laden von
hier jeden zur Wanderfchaft, und wie der Wanbdrer ben
Wellen des Flüßchens entgegenzieht, werben ihn bald
die jet fpärlichen Ueberrefte der einft fo prachtvollen
flattlichen Kaiferburg Gelahbaufen, deren Mauertrüms
mer die Kinzig träge umfchleicht, und Die in der Vor⸗
zeit ſo reiche, gewerbblühende Reichsſtadt Gelnhaufen
an die Vergänglichfeit aller irdifchen Größe mahnen.
Krotsochner dd Okfie OSwsemihl u Schm Danustadt Baumarin
Sriedrich und Gela. 297
Hier, wo ein freundlicher Gebirgszug. die Höhen de
Nhöngebirged mit dem Vogelgebirge der Wetterau eint,
und die anmuthigfte, üppige Natur dad Herz bes beuts
fhen Vaterlandes aufs reichfte gefegnet, verlebte Frieds
vich, bed Schwaben⸗Herzogs Friedrich des Cinäugigen
Sohn, der Tugend fchönfte Bluͤtentage. In allen ritters
lichen Zugenden gewandt, machte der edle Süngling
ihre Uebung auch zur erften Aufgabe feines Lebens.
. Seinem Speer und Bolzen entgingen felten die grims
men Bewohner der dichten Forften, die rings die Hö⸗
hen befränzten. Das gefahrvollite Sagd-Abenteuer war
ihm immer das Liebfte, denn fo konnte er ja feinen Muth
und feine Kühnheit immer am beften erproben. Selten
befuchte er irgend ein Ritterfpiel, von dem er nicht ale
Sieger fchied, und allenthalben war ber ſchmucke Jüng⸗
fing ein willlommener Gaft.
- Bannten des Winterd Wetter ihn an den Heerd,
fo erfreuten ihn die Zeitbücher und Sagen vergangenen
Tage, und fromm und treu übte er dann auch, wie
ed dem Nitter ziemte, des Sanges ſchöne Kunft. Kehrte
dann der Frühling mit feinen Sängern, feinen Blü⸗
then und dem ganzen Gefolge der Freude in die heimis
fchen Sauen, und Iocten taufend Stimmen, der Blumen
Duft, des Forftes früher Laubſchmuck, die muntern Baͤch⸗
lein und al dad Regen und Leben rings in ber uners
fhöpflihen Werkitätte der Natur mit unmiderftehlichen
Reizen hinaus in das Freie, dann fchwärmte auch Fried⸗
rich, die treue Zither an der Seite, den Bogen auf
den Rüden, durch Wiefe und Forft, über Hügel und
Berg. Alles gab ihm neue Lieder und neue Freuden
CB Sriedrih und Gel
denn was er fo oft genoflen, war und blieb dem jugend;
lichen frommen Gemüthe doc, immer neu. Rings anf
den Burgen, wo ſeines Baterd Bafalleır hauften, war
er. ein freudiger Saft, und Trauer brachte immer fein
Scheiden, wenn es ihn wieder hinaus zu der Frühlingss
fahrt trieb. |
So' führte ihn auch einft fein Pfad zu einem flatt-
lichen Ritterfig. Und wie er nun zum Burgthor trat,
ward er auf eine eigene Weife überrafcht. Unter ber
Steinlarbe der Thür zum Wohngebäude, die ein blis
hender Fliederſtrauch überfchattete, faß ein zartes Mägds
lein, emfig mit der Spindel befhäftigt, während, ums
lagert von tüchtigen Rüden, der Burgmann, unter der
Zreppenbrüftung fißend, an Waffenftüden putzte.
„Gott zum Gruß, Sungherr Friedrich!“ bot ihm
der Alte dad Wort und wollte fein Werk verlaffen.
Züchtiglicd, neigte fich Die Sungfrau zum Gruße. „Laßt
„Euch nicht flören, Herr Erwin, und ihr, zarte Magd“
entgegnete Friedrich, „Ihr gönnt dem fahrenden Gafte
„wohl einen Smbiß und ein Lager, bis ihn die. Lerche
„wieder hinausruft.” „Gela, einen frifhen Meth!“
fprad) der Alte, „Herr Friedrich nimmt vorlieb.’
Die Sungfrau wollte ihren Sig verlaffen, Friedrich
bat aber fcherzend, fie möchte nur bleiben und fich in
‚ihrer Arbeit nicht unterbrechen, nad) fahrender Sänger
Weiſe wollte er! fi) den Willkommtrank verdienen.
Beide willigten in fein Begehr. Alder aber fang von bed
Frühlings Wonnen, und dem Sehnen, das er wede in
eined Jeden Bruft und doch nie und nimmer jtille, ba
ruhten Gela's Hände und ihr Auge wurde feucht, aud
Friedrich und Bela 295
der Alte hielt inme in feinem Werke, und felbft die Ruͤ⸗
‚den fchienen des Sängers Worten zu horchen.
Gern empfing Friedrich der Jungfrau Dank; füßer
munbete ihm hier der Becher des Willfommens den fies _
ihm reichte, als fonft der köſtlichſte Labetrunk. Friedrich
blieb in der Burg, denn wie Fonnte er auch fo bald
fcheiden! Mandy fchönes Frauenauge hatte ihm ſchon
gelächelt, und ihm in füßer Minne einen Himmel voller
Geligfeiten verheißen, aber fein Herz war unberührt
geblieben. Sn Gela’d blauem Auge war ihm ein gols
dener Morgen aufgegangen; ein Gefühl, das ihn zu _
manchem Sange angetrieben, welchem er aber nie einen
Kamen zur geben gewußt, war ihm urplöglich Flar ges
worden, und erfüllte feine Seele mit Wonne; er hatte
nur einen Gedanken: Gela — und in ihm lag das uns
‚andfpredjlihe Glück, für welches felbft fein Lied Feine
Klänge fand.
Kaum faumte des Frühroths erfter Schein die Laub⸗
ginne des frifchen Waldes, ale Friedrich auch fchon das
Lager verließ, um feiner. Laute zu vertrauen, was fein
Herz fo ſtürmiſch und Doch fo mild, fo wehmuthsvoll
bewegte — aber diedmal wurde ihm die Traute untreit.
Er eilte hinaus, um in der Frifche des Morgens bie
Stürme feiner Gefühle zu befchwichtigen. Wie er nun
durch die Burghalle fchritt, da begegnete-ihm Gela, ſchoͤn
wie die Rofe, wenn der Sonne erfter Strahl die Thaus -
perlen aus dem duftenden Kelche weggefüßt. Er trat
ber Jungfrau näher, die ihm freundlich dem herzlichen
Morgengruß bot. Da ergriff er ihre Rechte, und mit
bewegter Stimme, kaum feines Athems gewiß, ſprach
300 Sriedrich und Bela.
er: „Schöne Gela, o laßt mich dad Wort fprechen, ich
„liebe Euch, Shr feyd mir mehr werth, denn mein Leben!“
Ein brennendes Roth übergoß da die Wangen der Jung .
frau und fie fand vor ihm, unfähig eined Wortes
der Erwiederung und die Augenwimpern in holder
Schaam niederfenfend. Wollet mir nicht zürnen! rief
Friedrich ganz verwirrt und eilte von bannen. Nicht
wagte er zurüchzufehren zu. der Burg, wo es ihn doch
fo unmiderftehlich hinzog. Er barg feine Liebe im tiefs
fien Herzen, aber ed entging feiner Umgebung nicht,
daß eine gar große Veränderung in feinem ganzen Me
fen vorgefalfen. An Iagd, Kampf s und NRitterfpiel
fand er Fein Behagen mehr, nur feiner Zither vertrante
er, was fein innerfied Leben jett bewegte. Umſonſt
forſchte fein Vater, umfonft fragte die beforgte Mutter,
Sudith, eine Tochter des gewaltigen Heinriche, bed
Schwarzen, Herzogs von Baiern.
Allein zog er noch zuweilen hinaus in ben Forſt,
und führte er auch Speer und Bogen mit fich, fo wa—⸗
"ren die Thiere des Waldes doch ficher vor feinen Ge
fchoffen. Unwiberftehlich zog es ihn hin in die Nähe
"der Burg, wo der Stern feines Lebend glühte, jedoch
wagte er ed nicht, dem Mädchen zu nahen, denn fchüdr
tern ift die erfte Liebe und glaubt nur zu leicht und zu
gern, ihren ©egenftand beleidigt zu haben. Als Fried
rih nun wieder eined Tages in der Frühe durch den
Korft firich, welcher die Burg, in der Gela wohnt,
umgab, fah er ylöslicy die Jungfrau, die an einer lic
ten Stelle Waldfräuter ſuchte. Nicht wußte er, wie
ihm gefchah, er wollte ihr feinen Grup bieten, aber das
*
Friedrich und Gela. 308 -
Wort erftarb ihm auf der Lippe, und hocherftaunt blick⸗
fe die Zungfran, felbft erröthend, zu dem Sünglinge,
ber, wie burdy Sauberbann feftgehalten, vor ihr ſtand.
„Ihr feid unwohl?“ nahm Gela das Wort, „Herr
Friedrich, wollt Shr nicht anf unfrer Burg einfprechem,
„um Euch zu ſtärken?“
„Bela! — rief Friedrich und flürzte vor ihr nieder,
„Du zürneft alfo meiner Liebe nicht? Sch darf hoffen,
„Dich wieberzufehen, Gela, Du wirft Gehör geben meis
„mem Herzen? Denn ich ſchwöre“ —
„O ſchwört nicht, und fleht auf!” unterbrach ihn
Gela, „denn ed ziemt fich nicht, Euch, Herr, alfo vor
„mis zu fehen!” |
„Gela, Dir gehört mein Leben, ich Tiebe Dich; nur
ein Wort, ob ich hoffen, ob ich leben darf —
„Gela erwiderte zögernd: So feid denn Morgen, mit
dem erften Schein des Tages in der Burgfapelle und
eilte mit fchnellen Schritten von dannen. |
- Kriebrich taumelte auf; ein Traum fchien ihm, was
er gefehen, was er gehört hatte. War dem Süngling
fe ein Tag langfam dahingefchlichen, fo war ed dieſer,
ber ihn wieder ald Gaft in ber Burg fah.
Kaum hatte der Thurmwart Mitternacht verfündet,
als fich Friedrich auch fchon in der Kapelle befand, ſeh⸗
nend feiner Liebe harrend .So wie ſich das erfte Zwie⸗
licht des Morgens durch die bunten Fenfter der Kapelle
ftahl, knarrte das Pförtchen, dad zum Burggange führs
te — Friedrich fuhr auf, fein Athem flodte und fein
Auge war auf das ungewiſſe Halbdunkel geheftet, —
Es war Gela.
303 Briedrid und Bela
Raſch eilte er ihr entgegen, unb ald er wieber
mit feuriger Rebe ihr feine Liebe geftand und um Er
hörung flehte, da hieß Gela- ihn niederfigen, und fid
traulich unbefangen in dem hohen: Kirchenftuhle neben
ihn niederlaffend, ſprach fie: „Here Friedrich, daß
„ich Euch hieher, und in dieſer Stunde hieher be
„ſchieden, mag Eudy fchon zum Beweiſe dienen, daß
„Sure Liebe in meinem Herzen Gegenliebe fand, wenn
„auch meine Liebe mein einzig Gut bleiben muß, da id;
‚minmer die Eurige werden kann. End) iſt ein ande
„res 2008 befchieden, wählen müßt Shr unter den eblen
„Frauen des Landes, wie ed Eurem Stanbe ziemet.”
Schön, engelfchön flrahlte Gela in der Roͤthe jungs
fräuficher Schaam, die ihr Antlig übergoß und von
ben Streiflichtern der ewigen Lampe, bie vor dem Als
tare brannte, gar reizgend gehoben wurde, Friedrich
umfchlang in dem Uebermaaße feiner Liebesfeligfeit die
Sungfrau, und wollte mit neuen Betheurungen feiner
Liebe. Gela's Gründe befiegen. Die Sungfrau aber
ſprach mit dem Tone milder Ergebung: „Herr Fried⸗
„eich, ich bin überzeugt von Eurer Liebe, und hier im
„Angeſichte Gottes ſchwoͤre ich Euch, daß ich Euch ewig
‚lieben werde, Der Himmel möge mir vergeben, wenn
„meine Neigung fträflich; aber fo rein der Ort, au
‚welchem ich Euch dies Geſtändniß ablege, fo rein fol
„and muß meine Liebe fein. Die heilige Mutter dei
„Heilands wird mir dazu die Stärke verleihen.”
Friedrich wußte nicht, wie ihm gefchah, er wagte
die Jungfrau nicht zu unterbrechen, -fein Auge hing au
ihrem Auge, aus dem ein Himmel ber feligften Gefühle
!
Sriedrih und Gela. 303
ſprach: „Und werde ich Dich wiederſehen, Gela? Wo?
„Wann?“
„Hier im Angeſi cht der Gebenedeiten, deren Bild
„dort vom Altare auf uns niederſchaut, ſo oft Ihr wollt
—„zu dieſer Stunde. Jedoch an keinem andern Orte,
„denn ich will mir den reinen Schatz meiner Liebe auch
„noch für ein beſſeres Leben bewahren. Hier ſtehen
„unſre Gefühle unter Gottes und ſeiner Engel Hut!“
Nicht bergen konnte Friedrich das Uebermaß ſeines
Glüͤckes, im ſtummen Entzücken ſank er an Gela's Hals
— und ein Kuß beſiegelte den Schwur ihrer Liebe. —
Jedes Frühroth fand die Liebenden von nun an, in
ſtiller Liebesſeligkeit verſunken, an dem geweihten Orte;
aber jeder irdiſche Wunſch blieb ihrer Seele fern —
rein war ihre Liebe.
Als der Fall Edeſſas im Jahre des Heils 1147 in
Deutſchland Fund wurde, und Bernhard von CElairvaux
das Kreuz predigte, rüftete ſich auch Kaifer Konrad II,
zum Kreuzzuge. Auch in Friedrichs Bruſt wurbe bie
Thatenluft wieder rege, und mit feinen treuen Schwa⸗
ben nahm auch er das Kreuz, feinem Ohm, dem Kais
fer, nach dem gelobten Lande zu folgen. Gela felbft
ermahnte ihn zu dem Zuge, wie ed zieme dem fünftigen
Schwaben⸗Herzoge. Die Scheibeftunde fam. An ber
heiligen Stätte nahmen die Liebenden Abfchied, und als
Friedrich der Sungfrau den legten Kuß auf die Lippen
drückte, ſprach er: „Unfer Liebesbund fei für ewig ges
ſchloſſen!“ „Für ewig! wiederholte Gela, fich aus feis.
ner Umarmung windend, denn bie Hifthörner mahnten
zum Aufbrud. -
306 | Friedrich und Bela.
Sn allen Unfällen bed Kreuzzuges wurde Friedrich
aufrecht gehalten durch feine Liebe, die ihn Wunder der
Tapferkeit ausführen ließ. Gela's Bild war fein Schus
und feine Stärke. Ald des Kaiferd Heer durch die
Unfälle in den wafferlofen Einöden von Ikonium ger
zwungen wurde, wieber nach Konftantinopel zurückzu⸗
fehren, erhielt auch Zriebrich die Tranerfunde von dem
Tode feined Baterd, weldye ihn in die Heimath zuräds
rief. Raum hatte er des Landes Huldigung empfan⸗
gen, als ihn feine Liebe, welche die Trennung von ber
Geliebten nur noch um fo glühender, um fo inniger ges
macht hatte, auch ſchon nad) ber Burg tief, wo 0 feine
Gela Iebte.
Sehnſuchtsvoll den Wonnen des Wiederfehend ents
gegenhbarrend, und ihrer ſchon im Vorgefühle genießend,
war er nach der Kintig gelommen; hart traf ihn aber
die Nachricht, Gela habe den Schleier genommen, und
ihr Vater übergab ihm eine Schärpe, die Gela ihm an
dem Tage, an welchem fie ind Klofter ging, für den
jungen Herzog übergeben hatte, Friedrich fand in ber
Schärpe die Worte eingewirft:
„Dem Herzoge ziemt ein ebenbürtiges Weib, Deir
ne Liebe machte ein Sahr lang meines Lebens Glüd,
und wird ed auf ewig bleiben. Unſre Liebe fey ewig!“
Friedrich hielt treu den Schwur. Die Schärpe ges
leitete ihn, das theuerfte Pfand, auf allen feinen Helden
zügen, und wenn er auch, dem Wunfche feiner Familie
nachgebend, fich im Sahre 1149 mit Adelheid, der Toch⸗
ter des Markgrafen Theobald von Vohberg vermählte,
fo Blieb diefer Verbindung die Liebe fremd. Schon im
Friedrich und Gele 305
Sahr 1153, als Deutfchlande Krone des eblen Hohens
flaufen Haupt zierte, trennte er ſich von Adelheiden.
Treu blieb er aber feiner Liebe zu Gela. An der Stelle, _ |
wo die Burg ihres Vaters geftanden, ließ er ſich einen
prachtvollen Palaft erbauen, der fein Lieblingsaufenthalt
wurde, und an der Stelle, wo er feine Gela überrafcht
hatte, entitand eine freundliche Stadt, der er den Na⸗
men „Gelahaufen” gab.
Längft ift das thatenreiche Gefchlecht der Hohen
ftaufen zu Grabe gegangen, auch Friedrich der Roth⸗
bart ift der Gefchichte anheimgefallen, feine Liebe zu.
Gela lebt aber noch unter dem Volke, und fand in der
Stadt, die ihren Namen trägt, das Ichönfte Denfmal.
Pa Monch zu Sort.
Mer die Bergitraße entlang zieht, laubbededte Hügel
auf ber einen Seite, an deren Fuß freundliche Orte,
auf deren Gipfeln graue Burgen liegen, auf ber andern
die fruchtbare Ebne welche der Rhein burdhfirömt,
macht gerne vom alten Städtchen Heppenheim aud eis
nen Ausflug nach der Niederung, wo auf einer Snfel
der Wefchniz, nahe bei dem jegigen gleichnamigen Fleb
fen, die Refte der einft großen und mächtigen Benedics
tiner Abtei Lorfch liegen, welche ein oberrheinifcher
Gaugraf, Gancor mit Namen, unter bed Franfenfönis
ges Pipin glorreicher Regierung ftiftete. Wenig haben
die Drangfale verheerender Kriege und die Veränderun
gen der Zeitumflände von, den weitausgebehnten Ges
bänden übrig gelaffen, weldye dem Orden gehörten, bet
in Zeutfchland, in Stalien und Frankreich mehr denn
ein andrer zur Wiederbelebung der Wiffenfchaft und
zur Rettung und Erhaltung deffen beitrug, was in fin
Der Mönch zu Lorſch. 307
ftern Zeiten vom Licht voriger Tage geblieben — aber
noch lebt die Erinnerung, noch lebt der Name, noch
ſtehn auf den Höhen umher an der Bergftraße, im Oden⸗
"wald und am Nedar die alten Schlöffer, deren ritters
Fiche Gebieter dem reichen Klofter Lehns⸗ und Bafallens
dienſte leifteten,
Sitberne Locken floffen fhon um Karls des Gros
Ben Scheitel, als er, auch im vorgerücten Alter ber
Gewohnheit feiner Jugend treu bleibend, von einem
Königshofe zum andern zu ziehen, einft wieder in das
obere Rheinland kam, das nicht ferne lag von feiner
prächtigen Ingelheimer Pfalz. Es war an einem Nach⸗ |
mittage, ald .er mit dem wenig zahlreichen Gefolge, das
thn zu begleiten pflegte, am Thore von Lorfch hielt
Freudig empfingen die Bewohner des Klofterd den froms
men, ihren Stand ehrenden und mit weltlichen Vortheis
Sen überhäufenden Kaifer.
Der Abend kam heran. In der Kirche, deren Spitz⸗
bogen ſich auf maffive Pfeiler fiutten, breite Schlag»
ſchatten auf die niedere Wand werfend, war die Bess
per geſungen worden; die Klänge der tiefen Männerftims
men waren eben verhallt, fchon waren die Letzten der
Iangen Reihe ſchwarzgekleideter Mönche in den gewölb⸗
ten Kloftergang getreten, und Die noch auf dem Altare
matt brennenden Kerzen warfen einen röthlichen Schein
anf die halb in den Duft des Weihrauchs eingehüllten
Gegenſtände. Der Kaifer Eniete noch auf feiner Bank,
ald er hinter fich zur Seite Geräufch vernahm, und ein
&eiftlicher, erblindet und vor Alter fchwach und gebückt,
an ihm voriherging, von einem freundlichen, blonden
308 Der Mind su Lori.
Knaben geleitet, ber ihn zu den Stufen des Altars
führte. Da kniete der Greid nieder und betete, und
- bem überrafchten Kaifer ſchien's, als umglänge fein ehr⸗
würdiges Haupt die Aureole eined Heiligen,
Karl blieb auf feinem ‘Plage, bis der Andächtige
fi) wieder erhoben, und an der Hand feines jugends
Iichen Führers in den Kreuzgang getreten war. Dann
verließ auch er die einfam gewordene Kirche und begab
fi ind Kloſter. Noch waren viele Mönche mit dem
Abte verfammelt, ald der Kaifer ihnen berichtete, was
er gefehn, und den Namen des Greifes zu willen vers
Iangte, ber, ein Hoher und Heiliger, unter ihnen weile,
In demfelben Moment trat diefer in die Halle. „Da
iſt er“ fagte Karl, und jest, beim hellern. Lichte, bes
bünfte es ihn, ald habe er ſchon früher Die Züge ge
fehen, denen nicht mehr der Stern des Auges Leben
und Ausdruc verlieh, in welchen aber die ftille Heiters
feit ded nad) Kämpfen errungenen Friedens fich ſpie⸗
gelte,
„Kennet ihr diefen nicht mehr, den ihr vor euch
fehet ?’ antwortete der Abt. „Es ift Thaſſilo.“ Erins
nerung an vergangene Sahre, an mehr denn fein halbes
Leben, weckte in ded Kaiferd Gemüthe der Klang dies
ſes Ramend. Er fand in dem Greife den, welcher, aus
altem Fürftenflamm entjproffen, der Baiern Volk bes
herrſcht, welcher, unverfühnlich ergrimmt auf feinen
Lehnöherrn, um ded Unglüdd willen, das diefer auf Das
- Haupt feines Schwiegervaterd Defider gebracht, wels
hen er aus feinem fchönen Iombardifchen Reich vers
trieben, — deflen Sohn er nach vergebligh. wiederholten
“
-
Der Moͤnch gu Lorſch. 300
Kämpfen zur Flucht nad, dem fernen Often genöthigt,
der burch heimliche Ränke und offene Handlung fidy dem
Mächtigen widerſetzt hatte, aber, den eignen Landeds
gejegen zufolge, zum DBerluft feiner Würde und zum
Tob@verurtheilt warden war. Nicht das Blut des
Gefallenen wollte Karl. Der Herzog wurde feines: Am⸗
tes entfeßt und nebft Theodor, feinem Sohne, in ein
Klofter geſperrt. Es erging dem lebten Agilolfingen
wie dem letzten Könige des einft fo mächtigen Lombars
denreich®.
Der Kaifer, welcher nicht wußte, daß Thaffilo fich
zu Lorfch befand, ) wurde durch diefe Begegnung tief
erfchüttert. Er fland in dem Alter, wo bie Nichtigkeit
irdiſcher Dinge fidy immer lebhafter vor des Menfchen
Geiſt binftellt, und die eben in der Kirche gefehene Ers
fcheinung trug noch mehr dazu bei, den natürlich Got⸗
tesfürchtigen ernft und feierlich zu flimmen. Frommer
Vater, ſprach er zum Greife tretend, ihr und ich ſtan⸗
Den und im Leben mehr denn einmal feindlich gegen,
über: jest ſtehn wir Beide nicht ferne mehr von
der Pforte, die zum letzten Wege führt. Gewährt mir
Verföhnung, ehe wir fcheiden — Karl ift es, ber euch
Darum bittet. Gebt mir euren Segen!”
Eine zucdende Bewegung überflog auf einen Mo⸗
ment das Antlit des Blinden, machte aber fogleich wies
der der ruhigen, erniten Faffung feiner Züge Platz.
*) Anm. Der Kaifer hatte ihm, nachdem er zu St. Goar ein:
oefleidet worden war, (788) das Klofter Semeticum (Zus
milger) bei Rouen zu feinem Aufenthaltsorte beftimmt,
310 Der Mind su Lorſch.
„Herr, fagte er, an euch! ift Vergeffen und Berfühnen:
ich habe gegen euch gefündigt, ich habe den Eid verleßt,
den ich euch gefchworen — Sahrelang habe ich, es ik
der Einfamkeit durch Neue und Thränen gebüßt. Sch
‚habe einen neuen, fchweren Kampf durdifämpft, als
die Kunde von eurer Ankunft im Klofter mic, mehr
denn je meined vergangenen Lebens gebenfen ließ: im
Gebete ſtand die Erfcheinung eined Engeld vor mir,
mich mahnend, daß meine Gterbeftunde nahe fei. So
‚gewährt mir denn Berzeihbung, ihr, gegen ben ich am
meiſten verfchuldet;’
Der Kaifer reichte ihm die Hand und eine Thräne
bliste in feinem Auge. Der Blinde entfernte fich. Als
am folgenden Morgen Karl feine Begleiter zum Aufs
bruch nach Worms rief, meldete der Abt ihm beim
Scheiden, Thaffilo fei, friedlich hingeſchlummert, in ſei⸗
ner Zelle gefunden worden.
Per Nodenſtein.
Hierzu das Wild VIEL. erfunten von H. Pluüddemaun, geflodgen
von W. Baumann.)
„— Habt Acht auf die Burg wahrend meiner Abs
weſenheit — zieht die Brüce auf, Iaßt den Thurmmart
. gute Umfchau halten und forgt, daß die Kriegsfnechte
in Ordnung bleiben. In wenig Tagen bin ich wieder
bier,’
So fprad, Ritter Hand von Nodenftein zu feinem
alten treuen Burgwärter, indem er im Hofe, welchen rings
fattliche Gebäude umgaben, von deren röthlicher Steins
art dad Schloß feinen Namen erhalten, zu Pferde flieg.
. Eine Minute fpäter fah man ihn, von einigen Neifigen
begleitet, deren einer ein bepadtes Handpferb führte,
ben fanften Abhang bes Hügels hinabreiten und bet
einer Krümmung des Pfades im Gebüfche verfchwinden-
312 Dev Robenftein.
Der Kurfürft von der Pfalz, Here Ruprecht, den
man zur Unterfcheidung von feinen Nachfolgern den
Alten nennt, vernachläffigte ritterliche Uebungen nicht
über der Sorgfalt, welche er den Wiffenfchaften wids
mete, zu deren Nuß und Frommen er in feiner geliebs -
ten Stadt Heidelberg im Sahr 1386 die hohe Schule
geftiftet hatte, welche mit den Berühmteflen Welfchlande
und Franfreichd metteifern follte, und zu deren erftem
Rector er feinen treuen und weifen Rath, Marftlius
von Inghen, beftellte., Der zahlreichen pfälzifchen Rits
terfchaft zu gefallen, hatte er ein großed Turnier a
feinem Schloſſe ausgefchrieben, das damals ſchon wie
fpäter ald Juweel unter den fürftlichen Paläften glänzs
te, durch anmuthige Lage fowohl ald durch Schönheit
und Umfang der Bauten, welche der Kurfürft felbft
größtentheild hatte aufführen Iaffen. Bon nahe und
ferne 309 alfo die Ritterfchaft herbei — die Bewohner
der zahlreichen Burgen, welche noch heutiged Tages in
ihren Zrümmern dad Nedarthal, den Odenwald und
bie überrheinifche Pfalz verfchönern. Denn. manden
gab ed, der feinen Arm für ſtark, fein Auge für fücher
genug hielt, im ernften Kampffpiel auf die Ermwerbung
eines Preifes hoffen zu dürfen. Auch edler Frauen und
Mägdlein fah man viele einziehn, von gefchmückten Zels .
tern leicht getragen, in des Kurfürften gaftliche Burg. 1
Hand von Rodenſtein wollte nicht fehlen bei einem
folchen Fefte. Lange war’d ruhig gemefen, und er langes
weilte ſich auf feiner abgelegenen, in einem waldigen
Winkel ded Odenwaldes verfteten Burg, wo nur die
Jagd in den weiten Koriten, welche fich nad) Krumbad)
Der Robdenftein, 313
und Erbach, nach Reichelsheim und dem Malchenberge
bin erftredlen, und Zechgelage mit wüflten Gefellen, zu
feiner täglichen Befchäftigung und Unterhaltung dienten.
Denn des Ritterd Gemüth war wild und roh: im Wafs
fenlärm und in Fehden war er herangewachſen, und
Säger und Krieger waren die einzigen Gefährten bes
frühe Elternlofen, der nun an der Scheibelinie einer
shne Schranfen durchtobten Tugend ftand, ohne je der
Einwirkung milderer Gefühle in feinem Buſen fich bes
wußt worden zur fein.
Wenigen konnte die von Heidelberg gelangte Kunde
willfommener fein als ihm. Am Morgen, nachdem er
fie vernommen, zog er aus; vor Abend ritt er fchon
Aber die Nedarbrüde, und fand die kleine Stadt ganz
voll von Rittern und Reifigen, welche derjelbe Zweck
herbeigeführt hatte. Sm Schloßhofe waren bereits Die
Schranken errichtet: eine Menge von edeln Herren
drängten fich hinzu und ließen ihre Schilde aufhängen,
und unter ihnen herrfchte der größte Wetteifer. Der
beſtimmte Tag kam heran: fchöne Frauen faßen auf
ben Balkonen, welche den Kampfplatz umgaben; Stahls
rüftungen blitten, Helmbüfche flatterten, Schwerter klirr⸗
ten und bunte, Schärpen vereinten im lieblichen Farbens
ſpiel alle Nüancen des Regenbogens. Roſſe wieherten
und ſcharrten und nie hatte man, wenn man noch das
Hin⸗ und Herrennen der Knappen, die Geſchäftigkeit
der Kampfrichter, dad Gedränge der zum Schauen Zugelafs
fenen bedenkt, ein fo reges Leben in Friedengzeit'gefehen.
Unter den Edeldamen, welde Herrn Ruprechts
fürftliche Gemahlin um ſich verſammelt hatte, war feine
314 Der Robenftein.
fo blühend, fo fittlich ſchoͤn, wie dad Fräulein von Hochs
berg, mit den Shrigen zu dem Feſte gefommen. Sie
zog aller Blicke auf ſich und manche dachten mit fliller
"Freunde an das Glück, vielleicht von ihren Händen ben
Nitterdanf zu empfangen. Keiner der Edeln trug ihre
Farben, denn noch war fie frei und Dies war daß erfte
Mal, daß fie bei einer folchen öffentlichen Veranlaſſung
erfchien. Die Röthe der Schaam und Berlegenheit
färbte ihre Wange, als fie fo Bieler Augen bewundernd
auf ficy gerichtet fah. Dem NRodenfleiner war’s, als
gehe ein neues, bisher ungefannted Leben in ihm auf.
Kur wenig hatte er bisher auf Frauenfchönheit geachtet:
jest fühlte er ihre Macht in der rauhen, durd die Rs
ſtung wie durch die Gefühle mit Stahl gepanzerten Bruft.
Die Trompeten, welche das Signal zum Anfang
bes Kampfipield gaben, riffen ihn aus der ungewohnten
Zräumerei, worin er gefallen war. Das Berlangen
fi) audzuzeichnen, glühte in feiner Seele, da er wußte,
baß fie Zeuge davon fein wide. Sein Arm warb
geftählt: mehr denn einen tapfern Ritter hob er raſch
und gewandt aus dem Sattel, und ihm wurde der erfie
Kampfpreis zuerfannt. Es war ein kunſtreich gearbeis
teter Helm. Die Kurfürftin empfing ihn aus den Häns
den eined Pagen und reichte ihn dem Fräulein von
Hochberg, diefe bittend, den fiegreichen Kämpfer damit
zu ſchmücken. Marie that, in holder VBerlegenheit, was
von ihr verlangt wurde, und hunderte beneibeten den
glücklichen Ritter, als er fich wieder erhob und vom
Balfon weg zu Herrn Ruprecht trat, der ihn freundlid)
bewillfommnete.
Der Robenftein. _ 313
Von dieſem Tage an war ber Rodenſteiner wie
umgewandelt. Der alte, wilde Geift fchien aus ihm
gewichen, and die ihn am längſten gefannt, ftaunten
am meiften über die Veränderung. Bon feiner Burg
war er oft mehre Tage lang abweſend — aber er lag
nicht im Gehölz, dem Feinde aufpaffend oder dem Wilde,
wie er fonft zu thun gewohnt war, Nicht lange Zeit
verging, und er zog wieder in dad Thor ded feitlich
geſchmückten Nodenftein, wo die Seinigen ihn freudes
jauchzend und mit heitern Klängen empfingen — an
feiner Seite ein Engelbild, deffen Anblick Aller Herzen
gewann. Marie von Hochberg war bed Beglüsten
Gattin geworden. |
Stille, freundliche Tage verfloffen nun auf ber
Burg, welche ehemald nur Friegerifches Getöfe in ihren
Hallen vernommen hatte, dem in Liebeöwonne ſchwel⸗
genden Paare. Der Mann, welcher einft nur in Feh⸗
ben Befchäftigung, in Gelagen Unterhaltung gefunden,
fehien nichts anderes zu verkangen und zu wünſchen,
als ungeftörted, häusliches Glück. Marie pried fi
ſelig, ein ſolches Wunder bewirkt zu haben, ob fie gleich
die Gefchichten, welche fie von ihres Gatten tollem Les
ben vernommen, in ihrer Arglofigfeit faum für möglich
hielt. Aber zu ihrem Entfeßen follte fie finden, daß der
Teufel der böfen Angewöhnung noch verfteckt war. in
. feinem Hinterhalt. Das unthätige Leben ließ den Ritter
allmälig auch an Mariens Seite Langeweile empfinden.
Er war häufiger auf der Jagd und auf benachbarter
Burgen; die alten Genoffen, welche feiner oft gefpottet
und ihn endlich aufgegeben, fammelten fich wieder. um
316 Der Rodenſtein.
ihn. Mit Schreden gewahrte Marie, baß die Gemalt,
bie fie früher über den Gatten hatte, ſich mit jedem
Rage verminderte. Anfangs fuchte fie ihn zurückzufäh—
ren. durch Tiebende Vorwürfe, dann überließ fie ſich
ftilem Schmerze. So faß fie oft allein, Abende mb
halbe Nächte Tang, während aus den gewölbten Hallen
des Erdgefchoffes wilder Subel in ihr einfames Gemach
Drang. Dort zechte der Nobenftein mit feinen wüften
Gefellen. Seine Gattin war ihm gleichgültig gewor⸗
den: ihr milder Sinn vermochte nichts mehr über bie
wiedererwachten Leidenfchaften des rohen Mannes. |
Sp bradıte Marie freudenlofe Tage hin, und bad
Einzige, was fie noch aufrecht hielt und ermuthigte,
war die Ausficht, bald Mutter zu werden. Sie tröftete
ſich mit der Hoffnung, durch Died neue Band den Pflicht
vergeſſenen wieder zu fefleln, die beffern Regungen von
neuem zu weden in feiner Bruft. Es ift fein Strahl
fo ſchwach und zitternd, den nicht das beängftigte, vom
Unglück getrübte Gemüth freudig begrüßt als das Kicht
der Erlöfung.
Eines. Abends faß fie in ihrem Gemach, der Tag
war vorübergegangen, ohne daß fie ihren Gatten geſehn
hatte. Ihre Zofe hatte ihr berichtet, er fei ſchon früh
Morgend mit mehren Knechten ausgeritten. Da hörte
fie im Hofraum Huffchlag und Hundegebel, und bald
darauf trat der Ritter, von Kopf bis zu Fuß gerüftet,
mit Hlirrenden Sporen ein. Sie erfchrad vor feinem
Anblick: feine Augen roflten wild, und auf Wange und
Stirn wechfelte die Röthe des Zornes mit Todtenbläfle.
Marie, fprach er rauh und ohne fie zu begrüßen, ih
Deu Robenflein. a17
muß dieſe Nacht draußen bleiben. Der Ritter pem
Scnellerthat mir eine Beleidigung zugefügt, welche
nur durch Blut gerächt werden kann. Meine Knechte
find bereits im Hofe — ich.gehe. In der Verzweiflung
.. warf die Arme ſich an feinen Hals: fie bat, fie befchmor
ihn, fein Leben nicht auszufeßen, zu denken an fle, Die
er hülflod zurüdlaffe, an das Kind, bad fie unter ihs
sem Bufen trage. Sie erinnerte ihn an die glücklichen
Tage, die fie auf diefer Burg miteinander verleht, an
ihren Schmerz und ihre Einſamkeit. Nichtd machte Eins
druck auf den harten Mann: bei feinem Kntfchluffe
beharrend, fuchte er fich loszureißen von ıhr, und als-
fie flehend und weinend ihn nicht von ſich laſſen wollte,
fließ der Unmenſch fie mit der Fauſt weg, daß fie ohn⸗
mächtig zu Boden fan,
Es war gegen Mitternacht, ald der Ritter mit it ſeinem
Troß in dem Dickicht lag, welches die kaum zwei Stans
den vom Nobenftein entfernte Schnellertöburg umgibt,
Hier Tauerte er auf eine Gelegenheit, bie Befte feines
Feindes zu überfallen. Da fah er plößlich das dunkle
Gebüſch fich mit lichtem Schein erhellen, und eine bleiche
Geſtalt, welche die Züge feiner miöhandelten Gattin
peug, ein todted Knäblein auf ihrem Arm, fehwebte an
ihm vorüber, indem fie ihm einen wehmüthig firafenbes
Blick zuwarf. Ein Falter Schauer durchriefelte feine
Glieder, denn er dachte nun feiner Unthat, al& bie
Erfcheinung ihm den Tod Mariend verfündigte, die er
wit ihrem Kinde ermordet, Bon zu ſpaͤter Reue ers
griffen, warf er fich auf den Boden nieder — da. warb
er duch Lärm und Waffengeklirr fürchterlich aufge
318 Der Robenftein,
ſchreckt. Sein Gegner, von dem nächtlichen Zuge durch
Kundfchaft in Kenatniß gefekt, war ihm zuͤvorgekom⸗
men: die Seinigen waren bald umringt und niederge⸗
ſtoßen im blutigen Handgemenge. Ein Hieb, der ſeine
Stirne traf, machte nach kurzem Kampfe ſeinem Leben
ein Ende,
Als die nädite Mitternacht heran fam, feßte eine
ungewöhnte Erfcheinung die Bewohner des Odenwaldes
: In jähen Schreden. Ein gräßliche® Geheul und Lars
men erhob fich auf dem Nodenftein: über dem Boden
fchwebend ſah man einen gefpenftifchen Reiter mit erd⸗
fahlem Geficht auf einem Feuerfchnaubenden fchwarzen
Roſſe dahin fliegen, unabläffig verfolgt von Höllengeis
ftern, die in teuflifchen Geftalten, halb Menſchen, halb
Thieren ähnelnd, ihn hetzten, bid der Hahnenruf. den
erften Morgenftrahl verkündete. So trieb er's, ewig
raſtlos und in nie endender Qual, Sahrhunderte lang,
und mit ftummer Angft vernahm das Landvolf ber Ums
gebungen dad Toben der wilden Jagd, welche ihm ims
mer irgend ein Unglüd verfündigte, und welche die Ges
fhichte vom NRodenftein und feiner Unmenfchlichfeit aud
in unfern Tagen erhält im Munde der Odenwälder.
Wenn man von dem freundlichen, an Kunftfchäßen
und Alterthümern reichen Erbach über dad Dörfchen
Krumbach nad) dem Felsberge zu fich wendet, um feine
Naturwunder, Riefenfänle und Steinmeer, in Augen
fchein zu nehmen, fommt man an den Ruinen des Ro
benftein’s vorbei, welche, von Waldungen umgeben, in der
tiefiten Einfamfeit nicht weit von Neichelöheim auf
—einem niedern Hügel liegen. Das Gefchlecht, dem fie
Des Roden fein. 319
gehörten, flarb vor beinahe zwei Iahrhunderten aus.
Die Sage vom wilden Säger, welche in der ganzen
Gegend von Groß und Klein erzählt wird, gibt dem
ſtillen Ort und den verlaffenen Trümmern etwas Un⸗
heimliched und Schauerliches. Nicht leicht erwehrt der
Wanderer fich diefer Empfindung.
Der Tag bei Seckenheim
und
das Gaftmahl ohne Bro.
Südlich von dem großen Winkel, den ber Zuſammen⸗
fluß des Nedars mit dem Rhein bei Mannheim bildet,
dehnt fich eine große fchöne Ebene aus. Nach Often
hin zieht noch eine ‚Zeitlang das Gebirge, das, eine
Fortfegung der odenwaldifchen Höhenreihe der Berg⸗
ftraße, an Heidelberg vorbei fich nach Wießloch hin ers '
ftreckt, füdlich eröffnet fi) Die weite Ebene, in ber das
freundliche Karlöruhe Liegt, weitlich macht der Rhein,
nördlich der Nedar, der fich in flarfen Krümmungen
aus dem engen Thal, worin die anftoßenden Berge ihn
gefangen hielten, herwindet, die Gränze. Ganz in ber
Nähe, von Süden nach Norden ziehend, erfcheint bie
reizende Bergſtraße mit ihren alterthümlichen Dörfern
7,
Der Zag bei Seckenheim. 321
8
sunb Stäbtchen und ihren impofanten Burgtrimmern,
u an ihrem Ende ſtreckt der riefige Melibokus fein
Saunpt in die Luft empor. Wir befinden ung in einem
der fchönften, intereffanteften Gegenden bed deutſchen
Baterlanded.
An der Straße, welche durch diefe Auen von Hels
delberg nach Mannheim führt, liegt, ungefähr anderts
halb Stunden von der letztgenannten Stadt entfernt,
das große und freundliche Dorf Sedenheim. Rein⸗
liche, Ländliche Wohngebäude und mit Mauern umgebene
Gärten fchmücden biefed Dorf, dad im Allgemeinen
den Charakter der Wohlhabenheit an fid, trägt. Wenn
wir die Sahrbücher der yfälzifhen Gefchichte nachſchla⸗
gen, fo erfahren wir, daß auf der Ebene, in der Sedens
heim liegt, am 13. Sunt 1462 eine blutige Schlacht ges
fchlagen wurde, bie ſowohl durch ihren Erfolg ald durch
ihren Einfluß auf das Schickſal des pfälzifhen Kurhau⸗
ſes von größter Wichtigkeit ift. Doc, wir wollen den
alten Chronifenfchreibern felbft die Gefchichte jener
Tage nacherzählen.
Als Churfürft Ludwig, der bärtige, im Sahr
1436 im hohen Alter ftarb, hinterließ er zwei Söhne,
von benen ber Yeltere ihm ald Ludwig IV., ben bie
Gefchichte den Sanftmüthigen nennt, nachfolgte, wäh
rend der Süngere, Friedrich, ihm ald Reichsgehülfe in
ber Verwaltung bed Landes beiftand. Es ift der Mark:
Aurel des Mittelalters, wie Benedicte NRaubert ihn
treffend benannt hat, Friedrich der Siegreiche.
Ludwigs IV. früher Tod beranbte die Pfalz bald ihres
| 21
‘
x
322 Der Tag bei Seckenheim.
Fürften, und feinen einzigen, kaum ein Jahr alte Sohn
Philipp des liebenden Vaters. Eine Träftige Hanb
that dem Lande Noth, und anf bad flehende ‚Bitten
aller Stände übernahm Friedrich ald. Adminiftrater
bie Regierung, unter Zuftimmung der deutfchen Fürften,
wiewohl gegen den Willen des deutfchen Katfers. Fried
rich TIT., der neue Kurfürft, hatte mit vielen und maͤch⸗
tigen Feinden zu Tämpfen, aber dad Glück begünftigte
ihn gegen Neid und Mißgunft, und bald war fein Name
wie fein Arm allgemein gefürchtet. Mit ſtarker Hand
brach er die Burgen unb zerftörte viele Naubnefter an
ber Bergftraße, dem Haarbdtgebirge und dem Nedar.
Aber fein Ruhm und fein Glück erwarben ihm nur
neue Feinde. Zwifchen dem Markgrafen Karl von
Baden, dem Bilhofe Georg von Meg und
dem Grafen Ulrih von Würtemberg warb ein
Bund zur Vernichtung des Siegreichen gefchloffen, dem
im Sahr 1462 auch Sohannes Nir von Hohened,
Biſchof von Speyer, beitrat. Bon fo vielen Seiten
zugleich angegriffen, befand ſich der Kurfürft in wirklid
gefährlicher Lage, welche noch baburch verfchlinmert
ward, daß Papit Pius II. die Gemüther gegen Fried
rich erhigte, und feine Feinde in ihrem Vorhaben er
munterte,
Im Jahre 1462 warb der Feldzug von Seiten beö
Kurfürften durch einen Einfall in die fpeyerfchen Lande
eröffnet, worüber feine Gegner den Entfchluß faßten,
ben Krieg in Feindes Land zu verfeßen. Viele erfanns
sen das Gefährliche diefes Unternehmens, und riethen
ben Fürften, den Anfchlag fahren zu laſſen, ja Einer
8
Der Tag bei Seckenhbeim. 323
‘son den mwürtembergifchen NRäthen, Herr Hans von
Rehberg, Aufferte fich bei der Berathung folgenders
‚maßen gegen feinen Fürften: „Gnädigſter Herr, She
wollet dem allermännlichften Fürften, ber in Deutfchland
wohnt, in fein Land ziehen. Und fürwahr, fo werdet
Shr ihn vor Euch fehen, und mit ihm fechten müffen,
fo wahr ich die Wand vor mir fehe, oder Shr müffet
ihm flüchtig entrinnen.” So fehr wurde bereits der
Ruhm von Friedrichs Tapferkeit auch von feinen Keins
den anerfannt. Die Einfprüce diefes und vieler ats
derer Ritter fruchteten indeß bei den Fürften nichts,
‚befonderd da fie Cindem fie den Kurfürften zur Hilfe
des Herzogs Ludwig von Bayern, der fid) gerade das
als in großer Noth befand, abweſend vermeinten,)
ein wehrlofes Land verwüften zu können glaubten. Sie
Bachten während feiner Abwefenheit an feinem ganzen
Sande, fo wie an feiner Stadt Heidelberg eine reiche
Beute zu machen. |
Am 24. Suni zog ber Graf von Würtemberg mit
feinen Schaaren von Stuttgart, und vereinigte ſich zu
Pforzheim mit den Badenfchen, Speyerfchen und Mebis
fchen Truppen. Nach dem Mißlingen eines Anfchlags
auf Heidelberg befchloffen die Fürften einen Streifzug
in dad Oberamt Heidelberg, und nachdem fie Fußvolk
und Wagenburg zurücgelaffen, zogen fie mit 800 Streis
tern fengend und Land und Saaten furchtbar vers
heerend, voraus bis in die Gegend von Sedenheim,
nahe an's Ufer des Nedar. Diefer unüberlegte Zug
war am Abende bewerkftelligt worden, und fchon am
folgenden Morgen ſah man in dem Redarthal und bes
2 Der Tag bei Gedenpeim.
rum um SHeibelberg die Dörfer all' in lichten Flammen
fichen. Um alle Felder fchnel zu verderben, banben
fie den Pferden abgehanene Baumäfte an die Schweife,
und fo zogen, bed Landmannd Saat verheerend, die
Unholde durchs Land.
Der Pfälzer folgte in der Mitte der Nacht dem
Feinde. Zu Leinen fammelten ſich feine Wannen, und
in aller Eile führte er fie burd; den Schwetzinger Walb
nach dem Nedar hin. AS ber Tag anbrach, verfünde
ten die rings auffteigenden Nauchjäulen der eingeäfcher
ten Dörfer die Naͤhe des Feindes, und ald er aud dem
Walde hervorrüdend, auf einem fandigen Plane hielt,
ward er zuerſt ber feindlichen Nettergefchwaber gewahrt.
Zugleih zog von Oſten her, von Heidelberg kommend,
eine flarfe Reiterfchaar heran, — froh begrüßten fie
Die Furfürftlichen Truppen, deren blanfe Speere auf
Den: weiten Sandfeld bis zum dunkeln Walde im las
ren Morgenlichte ſchimmerten: es waren der Erzbiſchof
Diether von Mainz und der Graf von Katzeneln
bogen, Die mit 300 Neitern zu Friedrich fließen. So
belief fih Die vereinigte Heermacht auf tauſend Reiter
und zweitaufend Füßer.
Kun ordnete der Kurfürft die Schlacht. Zum ober
fien Hauptmann erwählte er den Herrn von Anfelt
heim; in die Mitte ftellte er Die Neiterei, auf beide
Flügel die Füßer, von einigen Reitergeſchwadern unter
ſtützt. Den rechten Flügel führt Sollen von Hering,
den linken, Johann won Eberſtein und Wilhelm
von Rappolſtein. Das pfälzifche Hauptbanner trug
Kheingraf Johann, der Pfalz Erbmarfchall; der
Der Tag bei Sedenpeim. 325
pfaͤlziſche Löwe und die bairifchen Rauten flatterten
body über den Plan und bie gepanzerten Schaaren.
Hierauf ließ der Kurfürft den Ritterfchlag ertheilen:
er ſelber Eniete vor Heren Wiprecht von Helmftätt
nieder und empfing von ihm die gebräuchlichen drei
Schläge mit dem ritterlihen Schwerte. Mit ihm und
nad) ihm ward Diefelbe Ehre beinahe fünfzig Eden yu
Theil. Das Feldzeichen des Heeres war ein Helmbufch
von Rußlaub: es follte bald. ein Lorbeerkranz werben.
Friedrich ermahnte die Seinen zur Tapferkeit und ſprach
zu ihnen, daß fie heute ihrem angeflammten Fürften
helfen, und ald fromme Leute handelten, wenn fie den
Tag gewannen und kämpften ale tapferre Männer.
Da riefen fie alle fröhlich aus: Lieber Herr, mit Euch
wollen wir leben und fterben! Und hierauf ritt er zu
dem Erzbifchofe Diefher und ermahnte ihn, ſich nicht
den Gefahren der Schlacht auszufegen, fondern nad
Heidelberg zu fehren: der Bifchof aber erflärte, daß er
bei. dem Herrn bleiben wolle bi8 zum Ausgange, Und
freudig rief Herr Friedrich aus: „So hat mid) mein
Wahn nicht betrogen. Heute Kurfürft oder nims
mer! und damit gab er feinem Roffe Die Sporen, und
trabte wohlgemuth auf den Feind los.
.. Die Öegner, da fie Dad unerwartete Anrüden der
Hfälzer fahen, mußten fich bald zur Schlacht entfchließen,
da fie in den Winkel zwifchen Rhein und Nedar ges
drängt, ‘wo jede Flucht unmöglich war. Sie orbneten
alfe ihr Treffen, fo gut es in der Eile gehen wollte, und
erwarteten das Anrücden des Furfürftlichen Heeres, das
fich wie eine Gewitterwolfe heranwaͤlzte.
326 Der Tag bei Gedenheim.
Das Mitteltreffen griff rafch an: die Ritter fenften
ihre Speere, und machten nad) Kriegsart den erfien
Gang mit einander, während bie Reitergeſchwader anf
den beiden Flügeln den Feind in den Flanken angriffen.
Der Kampf war hartnädig und blutig, Die Badiſchen
und Würtembergifchen wurden zugleich vorne und von
den Seiten angegriffen, und konnten weder vorwärts
noch zurück. Rur im Kampf war Hoffnung; zur Flucht
war der Weg verfchlofien. Einer ermunterte ben As
dern, und Jeder verkaufte theuer fein Leben. Herm
Friedrich wurde das Pferd unter dem Leibe erftochen,
fo daß er eine Zeitlang zu Fuße fechten. mußte, und
nur feinem flarfen Arme und guten Glücke fein Leber
dankte; Wiprecht von Helmftätt wurbe an feiner
Seite erfchlagen. Die pfälzifchen Reitergefchwaber be
gannen ſchon zu weichen, da ftürzte dad etwas fpäter
in den Kampf gefommene Fußvolk in die Flanken des
Feindes, mit feinen langen Spießen die Roſſe der Ritter
eritechend, jv daß diefe zu Fuß zu kämpfen genöthigt,
in Unordnung geriethen, worauf die Reiterei von Neuem
eindrang, die Reihen des Feindes durchbrach, und
mit fiegreicher Hand das flatternde Hauptbanner em
oberte, Jetzt wurde bie Niederlage und Verwirrung
allgemein unter den fürftlichen Schaaren. Herr Hand
von Gemmingen nahm mit eigener Hand den Gra—
fen Ulrich von Würtemberg gefangen; der Mark
graf von Baden und ber Bifchof von Meg muß
ten ſich nad, tapferer Gegenwehr und fchwer verwun⸗
bet dem Feinde ergeben. Drei und vierzig Ritter und
Grafen ans dem feindlichen Heere blieben auf. der Wabk |,
Der Tag bei Sedenheim. 327
ftatt, hundert und vierzig Edelleute, ohne die Neifigen
und Knechte, wurden gefangen genommen. Bei drei⸗
hundert entfamen durch die Flucht. Auf Furfürftlicher
Seite. war der Berluft an Todten und Berwundeten
weit geringer, nur wenige Ritter bediten die Wahlftatt«
Der Tag bei Sedenheim — es war ber 30,
Juni — zeigte ſich in feinen Folgen fehr wichtig, da
der Kurfürft in dieſer Schlacht nicht nur die beiten Ritter
bed Feindes, fondern auch die Fürften felbit in feine
Gewalt befam, und der Krieg damit ein Ende hatte,
ei Mit feinem fiegreichen Heere und feinen vornehs
wen Befangenen 309 Friedrich gen Heidelberg. Bald
batten fie Weitlingen und Edingen hinter ſich, und 306
gen, im Angeſichte ber Bergitraße, an ber großen
Neckarkrüummung herum, dem engen Thale zu, welches
ſich zwifchen den Koloffen des Heiligenberges und Kö⸗
nigftuhls hinzieht, und bald erfchien, die an des Stro⸗
med Ufern dicht hingefchmiegte Stadt malerifch übers
thronend, Nuprecht des Gütigen Fönigliche Burg
auf dem alten Settenbühl ihren Augen. Noch war der
größte Theil des herrlichen Schloſſes der Zeiten Schoofe
nicht entftiegen: auf der öftlichen Seite des Hügels ers
hob ſich Otto Heinrich& Föniglicher Bau noch nicht,
keine engelländifche Elifabeth hatte die reizenden Schös
pfungen der Kunft Ddiefer romantifchen Natur entlodt.
: ber Kurfürft Adolph alter Bau begrüßte ſchon auf
„ der Weſtſeite des Hügels mit feinen gothifchen Erfern und
s Spigfenftern die Stadt; auf der Stelle, wo ſich jest
ı der Pallaft Friedrichs IV. mit feiner impofanten Fa⸗
ı aabe und bem, ben entzüdten Blicken fo viele Herr⸗
328 Der Zag bei Sedenheim.
Bchfeiten verrathenden Altane zeigt, erhob ſich mit ihs
ren vier Thürmen bie Schloßfapelle Ruprechts des
Alten. Neben dem Adolföbaue, Dort wo jekt Zerftis
zung ber Zeit und Menfchen in ben Trümmern am
meiften gewaltet hat, ohne biefen Denfmalen einer kraͤf⸗
tigen Zeit ihren Reiz ganz nehmen zu können, fland
Ruprecht II., des Königs der Deutfchen, (nach bes
Euremburgerd Wenzel fchmachvoller Abfegung) fchöner
Bau, an feinen Wänden die Infignien der Macht,
“Herrlichkeit und Abflammung des erlauchten pfälziſchen
Hauſes den Reichsadler, den pfälzifchen und den burg 4
gräflich würtembergifchen Löwen nebit ber bairiſchen
Wecke tragend, und mit himmelftrebenden Thürmen
wohl verwahrt. Auf dem Geisberg ſtand noch Die alte
Burg Konrads von Hohbenftaufen, eine noch Weis
tere Gegend überfchauend. Ssener bereitete der Himmel
felbft, noch Fein Sahrhundert fpäter, durch fein eigenes
Teuer den Untergang.
Hier. war ed, in der Burg feiner Väter, wo Frieb⸗
rich, der fiegreiche Kurfürft, feine Gefangenen, als Gäfte
aufs prächtigfte empfing. Der Markgraf von. Baden
und der Bifchof hatten im Kampfe ſolche Wunden
empfangen, daß der Kurfürft fie unverzüglich der Obhut
feines Leibarzted Heinrich Nunfinger, übergeben mußte,
Graf Ulrich von MWürtemberg aber, und eine große
Zahl von gefangenen Grafen und Edlen wurden von
Friedrich Föniglich bewirthet. Der Ritterfaal des Rup⸗
rechtbaues fchloß den Gäſten feine ehrwürdigen gewölb⸗
ten Hallen, mit den Wappenfchildern der pfälzifchen
Fürften und ihren Trophäen gefchmädt, auf. Friedrich
Der Tag bei Sedenheim, 329
ſelbſt und fein vierzehnjähriger Neffe, Philipp, feis
ned Bruders Ludwig Sohn, empfing fie. Die Fürften,
tafel war prachtvoll befegt, der Kurfürft der Teutfeligfte
Wirth. Aber es fehlte das Brod auf dem Tifche. Ans
fangs warteten die Säfte eine Weile; dann aber fah
Graf Ulrich ſich um, die Diener folches-bringen heißend.
Da erhob ſich Friedrich, nahm den Würtemberger bei
der Hand und führte ihn and Kenfter hin, wo man das
Nedartbal überfchauen fonnte. „Herr Graf, ſprach er
mit ernitem Bli und firengem Tone, blicket um euch!
acht ihr, wie ihr und die Euren den Weg bezeichnet
habt durd) ſchwarze Trümmer und verfengte Felder, wo
MWohlftand und Arbeitfamfeit herrfchten? In Ddiefem
Sommer giebt’d nicht? zu erndten in der Pfalz, Dank
euch und euren Verbündeten, darum befcheidet euch:
„Den Kriegern gehört fein Brod, die aus blos
Bem Muthmwillen die Saat des Landmanne
im Felde zerfiören, und die Mühlen in Rauch
verwandeln!”
In der heiligen Geiftfirche auf dem Marktplatze zu
Heidelberg wurde ein feierliches Siegesfeſt mit dem
Te Deum gefeiert, und zum Gedenken ded Sieges
jährlich ein feftlicher Umzug am Sonntage nach Sanft
Petri und Pauli Tag geftiftet. Das feindliche Haupts
banner ward in der genannten Kirche aufgeftedt. Der
Bifchof von Met wurde nah Mannheim in Gewahr⸗
fam gebracht, die beiden Fürften blieben auf dem Schloffe
zu Heidelberg in Gefangenſchaft, bis fie ſich lößten, und
nnebft ihren Nittern einen Revers erlegten, nicht mehr
gegen Kurpfalz feyn zu wollen.
ALT Der Bag bei Seckenheim.
Sp enbet ſich die Gefchichte der für Fried rich io
ruhmvollen Schlacht bei Sedenheim und des Gaſt⸗
mahls ohne Brod. Auf der Wahlftatt aber ließ
der. Kurfürft ein hohes Kreuz errichten, das mit feiner
Juſchrift bis. zu fpäten Zeiten zu fehen war, während
das nahe Dorf Kriedrichöfeld noch in unfern Tagen die
Erinnerung an. der Pfalz größten Kurfürften weckt.
Der Wolfsbrunnen.
ange Sahre bevor Konrad von Hohenftaufen feinen
Sig nad; dem Nedarlande verlegte und auf dem Hügel,
welcher Heidelberg, und Ebene und Höhe bis zur Voge⸗
fenfette überfchaut, eine Burg gegründet hatte, ftand
auf demfelben eine einfame Klaufe, von dichter Wals
dung umgeben, welche fich auch noch in unfern Tagen
ben hohen Königftuhl und den Geißberg hinanzieht.
Unter den gewaltigen Eichen, zwifchen deren Stämmen
und Laubwerk hindurch der Blick über das Thal fchweifte,
durch dad der Fluß fich windet und wo nur wenige
vereinzelte Wohnungen Tagen, an deren Stelle jet eine
alterthümliche und belebte Stadt mit ihren hohen Thürs
men und langen Gaffen liegt, wohnte eine Sungfrau,
von deren Herkunft Feiner der Bewohner der Umgegend
etwas wußte, und deren ganzes Leben in undurchbrings
liches Dunkel gehüllt war. Sie erfchien dem Landvolk
wie ein höheres Wefen, und nur mit Schen nahte man
332 Der Wolfsbrunnen.
dem Hügel. Ihre Geſtalt war edel, ihr Autlitz fchon
aber ernſt, ihr blaued Auge baftete durchdringend auf
dem Gegenftande, den ed anblidte; in langen Loden
fiel dad blonde Haar herunter auf ihr weißes Gewand.
Mit den geheimen Kräften der Natur fchien fie vers
traut; fie beobachtete den Gang der Geſtirne, fie er
forfchte das Wachſen ded Baumed und der Pflanze
Auch die Kunde Des Kommenden fhien ihr nicht vors
enthalten zu fein, und wenn irgend ein Landmann, Fils
ner als die übrigen, den Muth hatte, ſich dem Feniter
ihrer ſtillen Wohnung zu nahen, um ihr ein Anliegen oder
eine Bitte um Rath und Ausfunft vorzutragen, fo gab
ihre wehllautende Stimme ihm eine kurze aber befries
digende Antwort, und niemand wußte fich des Falles
zu erinnern, daß ihr Wort getrogen hätte.
Am Tiebften ließ fie fih aus über das Fünftige Loos
des fchönen Landes, das fie vor ſich hingebreitet ſah in
feiner frifchen Pracht, und da verfündigte fie, einer
Sybille des Alterthums gleich, mit begeijtert flammens
dem Auge and ernftem Munde: eine glänzende Zeit
werde erfcheinen, Paläjte und Thürme werde man ent
fiehn fehn, und rühriges Bolf zu taufenden die Niedes
rung füllen, wo dermalen nur arme Fifiher wohnten.
An einem ſchoͤnen Sommertage verließ die Wahr;
fagerin, welche man Setta zu nennen pflegte, ihre
Kaufe, und wandelte auf den ſchmalen Bergpfaden bin,
welche nach Dften zu dem Laufe des Nedars folgen.
Almählig ind Thal hinunterfteigend, gelangte fie an
eine raufchende Quelle, welche unter hohen Linden hers
vorfprudelte und ein von ber Natur gebildetes Baſſin
Der Wolfsbrunnen, „333
füllte. Nichts regte fid) umher — Tautlod waren Luft
und Wald. Die Wärme ded Tages, die Krifche des
Waſſers, die heimliche Stile des anmutbigen Ortes:
alled vereinigte fi, um die Sungfrau zur Ruhe und
Baden einzuladen. Bald umgab die Welle den Schnee
‚ihrer Glieder; unbeforgt überließ fie fich der angeneh⸗
men Empfindung, ald plößlich ein Geräufch im Walde
ſich vernehmen Tief. Im erften Augenbfik glaubte die
Erfchrodene von einem Säger oder Landmann überrafcht
worben zu fein — fie griff baftig nach ihrem Gewande
— da erfcholl der heifere Schrei eined Thiered aus dem
Didicht, und eine Wölfin brach mit ihren Sungen her:
vor. Nicht Flucht half, nidyt Angitgefchrei — eine zers
riffene Leiche, lag nach wenigen Momenten das fchöne
Weib da,-die Mare Welle geröthet von ihrem Blute.
Seit jener Zeit gab man der Quelle den Namen
des Wolfsbrunnens. Und wenn der Sungfrun
Berheißungen in Hinſicht des freundlichen Heidelberg
in Erfüllung gingen, und die Zeiten der höchiten Macht
der rheinifchen Pfalzgrafen Wiffenfchaft und Kunft,
Betriebfamfeit und Reichthum an die Ufer des Nedar
verfeßten: fo wurde auch die Stätte berühmt, wo fie
den Tod gefunden. Boskette und Wohnungen fchmüds
ten ihn, und nie war er reizender als in den Tagen,
wo Elifabeth Stuart, König Jakobs I. Tochter, und -
Gemahlin des Kurfürften Friedric von der Pfalz, auf
dem Schloſſe zu Heidelberg lebte. Auch jetzt noch, nach⸗
dem die Sahrhunderte alten Bäume verfchwunden find,
welche vor Zeiten die Forellenreichen Teiche umgaben,
ift es ein anmuthiges Pläychen, zu welchem ber Wans
336 Der Bolfsbrunnen.
derer fi gerne von ber Stabt and begibt, ſei es nm
daß er den Weg einfchlägt, welcher durch den fchönen
Schloßgarten ſich am Abhange des Berges dahinzieht,
oder unter den Nußbäumen die Straße wandelt, welche
längs dem Fluffe dahinführt, dad Dörfchen Schlierbach
berührend und die Außficht auf das rechte Ufer gewähs
rend, wo der Allerheiligenberg fich erhebt und Die meiß
fen Mauern des Stiftd Neuburg freundlich herübers
grüßen.
Das redende Marienbild.
Im Dom zu Speyer ſieht man von ber Thüre bie
zum Chor vier runde, eherne Platten in geringer Ents
fernung von einander dem Boden eingefügt, auf welchen
bie Worte zu leſen find: O sanctissima! O piissima!
Dulcis virgo Maria! — zu beutfch: Allerheiligfte, Allers
frömmpfte, Süße Sungfrau Maria! — Die leßte Platte ift
von dem auf dem Altar der Kirche prangenden Mas
rienbild nicht weit entfernt.
Hiervon wird erzählt, dem heiligen Bernardus ſei
ed auch einmal begegnet, den Beginn der Meſſe zu
. verfäumen. Ald er nun doch endlich fi einfand und
. über die vier Platten hinwandelnd, dem Marienbild
nahte und diefes nach herfümmlicher Weife mit jenen
den Platten eingegrabenen Worten begrüßte, fol bei
Rennung des Namens Maria! das Bild dad Haupt
erhoben und gefprochen haben:
336 Das vebende Marienbild.
„O Bernbarde, cur tam tarde!“ Zu deutſch: „Wo⸗
ber fo fpät, Bernardus?“ — Worauf Diefer mit
einer Stelle der Schrift erwieberte: „Mulier taceat in
Ecclesia!“ Das Weib fchweige in der Gemeinde! — Und
wirklich fol feitvem das Marienbild nicht mehr fprechen.
Alrich Sandfchaden,
„Weg aus meinem Angeficht! Preife dich glüͤcklich, daß
ich, deined Weibes und deiner Kinder mich erbarmend,
dich nicht firafe wie die andern Räuber, welche wie bu
den Nitternamen gefchändet. Kehre zu deiner Burg zus
rück: aber wehe dir, wenn du dich wieder betreten läfs
feft beim Frevel! doch fortan follen Helm und Sporen
dich nicht mehr fchmüden, und das Wappen deiner Bors
fahren fei zerbrochen und vernichtet. Du haft dem Lande
mehr gefchadet denn Einer — fo trage denn auch ben
Namen zu bleibender Schmadh, und nicht anders als
den Landſchaden foll man dich heißen.” \
Sao' ſprach, mit ernftem Ton und finftrer Miene,
Kaiſer Rudolf von Haböburg auf dem Neichdtage zu
Frankfurt zu einem Ritter, welcher niebergefchlagenen
Blickes und entwaffnet vor ihm fland, und noch eines
Arengern Urtheild gewärtig gewefen war. Des Kaiferd
Mahnungen und Drohungen hatten nicht gefruchtet,
338 ulrih Landſchaden.
Ordnung herzuſtellen im teutfchen Reiche; fein ftarfer
Arm mußte die Unruheftifter feine ganze Kraft fühlen
Iaffen. Was die Bündniſſe der geängfteten und mishans
delten Städte gegen den raubfüchtigen Adel nur halb
auszurichten vermocht hatten, das brachte des entrüfteten
Herrfcherd Macht zu Stande: am Rheine und in ans
dern Gegenden Teutſchlands fchlugen die Flammen ver
eroberten und zerftörten Felfennefter gen Himmel, und
mancher Räuber mußte durch den Strid oder das Schwert
feine Unthaten büßen. Störet nicht die Wege der Ge
rechtigfeit, fprady der Kaifer ernft zu denjenigen, welde
eine Milderung des Urtheild erbitten wollten. Diefe
find feine Ritter, fondern verruchte Diebe. und Räuber,
welche die Armen durch ihre Uebermacht unterdrüden,
den Frieden gewaltfam brechen, die heiligen Nechte des
Reiches fchmachvoll mit Füßen treten. Der wahre Abel:
hält Treu und Glauben, pflegt der Tugend, Tiebt die
Öerechtigfeit, beleidigt und befchädigt niemanden. Wer
wahrhaft adelig ift, verfprigt für das Necht fein letztes
Herzblut, macht füch Feines Diebftahls fchuldig, nimmt
nicht Theil am Raube. Spart alfo eure Worte, went
ihr Ritter feid, und laßt ab, für Räuber zu bitten,
welche, wären fie auch Grafen oder Herzoge, der ver
dienten Strafe nicht entgehen follen, fowahr ich Nichter
bin !
Bligger von Steinach hatte ded Kaiferd Rede vers
nommen und trat aus dem Kreife der Edeln, welde
ben firengen aber gerechten und menfchenfreundlichen
Herfcher umftanden, welcher, ein Engel des Heil, er
ſchienen war in Teutſchlands trübften Tagen. Er wagte
ulrid Landſchaden, 339
es nicht, in ded Nichterd Auge zu blicken, nicht nach
feinem Schwert und Schilde, welche zerbrochen vor feis
nen Füßen lagen. Stumm verließ er die Stadt und
fehrte, von einem einzigen Diener begleitet, nad) feiner
Burg zurüd, welche, von den drei Schwefterburgen
umgeben, von den-hinter dem arnıen und Fleinen Dertchen
Steinach fich erhebenden Höhen auf den anmuthigen, vom
grünen Gebirge eingezwängten Nedar hinabfah. Lange
war Bligger des Landed Plage geweſen. Kein Schiffs
lein fonnte den Strom hinabfhwimmen, mit den Kauf
manndgütern von Heilbronn beladen, Fein Wandrer non
Heidelberg des Weges ziehn, ohne von ihm und feinen
Gefellen aufgelanert nnd beraubt zu werben. Die Fleis
nen Ortfihaften, welche ſich am Flußufer erhoben, meift
von armen Leuten bewohnt, die fi vom Fifchfang oder
von der Schifffahrt nährten, waren Feinen Augenblid
ficher vor feinen Anfällen, und hinter ben unzugängs
Fichen Waͤllen Schadedd oder ber flarfen Vorderburg
mwurbe der Raub geborgen und bei lauten Gelagen ber
ſchnöde Erwerb verpraßt. Als er's aber immer toller
tried und den Gottesfrieden beftändig flörte, paßten
bewaffnete Bürger und Landleute ihm auf, und gebuns
den wurde er vor den Kaifer gebracht. Einer der Wes
nigen, entging er dem Tode. Aber, ſei ed daß die erlits
tene Schmach und die Angft feinen wilden Sinn ges
brochen und der Neue Raum gegeben hatten, fei ed daß
bie Ueberzeugung, ber SHabeburger werbe fein Wort
gut machen beim eriten Fehl, ihn einfchüchterte: die
Nachhbarſchaft hatte fürber nichts mehr von ihm zu fürch⸗
ten und zu leiden. Die alten Zrevel hörten auf, auf
340 | uleih Landſchaden.
den Burgen, zu deren bränenden Zinnen man einft mir
mit Schreden emporblidte, war’ ftille geworben, und
der Ackerbauer und Handelsmann, welcher Durch das
freundliche Thal zog, freute fi) der wiedergemwonnenen
Sicherheit und Ruhe. Aber der Name, welchen bad
Volk dem Steinacher gegeben und mit dem der Kaifer
ihn angerebet, blieb ihm für alle Zeit: man hieß ihn nur
Den Landfchaden.
Sahre waren bahingegangen. Bligger war ergrant,
und ihn umftanden blühende Kinder: Ulrich, fein einzi-
ger Sohn, war zu einem rüfligen Sünglinge herange
wachfen. Auf der Familie laftete die Schmach, welche
einft den fchuldigen Vater getroffen hatte: die edeln
Geſchlechter hatten fich von ihnen abgewandt und Schas
bed war verödet. Dies fchmerzte den jungen Ulrich in
tieffter Seele. Er war in ritterlichen Uebungen wohl
erfahren und dürſtete nach einer Gelegenheit, fich zeigen
zu fönnen: aber fie Fam nicht, denn jeder hatte eine
Scen vor dem Namen Landfchaden, und der Sohn
deffen, welchen der Kaifer für ehrlos erklärt hatte,
Fonnte die Ritterwürde nicht erlangen. Je länger dies
mwährte, deſto tiefer warb die Trauer des Sünglings;
Tage lang faß er einfam auf der Warte, von welcher
auf Schade der Blick fich in tiefe Thäler fenft und
nad) den Kernen ſchweift. Der Tonkunſt kundig, fuchte
er in diefer oft Linderung feiner Trauer, Doch feine
Klänge und Eagenden Worte fanden nur einen Wieders
hal in den nahen Bergen.
Als er endlicd den Drang ber ſtürmiſch aufgeregten
Empfindungen nicht mehr zu unterdrücken vermochte
Ulrich Saadfchaden - 341
und der Durſt nach Thätigfeit ihn ing Leben trieb, vers
ließ er die Burg feiner Ahnen, ohne jemanden fein Vor⸗
haben mitzutheilen, einen treuen Diener ausgenommen,
welchen er mit fi nahm. Er flieg in die Ebene hinab
und gelangte, nach mancher Wanderung, ins fchöne und
fruchtbare Land Schwaben. Hier, wo niemand von
ihm wußte, verbarg er feine Herkunft und feinen Nas
men; daß er von edlem Stamme fei, glaubte man ihm.
gerne, wenn man in fein offenes Auge, auf feine wohl-
gebildeten Züge fah, die rein und ohne Arg und Falſch
waren. So wurde er auf mancher Burg freundlid)
willfommen geheißen, lernte Land und Leute Fennen, und
machte ſich Freunde, wohin er fam. Eine lange Zeit
firich vorüber und er war zum Manıe herangereift:
zufällig vernahm er von Einem, der aus feinen heimi»
fhen Gegenden kam, ihn abe: nicht Tannte, Bligger
der Landſchaden fei geftorben und feine Burgen nur der -
Obhut von Frauen anvertraut, da fein Sohn fihon
längſt verfchwunden fei ohne Spur und Kunde. Da -
befchloß er, fich durch eine ritterliche That würdig zu
machen der Ehren, welche fein Vater. verwirft hatte
durch böfes Handeln.
Jener Friegerifch = religiöfe Drang, weldyer die Be—
wohner Europa’d Sahrhunderte lang zu Zaufenden und
abermal Zaufenden hingezogen hatte nach dem fernen
Morgenlande, war noch nicht ganz erloſchen, wenn
auch ungünftiger Erfolg die Beftrebungen der Kreuz=
fahrer meift zu nichte gemacht hatte und ihre Unter—
nehmung größtentheild gefcheitert waren an eignen Feh—
fern oder Unfunde und an der Macht ihrer Gegner.
F
343 Ulrich Landſchaden.
Mıch damals wieder glaubte Mancher das Seelenheil,
Mancher zeitlihed Wohl und Glücksgüter zu finden,
wenm er mit bewaffneter Hand pilgere zum heiligen
Grabe. Keine Fürften wie Konrad und Friedrich, wie
Richard und Bouillon, ſtellten ſich mehr an die Spitze
bed Zuges: aber viele Ritter und Edle traten zuſam⸗
men, und warben bewaffnet Volk auf eigene Koften
and Gefahr. Keine Gelegenheit konnte Ulrich willfoms
mener fein, als diefe, welche ihm die fchönfte Augficht
bot, das zu erlangen, was er fo fehnlic; wünfchte. Er
ſchloß fich fogleich an und beredete auch manchen Ans
dern, feinem Beifpiele zu folgen.
Wer ift der wadere Srieger, der dort unter ber
Menge der nadı tapfer rühmlichen Thaten aus Kleins
Aften Heimgefehrten fteht, welche des Kaiſers Majeftät
vor fich gelaffen hat? So frugen Manche, denn nie
mand ſchien den hochgewachfenen, ſchönen Mann mit
dem fonnverbrannten Geficht zu Fennen, den Feine Kette,
fein ritterliches Abzeichen ſchmückte, deffen Schild fchwarz
und einfach war wie feine übrige Rüftung. Unter ben
Trophäen, welche die Tapfern mit ſich gebracht aus
dem Kampfe gegen bie Ungläubigen, war auch, ſchauer⸗
lich und entftellt, ein Haupt zu fehen: e8 war Das bes
Anführerd der Sarazenen, welcher nach biutigem Kampfe
bei der alten Stadt Smyrna gefallen war unter ben
Schwertftreichen des Unbekannten.
Da rief der Kaifer diefen mit gütigem Blick und
Worte zu fih. Ulrich von Steinach, ſprach er, du haft
—
Ulrich Landſchaden. 343
wieder gut gemacht durch ritterliche That und untabes
ligten Lebenswandel, was dein Vater verfchuldet hatte
-an Reich und Bol, Du wollteft unerkannt bleiben
und nicht eher Anfprüche machen auf ritterliche Ehren,
bis du abgewafchen die Flecken, welche deinen Namen
verunzierten: deinen Vorſatz haft du mit Bebarrlichfeit
und dem Muthe ausgeführt, welcher dem Manne ziemt.
Sch fühle mich berufen, dir das wiederzugeben, was
- Herr Rudolf, mein glorreicher Borfahr, einft Bliggern
von Steinad; zu nehmen fid; genöthigt ſah. Kniee nies
der, auf daß ich dich zum. Ritter fchlage.
Uri bog ein Knie; von des Kaiferd Hand
geabelt erhob er fich wieder. Alle Anwefenden nahmen
Theil an feinen Schiefalen und freuten fich des guten
Ausganges. Er aber Fehrte zurüd nach dem Nedars
thal, und wo er feine Sugend zugebracht hatte, verfluß
auch, ruhig und geehrt von Adeligen und Bolf, welche
feinen Tugenden jede Anerfennung gewährten, fein Alter.
Ein edles Fräulein reichte ihm ihre Hand und ſchenkte
ihm zahlreiche Nachkommen. Das Haupt des Sarazes
nen nahm er in fein Wappen auf, welches er noch, zum
Andenken an vorige trübe Tage, mit der Harfe zierte.
Den Namen Landfchaden behielt er bei: noch nach Jahr—⸗
hunderten führte ibn fein Gefchlecht.
Die vielbefuchte und gepriefene Gegend oberhaib
Sneidelberg hat feinen fohönern Punkt aufzuweiſen, als
Die Lage von Neckar-Steinach. Zum Theil noch
bewohnt und gut erhalten und mit Familien-Wappen
verziert, zum Theil in Trümmer gefunfen, erheben ſich
in mehr oder minder Fühner Tage vier Burgen, die
ed.
344 Ulrich Landſchaden.
Vorder⸗, Mittels, und Hinterburg, und, auf fchroffer
Wand, Schadef, beim Bolfe mit gut bezeichnendem
Namen „das Schwalbenneſt“ geheißen. In dem Städt:
chen, deffen Wohnungen ſich bis zum Uferrande bins
giehn, liegt die alte Kirche, welche bekanntlich Kathos
Iifen und Proteftanten in Gemeinfchaft dient. Sn und an
ihr fieht man die Denkmale vieler Glieder der Familie,
welche einft Nerrenrecdhte über das Stäbchen übte.
Unter ihnen ift auch der Grabftein Ulrich Land-
ſchadens, auf welchem man feine ritterliche Geftalt
fieht. Er ftarb, der Snfchrift gemäß, am St. Michaels⸗
tage bed Jahres 1369.
Die Gründung der Minneburg.
Eine Sage vom Nedar.
Dem Dörfchen Nedargerach gegenüber, in dem
anmuthigen und romantifchen Thale, in welchem fich
her Nedar zwifchen den Höhen des Odenwaldes
einen Weg bahnt, um, nachdem er einen der fchönften
* Striche des deutſchen Vaterlandes durchftrömt, feine
Fluthen mit denen ded mächtigen Rheins zu verbinden,
k liegen auf einer ſchönen, waldbekränzten Anhöhe die
‚Ruinen der Minneburg. Wenn man den Berg von
der Morgenfeite beftiegen hat, fo eröffnet ſich dem ent—
; züdten Wanderer die herrlichfte Ausficht in das freunds
liche Nedarthal und auf die Waldfchluchten des Oden⸗
waldes, deren Reiz durch die romantifhen Trümmer,
an benen er ſich befindet, durch den alterögrauen Thurn,
bie bemonsten Hallen und Steine noch erhöht wird.
Die Bewohner ded Nedarthaled erzäßgen den Urfprung
diefer Burg mit folgenden Worten:
346 Die Sründbung ber Minneburg.
In dem vierzehnten Sahrhundert wurde Die Burg
Zwingenberg, welche in der Nähe des Dorfes Kin:
dach, am Ufer des Neckar gelegen ift, von den letzten
Sprößlingen dieſes alten edeln Gefchlechtd, zwei Bris
dern und drei Töchtern, bewohnt. Friedrich und Kunz
von Zwingenberg waren tapfere aber unruhige Ritter,
die mit ihren Nachbarn und dem Neiche ſtets in Un
frieden lebten, und ſich dadurch fchon manchen Nadı-
theil zugezogen hatten. Das Bitten und Fichen ber
fanften Schmeftern vermochte nichtd über die wilde
Gemüthsart der Ritter, und fo gefchah ed denn, daß
fi) das Ungewitter endlich über ihrem Haupte zuſam—
menzog, und Kaifer Karl IV., der ewigen Unruhen und
Zänfereien müde, den Zwingenberg zu flürmen und zu
zerftören befahl, Nichts half es, daß die Trotzigen fid
mit Aufbietung all ihrer Kräfte zur Wehre festen, und
mit dem Muthe der Verzweiflung das Erbe ihrer Bü
ter vertheidigten: fie wurden überwältigt, und beide
büßten in dem harten Strauße das Leben ein.
Schon war eine geraume Zeit feit Zwingenbergd
Einnahme verfloffen; Friedridy und Kunz wurden wenig
bedauert, da fie fich durch ihren Unfrieden bei Den Nady
barn allgemein verhaßt gemacht hatten, aber. das En
ſtaunen und die Beforgniß aller Wohlwollenden wurde
durch das ſpurloſe Verſchwinden der drei Schweftern
erregt. Seit der Zerftörung der Burg hatte man nichts
mehr von ihnen vernonmen, und man konnte faft nidt
mehr daran zweifeln, daß die rauchenden Trümmer des
Zwingenbergs auch die Schuldlofen begraben. hatten.
Groß war die Betrübniß aller, die fie gefannt hatten
wm m ww "m.
Die Gründung ber Minneburg 347
aber am lauteften war der Schmerz der drei Söhne
des Ritters Hugo von Zabern, die fchon Tängft mit
den anmuthigen Mägdlein den Bund der Herzen ges
fchloffen hatten, und nun troftlos waren über ihren
Verluſt. Eines Morgens durchftreiften fie, nur von
‚einem treuen Windfpiele begleitet, die Thäler des Oden⸗
walded, und gelangten fo an die Ufer des in feinem
Felfenbette dahinraufchenden Stromes, ald plößlich der
Hund dicht vor dem Eingange einer vom üppig Wwus
chernden Grün, faft verdedten Höhle ftehen blieb, und
laut anfchlug. Berwundert blieben die Sünglinge ftehen,
und da fie glaubten, ein Wild fei in der Höhle vers
borgen, machten fie ſich zum Angriffe bereit, und bahns
ten fich Durch das Geſträuch den Weg bis ins Innere
des Felſenaufenthalt's. —
Aber wer ſchildert ihre Verwunderung, als ſie ſtatt
der gehofften Jagdbeute, drei weibliche Geſtalten in der
Höhle erblickten, welche durch das Geräuſch aufges
ſchreckt, Taut auffchrieen und in den dunfelften Winkel
flohen, aber beim erften Blicke auf die Sünglinge diefen
in die Arme ftürzten. Es waren die Bermißten, Tod⸗
geglaubten, die fich, nur von einem einzigen alten, treuen
Diener begleitet, in diefe Einfamfeit begeben hatten, da
fie fürchteten, die Rache der Feinde, welche ihre Brüs
der fich zugezogen, möge auch nach deren Tode noch
nicht erlofchen feyn. Sn der einfamen Grotte hatten
fie ihre Tage feit der Zerflörung ihrer Ahnenburg zus
. gebracht, den günftigen Zeitpunkt ab:;vartend, wo fie,
M
*
die Schußs und Güterloſen, wieder aus ihrer Abge⸗
ſchiedenheit hervorfommen könnten.
348 Die Gründung von Winnchurg.
Bald verwandelten die Lilien ihrer Wangen fi
wieder in NRofen, und fchon nach wenigen Tagen wurde
Das VBermählungsfeft der drei feligen Paare gefeiert. Bei
der Höhle aber, aud welcher die ſchönen Einftedlerinnen
fo mandmal fehnfüchtig den Blid ind Thal gefandt
hatten, erbauten fie eine ftattliche Burg, die fie die Min
neburg nannten, und weldye Hugo, der jüngfte Bruder,
. nebft feiner geliebten Eliſabeth zum Wohnfig erhielt,
Und das treue Windfpiel, welches die Urfache der Ent:
dedung der Jungfrauen geweſen war, ließen fie in
Stein nachbilden, und fchmücten damit das Burgthor.
Noch jet, nachdem die Minneburg längft zerfallen
ift, hat. ſich dieſer Stein erhalten, und wird in dem
nahen Dorfe Gutenbach gezeigt, und dabei erzählt man
die Sage von den drei Schweitern.
Die heilige Motburge.
Vor mehr denn taufend Fahren hielt einft ein Kaifer
anf dem Hornberge feinen reichen glänzenden Hof. Die
jest beinahe verödete Stelle ertönte damal von lauter
Luſtbarkeit Tag um Tag, und felbft in die flillen Nächte
hinein lärmte oft die Luft der fefllichen Hofgelage.
Notburga aber, des Kaiferd einzige Tochter, nahm Feis
nen Theil an folcher Freude, die ihrem zarten Sinne
zu rauh, ihrem frommen Gemüthe zu fehr mit heidnis
fcher Sitte vermifcht fchien. Und wie hätte denn ihr
Herz fih auch des unfchuldigften Freude erfchließen
tönnen, fo lange ed von Sehnfucht und Sorge bedrängt
war? Ihr Dtto war ja hinaudgezogen in den Kampf
ind fremde Land, und war nicht wiebergefehrt, und
hatte feine Botfchaft gefandt feit einem Jahre.
Weil aber der Kaifer fah, wie feine fonft fo blü⸗
hende . Tochter in den eriten Jahren der volleften Ju⸗
350 Die heilige Notburga,
gend allmählig dahin welkte, bedachte er endlich, es
könne ein unverftandened Sehnen fein, dad ihr Herz
mit dieſer ftillen Trauer füllte. Darum trat er eines
Tages zu ihr mit diefen Worten: „Burga, deine ftillen
„Thränen kann ich nicht länger fehen! Sei wieder fröhe
„lich und heiter, Sieh, ich habe dir einen Gemahl erw
„wählt, den jungen Heidenfürften, daß fich Dein Her
„an ihm erfreue, und deine Thränen wieder trocken.
„Mache Dich gefaßt, in drei Tagen kommt der Brän-
„tigam.“
Dieſe Nachricht erfüllte fie mit ſtummem Schreden;
denn wie konnte Die zarte jungfränliche Tochter dem
barfhen Bater ihr Herz offenbaren? Ad aber die
Nacht kam, ftand fie an dem Erferfenfter ihres Ges
mached, und flarrte hinaus in die monderhellten Wols
fenzüge, und hinab in ded Neckars glänzende Wellen,
und hinüber nach der dunfelbefchatteten Waldhöhe; und
häufige Thränen fielen über ihre Wangen hinab in den
Burgzwinger: „Mein Dtto, mein Otto,“ fo Flagte fie,
„baft du deine Notburga vergeffen bei dem Anblide
„fremder Sungfrauen, und tft dein Herz fälter worden
„in dem Lande, da die Sonne wärmer fcheint? Oder
„felft Du unter. Feindes Schwert, und fchläfit fehen
„unterm grünen Raſen? und blisen Schlüffelblumen
„and Maslieben über deinem Herzen? Ach, Daß ich bei
„die rubte in der Fühlen Erde! — Was fol ich einfam
„in der Welt, die meinem Herzen fremd ift? Darum
„find die Sugendrofen meiner Wangen erbleicht. Und
‚ih fol nun mit den Tilienblaffen Wangen unter den
„Gaͤſten fiten ald Braut, und meined Herzens Braͤuti⸗
|
Die heilige Rotburge, 351
„gam foll ferne fein? O, daß ich jeßt nur eine treue
„Seele hätte, die mid) geleitete in eine Wilbniß, wo
„ich fern von dem Treiben der Menfchen nur deinem
‚Andenken lebte!“ |
Ihr alter treuer Diener Kaspar hatte aber ihre
Klagen gehört und ihr Herz verflanden. Und er rief
ihr von feinem Fenſter unten hinauf, und verſprach ihr,
fie über die Waldhöhe zu geleiten, nad) der Kapelle zu
St. Michael, wo der fromme Greis einfiedelte; der
fönne ihr Rath ertheilen, wie fie fich des verhaßten
Ehebunded mit dem Heidenfürften entfchlagen möge.
| Dantbar folgte ihm die bedrängte Notburga. Uns
bemerft famen fie Durch die Thore der Burg, und fihon
waren fie der waldigen Höhe nahe, da trabte es hinter
ihnen her mit leichtem flüchtigem Hufe, Waren es bie
Dferbdetritte eined Verfolgers? Notburga fah ſich ängft«
lich um, aber in freudige Ueberraſchung löſ'te ſich ihre
Angft. Es war der weiße Hirfch, den ihr Otto einft
als Kalb gefangen hatte und gezähmt. Als er fie nun
erreicht hatre, blickte er fie mit hellen Augen an, die
gleichſam von menfchlicher Freude glänzten, und bot
ihr den Rüden dar. Da fihwang ſich Notburga auf
das fromme Thier, wie ihr Otto fie einft felbft zuweilen
hinaufgehoben. Kaum aber fühlte der Hirſch ihre Laft,
fo trabte er ſchnellen Schrittes hinunter, und verſchwand
mit ihr zwifchen den Bäumen des waldigen Abhangesd.
Ehe fic der zitternde Kaspar noch gefaßt hatte,
ihr nachzueilen, oder ihr nachzurufen, fah er den Hirſch
fchon unten in den Nedar fpringen und hinüberfchwims
men. Im Mondicheine winkte Notburga nod) mit
352 Die heilige Notburge.
ihrem weißen Arme herauf. Ssenfeitd verfchwand aber
der Hirſch mit ihr im Gebüſch und in den Schatten
der Nadıt.
Da ihr Bater aber ihe Verfchwinden erfuhr, und
niemand feiner Diener ihm Kunde von ihr geben konnte,
fandte er Boten hinauf und hinab an dem Ufer beö
Neckars, und ließ nach ihr forfchenz und ritt felbft hin«
ans mit feinem Gefolge, und fuchte fie auf allen Bur⸗
gen, in allen Hütten, und fand fie nirgend.
Der alte Kaspar fland des nächſten Tages nad
ihrer Flucht an feinem Fleinen Fenfterlein, und fchaute
durch die runden Scheiben. Da kam Notburgas Hirſch
in den Zwinger, und blickte ıhn mit bittenden Augen an.
„Sa, könnteft du nur reden?” ſprach Kaspar, und
ging, ihm ein Stud Brod abzufchneiden, wie er fonft
zuweilen gethan. Aber der Hirſch wollte ed Diesmal
nicht freffen, fondern hielt ihm fein Geweihe dar. „Soll
ich's daran ſpießen?“ fragte Kaspar, und thats fchon.
Aber des Thiered Augen fahen ihn dankbar an, und
darauf Tief ed in fchnellen Sätzen nach dem Neckar hinab.
Als Kaspar am andern Tage wieder am Fenſter
ftand, Fam der Hirfch wieder, und bot ihm fein Gehörn
dar. Ein großes Eichenblatt war daran gebunden, und
Kaspars Frau erfannte, daß ed Notburgas Strumpf⸗
band war. Auf dem Eichenblatt aber fanden mit zier⸗
licher Schrift die Worte eingerist:
„Bott zum Gruß!
„Notburga dankt dem Geber
„Des Manna
„In der Wüſten.“
en nn
Die heilige Rotburga—. 353
Als aber Kadyar und Elfe mit Mühe diefe Worte ges
leſen, da liefen den alten Leuten die Thränen über bie
Wangen. „Go hat ihr der fromme Hirſch das Brod
gebradyt!” rief Kaspar; und „o Gott, ach Gott!“
fchluchzte Elfe, „die zarte Jungfrau nur genährt von
unferm trodenen Brode!“ Und fchnell ging fie bin, und
holte von ihrem beflen Borrathe, und band es in einen
Tüchlein dem Hirſch and Geweih, und dieſer trabte
Damit nach dem Nedar hinab. So kam er von Zeit
zu Zeit wieder, und die Alten gaben ihm immer ihr
Beſtes mit, wofür er manchmal ein Paar dankbare
orte auf einem Eichenblatte zurückbrachte.
Notburgas Bater war indeffen heimgefommen, und
hatte nichts von feiner Tochter erforfcht; und der Frühs
ling war hingegangen, und der Kudud und die Nach⸗
tigall waren erſtummt: da ward er endlich aufmerffam
auf den weißen Hirſch und feine Gänge. Und ale er
ihn einftmald wieder vor Kaspars Fenfter fah, trat er
zu dem Alten mit rafchem Schritte und rafcher Frage,
und Kaspar fonnte nicht leugnen; denn eben band er
. dem Hirfche ein Tüchlein an mit reifen Sommeräpfeln
von Notburgas Lieblingsbaume.
Und fchnell beftieg der Kaifer fein beftes Roß, und
feine Ritter und Edelfnechte folgten mit ihm dem rafchen
Laufe des Hirfches. Sie fprengen ihm nad) in die Flu⸗
then des Nedars, und fehen ihn jenſeits zwifchen den
Sträuchen verfchwinden. Da fpringt der Kaifer von
feinem Roß und dringt ihm nad. Erſtaunt bleibt er
aber ſtehen. Gegen die Felfenwand neigt der Hirfch
fein Geweih, und ein weiper Arm reicht aus den engen
23
[4
354 Die heilige Notvburga,l
Eingange einer Höhle hervor, und knüpft das Tuch
los. „Das ift Notburgas Lilienarm!’ ruft der beftürzte
Bater, und fchnell, ehe fie ihn noch zurücgezogen, faßt
er den Arm und hält ihn fell. Wie aber der fchnele
Hirfh nun zurüdfpringt, und der Kaifer Das todten
bleiche Antlis feined Kindes fieht, da fpricht er mit
Inden Worten zu ihr: „Notburga, liebed Herzenöfind,
„ſei mein Kind, wie vorher, folge mir wieder zu mer
„mer Burg.”
Notburga aber fpriht: „Was auf Erden mein
„Ser; beglücden Fonnte, das hat der Herr zu ſich hins -
„aufgenommen. Sch fuche nichts mehr bei den Men
„Shen. Dem Himmel habe ich meine kurzen Tage ganz
„geweiht; ihm diene ich hier in ſtiller Einſamkeit.“
Und wie fehr der Vater in fie dringt, fie wiederhoft
ihm ruhig diefe Worte. Da erwacht die Heftigfeit fer
ned Gemüthed. Gewaltfam will er fie aus ihrer Höhle
ziehen. Sie aber legt die andere Hand an Das einfache
Kreuz, das fie fich felbft aus Holz gemacht. Er zieht
mit aller Kraft — da bleibt der Arm ihm in den Hans
den, abgelöft von ihrem Leibe, Aber ein graufes Ent:
fegen befällt ihn und alle, die ihm nachgefolgt waren.
Mit ſchreckenbleichen Mienen fliehen fie zurüd, und
feiner wagt ed von ihnen, der Höhle wieder zu nahen,
in der Notburga blutend liegt und hilflos.
Aber der Herr fendet ihr ein Schlänglein, das ihr
heilfräftige Kräuter bringt und die wunde Stelle damit
heilet.
Bon Stund an ward fie von dem Volke als eine
Heilige verehrt, und wenn zum Klausner bei der Ks
. Die heilige Notburga. 355
delle zu St. Michael reuige Sünder kamen, ſo ſchickte er
te wallfahren ju der frommen Notburga, und Notburga
etete für die Büßenden, und begnadigt Fehrten fie
nit leichtem Herzen in ihre Heimath.
Als aber im Herbite die Blätter fielen, fam auch
Notburga zu ſterben. Die Engeldfindlein fchwebten zu
hr herab, und trugen die Sterbende aus ihrer Höhle
yeraud. Noch einmal fchlug fie die brechenden Augen
uf, fchaute gen Himmel und feufzte freudig; „Du bift
‚schon dort, ich fehe Dich winfen! Sch femme, id
„komme.“ Zugleich entfchwebte ihre Seele Die Engel
yüllten die Leiche in ein Fönigliched Gewand und festen
hr eine Königskrone auf das Haupt. Dann ftellten fie
ven Sarg auf einen Wagen, und fpannten zwei ſchnee⸗
veiße Stiere daran, Die noch niemal ein Joch getragen:
Ind als fih num das Volk aus der Nachbarfchaft ſam⸗
nelte, die fromme Notburga zu ihrer Nuheftätte zu bes
jleiten, bewegte fich der Zug langfam hinab, und die
Ingel fangen ein himmlifched Chor dazu.
Bald hielten die Stiere ſtill, und wo fie hielten
vard die Leiche zur Erde beftattet. Der Kaifer aber
tiftete an derfelben Stelle eine Kirche, und in ihr Tieß
r feinem frühe gefchiedenen Kinde ein Denkmal feßen,
Rotburgas Hrifch ließ fich nie wieder fehen.
Karl der Große su Heilbronn.
In einer vom Neckar durchſtrömten Ebene, welche nad
allen Seiten hin von grünen Hügeln eingefchoffen if,
liegt im Schwabenlande bie alte Stadt Heilbronn. Bor
Jibergegangen ift die Bedeutung, welche fie im Mittel
alter, in den Tagen der Reichsunmittelbarkeit befaß;
verftummt der Troß der freien Bürger, welche ihre Uns
abhängigfeit wie ihre feften Mauern zu wahren wuß
ten: aber noch herrfchen Leben und Bewegung in den
Gtraßen der fleißigen und betriebfamen Stadt, frudb
bar und reich ift das Land, das fie umgibt, fchöne Denk
male und alte Bauten erinnern noch an den vielfad
bewährten Ruhm. Hier ift, nahe am Waffer gelegen,
der hohe, vieredige Thurm, welchen der brave Ritter
Götz von Berlichingen, deffen Burgen fich nicht weit
entfernt befanden, als Gefangener bewohnte, ba Tiegt
Karl der Sroße gu Heilbronn. 357
die alte Kirche St. Kilian mit ihren gothifchen Spigs
fenftern und fchlanfen Pfeilern. In der Nähe fieht man
Weinsberg mit feiner Burg Weibertreue, von der Die
Gefchichte uns ein fo fchöned Beifpiel der Frauenliebe
und Gattentreue erzählt; den. Nedar hinunterfahrend
gelangt man nad, den beiden Stäbchen Wimpfen, im
Thal und auf dem Berg, in deren Nähe in der erften
Hälfte des 17. Sahrhunderts zwifchen dem Markgrafen
von Durlach und dem Grafen Tilly die bfutige Schlacht
gefämpft warb, in weldyer die 400 Pforzheimer, von
ihrem Bürgermeifter geführt, für ihres Fürften Rettung
den Heldentod ftarben.
Einft jagte Kaifer Karl der Große in den Nieder
rungen, die der Neckar durchſtrömt, welcher ſich bald
durch enge, grüne Thäler feinen Weg bahnt, bald im
weiten Wiefenplarr Tangfamer fich fortfchlängelt. Dichte
Eichenwaldung bededte damals die ganze Gegend: vom
Flußufer aus zog fich der Forft die Hügel hinan, und
nur felten gewährte ein freied Plägchen einen Umblick
auf die unabfehbaren, grünen Gaue. Keined Menfchen
Fuß fchien dieſe Wildniß betreten zu haben, Feine Art
hatte den üppigen Laubwuchs gehemmt, taufendfältig
ineinander verfchlungen maren bie Kronen der folgen
Bäume, dichtes hellgrünes Gras bededte den Boden,
welchen der durch das Laub fallende Sonnenftrahl nur
an wenigen Stellen berührte, ohne ihn aber trodnen
zu Tonnen.
Lange war der Kaifer mit den wenigen Begleitern
welche er bei feinen häufigen Sagdzügen mit fich zu führen
| pflegte, durch dad Diicht in die Kreuz und Quere ge
r
358 Karl ber Große zu Heilbronn.
‚ogen, als er an einer Stelle, mo ber Forft fich Tichtete
und einige, wenn auch Färgliche Spuren von Wohn
gen fich zeigten, unter denen eine Feine, halbverfallene
Kapelle Tag, zu einem reichlich fprubdelnden Quell ge
langte, deffen fühle Fluth ihm und den Seinigen eine
lange gefuchte Erguidung bot. Verwundert fah Karl
fih um an diefem Drte, der ihm ganz fremde war, un
eben wollte er dad Waſſer verlaffen, das mit leiſen
Rauſchen zwifchen Gras und Kräntern bahinfloß, als
Seräufch fih in der Waldung vernehmen ließ, und im
Augenblid, wo die Jäger ſchon glaubten, auf ber Fährte
eined Ebers zu fein, ein einzelner Mann hervortrat.
Sein Aeufferes war ehrwürdig, ein langer weißer Bart
floß auf feinen Gürtel herab, zum Schnee gebleichtes
Haar dedte feine Scheitel, fein Anzug war Der eine
Priefterd des Herrn, aber er war ärmlich, und Kums
mer und Entbehrungen ſprachen aus dem Geficht bed
Greifen. Er ſtutzte, ald er die Fremden an der Quelle
erblickte, aber trat furchtlos näher.
„Wer bift du, frug Karl den Nahenden, und mad
führt dich in dieſe Wildniß 2 |
Einft war es Feine Wildniß, antwortete der Ange
redete, denn das Licht ded Glaubens erleuchtete fie und
der Geift des Herrn fenkte fi auf diefed Land. An
der Quelle woran ihr jest ftehet, euren Durft Töfchend,
wurden Biele vom Heidenthum zur Lehre Chrifti be
fehrt, aber der gute Samen ift erſtickt worden im feis
nem Keime.’
„Das wolle Sott nicht, fprach der fromme Kaifer.
Sag an, wie es zugegangen in diefen entlegenen Bauen."
Karl der Große gu Heilbronn, 359
„Wie Bonifaz im Sachfenlande das Evangelium
predigte, und Sturmio zu Fuld die Abtei gründete, wo
der heilige Deutfchen-Apoftel begraben liegt, fo kam in
Diefe Striche der fromme Kilian, und machte Das zer-
firent in den großen Wäldern haufende Bolf, das vom
Ertrage der Jagd und des Filchfangs im Neckar Iebte,
mit der heilbringenden Lehre befannt. Anfangs fand
er nur Widerftreben und verfchloffene Herzen, und fah
ſich felbft mancher Gefahr ausgeſetzt: aber dad Beifpiel
‚ feines reinen Wandels, feiner Sanftmuth und Selbfts
verläugnung wirkte endlich auf die rauhen, aber unvers
dorbenen Semüther, und fein frommes Wort fand Eins
gang bei ihnen. Zu der Quelle, an deren Rand ihr
ftehet, kamen ſie und ließen fich taufen in ihrem Waſſer;
unter den Wohnungen ber Chriften erhob ſich ein, Dem
Erzengel Michael gemeihtes. Kirchlein, und täglich
mehrte fich die Zahl der Gläubigen. Der heilige Kilian
aber 309 nach einiger Zeit weiter, dad Wert der Bekeh⸗
rung auch an andern Orten in Deutfchland fortzufeßeit.
Einer feiner Sünger blieb an feiner Stelle zurüd, aber
‚der Saame des Unfriedens fiel unter die Gemeinde und
ſchoß bald zu wucherndem Unfraut auf. Die meiften
verliefen fich, Die Hütten verfielen, das Kirchlein gerieth
in den Zuftand, in welchem ihr es erblicket. Bor einigen
Sahren kam ich in diefe Gegend und verfündigte von
neuem Gotted Wort, aber meine Bemühungen haben
hur wenig gefruchtet.’
Der gottesfürchtige Kaifer ward durch die Rede
des Priefterd gerührt, Sch habe, dachte er bei fi,
innerhalb und aufferhalb der Grenzen meines weiten
360 Karl der Große zu Heilbronn.
Meiched fo vieles gewirkt, um ber Chriſtuslehre Ein⸗
gang und Aufnahme zu verfchaffen; warum follte ich
die frommen Bemühungen diefes Manned nicht unter-
fügen ? „Faſſet Muth, fagte er zu diefem, euer Kirdy
lein wird fidy) bald aus feinen Trümmern erheben; das
Licht, welches ausgegangen von Oſten, fol auch bie
deutfhen Waldungen mit feinem milden Strahle ers
hellen.’
Als der Priefter von einem der Jaͤger vernommen
hatte, mer derjenige war, mit welchem er gerebet, ba
ward fein Herz mit Freude erfüllt, und er ergoß fi
in tiefgefühlte Danfesbezeugungen gegen den, welcher
wohl im zu weit getriebenen Glaubengeifer mit Feuer
und Schwert dem unterjochten Sachſenvolke die gute
Botſchaft geprebigt hatte, Würgengel mehr denn Apos
fiel; welcher aber auch, durch DBegünftigung des geifts
Iihen Standes und Anlegung von Klöftern, einzige
Zuflucht der Wiffenfchaft in jenen Tagen, zur Unters
richtung und Bildung feiner Zeitgenoffen fo vieles
beitrug.
Bald erhob fich erneuert und verfchönert die Kirche
zu St. Michael, und füllte fich wieder mit Gläubigen;
Anfiedler famen non nah und ferne, und ein Theil ber
Waldung ſank unter der Art des Holzhauers, Platz
machend dem Feldbau und der Gultur. Wo einft nur
wenige Hütten lagen, fah man ein Städtchen entitehen;
‚Karl der Große befuchte zu verſchiednen Malen den
aufblühenden Drt, und auf dem Marfte zeigt man
jegt noch ein altes, ſchönes Haus, deffen Bauart an
bie Zeit des ruhmgelrönten Kaiferd erinnert, und bad
Karl der Große zu Heilbronn. 361
die Sage als. feine Pfalz bezeichnet. Noch ſtrömt
aus den fieben Möhren des heilfpendenden Kirchbruns
nens das Friftallhelle Waffer, welches Heilbronn feis
nen Namen gab.
Das Käthchen von Heilbronn. 9
In Heilbronn lebte vor Zeiten ein Waffenſchmidt,
Namens Friedeborn, dem, aus einer früh durch den
Tod ſeiner Gattin aufgelöſten Ehe, eine einzige Tochter,
Namens Katharina, geblieben war. Das Kind war
am heiligen Oſterſonntage geboren, und darum mögen
auch mancherlei überirdiſche Gewalten von früh an
Einfluß auf daſſelbe gehabt haben, obgleich ſich dieſer
durch nichts Unheimliches oder Verwirrendes kund gab;
denn Käthchen war in ihrem ſechszehnten Jahre ein
Kind — recht nach der Luſt Gottes, geſund an Leib
und Seele, wie es die erſten Menſchen geweſen ſein
mögen, die auf Erden geboren worden; und dabei ein
*) Wegen Duͤrftigkeit der hiſtoriſchen Nachweiſe iſt dieſer Er:
zaͤhlung das bekannte vortreffliche Schauſpiel von Kleiſt zum
Grunde gelegt. A. T. Beer.
*..
-
Das Käthchen von Heilbronn. 303
Weſen von fo zarter, frommer und lieber Art, wie es
und nur vergönnt ift zu fehen, wenn wir auf Flügeln
der Einbildung uns in den Himmel verfeßen, zu ben
Tieben Fleinen Engelein, die mit hellen Augen aus den
Wolfen — aus den lichten Wolfen hervorguden.
Ging fie in ihrem bürgerlichen Schmud über bie
Straße, den gelb geladten Strohhut auf, die Bruft
von dem fihwarzfammtenen Leibchen bebedt und mit
Silberfettlein umhängt, fo lief es flüfternd von allen
Senftern herab: Das ijt Das Käthchen von Heilbronn. —
„Das Käthchen von Heilbronn! — fagten die
Leute, ald ob der Himmel von Schwaben fie gezeugt,
und die Stadt, die unter ihm liegt, fie geboren hätte,
Bettern und Bafen, die feit drei Gefchlechtern nicht
mehr an die Berwandtfchaft mit dem wadern Friedborn
gedacht hatten, nannten fie auf Kindtaufen und Hoch⸗
zeiten ihr Tiebes Mühmchen; der ganze Markt, auf
dem ver Vater feine Werfftatt hatte, erfchien an ihrem
Namenstage und bedrängte fie, und wetteiferten fie zu
bejchenfen; wer fie nur einmal gefehen und im Bors
übergehen einen Gruß von ihr empfangen hatte, fchloß
fig acht folgende Tage in fein Gebet ein. Der Groß⸗
vater hatte ihr früh fchon, als einem Goldfinde, mit
Ausichluß ihres Vaters, ein Landgut gefchenft und fie
dadurch zu einer der wohlhabenpften Bürgerinnen der
Stadt gemacht. Auch hatten fchon fünf Bürgerföhne
um fie geworben, und die Ritter, die durch die Stadt.
zogen, konnten's nicht verfchmerzen, daß fie fein Fräu⸗
lein war, und meinten, wenn fie’d wäre, fo würde das
Morgenland aufbrechen und ihr feine Gaben von Per
Das Käthchen von Heilbronn. 9
In Heilbronn Iebte vor Zeiten ein Waffenfchmidt,
Namens Friedeborn, dem, aus einer früh durch den
Tod feiner Gattin aufgelöften Ehe, eine einzige Tochter,
Namens Katharina, geblieben war. Das Kind war
am heiligen Ofterfonntage geboren, und darum mögen
auch mancherlei überirdifche Gemalten von früh an
Einfluß auf daffelbe gehabt haben, obgleich fich Diefer
durch nichts Unheimliches oder Berwirrendes Fund gab;
denn Käthhen war in, ihrem fechdzehnten Sahre ein
Kind — recht nad der Luſt Gottes, gefund an Leib
und Seele, wie ed die erften Menfchen gewefen fein
mögen, die auf Erden geboren worden; und Dabei ein
*) Megen Dürftigkeit der biltorifchen Nachweife ift diefer Ct:
zahlung das bekannte vortreffliche Schaufpfel von Kleift zum
Grunde geleat, u. 23. Beer,
4.
Das Käthchen von Heilbronn. 303
Weſen von fo zarter, frommer und lieber Art, wie es
uns nur vergönnt ift zu fehen, wenn wir auf Flügeln
der Einbildung uns in den Himmel verfegen, zu den
lieben kleinen Engelein, die mit hellen Augen aus den
Wolfen — aus den lichten Wolken hervorguden.
Ging fie in ihrem bürgerlichen Schmud über Die
Straße, den gelb geladten Strohhut auf, die Bruft
son dem fchwarzfammtenen Leibchen bedeckt und mit
©ilberfettlein umhängt, fo Tief es flüfternd von allen
Senftern herab: Das ijt das Käthchen von Heilbronn. —
„Das Käthchen von Heilbronn!“ — fagten die
Leute, ald ob der Himmel von Schwaben fie gezeugt,
and Die Stadt, die unter ıhm liegt, fie geboren hätte,
Bettern und Bafen, die feit drei Gefchlechtern nicht
mehr an die Berwandtfchaft mit dem wadern Friedborn
gedacht hatten, nannten fie auf Kındtaufen und Hochs
zeiten ihr liebes Mühmchen; der ganze Markt, auf
dem der Bater feine Werfftatt hatte, erfchien an ihrem
Namenstage und bedrängte fie, und wetteiferten fie zu
beſchenken; wer fie nur einmal gefehen und im Bors
übergehen einen Gruß von ihr empfangen hatte, fchloß
fig acht folgende Tage in fein Gebet ein. Der Großs
vater hatte ihr früh fchon, ald einem Goldkinde, mit
Ausſchluß ihres Vaters, ein Landgut geſchenkt und fie
Dadurch zu einer der wohlhabendften Bürgerinnen der
Stadt gemacht. Auch hatten fchon fünf Bürgerfühne
um fie geworben, und die Ritter, die durch die Stadt
zogen, konnten's nicht verfchmerzen, daß fie Fein Fräus
lein war, und meinten, wenn ſie's wäre, fo würde das
Morgenland aufbrechen und ihr feine Gaben von Pers
»
364 Das Kaͤthchen von Heilbronn,
Ion und Edelfteinen zu Füßen legen. Aber fie begehrte
deſſen nicht und kannte feinen Hochmuth.
Drei Biertel Sahre, nachdem fie ihr fünfzehntes
zurücgelegt ‚hatte, war der Sylveſter Abend gefoms
meit, und trennte das alte Jahr von dem neuen, Es
war damals, wie noch heut zu Tage Sitte, in bdiefer
Nacht Blei zu gießen und aus den wunderlichen For⸗
men diefed Guſſes die Zukunft zu leſen; auch baten bie
SSungfrauen, die noch nicht wußten, wem fie anheim
fallen follten, Gott, er möge ihnen den fünftigen Mann
im Traume zeigen. Käthchen dachte nun zwar damals
noch wenig an Männer, aber Elöbeth, Die alte Magd,
ermahnte fie, dergleichen ja nicht zu unterlaffen, und fo
that fied. Um Mitternacht that fich die Thüre ihres
Kämmerleind, worin fie auf weißem Bettchen mit roths
wollener Dede lag, auf, und herein trat ein Cherub
mit fchneeweißen, filberglängenden Flügeln auf beiden
Schultern, und führte einen Ritter von flattlicher Ges
ftalt zu ihr herein, der fie ald Braut begrüßte — Das
Käthchen freute fic, des Befuches und rief Elsbeth und
Chriftine, die Mägde des Haufes, herbei, während fie
aus bem Bette flieg und dem Gaſte zu Füßen fant;
ber ergriff fie liebreich bei der Hand; der Cherub aber
zeigte ihm ein Maal auf ihrem Rücken und fagte: das
ran magit du fie wieder fennen. Da famen die aufges
rnfenen Mägde mit Ticht, und verfchwunden war Alles;
Käthchen aber lag im bloßen Hembchen knieend am
Boden; fie verfchloß ihr Geheimniß forgfältig und legte
fi) ſtill zu Bette.
Einige Sabre früher als Käthchen in Heilbronn
Das Käthchen von Heilbronn. 965
geboren worden war, warb auch der Gräfin Wetter
vom Strahl ein Erbe gefchenkt, der zu ihr, und aller
_ feiner Vafallen Freude heran wuchs, bie ihn im zwei
und zwanzigfien Jahre feines Lebens ein fo heftiges
Sichthum ergriff, daß nad, kaum neun Tagen der
fchlanfe kraftvolle Ritter als Leiche auf feinem Bette
lag, und die Mutter, fammt den Muhmen und Bafen
in ſtillem Schmerze um ihn herum knieten. Ald die
Zeit nun gekommen war, wo man meinte, der Leiche
die legten Dienfte erweifen zu müſſen, fchlug der tod⸗
geglaubte plößlicdy die Augen auf und war ungenein
befeligt, und von Stund an auf dem Wege der Genes
fung; wo er in dieſer Pauſe feined irdifchen Daſeins
geweſen, ob er geträumt oder traumlos gelegen habe,
. blieb in feiner Bruft verfchloffensg dies Alles begab ſich
aber in der Sylveſternacht, ‚„„Dreiviertel Sahr, nachdem
Kaͤthchen fünfzehn Sahr alt geworden war.’ .
Als der Winter vorüber war, und die Banden ber
Erde fprangen, bedrängte der Pfalzgraf die Stadt
Heilbronn aus gar üblen Abftchten, denn er wollte nichts
Geringeres als ihr ihre Freiheit rauben. Die Bürger und
befreundete Ritter waffneten fi und der Markt war in
“ fröhlicher Bewegung; da fprengte der Graf Wetter
vom Strahl an das Haus des Waffenfchmiedes
Friedborn, und flieg vor feiner Pforte gepanzert vom
Dferde herab; er neigte dad Haupt tief zur Erde,
um mit den hohen Federbüfchen, die ihm vom Helme
niederwanften, durch die Thüre zu fommen: „Meiſter,
ſprach er, fchau her, dem Pfalzgrafen, der Eure Wälle
niederreißen will, zieh’ ich entgegen; bie Luft, ihn zu
.
366 Das Kätbhen von Heilbronn,
treffen, fprengt mir die Schienen, nimm Eifen und.
Draht, ohne daß ich mich zu entfleiden brauche, und
heft? fie mir wieder zufanmen.” Friedborn war erbös
tig zu thun, wie ihm geheißen war, und nöthigte ihn auf
einen Seffel mitten im Zimmer, drauf rief er: „Wein
und Schinken zum Imbiß,“ und febte fih and Werk,
Und während draußen der Streithengft wieherte und
mit den Pferden der Knechte den Grund zerftampfte,
daß der Staub emporquoll, öffıtete, ein großes flaches
Silbergeſchirr auf dem Kopfe tragend, auf welchem
—Flaſchen, Gläſer und der Imbiß geftellt waren, Käths
Ken die Thüre und trat herein. Wenn Semanden
Gott der Herr aus Wolfen erfchiene, würde er fi
ungefähr faffen wie fie, als fie den Ritter erblickte;
Gefchirr, Becher und Imbiß ließ fie fallen, und leichens .
bleich, die Hände wie zur Anbetung gefaltet, den Kopf
tief zur Erde geneigt, flürzte fie vor ihm nieder, als
ob fie ein Wetterftrahl getroffen hätte. Der Vater hob
fie erfchroden auf, fie aber fchlang fich, um nicht wieder
zu fallen, an ihn an, und ftarrte mit flammenden Wans
gen nach dem Grafen, als ob fie eine Erfcheinung ges
habt hätte — Diefer fagte: „was ift dir, Kind ?“ und
fah fie verwundert an, und das ganze Haus lief zuſam⸗
men, um zu fragen, was der Sungfer fei. Nachdem fie
ihn noch eine Weile angeftarrt hatte, warb ihr Blick
fanfter und fie fchien in fo weit beruhigt, daß der Bas
ter fein Gefchäft fortfeßen Fonnte. Nachdem es vollens
det war ftand ber Graf auf und fah das Mädchen,
dad ihm bis an die Brufthöhle ragte, gedanfenvol an,
beugte fich über fie und küßte ihre Stirne, indem er
Das Käthchen von Heilbronn. 367
ſagte: „Der Herr ſegne Dich!“ und ſchritt aus dem
Haufe. — In dem Augenblide aber, wo er den Streits
hengſt beſtieg und davon ritt, warf fie ſich mit aufges
bobenen Händen, vom dreißig Fuß hohen Söller auf
das Pflafter herab, gleich einer Wahnfinnigen, und brady
fid) beide zarten Lendchen dicht über des Knierunds elfens
beinernem Bau. Der Ritter indeffen fah wohl, daß
ein. Getümmel vor dem Haufe entftand, wußte aber
nichts von deffen Urfache und bielt feinen Weg nicht
länger - auf. .
Die Fehde mit dem Pfalzgrafen endigt zur
Zufriedenheit der Bürger von Heilbronn, und ward
bald durch andere Abenteuer: in dem bewegten Leben
des Ritters erfegt. Als es fchon hoch im Sommer
war, befand er fich eined Tages auf einer Reife nach
Straßburg und hatte die Kühlung des Rheines gejucht,
am fih im Schatten einer Felswand auszuruhen. —
Er erwachte nach Furzer Ruhe und fand — Käthchen
fchlummernd zu feinen Füßen liegen, ald ob fie vom
Himmel herabgefchneit wäre; haflig fagte er zu den
Knechten: „was Zeufel, das ift ja das Käthchen von
„Heilbronn! Bei diefen Worten fchlug fie die Augen
auf, und band fid) das Hütlein feit, das ihr vom Kopf
gefallen war, und benahm fich gerade, ald ob fie in
ihrer Mutter Laube vom Schlafe überfallen worden
wäre. Als der Ritter fie fragte, wie fie fo weit von
Heilbronn daherfäme, fagte fie: „Hab' ein Geſchäft,
„geftrenger Herr! das mich gen Straßburg führt, und
„es ſchauerte mich allein im Walde, da fchlug ich mich
308 Das Käthchen von Heilbronn,
„zu Euch.“ Der Ritter Tieß fie mit Erfrifchungen vers
forgen, dang ihr einen Boten, der fie nach Straßburg
geleiten follte, und ſchwang fich auf feinen Rappen, um
weiter zu reiten. Abends erreichte er die Herberge und
wollte ſich eben zur Ruhe legen, als Gottſchalk, fein
Knecht, zu ihm eintrat und ihm meldete: das Mädchen
fei unten und begehrte in feinen Ställen zu übernach⸗
ten. Der Ritter befahl Gottichalfen, ihr eine Streu
unterzulegen, und wendete fid) zum Schlafen. Am au
dern Abende war ed gerade wieder eben fo — und
im ganzen Verlauf feines Streifzuges nicht anders,
Der Ritter litt e&, um des alten Mannes willen, und
Dachte, komm' ich einmal nad) Heilbronn, fo wird er
mir's danken, wenn ich ihm die Tochter mwieberbringe.
Gottfchalf hatte aber dad Mädchen lieb gewonnen, wie
eine Tochter, und pflegte fie auf alle Weiſe.
Sn Straßburg wohnte der Graf im Erzbifchöfs
lichen Pallafte, und wunderte ſich, daß ſich Kaͤthchen
auch dort eingefunden, als ob fie zu feinem Troß ges
‚böre; auch war es ihm keineswegs genehm, und eines
Tages, da er fie auf der Stallfcywelle fah, trat er zu
ihr und fragte fie, was für ein ©efchäft fie in Straß
burg treibe? Käthchen ward flammenroth und fagte:
„Geſtrenger Herr! The wißt es ja.” Das Fam ihm
beinahe vor, als hätte das Kind ed auf ihn felber ge
münzt, und er befchloß, auf der Stelle einen Boten
nach Heilbronn zu fenden, um den Bater zu benachride
tigen, baß das Käthdhen bei ihm fei, und daß er möge
in wenigen Tagen nad) Schloß Strahl fommen, um
fie abzuhohlen. .
Das Käthchen von Heilbronn, 369
. Den Alten aber traf die Botfchaft in einer nicht
fehr freundlichen Gemüthöftimmung, denn er wußte fich
die ganze DBegebenheit mit Käthihen und dem Nitter
nur durch eine böfe Zauberei von Seiten bed Leßteren
zu erklären.
Als er fie mit zerbrochenen Gliedern auf feinen
. Armen in ihr Bett getragen hatte, Tag fie fechd Wochen,
ohne ſich zu regen, in der Gluth des hißigen Fieberd —
auch entlocten ihr nicht einmal die Phantafien ihres
Gehirns ein Wort, woraus man auf ihre Gedanken
hätte fchließen können; kaum aber hatte fie fich ein
wenig erholt, als fie ihr Bündel fchnürte und mit ben
erfien Strahlen der Morgenfonne in bie Thüre trat.
Wohin, fragte die Magd. „Zum Grafen Wetter vom
Strahl” antwortete fie, und verſchwand.
Thränenlos faß der verlaffene Vater da und zürnte
feiner Tochter; aber zumeift dem argen Berführer feines
füßen Kindes. Als endlich deſſen Botfchaft kam, machte
‚er fih eilig auf den Weg, um fie abzuholen und aus
feinen Klauen zu befreien. Der Graf empfing Fried⸗
born eben fo freundlich, als biefer entrüftet vor ih
trat, ja der Ietttere trieb den Verdacht gegen ben durchs
ans fchuldiofen Edelmann fo weit, daß er beim Eintritt
in feine Thüre die Hand nad) dem Weihkeſſel ausſtreckte,
und ihn mit dem Waſſer defielben befprigte., Der Graf
erzählte ihm ohne Arg den ganzen Hergang und führte
ihn dann in ben Stall, wo Käthchen ein Waffenſtück
reinigte, um dem bekümmerten Vater feine Tochter zu
übergeben. Aber die hatte kaum den alten Mann ers
blickt, als fie kreideweiß dem Grafen zu Füßen fiel und
94
370 2 Das Käthihen von Heilbronn.
ihn bat, fie vor dem eigenen Bater zu fchüßen. Frieds
born ftand da, wie eine Salzfäule, und ehe der Graf
noch zur Befinnung fam, warf jener ihm den Hut in’d
Geficht, ald wollte, er ein Gräuelbild verfchminden
machen; dann aber eilte er ſelbſt von dannen, als feße
die Hölle ihm nad).
Er wußte von einer Gerichts⸗Verſammlung edels
geborner Männer, die unpartheitfch über Hohe und Nies
dere urtheilten. Bor dieſem Vehmgericht eilte er, den
Örafen, ald der Zauberei und des Mädchenraubes
fehuldig, anzuflagen. Der Graf erfchien auf die erfte
Borladung und brachte die zagende Sungfrau, Die eben
falls berufen worden, mit; aber er wußte burch bie
einfache, der Wahrheit getrene Erzählung ber ganzen
Gefchichte die Richter von dem Ungrunde bes auf ihm
laftenden Verdachtes der Zauberei auf das bündigfte zu
überzeugen, und gegen die Anklage der Verführung
vertheidigte ihn des Mädchens fleclenlofe, von feinem
Hauch getrübte Unfchuld, die vor der hohen Verſamm⸗
lung der Vehm durch die verfänglichfien Kreuz⸗ und
Duerfragen fonnenflar an den Tag Tam.
Graf Wetter vom Strahlmurde freigefprochen
und nachdem er Käthchen verboten hatte, fich je wieder
bei feiner Burg blicken zu laſſen, ward dem alten Frie
deborn der Leib feines Kindes zur ferneren väterlichen
Pflege übergeben, während ihre Seele, die fich außer
dem Bereich menfchlicher Gewalt befand, nach wie vor
bei ihrem „hohen Herrn“ verbdlieb, der wie ein Wetter
ſtrahl im ihr junges Herz eingefchlagen und es ganz
und gar entzündet hatte. Aber auch er war, troß feiner
Das Käthchen von Heilbronn. 371
"anfcheinenden Gfeichgältigfeit und Härte, doc fchon
laͤngſt durch die Anhänglichkeit und die Reize des hoks
den Kindes tief gerührt; nur vermochte ihn Dreierlei,
die Gefühle, die ſich in feiner Bruft regen wollten, zu
unterdrücden. Das Eine war: die Ehrenfeftigfeit feines
ganzen Weſens, Die ed ihm nimnmermehr erlaubt hätte,
der reinen Sungfrau auf eine unehrerbietige Weiſe zu
nahen; — fie aber als eheliche Gemahlin heim zu füh—
ren, daran hinderte Ihn das Zweite, was fich feinen
geheimen Wuͤnſchen in den Weg ftellte, nemlich die Vor⸗
urtheile feined Standes; — das Dritte war ein Ges
heimniß zwifchen ihm und Gott, aber da es fpäter Doch
an das Licht gefördert wurde, fo mag ed der Mund
der Sage bier erzählen.
In jener Spyloefternacht, in der ber Graf vom
Strahl todtenähnlich auf feinem Bette lag, meinte er,
ein Cherub fei zu ihm getreten, habe ihn fanft an der
Hand genommen und ihn Durch Die Nacht in das Schlafs
. fammerlein eines Mädchens geleitet, das fchlafend im
bloßen Hemdchen auf einem weißen Bettchen mit roths
wollener Dede lag; das holde Kind habe ihn bei feinem
Eintritte mit großen, ſchwarzen Augen angefehen und
babe gerufen: „Elsbeth!“ darauf fei fie, vom Purpur
der Freude über und über fchimmernd, aus dem Bette
geftiegen und habe ſich auf die Kniee vor ihm nieders
gelafien und ‚‚mein hoher Herr’ gelispelt; ber Engel
habe ihm darauf gefagt, daß das Kind eine Kaiſers⸗
tochter fei, und ihm ein Maal gezeigt, dad ihr röthlich
auf dem Nacken gezeichnet ftand, indem er fagte: daran
magft du fie erfennen; als er ihr aber ind Antlıg habe.
372 Das Käthhen von Heilbronn.
ſchauen wollen, um noch ein beffered Kenttzeichen zu
haben, feien die Mägde mit Licht gekommen, und alles
fei verſchwunden geweſen; er aber habe, nachdem er
bie Augen aufgefchlagen, auf Schloß Strahl auf dem
Bette gelegen, an dem feine Mutter und Baſe weinten,
Nie hatte der Graf irgend jemanden etwas von dieſer
Gefchichte mitgetheilt, aber fie Deswegen nicht minder
tief im Herzen bewahrt; er war fo überzeugt, daß ihm
som Himmel felbft eine Kaiferstochter beftimmt war,
Daß er an Feine andere Sungfrau denken zu dürfen
glaubte, und daher jede Regung, die zu Käthchens
Gunſten in feinem Innern ſprach, ſchnell zum Schweis
gen brachte; fo fehlug er fich denn die ganze mehr är
gerliche ald angenehme Geſchichte, fo gut ed ging, and
dem Sinne und lag feinen Fehden und fonftigen Ger
fchäften ob.
Als Käthchen fich von ihrem Ritter getrennt fah,
verlangte fie nichts mehr auf dieſer Welt, als von feis
nem Freunde, dem Prior eines Auguftiner Kloſters,
geführt zu werden, um von ihm zum Eintritt in ein
ihr befanntes Urfulinerinnen-Klofter vorbereitet zu wers
den. Der Vater erfüllte ihren Wunfch mit tiefem Kum⸗
mer, und ald fie eines Abends Dicht vor Den Pforten
ded Auguftiner-Kloflerd angefommen waren, übermannte
ihn der Gedanke, fein Kind auf immer und immer ind
Kloſter zu vergraben, fo fehmerzlich, daß er ihr felbk
vorſchlug, wieder nad, der Strahlburg zu gehen, um
fid, Dort unter dem Hollunderftrauch am Abhange bei
Felſens, wo fie am liebften zu ſitzen pflegte, die Sache
noch einmal zu überlegen, Käthchen fah ihn mit großen,
Das Küäthihen von Heilbronn. 373
traurigen Augen an, und fagte: ich Darf es nicht th,
der Graf hat ed mir verboten. Als nun der gute Bas
ter fi erbot, zu ihm zu gehen, und ihr die Erlaubniß
dazu auszuwirken, da erfannte fie Die Macht der väter
fichen Liebe, und entfchloß fi von Stund an, nicht ins “
Klofter zu gehen, aber noch weniger zu dem Hollunders
ſtrauch, fondern nur ihr Gebet bei dem Prior zu verrichten
und dann wieder nach Heilbronn mit dem Vater zu ziehen.
Graf Wetter vom Strahl war um eined Befiks
thums Willen in Fehde mit einem Nheingrafen vom
Stein. Diefer hatte, da er mit offener Gewalt wes
nig ausrichten" konnte, einen Knecht gedungen, ber
fih auf Strahlburg einſchlich und dort Dienfte er=
Kangte, aber in ber verrätherifchen Abficht, bei Gele
genheit feinem eigentlichen Herrn von Nuten fein
zu koͤnnen. Der Augenblid war gekommen und ber
Rheingraf fandte zwei Boten mit. zwei Briefen aus,
den einen an Peter Quan,;, den verrätherifchen Knecht
auf Strahlburg, worin er ihm fagte, daß er Schlag 12
mit feinem Kriegshaufen vor dem Schloffe fein, und ſei⸗
ner Hülfe von Sunen harren würde; — den Andern an
‚ ben Prior Hatto von eben dem Auguftiner Klofter,
in dem Käthihen Die Nacht zubringen wollte, die Bots
schaft enthaltend, daß er noch fpät am Abende zu ihm
Fonmen würde, um die Abfolution zu empfangen. Die
Fügung des Himmeld wollte e8 aber fo, daß Die
Briefe verwechfelt wurden, nnd daß Käthchen auf Diefe
Art hinter den ihren Ritter bedrohenden Anfchlag Fam.
Keinem Menfchen trauend, und die fchon herabgefunfene
Nacht nicht fchenend, machte fie fich flugs auf den Weg
374 Das Käthchen von Heilbronn.
nach Strahlburg und wäre fiher nicht mehr ın das
Schloß gedrungen, wenn Gottſchalk fie nicht erblidt
und vor den Ritter geführt hätte. Diefer war gewals
tig unwirſch, als er. zu fo fpäter Stunde, und gerade
ald er glaubte ſich auf immer von ihr losgemacht zu
haben, das Mädchen auf feiner Burg erblidte, und
ſchalt Gottſchalk, den Knecht, aber zumeift das arme
Käthchen, Die er eine landflreicherifche Dirne nannte
und ‚gar nicht zu Wort fommen ließ; und als Diefe
dennoch den Brief emporhielt und durchaus gehört fein
wollte, nahm er bie Peitfche von der Wand um fie
hinaudzutreiben, beun er Dachte in dieſem Augenblide
mehr an die Anklage vor dem heimlichen Gerichte und
alle Berlegenheiten, die ihm die Liebe des Mädchens
fhon verurfacht hatte, als an die Pflichten der Nitter:
lichkeit. Endlich gelang es Käthchen troß feinem Toben
und Zürnen ihm den Brief durch Gottjchalf in Die Hand
zu bringen, da faßte denn freilich eine ganz andere
Erfenntniß und tiefe Neue dad Herz bed Ritters; er
fah, von welcher Gefahr er durch dad heldenmüthige
Mädchen errettet war, und traf flugs Maßregeln, um
den Ueberfal der Burg zu verhindern, was ihm aud
ohne Mühe noch gelang. Das fchwerere war, die Aus
gen vor Käthchen aufzufchlagen, die er fo mishandelt
hatte, während er ihr fo viel verdankte; freilich begegs
nete er ihr freundlich und fuchte fein Unrecht wieder gut
zu machen, aber Käthchens Herz wußte nichts von Groll,
benn was konnte der ihre von Gott durch feinen Cherub
augeführte Herr Unrechted gegen fie begehen; von ihm
kam Alles recht, wie es Fam.
Das Kaͤthchen von Heilbronn. 375
Kaͤthchen verließ ihren Ritter nun nicht mehr; fie
brachte ihm die Waffen, wenn er ind Treffen wollte,
fie folgte ihm durch Wald und Feld, Aber Bäche und
Berge, und ed mar nicht mehr bie Rede davon, daß
fie nach Heilbronn zurüdfehren follte; der Graf that,
als ob er fie nicht bemerkte und ließ fie gewähren, zus
dem mußte er, daß fie an dem alten Gottfchalf einen
treuen Schuß hatte. Als nun wieder Friede in der Burg
war, zog Kätlichen auch wieder ein und wohnte wieder in
dem Stall, aber am liebften bettete fie fich unter dem Hols
Iunderftraudy vor der Burg; dort hatte fie ſich unter
den Zweigen des Baumes ein Hüttchen gebaut; und
wenn die Sonne heiß vom Himmel brannte, fand fle
unter feinem Laubdache Kühlung. Gottfchalf hatte manch⸗
mal bemerkt, daß ihre Träume nicht ſtumm feien, und
daß man fie wohl im Schlaf, wie Nachtigallen in der
Sommernadht, flüftern hörte; er erzählte diefen Umſtaud
feinem Herrn, der fich mancherlei Gedanken darüber
machte.
Es war an einem fohwülen Nachmittage, als der
Ritter einft allein aus feiner Burg trat und den Weg
zu Käthchens Hollunderbaum fand; da lag fie fchlafend,
mit-rothen Baden und verfchränften Händchen, er jah
fie lange gerührt an und befchloß dann zu verfuchen,
ob es ihm nicht möglich fei zu ergründen, warum bies
Mädchen, das beftimmt fchien, den herrlichen Bürger
von Schwaben zu beglücen, ihm gleich einem Hündchen
durch Glück und Elend folgen mußte, Es war ihm,
sd müſſe fie ihm eine Frage im Schlaf beantwortei,
Die er oft wachenb gethan, aber auf die fie nie etwas
376 Das Kuaͤthchen von Heilbronn.
anders erwiebert hatte, ald: „ei, geſtrenger Herr, She
wißt's ja,” Er nahte ſich ihr leife, kniete vor ihr hin,
und legte feine Arme fanft um ihren Leib; er fing an
fie allerlei zu fragen, worauf fie zufammenhängende
Antworten gab: endlich Fam er mit feinem Hauptanlies
gen: „Du bift mie wohl recht gut?” Gewiß, fagte
Käthchenz „Aber ich dir, was meinft Du, ich dir nicht?”
Ach geh’, lächelte fie, du bift verliebt in mich wie ein
Käfer, Der Ritter erfchraf, denn fie hatte es wahrs
haftig getroffen, nur wunderte ihn ihre Zuverficht. Er
fragte weiter und weiter, und was erfragte er? Was
fah er, ald er ihr Tuch fanft von ihrem Halfe wegfchob 9
Ein Maal, wie ed der Cherub ihm gezeigt. Und Käths
chen war das Mädchen, die er in ber Sylveſter⸗Nacht
gefehen, und er war der Ritter, bem fie in der Solveſter·
Nacht zu Füßen gelegen hatte,
Endlich erwachte fie und erfchraft, von ihm im
Schafe überrafcht worden zu fein; fie glaubte, er würde
ihr zürnen, aber er war gedankenvoll und weich, unb
als Gottſchalk dazu fam, befahl er ihm, der Jungfrau
ein Gemach auf der Burg anzumeifen.
Seine einfamen Stunden waren fortan von einem
Gedanken erfüllt: wie Käthchen des Kaifers Tochter
fein könne; daß ed aber fo war, war ihm fo gewiß,
als daß der Himmel fich über der Burg mwölbte, und er
nahm auch feinen Anfland, e8 mehreren Perfonen, ihren
Rath heifchend, zu vertrauen. Aber niemand konnte ihm
fagen, wie ein folh Geheimniß zu ergründen fey?
Darüber brütete der Graf noch, als eine Botfchaft ihn
an den Hof bed Kaiſers nach Worms entbot. Fried⸗
Das Käthchen von Heilbronn 377
borit, der von dem heimlichen Gerichte abgewieſen wors
den war, und num fein Kind aufs Neue verloren fah,
ja dem e3 fogar zu Ohren gefommen, daß der Nitter
fein Käthchen für des Kaiferd Tochter audgab, und das
durch dem guten Ruf feiner Iängftverfitorbenen Frau zu
nahe trat, zögerte nicht fich dem Throne der höchiten
irdiſchen Majeftät gegenüber zu ftellen, und feine dop⸗
yelte Klage anzubringen. Den Kaifer entrüftete eine
ſolche Handlungsweife auf das Höchfte, denn war er
ſich auch mancher Heinen heimlichen Sünde bewußt, fo
gefiel ed ihm doch übel, der fonft ein gerechter Herr
war, ſich fo öffentlich blosgeſtellt zu ſehen.
Den Grafen traf diefe Veröffentlichung feiner ge=
heimften Angelegenheiten ebenfalls höchſt widrig, und
er befann fich nicht vor Gericht zu erklären, daß es nie
feine Abficht gewefen fei, einem folchen Gerücht irgend
Wichtigkeit zu geben. Der Kaifer wollte ſich auch mit
biefer Erflärung begnügen, aber Friedborn drang mit
dem höchften Eigenfinn auf einen Kampf auf Tod und
Leben mit dem Grafen; diefem riß endlich die Geduld,
and er rief laut und öffentlich aus: Käthchen fei feines
hohen Kaiferd Kind, und er werde ed Augenblicks mit
‚dem Echwerte beweifen. — Er zog und zwei Züge mit
feiner gewaltigen Klinge reichten hin, ben alten Mann
zu entwaffnen, dem er Fein Leides anthat.
Ald der Kaifer die Waffen feines Anflägers alfo
fiegreich fah, floh dad Blut aus feinen Wangen, aber:
ein Licht entzündete fich in feinem Gedächtniffe, denn
er erinnerte fich allerdings, vor fiebenzehn Sahren zu
ber Vermählung feiner Schweiter, der Pfalzgräfin, in
78 Das Käthhen von Heilbronn.
Heilbronn gewefen zu fein, und bei einer Volksfeſtlich—⸗
feit allerlei heimliched mit einer fchönen Bürgersfrau
im Schatten einer Laube gefchwagt zu haben; zum Ab-
ſchiede gab er ihr, die ihn nicht kannte, eine Schau—
münze, und ald er darnach forfchte, fand es ſich, daß
Käthchen diefelbe Münze auf dem Sterbebette von ihrer
Mutter empfangen habe. Der Kaifer, nachdem ihm
died den Sinn durchdrungen hatte, nahm fich vor, bie
Sache gütlich beizulegen, damit nicht ein zweiter Cherub
herniederfteige und das Geheimniß vor aller Welt ver:
künde. Er bat dein gebeugten Friedborn, ihm Dies Kind
abzutreten; um allen ärgerlichen Gerüchten ein Ende
zu machen, werde er Käthihen von Heilbronn als feine
Dflegetochter, Katharina von Schwaben, mit dem Wet:
ter vom Strahl alsbald und mit großem Pomp vers
mählen. Friedborn fünne aber alddann feine alten Tage
bei dem jungen Paare in Ruhe verleben.
Ein folder Vorſchlag befriedigte die flreitenden Pars
theien, und wenige Zage nachher erglänzgte der Schloßhof
von allem Pomp der Ritterfchaft, und unter glänzendem
Baldachin erfchien befcheiden das füße Käthchen als bie
erforne Braut des Grafen Wetter vom Strahl.
Der Sennengraben,
Nicht weit von der Burg Winde Tiegt eine Meierei,
der Hennengraben genannt. Zwifchen den fröhlich grüs
nenden Weinreben und den hohen dunkeln Kaftanien«
bäumen find noch die Spuren eined Graben zu erfens
nen, welcher fich um ein Borwerf des Schloffes herzog.
Zur Zeit, ald der Dechant an der Domfirche zu Straßs
burg auf Winde gefangen faß, wohnte unten im Wolfs⸗
bag in einer Mooshütte eine hochbetagte Frau, welde
von den Ummohnern das Waldmweiblein genannt wurde,
Sie fannte viele verborgene Dinge und auch die geheis
men Heilfräfte der Pflanzen und Wurzeln, und die
wilden Thiere des Waldes thaten ihr nichts zu leide,
fondern fchienen vielmehr ihrer Stimme zu gehorchen.
Ihr ganzer Reichthum beftand in einigen weißen Hühs
nern von ungewöhnlicher Größe, die fi ihr Futter im
Walde fuchten.
35V Der Hennengraben,
Eines Tages faß die Alte vor ihrer Hütte, da fas
men zwei wunderfchöne Knaben des Weges daher. Eie
waren müde und traurig und fragten nad dem Wege
zu der Burg. Die Alte hieß fie freundlich willkommen,
nnd gab ihnen Obſt und Brod zur Erquidung. Der
jüngere, ein Knabe von dreizehn Sahren, ließ ſich's
wohlfchmecen, aber der ältere, der zwifchen ſechszehn
und achtzehn Sahren flehen mochte, hielt niedergefchlas
gen feinen Apfel in der Hand und Thränen traten ihm
in die Augen. Er fuchte fie jedoch zu verbergen, ging
zu dem nahen Felfenbrünnlein und wufch fich dag Ges
fiht mit dem Haren frifchen Bergwaffer. Wie die Roſe,
die der Than erfrifcht hat, fo glänzten jest feine Wans
gen im blühenden Sugendroth, und dad Waldweiblein
ſchaute ihn wohlgefällig an und fagte: „Du bift gewiß
fein Knabe, fondern eine Sungfrau; aber habt Ders
trauen zu mir, Kinder, und fagt mir, wo Eure Eltern
wohnen, und was Euer Begehren anf Winde iſt?“
Die Kinder fingen beide zu meinen an, und ber
ältefte erwiederte: „Wohl bin ich ein Mägdlein, und
heiße Imma von Erftein, und Dies ift mein Bruder. —
Unfer Ohm, der Dechant von Straßburg, hat uns bie
jegt väterlich erzogen, und nun liegt er da oben auf
der Burg gefangen, und wir wollen den Burgherrn
bitten, daß er ihn frei gebe, |
Bringt ihr denn Löfegeld ? fragte die Alte. Ad,
antwortete die Sungfrau, indem fie ein Diamantened
Kreuz aus dem Buſen z0g: ich habe nichts ale dieſes;
aber wir wollen den Windecker bitten, daß er und ald
Geißel behalte, bis der Ohm fidy gelößt haben wird,
Der Hennengraben, 381
„Nun fo will id) den Dechant Iosfaufen, fagte das
TWaldweiblein und ftreichelte der Sungfrau die Locken
aus dem Geficht. Hört mid, Kinder. Die Straßburger
werben eheitend anrüden und die Burg belagern. Noch
Diefe Nacht habe ich zwei Kundfchafter belauert, die füch
hier im Dickicht verftedt hielten. Sie hatten die Gele—
genheit der Burg gut audgefpäht und befonders bie
fhwache Seite bemerft, drüben am Tannenwald, wo
das fteinerne Todtenkreuz fteht. Geht hinauf zu Herrn
Reinhard, dem jungen Ritter auf Windel, und fagt
ihm, er folle dort eilig einen tiefen Graben aufwerfen
laſſen, und noch heute, denn ich fürchte, die Feinde möch⸗
ten noch diefe Nacht heranziehen.
Aber wird ber Ritter auch unfern Ohm frei geben?
fragten die Kinder.
Ich gebe euch ja ein LXöfegeld, erwiederte die Alte,
Sie HHatfchte jet in die Hände, und von allen Seiten
flogen und trippelten ihre weißen Hühner herbei. Sie
nahm eins berfelben, und gab ed Imma mit den Wors
ten: Diefe Henne bring’ dem Ritter Reinhard auf Wins
deck, damit er den Dechant von Ochſenheim freigebe.
Die Kinder fchauten fie verwundert an.
Thut wie ich fage, fuhr die Alte fort. Der Ritter
fol! die Henne, fobald die Sonne heute untergegangen
ift, bei dem Kreuze niederfeßen, wo die Feinde den
Angriff machen wollen. Er hat auf feiner Burg nicht
Hände genug, den Graben noch tief und breit genug
graben zu laſſen — meine gute Henne aber wird’ zu
Stande bringen. „Bei diefen Worten freichelte fie das
Thier, und fang in leifen, kaum vernehmlichen Tönen:
382 Der Hennengraben.
Hör’, was ich fag’,
Wenn fich neigt der Tag,
Mußt dir graben tief und breit,
Mußt fcharren die Erd’ heraus
Bid zu dem Todtenhaus,
Bid zu dem Heldenfchwert,
Welches Fein Roſt verzehrt.
Geh, und vor Mitternacht
Sey noch das Werk vollbracht!”
Smma nahm die Henne nicht ohne Grauen, aber
die Alte war fo freundlich und treuherzig, daß fie doch
Bertrauen gewann. hr Bruder zeigte nicht Die min-
defte Furcht, und freute fi fogar ded wunderbaren
Schaufpield, welches die Henne ihm geben follte. Sie
hatten faum die Hälfte des Berges erftiegen, auf beffen
Spitze die Burg Tag, als ihnen ein junger Ritter ent
gegen fam. Er war von fehr edler Geftalt, und obs
gleich der ftile Ernft in feinem Wefen die Sungfrau
ein wenig erfchrecte, fo benahm ihr doch bald der milde
Ton feiner Stimme alle Beſorgniß. Auf feine Frage,
wer fie feyen, und was fie auf feiner Burg fuchten,
antwortete Imma:
„Edler Ritter, Shr haltet unfern Ohm, den Dechant
von Straßburg, gefangen. Er ift auch unfer Bater,
denn wir haben feine Eltern mehr, und darum bitten
wir Euch, ihn frei zu geben und und ald Geißeln zu
behalten.’ "
Der Ritter fonnte feine Rührung nicht verbergen.
Er betrachtete die Kinder, eins um's andere, und fein
Blick vermweilte zuerft unmwillfürlich auf der weißen
Der Hennengraben. 383
Henne, welche Imma trug. Eie- erröthete und erzählte
in abgebrochener Rede, was es damit für eine Bes
wandniß habe.
Der Windeder hörte ihr aufmerffam zu. Seine
Blide wurden immer forfchender und die Sungfrau ges
rieth in fichtbare Verwirrung. Shre Worte waren ohne
Zufammenhang; ihr Bruder bemerkte es und wollte
einhelfen:
Imma, ſo ſagte die Frau nicht.
Imma erglühte bei dieſer Rede, als ſchlüg' ihr eine
Flamme ins Antlitz. Edle Jungfrau, ſagte der Ritter,
in Gottes Geleite ſeyd Ihr hierher gekommen, und im
Schutz meines Arms ſollt Ihr hier weilen und wieder
heimkehren, ſobald es Euch gefaͤllt. Jetzt kommt, und
bereitet Eurem Ohm eine fröhliche Ueberraſchung.
Während Imma und ihe Bruder beim Dechant
waren, betrieb der Ritter die Bertheidigungsanftaften
feiner Burg. Wohl fannte er die ſchwache Geite am
Zannenwald, und ließ auch bereits feit einigen Tagen
an einem Graben dafelbft arbeiten. Allein die Zeit war
furz, die Botfchaft des Waldweibleins ihm daher höch⸗
Sicht willfommen, und wenn er alle Umftände übers
Dachte, mußte er großes Vertrauen darein feßen. Al
die erften Sternlein am Himmel blinften, trug er die
Henne zu dem Todtenfreuze, wo fein Großvater gefallen
und begraben worden war. Mit dem Schlag der Mits
ternachtftunde begab er fich wieder an den Ort, und.
fand zu feinem Erftaunen einen tiefen und breiten Gras
ben mit einer Bruftwehr, und im Eternenfchein blinfte
ihm dad Schwert feined Großvaters entgegen, welches
384 Der Hennengraben.
man dem ©eftorbenen mit ind Grab gegeben hatte.
Die Henne war verſchwunden. Gegen Morgen rüdten
auch bereits die Straßburger in drei Haufen heran — .
fie waren zu einem Sturme gerüftet, aber der Graben
ber Henne vereitelte ihre Abfiche und fie wurben mit
großem Berluft zurüdgefchlagen.
Imma hatte inzwifchen auf das Herz bed Nitterd
von Windel einen großen Eindrud gemacht, und bie
Sungfrau war auch gegen ihn keineswegs gleichgültig.
Allein der gefangene Dechant wollte von einer Berbins
bung zwifchen Beiden nichts hören. Als jedoch der
Zwift vertragen war, wurde Imma des Windeders
Gattin und im Münfter zu Straßburg legte der Dechant
ihre Hände in einander.
Der Hennengraben hat ben Namen beibehalten: doc
bie Sage davon fiheint fich immer mehr zu verlieren.
-
Siegfried und die Wibelungen.
wie Siegfried den Drachen erfchlng und höruen ward,
Auf ber Burg zu XRanten am Rhein herrſchte Siegemund, ein Rbs
nig im Niederlande. Sein Gemahl Siegelinde war ihm mit einem
Knäblein geneſen, das fie Siegfried nannten. Maͤchtig wuchs dieſer
beran, und erfreute fein trußiger Sinn auch den Water, der in
ihm fchon den Lünftigen Helden ſah, fo machte er dagegen Trau
Eiegelinden viel Betrübniß, denn der junge Siegfried träumte nur
Kampf und Gefahr, achtete wenig ber Mutter fanfte Lehren, und
war nie froher, als wenn er fich wild herum tummeln, und feine
Kraft erproben konnte. Wenn des Waters Reden gefandt wurden
zu Strauß und Fehde, drang der Knabe immer in den Vater, ihn
mit hinaus ziehen zu laffen, doch warnte Here Siegemund, daß er
noch zu jung fei, und die Zeit abwarten müffe, Dies verdroß Sieg⸗
fried gar fehr, denn er fühlte Kraft im Arm, und Muth in der
Seele und immer 309 und lockte es ihn in der Zerne, wo die blauen
Berge ihre Häupter in die Wollen hoben.
Seinen Trotz Tonnte des Vaters Willen und ber Mutter Bitte
nicht bändigen, und fo fgritt der Züngling eines Morgens in ber
25
*
386 E Siegfried und die Nibelungen.
Fruͤhe hinab von ber Burg zu Xanten, und frohgemuth ber Sonne
entgegen. Des Rheines Strom folgend, 3098 er zu Berg, nicht
Burg noch Städte achtend, bie er auf dem Wege antraf. Die
dunkeln Berge waren fein Biel. Am britten Tage gelangte er
zu dem mädjtigen Bergforft am Rheine, dem Siebengebirge
Dhn Bangen und Zagen eilte jung Siegfried in ber Waldung
Dunkel; fein Stecken machte ihm Bahn durch Geflrüpp und Ge:
buͤſch über Zelfenfchlünde und Bergwaſſer.
Als die Sonne aber hoch im Mittag ftand, und ee noch keinen
Ausweg aus dem Dickicht gefunden, war es ihm doch lieb, als er
hoch über den Eichen eine Rauchfäule aufwirbeln ſah. Ihrer Rich⸗
tung folgte er, und bald fchallte ihm kraͤftiger Hämmerfchlag aus
einer tiefen Zelfenktuft entgegen. Wie freute es ihn, als er tk
Funken fo gewaltig herumfprühen, und das Feuer auf der Eſſe
auftodern ſah! Ich möchte auch wohl ein Schmied werben, dachte
er bei fih, und trat mit dem Begehr zur Schmiede. Wie Yachten
bie Sefellen beim Anblick bes bartlofen Fanten, und zur Kurzwell
ſprach Meiftee Mimer, der bier feine von allen Kämpen geprie:
fenen. Waffen fehmiedete: Gr möge eintreten, und ſich einmal ver:
fuchen. Den wuchtigften Hammer reichte man Giesfrieben, aber
but, wie flog das Eifen in GStüden durch die Werfftätte, als er
leicht den Hammer ſchwang. Der Meifter wollte Einhalt rhun,
‚aber Siegfried haͤmmerte drauf zu, daß dee Ambos in den Boden fuhr.
— Wohl fürchteten da ber Meifter und feine Leute den jungen Ge⸗
ſellen, denn als ſie ſeinem Beginnen ſich widerſetzten, warf er ſie
insgeſammt zur Erde, daß ihnen das Aufſtehen ſchwer ward.
Jung Siegfried blieb in der Schmiede, aber auch die ſtaͤrkſte
Eiſenſtange widerſtand feinem Schlage nicht, und mancher Ambos
fuhr noch in den Grund. Meiſter Mimer, voll Ingrimm, waͤre
feiner gern los geweſen; wie ihn aber fortbringen? Endlich beſchloß
er, ihn tief in den Wald zu fenden, wo ein grimmer Lindwurn
bauste, um fo ein elendiglich Ende zu finden. Du ſollſt mir im
Borfte Kohlen brennen, ſprach eines Abends ber Meifter zum Juͤng⸗
Stegfried und Die Nibelungen 387
fing, mache Dich‘ morgen vor der Sonne auf, denn wir bebürfeg
ipree ſehr, Die Stetle wirft du finden, wo bie ſchoͤnſten Birken
und Buchen blühn, fie liegt veh dem Sihein, am hoͤchllen Fela.
Mie der Meiſter befohlen, fo that Siegfried. Eichen⸗ und Buchen⸗
ſtanme krachten und brachen unter feiner Jauſt, und waren Se
noch ſo ſtark. In kurzer Friſt hatte er feinen Meiler farig und
augeſchuͤrt. und wis er fish nun fo unter dem Laubdache einer
Linde niedergeſtreckt hatte, ſich von feiner Arbeit zu exholm, de
ſchoß der Linddradhe auf ihn zu. Jung Siegfried brach fich ader
raſch einen Eichenſtamm, und erſchlug ihn, wie wild das Ungethüm
fich auch gebärbete, und 303 ihn zu dem brennenden Meiler, Als
er nun fah, wie aus’ dem Draden das Fett quoll, warf er noch
manch brennend Scheit Zu, und in Strömen floß das Drachenfett
bis zu der Einden. Ein weniges ermübet firedte fi Glegfrieh
unter der Linde nieder, zu kurzer Haft. Und wie ee nun fo da lag,
fißtete hoch in des Baum's Gezweige eine Nachtigall, und wie er
auſhorchte verſtand er gar wohl, wie fie fang:
Wer babet fi im Drachen: Born,
Dep’ Leib wirb feſt, de’ Haut wird Ham,
Ge'n jede Waff’ if er gefeit,
Gern jede Bahr und jedes Leid,
Der SZüngling legte fein Gewand ab, und badete fich in der
Fluͤſſtgkeit, doch fiel ein Blatt von ber Linde ihm auf bie rechte
Schulterz und wurde er auch am ganzen Leibe hörnen, ſo doch
nicht an der Stelle, wo das Blatt gelegen und Kein Bett hinge⸗
ronnen wat.
8 er num mit feinem Meiler fertig war, fehärte er fich einen
Sack von Roblen, riß dem Lindwurm das Haupt ab, und machte ſich
getroft wieber auf den Weg zur Schmiede,
Aber wie erſchraken die Gefellen als fie Ihn von dem Walde
bertommen fahen. „Meiſter, Meiſter, ferien fie, „jung Siegfried
bat den Drachen erfchlagen, jest gnade uns Gott!” Metfter Mimer
weite in arger Liſt dem jungen Gefellen entgegen ‚gehn, und mit
388 Siegfried und die Ribelungen:
freundlicher Rebe ihm empfangenz ber aber ſchlug ihn au Woben,
daß er auch nie davon genaß, und fo auch alle bie argen Gelee,
die fich in der Schmiede verkrochen.
Luftig fchhete jung Siegfried dad Feuer auf der Effe, und
wirkte mit flarker Zauft aus dem feſteſten Stahl und Eifen eis
wuchtiges Schwert und einen Panzer, Halsberge, Schild und Helm,
. wie es dem Ritter ziemt, und 308 dann fort um Abenteuer zu
a 5
fuchen. —
Wie Siegfried Brunhilde gewann.
Das beſte Roß, das je eines Reden Krippe gefüttert, den
veindfchnelen Grani, nahm Siegfried aus Mimers Stalle, und
309 frifchgemuth gu Thal. Des. Waldes Duelle gab ihm Ladung,
bie Tieblichften Beeren lächelten ihm rings aus dem duftigen Moofe
und aus der Straͤuche Blätterhülle entgegen, feinem Gaumen anges
nehme Stärkung bietend. Und wenn er nun zur Kaſt fich unter
einem Baum gelagert, dann tönte füß der Nachtigall Lied. Gie
fang von einer fehonen Maid im Sfenlande, und wie es Tühnes
Wagniß erheiſchte, das holde Engelskind zu gewinnen. Wie Gicg-
fried immer weiter fürbaß 209, manch Abenteuer mit des Waldes
Thieren beftehend, um fo mehr erwuchs auch fein Leder Muth,
fig um jeden Preis die folge Königstochter zu erringen, von ber
ihm die Nachtigall immer fang. Die Heine Sängerin war jeint
Führerin, und wie fie die Minnigliche immer mehr pries, und bed
Abenteuers Gefahren fehilderte, fo wedte fie auch immer mehr in
des Zünglings Bruft den Drang daffelbe zu beſtehen, denn all
Sänger bes Waldes flöteten und fangen und zwitſcherten nur von
Brunhilden und der FKlammenumloberten Burg Gezard, wo fi,
vom Bauberfchlaf gebannt, auf Erlöfung hoffte. —
So kam Giegfried zum Meere, ein Scifflein nahm ihn gar
balb auf, und trug ihn durch der Wogen wilde Brandung. Hoch
auf dem Maft faß die Nachtigall und fang füßer Minne Lohn, als
Sicgfeied and die Nibelungen, 389
das Schifflein in graufig wilder Kelfenbucht landete. Gleich einer
Biege erklomm Grani bie fleilen Klippenwaͤnde mit ficherm Huf.
Saut wieherte das kuͤhne Roß auf, als die Feuerglut, welche um
Segard wild und hoch Über bie Binnen der Burg, bis zu ben
Wollen emporloderte, den Reiter fehon aus weiter Berne wie lichten
Sonnenglanz biendete. \
Und wie ihn nun das Roß der Glutveſte immer näher krug,
in Tühnen Wägen vorfprengte, da fang auch die Nachtigall über
Siegfrieds Haupte: —
\ Wie glüht fo wild
Das Tlammenzewind’ um bie fchöne Brunhild—
Wohl fuͤnfzig Jahr |
um Segard's Binnen gebannt ed war.
Der Retter naht
Und bahnt fich durch feurige Mauern den plab⸗
Siegfried, 's iſt Zeit,
Die Flammen loͤſch' und gewinne die Maid.
Kein Lüftchen wehte um die weite Burg, regungslos prangte auf
der hohen Zinne das reiche Banner, an welchem bie Flammenzungen
‚teten. Wohl troff der Schweiß in hellen Tropfen von des Juͤng⸗
Kings Antlig, und die Glut fchien dem Nahenden ben Athem zu
-ranben. Er aber fpornte fein Roß an, raſch ſtuͤrmte es in das
. @lutmeer,. Und ſieh — die Glut verwandelte ſich in eine blanke
Schildburg, die firahlend im Sonnenlichte fland. Kühn ritt ee
gegen bie Veſte hinan, und die Schilde ſchoben ſich raſch übereinans
dere und zufammen, daß er ungefährbet den Zwinger betreten konnte.
Gar fehr wunderte ed Giegfrieden, daß ringe um ihn ber Grabes
Hub herrſchte, denn wenn aud hoch am Tage, fo lag body Alles
noch im tiefften Schlafe. Hoch auf ber Zhorzinne nidte ber Burg⸗
- wart, in der Rechten das mächtige Hüfthorn, die Rüden fchnoberten
im Schlafe neben dem Thore, rings im Hofe und auf dem Schlage
safteten Zauben und anderes Geflügel ohne Regung. Und wie nun
Siegfried in die Thorhalle trat, Ichallte weit fein Schritt, aber er
390 Siegfried and big Nibelungen
mahte eines zum Empfange. Die Pliegen an ber Wand fei6f
ſchliefen, und in ber Küche faß ber Junge am Bratſpieß, bie
Mägde waren bei ihrer Arbeit eingefchlummerts hier ſaß eine und
hiett das Hahn, das fie rupfen wollte, noch in der Hand, am Heerde
ſchidef der Koch. Und je weiter Siegfried ging, um fo wunberlider
Sam ihm alles vor; denn in allen Bemächern fand es gar viel bey
ſchlafenden Brauen und Männer, So trat ex auch in ben Burg⸗
fant, aber wie ſtaunte er, als er bier, auf dem reichſten Pfuͤhl,
einen reich gewappneten Nitier im tiefſten Schlummes gewahrte,
Ein mächtiger Helm mit ftattlicher Bierbe yrangte auf feinem Haupte,
und glängender denn Golb und Gbelgeftein- fchimmerten Halsberge
und Panzer, und alle Schienen, die feine lieber bargen, fo wis
ber mächtige Schild, der ihm zur Geile lag, Siegfried konnte einem
Innern Drange nicht widerfichen, dem feſt Schlafenden ben Helm
zu löfen. Er that's und — in vofigem Jugendreize lag ein hohes
Frauenbild vor ihm. Wie die Roſe zuͤchtiglich aus dem MWiätters
kranz hervorblickt, ſo ſchimmerte das ſchoͤnſte Maͤdchen⸗Antlitz ihm
aus dem uͤppigen Lockengold entgegen. Raſch hob er das Schwert,
und mit ſcharfem Schnitt trennte er den gleißenden Stahl von den
wunderherrlichen Gliedern, die wie bie Roſe aus der Knospe, im
reinften Ebenmaße aus ber Hülle hervorquollen. Siegfried ſtand
ganz entzuͤckt in den Anblick verſunken. Und wie nun ber leife
Athemzug den blühenden Lippen eine leife Bewegung mittheilte, da
209 es den Süngling untviderftehlic Hin, einen Kuß darauf zu
druͤcken; und die Erwachende ſchlug die Augen auf, Lieblich blickte
fie ihn an, gleich den Sternen des Abends, die mild aus rofigem
Sonnengewölt auftauchen. „Du bift es Siegfried, Siegemund's
Sohn?“ ſprach Brunhilde, denn fie war es, die er gefunden, „Wer
hätte auch fonft die Macht, diefen Zauber zu Iöfen? Und ben Muth
durch die wilde Glut zu dringen?“ Er aber ſprach; Sch bin Giegs
fried, Siegmund’a Sohn, der Drachentoͤdter, und Du ſollſt jeht
mein eigen fein!” |
Da erhob ſich Brunhilde, die flolze Königin, von Ihrem Lager,
x
Siegfried und die Nibelungen sg
wie die prangende Blume, welche dem erſten Morgenblid der
Sonne entgegenlächelt. — Und wie fie nun durch Segard's Hallen
fehritten, da war Alles rings im vegflen Leben, Schaffen und Treia⸗
ben. Truchſeß, Schenk, Marfchalt und Kämmerer nahten bem
hoben Paare mit ehrerbietigem Gruße. In der Küche ging bee
Spieß, die Mägde thaten wieder ihre Arbeit, Aus dem Hofe toͤnte
lautes Ruͤdengebell, aus den Staͤllen muntrer Roffe Bewicher, und.
von ber Zinne des Thurmwarts Horn zum Morgengruß. War er
doch nach fünfzigjährigem Schlafe zu frohbem Morgen wieder ers
„wacht. Die Zauben flatterten munter auf dem Gchlage. Aller
Zauber war gebannt, nur ber Liebeszauber nicht, mit welchem
Brunhilde den Helden Siegfried umgarnt hielt. —
ie Siegfried die Tarnkappe, das Schwert Balmung,
uud den NMibelungensHort gewann.
Durch füßen Zauber hielt Brunhilde, die Vielminnigliche, ben
Helden in ihrer Hofburg gebannt, fo daß es ſchien, als fei Sieg:
fried feiner Thatkraft nicht mehr eingedent, Wohl boffte er auf
den hoben Lohn der Minne, wie er ihn verdient hatte, doch war
Brunhilde zu hoffärtig, als daß fie fich einem Manne gang zu
eigen gegeben hätte. Siegfried hoffte alfo vergebens, vermochte
aber audy nicht ben Bauberbann zu loͤſen. Wenn er nun zuweilen
hinauszog zum edlen Waidwerk, dann mahnten ihn ber Vögel Stim⸗
men an feine früheren Thaten, an das, was er ſchon durch feines
Armes Kraft vollführt, und wohl erwachte dann in ihm ber alte
Thatendurſt, ein ungeflümes Sehnen, das aber, fo bald als fein
Auge Brunhilden in dem Sonnenglanz ihrer Schoͤnheit gewahrte,
ſich wieder beſaͤnftigte. — Als aber die Voͤgel fruͤh Morgens und
Abends unaufhoͤrlich an den Fenſtern ſeines Schlafgemachs zwitſcher⸗
ten und ſangen von dem großen Hort im Nibelungenlande, den der
gewaltige Fafner mit arger Liſt bewachte, und wie der, welcher ihn
gewaͤnne, auch Here des mächtigen Ribelungenlandes ſei, da Bebachte
393 Siegfried und dig Nibelungen,
auch Siegfried ihn gu gewinnen. In ber Zrühe des Morgens zog
er einft von der Iſenburg aus, doch wurbe es ihm fo weh im Her
gen, daß er umfchauen mußte nad) der Burg, und da gewahrte er
Brunhilden auf dem Erker, ſchoͤner und anmuthftrahlender, wie bie
aufgehende Sonne, und er kehrte zuruͤck. So 309 er auch an einem
zweiten Morgen wieder aus, aber ee wandte fein Antlis wieder um
nach der Sfenburg, und war noch einmal gefangen; am dritten
Morgen aber waffnete er fih mit Standhaftigkeit, und eilte hin
aus aus dem Zauberſchloſſe dem fernen Walde zu, da fangen auf
allen Bäumen und Zweigen die Vögel mit lauten Stimmen von
dem großen Nibelungen Horte, fo daß er nicht eher nach der Iſen⸗
burg umfchaute, “als bis ein Felsgeſtein fie feinem Blicke barg. —
Die Vögel waren feine treuen Führer, und frifchgemuth zog er
viele hundert Meilen, bis er zum Lande der Nibelungen Fam. Bon
der Reiſe muͤbe, ſtreckte er fich unter ben fehattigen Zweigen eines
Baumes nieder, auf den fich die Vögel auch zur Raſt niedergelaffen
hatten. Er entichlummerte, doch wurde er bald durch ein tolles
Wirren und Summen wieber aufgewedt. Wie er bie Augen öffnete,
fah er fich von einem bunten Schwarm Eurzweiliger Zwerglein ums
ringt, bie ihn neugierig begafften, und an ihm und feinen Waffen
auf und niederrutſchten. Wie er fich erhob, fchüttelte er das wirre
Geſchmeiß wie die Sliegen von fih. Unter allen aber flach hervor
ein Männlein mit langen weißem Bart, fein Haupt fehmüdte ein
Kronhelm, ſtarke Panzerringe fehüsten feinen Leib, und in der Red:
ten ſchwang er eine goldne Geißel mit fieben ſchweren Knaͤufen. —
Hei! toller Geſelle, fuhr er barſch den Helden Siegfried an, was
willſt Du hier im Reiche der Nibelungen? „Mir ihren Dort ge—
winnen,“ war Siegfried’ Antwort. Da fchallte laut der Zwerge
Gelächter und Gekicher durch den Tann, Siegfried, erbost, fuhr mit
feinem Speer um fich, daß die Zwerglein wie Spreu fortftoben.
Alberich, fo hieß der Geißelführer, führte aber einen fo gewaltigen
Streich mit feiner Geißel, daß Siegfried wohl Mühe hatte, feine
Speerſtange zu halten. „Iſt's fo gemeint, Du Heiner Fant!“ ſchrie
Siegfried und die Nibelungen. 33
Siegfried auf, „dann wehr dich deiner Haut!“ und fein Schwert
fauste durch die Luft. Atberich wich aber mit Windesfchnelle feinen
Hieben aus, feine Gefellen flohen, da aber Giegfrieb in feinem
Srimme immer wüthender zufchlug, und Alberich fich feiner Diebe
‚nicht mehr erwehren Eonnte, bat er feiner zu ſchonen, er wolle ihm
‚beiftehen, den Hort zu gewinnen, —
Siegfried folgte nun dem Zwerge Alberich, ber ihn gu feiner
Wohnung zu führen verfprah. Hoch thürmten ſich wilde Felſen gu
einer feften Burg, und vor dem Cingange lag eine große Belfenmaffe,
als Thorſchloß. Auf Alberich® Ruf wurde der gewaltige Stein
wesgeichoben, und ein Baumhoher Niefe trat hervor. Mit Gchlans
‚gengewandtheit fhlüpfte Alberich durch's Thor, und als Siegfried
ihm folgen wollte, fperrte der riefige Thorwart ihm den Weg.
Siegfried wollte eindringen, der RiefeWolfgrambär hob aber feine
Eifenftange, groß wie ein Schürbaum, zum Schlage. Siegfried wid
Demfelben aus, und Zußtief fuhr die Stange in den Boden. Raſch
unterlief jege der junge Held den Rieſen, und warf ihn zu Boden,
daß von dem Falle die Berge rings erbröhnten. Als Siegfried fig
nun anfdhidte, Wolfgrambär mit feinem eigenen Waffengehänge zus
binden, daß feine Knochen unter des Süngling’s flarten Händen
krachten, bat der Rieſe gar flehentiih um Gnade, und verſprach
ihm den Einlaß zu gewähren. „Du ungefdjlachter Gefelle, das mußt
du dennoch, fprah Held Siegfried, und fehnürte ihm die Arme feft.
Darauf fchritt er durch die hohe Halle und rief! „Heda! Du gleißs
nerifch Gezwerg, haͤltſt du fo dein Wort, ich will bir zeigen, wie ich
Gezuͤchte deines Gleichen ſtrafe!“
Bergebens ſuchte Siegfried lanze Zeit in den Gängen unb
Gemaͤchern nach dem Zwerge, es ließ ſich niemand ſehen, acch hoͤren,
wie er auch rief und ſchalt. Eben trat Siegfried aus einem der
obern Gemaͤcher, als er den davoneilenden Alberich gewahrte. Mit
wenigen Schritten hatte er ihn erreiht, und bei feinem greifen
Bart gefaßt. Wohl ſtemmte ſich Alserih, dem es an Kräften gar
nicht gebrauch, gegen den ‚Gelben, doch zupfte ihm biefer fo arg am
39% Siegfried und die Nibelungen
Bart, daß ber Zwerg vor Schmerz laut aufheulte. Siegfried flürte
ſich aber nicht an fein Bitten und Flehen, er band ihm mit ben
Haaren feines Bartes bie Hände. Da ſprach Alberih: „Herr, ich
will Euch zu eigen fein, gerne Euch dienen, ſchont nur meines
Lebens. Gelbft bie Tarnkappe fol Euer fein, die Euch vor jeder
Gefahr ſchuͤtzt, und Euch die Kraft von ſechs ber ftärkften Recken
verleiht. Bindet mich aber Los, ich erkenne in Euch meinen Meiſter,
dem es vorbebalten, ben Nibelungenbort zu heben!” Mer Die
glaubte, der wäre toll! fprach Siegmund's Sohn. Alberich wiebers
holte aber feine Werficherungen, und gab Siegfrieden fogar bie
Gtelle an, wo er die Zarnlappe verborgen hielt. Siegfried ging
bin und fand auch die Bauberfappe, durch die er ſich unfichtbee
machen, und auf wunderbare Weiſe feien konnte. Er Lödte ben
Zwerg jest aus feiner Haft, und trat nun wieder vor bie Burg,
wo der Rieſe Wolfgrambär noch gebunden lag, Kaum warb biefer
feinee anfichtig, als er ihn fiehentlich bat, ihn feiner Bande zu
befreien, er wolle ihm ſtets zu Dienften fein, und ihm auch bas
Schwert Balmung fchenken, das befte Schwert, das je ein Schmied
gefchmiebet, und je eines Kämpen Fauſt geführt hatte. Als er dem
Helden Siegfried gefagt, wo er es finden Eönne, hinter dem Fels⸗
bloc, der ihm zum Kopflager diente, und Siegfried baffelbe gefun-
ben, band er wirklich auch den Rieſen los. —
Auf Siegfrieds Geheiß zeigte jeht Zwerg Alberih dem Sohne
Siegmunds und Siegelinds den Weg nad der Berghalde, wo
Bafner der Arge, den großen Golbhort der Nibelungen mit allee
eift und Sorgfalt Tag und Naht hütete Die Vögel grüßten
Biegfrieden ſchon als Sieger, und hießen ihn nur ſchlau und Eühn
au fein. Durch wilde Belsfchluchten führte der Weg, der fo wild
und graufig, daß Siegfried oft kaum mit aller Mühe fich eine Bahn
machen fonnte. Schon in ber Gerne fah er am Hange des MWerges,
welcher den unermeßlichen Schatz barg, Fafner'n in Geftalt eines
ungebeuren furchtbaren Drachen liegen, fich fonnend in den Strahlen
ver heilen Mittagsfonne. Die Bügel tiefen ihm mit fröhlichen
Siepfrich und bie Ribelungen. 395
Gezwitſcher Muth zu, und Alberich forderte ihn auf, einmal Gebrauch
von ber Zarnlappe zu machen. Giegfrieb legte fie an, und ums
gürtet von dem Schwerte Balmung, ging er getroft auf ben Drachen
zu, der auch feiner durchaus nicht anfichtig wurde. Siegfried's Tritt
ſcheuchte ihn auf, und er rollte fich in gewaltigen Ringen vor bie
Deffnung des Berges. Het, wie glänzte und gleiste das Gold und
Edelgeſtein, das hier zu Haufen aufgethärmt war, durch die Berg⸗
fpalten und Klüftungen, wie lichter Sonnen: und Sternenfchein, fo
daß es Giegfriebs Augen beinabe biendete, und feinen Muth, das
Tühne Abentheuer zu beftehen, nur noch um fo mehe entflammte! —
Aber nicht auf hinterliſtige Weife wollte ee den Schatz fich ge:
winnen, er wollte ihn, wie es bem edlen Recken zufland, im offuen
Kampfe erringen. Er legte die Tarnkappe daher ab, und trat mit
gezuͤcktem Gchwerte auf Fafnern zu. Der fpie aber aus feinem
weiten Schlunde einen Feuerſtrom, vor deſſen Glut Siegfried zuruͤck⸗
wich, denn ſie wurde ſo arg, daß ſelbſt die Felſen gluͤhten, als ob
ſie in einer Eſſe gelegen haͤtten. Der Drache Fafner waͤlzte ſich
jest den Berghang hinab ins Thal, wo Siegfried, auf Alles gefaßt,
feines harrte. Wie nun das grimme Unthier fo auf ihn zugefchoffen
kam, lange, lange Slammenzungen gegen ihn ausfpeiend , wich er-
rafch zur Seite, und ftieß ihm fein Schwert Balmung in die Weiche.
Bor Schmerz und Wuth fchnaubte Fafner wild auf, Da Siegfried
aber gewahrte, daß des Drachen Schuppengepanzerter Rüden feinem
‚Schwerte Balmung nicht widerftand, fo griff er den ungethümen
Feind mit aller Kraft an. Sein Schild erglühte in den Flammen,
bie Fafner's Rachen entfliegen, doch ließ Siegmunds Sohn nicht
nach von feinen Angriffen, und nach wenigen Streichen hatte Bals
miung's fcharfe Schneide Fafner’s Herz getroffen. Und wie nun
fein Blut in ſchwarzen Strömen dahinkauſchte, brüllte Fafner in
menfchlicher Stimme: „Wie mein Herzblut iſt werronnen, haft du
meinen Hort gewonnen, aber bir, nicht mir allein, wird ein Fluch
der Goldhort fein!” Er war erlegt, und alfobald fchritt - auch Alberich
und bas ganze Awergvolk herbei, um Siekgfried als Sieger gu be⸗
Je
-
>
396 Saiegfried und bie Nibelungen
„geüßen, Sogleicy ging bee Held in ben Berg und grängenlod war
fein Staunen, ob ber unermeßlichen Menge ber koſtbaren Schaͤte,
die hier fein Auge kaum überfchauen Eonnte, und besen Herr er jett
war. Alberich und feine Zwerge beftellte er zu Hütern und Waͤch⸗
teen bei dem Hort ber Nibelungen. Und wie er nun zuruͤckkehrte
su ber Nibelungen Burg, waren hier auch ſchon bie edelſten und
mächtigften Reden bed Landes der Nibelungen verfammelt, um u
huldigen ihrem neuen Herrn und König, dem Sohne Siegmund’
‚und Giegelind’E aus dem Nieberland. Als er die Huldigungen
empfangen und fein Reich beftellt hatte, ſchickte er fi) an zur Deims
fahrt. Er zog daher frohgemuth der rheinifchen Heimath wieder zu,
wo ihm die Gitern noch lebten, und auch ein gar maͤchtiges Weich
fein Erbe fein follte, denn ber Zauber, in dem ihn Brunhilde ges
feffeit gehalten, war, fo wie er Fafner'n den Hüter des Nibelungen
Hort's erfchlagen, gelöst. So kam ber jest Mächtige und Heide
nach Ianzer Fahrt wieder zu den Seinen nah Kanten an bem
Rheine. War je ein Willlomm herzlich, und groß die Kreube dei
Wiederſehens geweien, jo war ed zu Xanten, als König Siegmund
‚von Riederland, und Frau Siegelind ihren. Siegfried nach fo langer
Abwejenheit wieder in bie Arme ſchloſſen. —
Wie Siegfried nach Worms zog.
Biel Freude genoffen Herr Siegemund. und Frau Siegelinde
‚über ihren Sohn. Manch glänzendes Hofgelag warb auf der Burz
zu Xanten gefeiert, feit Held Siegfried wieder hier eingezogen,
und nie fehlte e3 an Gälten, denn der König war ein fehr fed:
fpendender ‚Herr. &
Held Siegfried aber war oft trüb in fich gelehrt, denn fein
Seele dachte an Chriemhilde, die Schwefter Günther’s, des Königs
ber Burgunden, ber da ſaß und Hof hielt in Worms am Rhein.
„Welt war erklungen ber Huf von der Schönheit bes Sungfrau, zu dasen
Siegfrieb und die Nibelungen. 397.
Hof manch edler Nitter gezogen, bie aber im Stolze ihres Ger
müths keinen minnen wollte.
An ihre, der hochgepriefenen Königstochter, hing @iegfricht Seele,
und wurbe fein Bater auch nicht wenig überrafcht, als er ihm feinen
Entſchluß kund that, nady dem burgundifchen Hofe zu ziehen, und
um Chriemhildens Hand zu werben, fo beitant Stegfrieb aber
darauf hinzugeben. Im Vertrauen auf feine Kraft wollte er dieſes
Abenteuer auch beftehen, wie er ſchon fo Manches beftanden. Da
Frau Sigelinde fah, daß felbft ihre Thränen ben jungen Helden
nicht rührten, fo bot fie alles auf, ben einzigen Sohn unb feine
zwölf Gefährten, die er. fich zur Brautfahrt auserkohren, aufs ftatts
lichſte auszuruͤſten. Ihre Frauen mußten Tag und Nacht an ben
Gewändern wirken, veich an Gold und Edelgeſtein. Nicht ‚geringer
waren die Waffenſtuͤcke, für die Herr Siegmund forgte. Von rothem
Golde erglänzten Helm und Panzer der Ritter und das Gezäum
der Roffe, weiche reiche Decken und ſeidne Bugriemen zierten.
Manche Thraͤne floß beim Scheiden. Giegfrieb aber tröftete
Vater und Mutter, und bat fie, um fein Leben ohne Borge zu fein.
Am fiebenten Tage zog fchon der fehöne Siegfried mit den Seinen
in die Ebene von Worms, ber Stadt am Rhein. PVerwunderung
ergriff Alle, welche die männlichen Reiter fahen, und liefen hin gu
Hof, um bem Könige Günther Beſcheid zu geben von der Fremden
Ankunft. Keiner wußte, woher fie gelommen, und was ihr Begehr.
umfonft frug König Günther feine Helden, und nur efner von ihnen,
Hagen von Troneck, glaubte in dem gewaltigen Reden, als er ihr
von der Burg aus, auf ber Ebene mit feinen Gefährten gelagert
ab, den Eampfgepriefenen Siegfried, den Drachentödter und Sieger
der Nibelungen zu erfennen, und gab dem Könige den Rath, ihm
freundfchaftlichen Empfang zu bereiten. |
Der König ging mit feinen Mannen hinaus vor bie Shore,
und empfing den Ankoͤmmling hoͤflicher Weife. Der aber ſprach:
Euer Hof ift gerähmt feiner Tühnen Reden wegen, und Euch felöft,
Herr König, ruͤhmt man als Preis ber Nitterfchaft, darum zog ich
2.
308 Siegfried und bie Ribelungen.
hieher, es zu erproben. @6 gilt Dein Land, durch mein Schwert
will ich’8 mir erringen, bleibfl Du der Sieger, fo maz mein Erbe
Dein eigen fein. —
le flaunten da der König und feine Helden. Des Herrſchers
Bruder Berenot und Ortwein von Mes, fie sriffen nad dem
Schwertern; wie auch Hagen von Tronek. Mit ſanftem "Wort
wandte fich aber des Königs jüngerer Bruder, Here Giſelher, zu
Siegfrieden, und feine Rede befänftigte ihn, fo daß er und bie Sei⸗
nen willlommne Säfte wurden an ber Burgunden Hofe.
Wie ber Held nun hier verweilte, warb manch Feſt veranftaltet,
und bes Siegers Preis ward immer dem Gewaltigen. Wohl flug
ihm manch Frauenherz; nur bie er in tieffter Seele minnte, erblidte
fein Auge nicht. Chriemhilde aber hatte ihn aus ihrem Ranfter oft
erfhaut, wenn er Ranzen brach auf dem Burghof mit bes Königs
Reden, unb ihr Herz fchlug unruhiger, wenn fie ihn ſahz und
dennoch fah fie den flattlichen Ritter immer gern.
So verging ein Jahr ſeit Siegfried in Worms erfchienen war,
da kamen Boten aus dem Sachfenland vom Kön’g Lüdeger und
aus dem Dänenlande von König Lüdegaft, die Herrn Günther
Fehde boten. Der wußte fich nicht zu faflen bei biefer ſchlimmer
Mähr, bis Hagen ihm zuſprach, fih an Siegfried gu wenden,
Freudig hörte der Held die Kunde, und verfpracdh mit taufend Mann,
und wären ber Keinde auch breißigmal fo viel, alle Fahrniß zu
wenden, Wohlgemuth hört es der König, bald waren taufend be
Kühnften geihaart und mit hinaus zogen Volker von Alzei, ben
man den Spielmann hieß, Hagen, Sindolt und Hunolt, Orte⸗
wein von Meg und Dankwart der Schnelle, Hagens Bruder.
Durch Heflenland ritten fie nah Sachſen, und arges Leib ge
ſchah den Feinden, mochten fie auch zwanzig Tauſend unter ihrer
Heerfahne zählen. Selbſt König Lüdegaft erlag der Stärke Sieg:
friebs, und warb fein Geißel. Als das Küdeger vernahm, zog =
sol Ingrimm heran, und da ging's erſt en ein Gtreiten, un
Siegfried und die Nibelungen. 3%
unerbittlih wie ber Tod, mähte Stegfrieb mit feinem Schwert
Balmung der Gegner Schaaren nieder,
As König Lüdeger aber den Helden Siegfried an ber Krone
erkannt, die fein Schild zierte‘, bat er um Frieden, den man ihm
gerne gab. Mit hoher Freude warb die Siegesmähr in Worms
vernommenz reich befchenkte Chriemhild den Boten, als fie erfuhr,
daß man den Erfolg dem Helden aus dem Nieberland, bem ftarken
Sohne Giegemunds, verbanle, Wie groß war bie Freude, als die
Sieger heimkehrten in der Burgunder Land, wie freuten fich bie
Mägdlein und Frauen, und am Meiften die Schweſter bes Königes,
Siegfried wollte nun auch Abfchied nehmen und ſich bei Guͤn⸗
ther beurlauben, um wieber nach feiner Heimath bin zu ziehen. Als
aber der König ihn bat zu bleiben, und er auch feiner Liebe ges
dachte, und wie fein Wunſch, Shriemhilde zu fehen, wohl in Er⸗
füllung geben koͤnnte, änderte er gerne feinen Entſchluß und ver-
weilte am Hofe ber Burgunden.
König Günther ließ indeß zur Feier bed Sieges ein großes
Ritterſpiel anfagen und alle feine Betreuen bazu entbieten. Ron
allen Seiten zogen bie Fürften und Edlen gen Worms, wo man
gar fleißig mit den Zubereitungen zu dem Hofgelag 'befchäftigt war,
Das Feft gu verherrlichen, hatte ber König auch feine Mutter, Frau
Ute, und feine Schweſter Chriemhilde, fammt allen ihren Brauen
und Maͤgdlein zu demfaben einlaben laſſen, denn es "hatte feine
Seele erkannt, daß ber aus dem Niederlande recht innig feine
Schweſter Liebe, wenn er fie gleich noch nicht gefehen.
Der Zag bes Feſtes nahte, es war um bie Pfingftzeit, wo
Baum und Flur, und Bluͤthe und Gras auch das Tchönfte Feſt
feiern. Siegfried ſah Chriemhilden, die vor allen ihren Frauen
glänzte, und es bangte ihm in tiefſtem Herzen, benn er gebachte,
wie ihn die hohe Zungfrau wohl nimmer lieben möge. Wie warb
es ihm aber, als fie mit freundlicher Rebe ihn begrüßte, und er in
ihrem Auge las, was ihm das Wort nicht fagen konnte. Kal
Ye
400 @iegfried und die Nibelungen,
füßer Kuß lohnte feine Minne, und zwoͤlf Tage lang, bie das Feſt
währte, burfte er fich ihrer holden Nähe freuen.
As nun bie Gaͤſte alle wieder heimzogen, als ſelbſt König
Luͤdegaſt und Luͤdeger entlaſſen wurden mit den Ihrigen, da wollte
auch Held Siegfried wieder hinausziehen, um durch edle That das |
Königslind, das ihm vor Allen Hold,. ſich zu gewinnen, und wenn
er auch noch mit fo traurigem Herzen fchieb. Kaum, hörte der Koͤ⸗
nig den Entſchluß, fo ließ er ben Helden durch Giſelher bitten, noch
in ber Burgunden Land zu weilen. Siegfried war bald durch des
Freundes herzig Bitten dazu bewogen; wie Eonnte er auch fcheiden
von fo füßer Minne, welcher er jest in aller Treue pflegen durfte,
ie Siegfried mit Günther nach Iſenland 308,
und Günther Brunhilden gewanı,
Auch nach dem Rheine zum burgundifchen Hofe war bie Kunde
gedrungen von Brunhilden, der Schönen und Starken im Sfenland,
und wie ber, welcher ihrer Minne begehrte, ber Königstochter drei
Spiele abgewinnen mußte, wollt’ er fein Leben nicht verlieren. Kö:
nig Günther wollte das Wagniß gern beftehen um das fchöne Weib.
Siegfried widerrieth die Fahrt. Als aber Hagen den Vorfchlag' that,
Giegfried möge den König hinbegleiten, da war ber Held wohl
dazu erbötig, wenn der König ihm feine Schwefter Chriemhilde zur
Gemahlin verfprechen wolle. Freudwillig that dies ber König
und gelobte es Siegfrieden auf Wort und Treue, Günther wäre
gar gern mit mächtiger Heerfahrt nach dem Hofe Brunhilbend gezo⸗
gen, boch witerrieth dem Siegfried und ſchlug vor, nur noch zwei
Recken, Hagen und Dankwart, zum Geleite auf die Brautfahrt
gu nehmen,
Ueber die Maßen froh war König Günther und trug feiner
Schwefter auf, für ihn und feine Gefährten die Eoftbarften Gewande
zu bereiten, auf daß fie, wie fie eö werth, an Brunhildens Hofe
erfchienen, —
.
Siegfried und bie Nibelungen, 1
Chriemhilde that, wie ihr geheißen, wenn auch nicht ohne tiefes
Seid, denn ige Herz fagte ihr,. daß nue Kummer und Noth diefer
Brautfahrt Bolge fein werde, Das Koftbarfte aber und. Prächtigfte,
was ihre und Frau Utens Laden und Gchreine an Zeugen und Ges
fchmeide befaßen, wurde zu den Gewändern hervorgeſucht. Emſig
waren die Koͤnigstochter und ihre Frauen beſchaͤftigt, die Anzuͤge
gu fertigen, aber manche Zaͤhre fiel auf die Arbeit, Bald war Alles
fertig und auch das Schiff gerüftet, welches den König und feine
Reden nah Sfenland bringen ſollte. Da bat Chriemhilde ben
Bruder flehentlich, von biefer Fahrt abzuſtehen und um eine andre
Brau zu werben, Er aber ließ nicht ab von feinem Sinn, und
Shriempilde empfahl weinend, da alles Bitten und Ziehen nicht
frommte, den Bruder dem Helden Siegfried, welcher der ſchoͤnen
Frau auch in die Hand gelobte, den Koͤnig wieder unverfehrt zum
Rheine zu bringen. So ſchieden fie, Chriemhilde einigermaßen ges
troͤſtet durch Siegfrieds Wort. Da er die Waſſerſtraßen alle kannte,
ward Siegfried Schifmeifter, und friſch feuerte er mit aünftigem
Winde, ſo daß-die Reden ſchon am zwölften Morgen nach Iſen⸗
and gelangten. Hoch flaunten fie beim Anblid ber Fattlichen
Burgveften, gewaltiger und reicher, wie fie je geſehen. Che fie
aber hinfuhren, wo die Sfenburg, Brunhildens und ihres
KHofgefindes Wohnſitz, lag, gebot Siegfried ven Recken, ihn nur als
einen Lehnmann Guͤnthers auszugeben, wenn fie vor Brunhiks
den und ihren Frauen erfcheinen follten. Dies gelobten ihm alle,
Wohlgemuth fuhren nun bie Ritter auf die Hofburg gu, und —
ſiehe da! aus allen Fenſtern und von den Erkern lugten gar ans
muthige Mägblein, neugierig ob der Ankunft der Sremblinge. Der
König frug Siegfried, welche von den Schönen Brunhilde fei, ber
aber ſprach: „Moͤgt Ihr Euch felbft eine wählen unter ben Jungs
frauen!’ Und vafch erwiederte Günther: „Jene im ſchneeweißen
„Sewande wählen meine Augen, dürfte ich gebieten, fie müßte mein
„Weib fein.’ Dies tft, Brunhilde felbft, war des Andern Antwort.
26
402 Siegfried und die Nibelungen.
Die Frauen traten jett zuruͤck von ben Fenſtern. Die Recken
ftiegen ans Land, und Siegfried half Herrn Guͤnther aufs weiſe
Rob, Weiß war fein und Siegfriede Gewand, und weiß ihre
Pferde, hell glaͤnzten ihre Schilde und Waffen, und ihre Saͤttel
ſchimmerten von lauterm Geſtein. ‘Herr Hagen aber und Dankwart
prangten in reichgewählten rabenfchiwargen Gewaͤndern, auf denen
manch koſtbarer Stein funkelte. So ritten fie zur Hofburg, bie
herrlich mit ihren Binnen in das Land fehaute, Alſogleich Tamen
die Kämmerer ihnen entgegen, und baten fie, bie Waffen abzulegen,
was fie auf Siegfrieds Geheiß auch thaten, und ſich erlabten am
bem Trank, den man ihnen' ſchenkte. Brunhilde und ihre Frauen
hatten ſich geſchmuͤckt zum Empfang der ſtattlichen Gaͤſte, denn als
fie erfuhr, daß auch Siegfried unter ihnen, ſprach ſie: „Kommt
er um meiner Minne willen, ſo geht's m an ben te, denn ih
fuͤrcht ihn nice.“
Im Geleite ihrer Frauen und fanſhunrert der auserleſenſten
Recken ging fie den Gaͤſten entgegen, und wandte ſich auch ſogleich
mit dem Willkommgruß an Siegfried, ber aber ſprach: Zu große
Ehre erweist ihr mir, hohe Beau, denn bier ſteht König Günther
von dem Rhein, mein Herr und Herrſcher. Um Eurer Liebe willen
fuhe ee bieher, und wird beftehen jede Probe, wie ihm auch geſchehe.
Da ſprach Brunhilde: „Iſt er bein Herr, fo fol ee meine Spiele
ſchauen, und bleibt er mein Meifter, fo werb ich fein Weib, doch
gewinne ich, feld ihr alle bes Todes, Den Stein ſol er mit mie
werfen und nad ihm fpringen, dann fchleubern meinen Speer. Be
denkt aber wohl, daB Eure Ehre, Euer Leben auf dem Spiel ſteht.“
König Günther entgegnete ihre aber auf Giegfriebs Zureden, daß er
jeglich Wagniß beftehen wolle, und wenn es noch fo ſchwer, wub
wenn er auch-fein Leben laſſen müßte, As bie Königin. dies nes
nahm, tieß fie ſich alfobald zum Wettftreit ruͤſten. Sie zog ihr
gefeites Waffenhemde an, und darüber ben fchweren Panzer von lid;
tem Golde. Wohl gebachten Pagen und Dankwart mit fchwerem
Muthe an des Streites Ausgang. Siegfried hatte ſich aber heimlich
Stegfeted and die WRibelänge: - 403
mac, dem Schiffe geſchlichen, und bie Tarnkappe uͤdergezogen, fe bap
se, ungefehenugpeleber zurückkehrte zum: Rampfpläte.
Brunbilde trat jest gang gewappnet einher, und vier ihren
Boden trugen, ihr nach den mächtigen Schild, drei Spannen dick am
Stahl, reich mit Gefteln beſegt. Als dies Here Hagen füh, ſprach
er heimlich zu König Günther: „Hier verlieren. wie ben Leib, denn
bes Teufels Weib iſt die, welche Ihr gu minnen begehrt.“ Als
aun auch der Reden drei mit vieler Muͤhe Brunbildens Gpeees
ſchaft brachten, ber riefig groß, ba entfant auch König Suͤnther
der Muth, und er wöünfchte fi; daheim bei feinen Burgunden,
Srunhilde, bie vernahm, wie Dankwart und Hagen ihrerfette
ſich wühmten, ihrem Uebermuth zu trugen, wenn fie nur iger
Waffen Hätten, ſprach lachenden Mundes: „Gebt ben. Degen ihre
Waffen, wenn Ihr Cuch fo tapfer duͤnkt, bock fuͤrcht' ich Niemands
Staͤrke. Es geſchah, und Hagen und Dankwart waren friſcher
gemuth, doch ward groß ihre Sorge, als zwoͤlf Männer den Stein
beachten, den Brunhilde werfen wollte, Günther hatte ſich indeſſen
auch gewappnet. Brunhilde trat in den Kreis,’ fchürzte den Ame,
und leicht ſchwang fie Schild und Speer. Siegfried mahte fig jegt
ungefehen König Guͤnthern und ſprach: „Ich bin’s, Dein Freund
unb Gefelle, und will die Wagniß wohl beſtehen. Du habe bie
Gebärde, mein fet die That!“ Wie freute das Herrn Günther, als
er Siegfried erkannte!
Jetzt ſchwang Brunhilde den rieſigen Sp, wie Sturm bimuste
ex durch die Luft, und Guͤnthers Schild burchdrang er bergeftakt,
daß aus Siegfrieds Panzer die Funken fprangen, und beide zurüds
taumelten. Bald hatte fi Siegfried, dem das Blut aus dem
Wunde floß, wicher ermannt, er ergriff den Speer, unb hatte ee
ihn auch umgelehrt, fa. entitoben ‚body Brunhildens Waffen helle
Zunten, und zufammen brach ihre Kraft, Raſch und zornmuthig
erhob ſich die ſchoͤne Brunhilde, und Iobte Günthern ob dem Schuſſe.
Dann ergriff fie wach den Stein, und fehleuderte ihn weit fort,
ihm ſelbſt nachſpringend, daß Ihre Waffen laut erllangen, Und
hatte ihr Arm den Stein auch zwoͤlf Klafter geſchwungen, ihr
405 Gtegfrieb und die Nibelung dk
Sprung erreichte ihn doch. Siegfried hob jent den Stein mit
Günthers Hand, bie er in die feine gefaßt hatte, uch der Nibelun
gen Held fchleuberte ihn viel weiter als Brunhilde gethan hatte;
und mit möchtiger Kauft griff er König Günther und fprang mit
ihm noch weit hinaus uͤber den Stein. Wohl warb die fchöne Bruns
bilde, voth vor Zorn, fich befiegt zu ſehen, jedoch fügte fie fi, und
gebot ihren Reden, dem Kimig Günther unterthan zu fein, da ee
gebieten folle fiber ihre Lande. Sie zogen jest zur. Hofburg, Sieg⸗
frieb eitte zum Schiffe, die Zarnlappe abzulegen, und Eehrte danz
gur Burg, Tich ſtellend, als 0b er nichts wiffe von dieſem Wettſpiel.
„Dich Freut gar fehe die Mähre, ſprach Held Siegfried,“ daß Eure
Hoffart zu alle gefommenz jeht, edte Jungfrau, bie Ihr den Mes
ſter gefunden, fort Ihr. uns Folgen nach bem Rhein!“ Brunhilde
wollte darein nicht willigen, und zuvor ihre Freunde und Bettern
gu fich entbieten, Wie jest die Boten ausritten nach allen Gegens
den, da ward's Herrn Hagen gar trüb zu Muth, dem er dachte,
Brunhilde ‚wolle ſich durch Verrath rächen. Siegfried aber vers
ſprach, daß er dem Könige tauſend Ritter zuführen wolle, die beſten
Degen, bie er je geſehen; der König freute fich ſehr dieſer Kunde
Angethan mit der Tarnkappe Ienkte nun Siegfried fen Schiffe
Tein durch die Muth, daB alle meinten, der Wind treibe es fort,
und ſchon nach Verlauf eines Tages fammt der Naht, kam er zum
Land ber Nibelungen. In der Frühe bes Tages erreichte er eime-
Burg, die er verichloffen fand, ‘Er klopfte an, der Mörtner war
ein grinmmer Niefe, ber in voller Wuth aus dem Thore auf den
Ankoͤmmling guftürzte. Jetzt ging 28 an ein Kämpfen, daß Erbe
und Berg erbebtenz both war Siegfried Sieger, und band ben Riss
fen. König Alberich, der mächtige Zwerg, hatte das Streiten
vernommen, und eilte, gerüftet mit feiner. goldnen Geißet herbei,
Wohl zerſchellte Siegfrieds Schild von Alberichs Schlägen, und Tee
freute fig der Held ob feiner Mannen treuer Obhut, doch erfaßt
er den greifen Zwerg zuletzt beim Bart, fo daß er laut auffegrie, und
fi Hinden lief, Der Sieger gab fich ihm jet zu erkennen, und
Siegfried und die Nibelungen, “3
befaßt ihm, taufend Nibelungen aufzubieten. Kaum erſcholl die
Kunde, fo waren alle. bereit, Siegfrieden zu folgen, und biefer
wählte aus Dreißighundert tauſend der beſten Streiter. Prachtvoll
and reich hieß er alle ſich wappnen und ſchmuͤcken, denn fein großer
Schatz, der Nibelungen Hort, wie viel man auch davon nahm, ward
doch nicht minder. Wie ſtaunte Brunhilde und ſelbſt Koͤnig Günther,
- als fie den Stattlichen alfo heranfahren fahen! Doch hieß der König
fie die Säfte nach Würden zu empfangen, und fih zur Abfahrt
süften. Dankwart gab den Helden viel Gold, daß ed Brunhilden
beinahe verbroß, doch gebot fie zwanzig Reiſeſchreine mit Koftbars
Zeiten zu füllen, und wählte zweitaufend Degen und ſechs und acht⸗
zig Frauen nebft hundert Mägplein zum Geleite, Nachdem fie ihren
Vetter zum Vogt des Iſenlands beſtellt, ſchied fie aus der Heimath,
weiche fie nie wieberfehen ſollte. Kiel Thraͤnen wurden ihe beim
Scheiden nachgeweint. GBünftiger Wind ſchwellte die Gegel zur
fröhlichen Meerfahrt, — "
Wie Siegfried nach Worms gefamdt und Brunhilde
dort empfangen ward.
Schon volle neun Zage waren fie der Heimath zugelteuert, als
es Herrn Hagen von Troneck bedünkte, daß es gut fei, einen Boten
"nad Worms zu fenden, um dorthin die Kunde des glädlihen Auss
gangs der Werbung zu bringen. Auf feinen Rath wählte der König
den Helden Siegfrieb zum Boten, ber ben Auftrag herzlich gerne
übernahm, denn boppelt füßer Botenlohn harrte feiner im Burgun⸗
benlande. Gar mande Kunde und manden Gruß an Frau Ute,
bie Königin, und Meter Chriemhilde hatte ex da zu bes
fiellen, und frohgemuth zog ee mit vier unb zwanzig feiner Reden
sheinauf gegen Worms, - Als er dort anlam, und man den König
nicht in dem Gefolge ſah, da verbreitete ſich ploslich Trauer im
Lande, denn alle bangten, ber König habe im Iſenlande den Tod
408 Siegfried und die Nibelungen.
gefunden. Siegfried brachte aber viel froͤhliche Maͤhr, und die Herren
Gernot und Giſelher geleiteten ihn zu ihrer Se welcher «
die frohe Kunde brachte, fo daß alle ihre Roth nd. Gu
Wang ihm ber Rede Lohn, daß fie ihm ob ber guten Rachrich
{mmter hold bleiben wollte,
Bier und zwanzig Spangen, reich an Edelſteinen, echielr «
von bee Geliebten als Botenlohn, doch gab er He allfogleich “
Mägdtein in ihrem Gefolge, Frau Ute war auch hoch erfreut, ı
gerne übernahm fie es, für den Empfang ber Gäfte zu —*
23 ihr Sohn, der Koͤnig, geheißen.
Ehriemhilde Tonnte ihr Wonne kaum faflen, ein Hlumd
As Ontzuckens malte fih in ihren Bügen, und gern hätte fie ben
‚Helden voll Liebe gelüßt, als er ſich deurlaubte.
Welch reges Leben und Treiben belebte jetzt bie ſchoͤne Stadt
orma! Am Ufer des Rheins wurden bie Sitze zum Zeſte aufge:
ſchlagen, Boten eilten durch das Land, um alle Freunde bes Könige
zur Hochzeit einzuladen. Da wurde der Pallaſt geſchmuͤckt, es zier⸗
ten ſich Frauen und Maͤgdlein zu dem hohen Feſte, und Chriemhilde
md ihre Frauen zu dem Empfange des edlen Brautpaars, als man
die Kuude brachte, daß Brunhildens Heergeſellen heranzoͤgen.
So ritten fie im prachtvollen Zuge von dee Burgveſte binch
sum Strande. Siegfried führte Shriamhlldens Zelter, Bitter Orte:
wein den der alten Königin, und ihre folgten alle bie Frauen mit
ihren Rittern. Auf der großen Ebene zu Worms begannen mus
die Hütter den Frauen zu Lich ein edel Kampffpiel und manche
Opeer ward da beim Rennen gebrochen. —
Wie nun Brunhilde landete, empfing Chriembilde fie mit er
lihem Gruß, und wechfelte mit ihr den Willkommkuß. Die Schoͤn⸗
heit der Braut feſſelte wohl Alle, dennoch Wien viele, bie Ehriem⸗
bilden den Preis zuerkannten. Die Frauen, nachdem fie fig alſo
begrüßt, nahmen unfer dem feibnen Zelten, die in der Ebene aufge:
ſchlagen, Plas, um den Nitterfpielen zuzuſehen. Und als nun biek
beendet, und die Herren und Braun bis ſpaͤt zum Abende unter
Ä
Siegfried und die Nibelungen. 407
den Belten fich vergmügt hatten, und bie Kühle ber Nacht zum
Aufbruch mahnte, da zogen fie alle nach dem. Pallafle, wo «in
herrliches Mahl ihrer wartete. |
She man ſich bier niederließ, mahnte Held Siegfried den
König an fein Verfprechen, ihm feiner Schwefter Hand zu geben,
als Lohn für Alles das, was er ihm gethan. Günther wollte fein
Wort halten, und befchied Chriemhilden in den Saal, Als fie
erfchien, frug fie ihr Wruber, ob fie ben Zapfern zum Gemahl
haben wolle? Zuͤchtiglich antwortete „bie hohe Zungfrau, fie werde
thun nach des Bruders Willen, KGochentzüdt war Siegfried, der
Breude Roth überflog fein Antlig, und als das Verloͤbniß Ja
beider Mund gefprohen, da umſchlang Siegfried die Minniglice,
und brüdte in Gegenwart Aller den erften Kuß auf die Liebreigenden
gippen Chriemhildens. Fröhlich ließen ſich die Gaͤſte zum Make
nieder. Oben faß Brunhilde neben dem Könige, zu deflen Geite
Siegfried und Ehriemhilde. Brunhilde aber Eonnte ihren Neid
nicht bergen, und Thraͤnen entfielen ihrem Auge beim Anblid bes
gluͤcklichen Paares. As ihe Gemahl fie deswegen anging, ſprach
fies „Mich ſchmerzt es tief im ‚Herzen, Deine Schweſter alfo ernies
drigt zu fehen, als Eheweib eines Deiner Dienſtleute. Wie follt’
ich da nicht weinen? Günther ſuchte die Stolze zu tröften, und
verfprad; ihr fpäter zu ſagra, warum er der Schweſter Hand dem
Helden gegeben. Brunbilbe wollte aber nicht abflehen von ihrer
Boage, ſelbſt als Günther ihr gefagt, wie Siegfried auch ein König
fei und rei an Land und Leuten. Nach dem Mahle fchieden bie
Paare hin zu ihren Gemaͤchern. Siegfrieben warb füßer Minne
Lohn. — Brunhilde aber fließ Günthern von fih und ſchwur fo
lange Magd zu bleiben, bis fie bie Maͤhre von Giegfrieb erfahren,
Er woüte fein Recht al machen und rang mit der Gewwaltigens
da loͤſte Brunhilde aber ihren Gürtel, band Günther’ Hände und
Fuͤße trotz feines Wiberflandes, und hing ihm alfo gebunden, hoch
an einen Haken an der Dede deö Gemaches. Wohl tobte ber Ks
nig, Brunhilde bedeutete ihm aber in ihrem Born, fie werde ihn
tödten, wofern cr fie noch einmal im Schlafe ſtoͤre. Erſt als
408 : @iegfrieb und die Nibelungen.
Morgen ins Gemach fehlen und Günther Reben bat, ihn zu loͤſen,
nahm ſie ihm die Bande ab.
Froͤhlichkeit und Kurzweil herrſchte nun In der Pfalz zu Worms,
aber der am gluͤcklichſten von Allen hätte fein muͤſſen, war traurig
im Gemüthe. Günther und Brunhilde wurden im hohen Münfter
gefalbt, und mehr denn fechähundert Knappen empfingen den feiers
tichen Ritterſchlag der Königin zu Ehren. Als Siegfried feincs
Herrn Riedergeſchlagenheit gewahrte, befragte er ihn um die Urſache,
und jener ſprach: „Den Teufel habe ich mir in's Haus geladen,
flatt eines Weibes;« und nun erzählte er, wie es ihm in der Brauts
nacht ergangen war, Da verhieß Giegfrieb tem Könige, ihm in
dee nächften Nacht beizuftehen, er wolle in der Tarnkappe ungefehen
ins Brautgemach kommen, und das furchtbare Weib zwingen, ſollte
es ihm auch das Leben koſten. Der König möchte nur die Kämmers
Hinge heim fenden, er wolle beim Eintritt ind Gemach, zum Zeichen
feiner Gegenwart, ben Pagen: die Lichter austöfchen. Günther war
deß zufrieden, und allzulang währte ihm ber Tag mit feinen Feſten.
Als nun am Abende die Paare von dem Mahle fihieden, faß Sieg
fried TiebEofend bei Chriemhilden, und hielt ihre Lilienhände in den
fenigens aber — fiehe da! mit einemmale war Heid Siegfried
entfchwunden, ohne daß die Königin wußte, wo er hingekommen.
Sie frug wohl ihre Frauen, aber Feine wußte ihr Beſcheid zu geben.
Siegfried ging alſo ungefehen, von der Tarnkappe Zauber gefchügt,
nad Brunhildens Gemach und Löfchte der Kämmerlinze Lichter, um
vom Könige bemerkt zu werden. Diefer fehob ſelbſt die Riegel vor,
und Siegfried legte fih zu der widerfpenfligen Braut. Wie am
vorigen Abende, wollte fie dasfelbe Spiel beginnen, dba Siegfried,
den fie für ihren Gemahl hielt, fie mit feflem Arm umfchlang. Sie
gebot ihm abzuftehen, und da Er nicht wollte/ warf fie ihn mit maͤch⸗
tiger Hand aus dem Bette, daß fein Haupt hart an einen Schemel
ftieß. Raſch erhob fich Giegfried und wollte fein Glüd von Neuem
verfuchen, aber Brunhilde fprang auf vom Lager, um ihn zu binden,
und begann mit ihm zu ringen. Siegfrieds Kraft mußte ber ihren
Siegfried und bie Ridelungen. 409-
weihen, denn Brunhilde brüdte ihn fo gewaltig zwiſchen einen
Schrein und die Wand, daß er ermattete, Arg bangte es Guͤnthern
um Siegfried; bdiefer aber, tiefbefchämt, von einem Weibe fich bes
fiegt zu fehen, bot nun feine-gange Kraft gegen fie auf, — Ungeſtuͤm
rahgen fie, das ganze Gemach erbröhnte, da zwang er fie aber end⸗
lich aufs Lager, und fie ſchrie laut auf vor der Gewalt. Brunhilde
griff nach dem Guͤrtel, um Siegfrieden zu binden, er hinderte es
aber, und druͤckte ſie dergeſtalt nieder aufs Lager, daß es Koͤnig
Guͤnthern nun um fie ſelbſt Angſt zu werben anfing. Da ſprach
Brunhilde: „Edler König, fchone meines Lebens, Du hafl’s erprobt,
bag Du magft mein Meifter fein.“ Siegfried fprang jegt vom Lager,
nahm ihr aber heimlich einen Fingerring und ihren Gürtel, Bruns
bilde ward jest Günther’s Weib, und ihre Riefenkräfte waren ents
ſchwunden. Chriemhilde empfing fröhlihen Meuthes den Gemahl,
ihren Bitten wiberftand Siegfried nicht,- und ſchenkte ihr die Kleins
odien, welche er Brunhilden abgerungen, Wie leid wars ihm fpäter,
daß er es gethan! Vierzehn Tage lang währten bie Soffefte in froͤh⸗
lichem Wechfel, und der Fröhlichfte der rohen war jegt König
Günther, bis endlich die Reden, reich beſchenkt, Worms verließen,
und Alle zufrieden heimzogen. —
ie Siegfried wieder nach Kanten fahr, und nach
feiner Hückfehr zum Burgundenland die beiden
Königinnen Chriemhilde und Brunhilbde
ſich fchalten.
Reich befchentt waren die Gäfte alle heimgezogen, ba ſprach
aud Siegfried zu Chriembliden : „Die Zeit iſt da, daß wir uns
auch zur Heimfahrt räften.“ Gar gerne hörte dies die hohe Frau;
doch wollte fie zuvor no ihr Erbe theilen mit ihren Brüdern,
Diefe waren deß zufrieden, aber @iegfried, Siegmunds Sohn, der
ed vernahm, lehnte es ab, unb fagte: „Bott ſegne Euch Euer Erbes
-
10. . Siegfried and die Nibelungen.
meine Traute bedarf nicht ihres Thelles, fe foll, ihrer werth, eine
Krone tragen, und. reicher werben, denn irgend ein Weib auf Ex
den. Solltet Ihr aber mein bebürfen, fo ſteh ich ſtets bereit.⸗
Da Frau CEhriemhilde ihr Erbe verſchmaͤht ſah, wollte fie wenigſten
einige ber Burgunden Reden mitfuͤhren, und ihr Vruder Gernot
bot ihr, fie möge fih aus zehntaufend Reden taufend wählen, bie
the am Beften gefielen. Chriemhilde befandte alfobalb Hagen von
Aoneck und Ortewein, ob fie von ihrem Hausgeſinde wollten fein,
Büenend fpradh aber Hagen: „Herr Sünther Tann. uns an Riemam
vden vergeben , nur ihm bienen wir in Treuen,“ Eckenwart aber,
‚bee Markgraf, zog mit Chriemhilden von bannen, und viel edel
Geſinde, fünfhundert dee Degen und zwei und breißig Mägblein,
Nach traurigem Scheidegruß von Frau Ute, der Mutter, und den
edlen Brüdern zogen fie rheinabwärts, ven vielen ber Edlen
geleitet.
Als König Siegmund bie Kunde vernahm, daß fein Sohn,
Bed Siegfried, fammt feinem Gemahl, der ſchoͤnen Chriemhilde,
der Heimath zugog, war er gar hocherfreut, und rief jubelnd aus:
„Ehriemhilde, die Schöne, foll bier getrönet werden, und Siegfried,
nber Edle, König fein!“ Niemals war reicherer Botenlohn geſpen⸗
det worden, als der, ben Eiegelinde an Gold und Silber dem Boten
gab, welcher die frohe Maͤhr uͤberbracht.
Siegmunds Reden zitten dem hohen Paare entgegen, unb viele
der edelften Frauen, um baffelbe zu bewilllommen. Als fie nun
nach Kanten zur Hofburg kamen, war bie Zreube über bie Maßen
geoß. Herzlich und froh wurde Ghriemhilde und der Held Giep-
fried hier empfangen, und war die Hochzeitpracht in Worms groß ge
wefen, jo war fie in Xanten noch glängender und reicher. Als bad
KHofgefinde und alle Reden des Landes num verfammelt waren, ba
hub König Siegmund an zu fprechen: „Allen Verwandten Sieg:
wfriebs ſei es Eund gethan, daß er vor allen Reden des Landes
"meine Krone tragen foll!« Und Riemand in dem Niederlande war
biefer Kunde gram. Geſchaͤtzt, gefürchtet und geliebt, ein weile
Siefrted und die Nibelungen. | Kit
Berrſcher, lebte nun Siegfried in bieten hohen Ehren an bie zehn
Jahr, gluͤcklich in feiner Eiche, Da ſchenkte Ihn Chriemhilde einen
Sohn, und froh war darüber ihre ganze Sippfchaft. Im ber Taufe
erhielt ee ben Ramen Günther. Indeß war auch Frau Siegelinde,
aufrichtig beweint von dem ganzen Niederland, geftorben, und
Ehriemhilde trat in ihre Ehren. Jett kam auch die frohe Kunde
aus bee Wurgundenland, daß Brunhilde dem Könige Günther einen
Bohn geboven, ven man Siegfried geheißen.
Frau Brunhilde gebadyte aber mit Neid des Reichthums ihrer
Schweſter Chriemhilde; denn Held Siegfried war ja nicht allein
Herr der Niederlande, fondern auch der Nibelungen und des über-
zeichen Hort, den feine flarke Fauft gewonnen, fo daß Siegfried
der Wefte unter allen Degen aller Lande fein mochte. Dies Ichmerzte
nm Brunhilden, die fich Siegfeieben als ihr eigen dachte, und
darüber heimlich viel Leid trug. Lange fuchte fie den König, ihren
Deren, daher zu bereben, wie fie Shriemhilben noch einmal ſehen
möchte, Herr Günther wich aber Immer aus, und meinte, baß Jene
gar zu ferne wohnten, Wenn da Brunhilde in hoffärtigem Sinne
fprach: mind mödjt es noch fo ferne fein, fo wird bes Königs
vDienftmann doch thun, was ihm fein Herr gebeut I“ laͤchelte Herz
Günther heimlich, wohl eingeben? ber Dienfte, bie ihm Held Sie,A
fried gethan. Als Brunhilbe aber ihren Gemahl in Eiche bat, umb
mit füßen Heben“fchitderte, wie es ihr große Freude machen würbe,
Ehriemhilde und ihren Gern Gieafrieb noch einmal au fehen, da
erbot ſich Günther, fie gu befenden, Dreißig ber. edelſten Recken
wurden gu Boten gekürt, und mit den herrlichften Gewanden be;
ſchenkte fie Brunhilde. Alfo veich beſchenkt, und vertraut mit ber Vot⸗
ſchaft, bie fie nah Norwegen zue Burg. der Nibelungen, wo Held
Siegfried jest hauste, bringen follten, zogen fie ab, “
Nach drei Wochen gelangten fie dahin. Kaum hatte Frau
Shriemhilde die Mähre vernommen, daß Ritter in die Burg gezo⸗
gen, die ihrer Heimath Watt trügen, fprang fie auf von ihrem
Ruhhette, und eilte zum Fenſter. Wie war fie fo. hochvergnuͤgt,
413 Siegfried und bie Nibelungen.
als fie Herrn Bere, ben Markarafen, mit ben Recken im Burg⸗
hofe fiehen ſah! Froͤhlich wandte fie fi mit der Kunde zu Sieg⸗
fried, der die Gaͤſte herzlich willlommen hieß. Alles wurde aufge
boten zum Empfange der Burgunder Ritter. Als nun Herr Gere
ben Gruß entbot von König Günther’n, Brunhilden und Frau ten,
und ben Wunſch ausſprach, Heren Siegfried und Shriemhilden am
Mhein im Burgundenlande zu fehen, wurben die Boten gar fröhlid
bewirthet. Neun Tage vergingen, und dba die Woten jest heimzu⸗
kehren wünjchten, befandte Here Giegfrieb feine Freunde, um ihren
Bath zu begehren. Die Reden rviethew ihm binzufahren, und taus
ſend von ihnen zur Begleitung zu wählens felbft König Siegmund
erbot fih in Freuden, bie Fahrt mitzumachen. Und deſſen war
Held Siegfried gar froh. So reich beichenlt, baB die Pferde die
Laft kaum zu tragen vermochten, zogen Lie Boten jetzt mit des
feoben Mähre heim.
Was nur an Gold und Geſchmeide, Gewindern, Schilden und
Waffen bie Burg Prachtvolles barg, wurde zu der Fahrt hervor⸗
geſucht, und ſo groß die Freude an Siegfrieds Hoflager, ebenſo groß
war ſie in Worms, als die Boten heimkehrten mit der erwuͤnſchten
Maͤhre, daß Held Siegfried die Einladung angenommen. Nenzierig
fragte Königin Brunhilde, ob auch Ehriemhilde komme, und ob fie
ch fo ſchoͤn wäre, wie fie geweſen. Markgraf Gere bejahte «6
und lobte den empfangenen: reihen Botenlohn. Hagen meinte,
Siegfried koͤnne wohl mit vollen Händen fpenden, ba er der Her
bes Nibelungen⸗Horts ſei.
Seit aber die Ruͤckkehr des hohen Paares laut geworden, war
alles thaͤtig zu ſeinem Empfange. Auf freiem Plane wurden die
Sitze aufgeſchlagen, und Schenk und Truchſeß, Herr Hunolt und
Sindolt, mußten von früh bis ſpaͤt ihres Amtes pflegen. Bratſpieß
und Pfanne waren auf dem Heerde nicht müßig, und Rumolt, der
Küchenmeifter, machte feinem Amte Ehre. Frauen und Mägblein
waren nicht minder beicyäftigt, das Schönfte zum Schmucke zu be
seiten, mit Gold und Edelgeſtein die Kleider zu zieren, um würdig
zu erfcheinen vor dem hohen Paare.
Siegfrled und die Nibelungen. 3
Mt dem veichften Reiſegefolge und aller Pracht zog Helb
Siegfried und Frau Chriemhilde dem Rheine zu, und fröhlich und
herzlich wurde ee und bie Seinen in Worms empfangen, wie es
dem Helden ziemte. Innig begrüßten fi die beiden Königinnen,
und alle die Gaͤſte, als fie zu Worms in die Stadt einritten. Was
war das ein Zubel des Geſindes, welches in und vor ber Stadt
aufs Köfktichfte beherbergt ward, Zwoͤlfhundert der Recken wurden
an des Königs Tafel aufs Gaftlichfte bewirthet, und Luftig ging's .
an den Schenten, daß ver Wein in Strömen floß, bis tief in bie
Radıt.
Mit Tagesanbruch tummelten die Degen auch fchon ihre Roſſe
gum fröhlichen Kampffpiele auf dem Plane, Laut fchallten Pauken
und Drommeten‘, und in feftlichem Zuge wallten die Frauen und
Hitter zum hohen Dom, wo man die Mefle fang.
In Brunhildens Herz erwachte aber der böfe Neid, als fie .
Chriemhilden in aller Pracht und im Reize ihrer Schoͤnheit fah,
alle ihre Frauen und Maͤgdlein überragend, Eilf Tage vergingen
fo in Luft und Freude; Kurzweil und Bitterfpiel wechfelten ben
hohen Gäften gu Ehren,
As nun eines Tages vor der Vesper bie beiden Königinnen
beifammen faßen, um einem Nitterfpiele zuzuſchauen, ſprach Chriem⸗
hide: „Sieh meinen Mann, er müßte billig Herr biefer Lane
feinta Wohl, erwiberte Frau Brunhilde, wenn Niemand Anbers
lebte, fo möchte das geſchehen, aber Günther Lebt noch! Darauf
Shriemhilde: „Siehſt Da ihn dort, herrlich vor allen Reden, wie
nder lichte Bollmond vor ben Sternen ? Hoch erfreut‘ es meinen
„Muth!“ Brunhilde Schenkte ihr das Wort nicht, und ſprach:
„ie Du auch Lobeft Deinen Mann, ich hörte ihn Tagen, als ich
xihn zuerft fah mit Günthern, daß er des Koͤnig's Mann, und fo
nhalt’ ich ihn für eigen,“ Die fchöne Chriemhilde aber entgegnete:
„Solche Rebe möcht’ ich mir verbitten, denn mein Bruber hätte
„mich Teinem Dienfimann zum Weibe gegeben I! Brunhilde beſtand
auf ihrer Rebe, und es wucht beider Frauen Zorn, fo daß Ehriem
Ed
414 Soegfried und bie Ribelungen.
Yiße ſorecht wind ba Due meinen Siegfrieb Dein eigen haft ge⸗
onannt, fe will ic; heute Meinen Recken zeigen, daß ich vor ihres
Koͤnigs Weib werde zur Kirche gehen“.
Da ſchieden die Brauner in Grimm und Neib, und Ghr.emhilde
hieß ihre Mägdlein und Frauen fi aufs Reichſte zieven. Und fe
sog fie mit deei und vierzig ihrer rauen allein zum Münfter, fe
daß fich bie Leute wunberten, bie Königinnen alfo gefchieben gu fehen
Bor dem Münfter aber ſtand Gimihers Weib, und wie Ehtzriemhilbe
(ich) näherte, fprach in ihrem Neibe Brunhilbe: »Rie ſoll bie Eigen
mvor dem Königsweibe gehen!“ Zoraglühend entgegnete ihr Gheism
Bilbe: „Haͤtteſt Du beffer gefchiwiegen! wie bann ein Kebeweib je
meines Könige Weib werben? denn zuerft hat Did mein Mann,
oHerr Siegfeted, geminnet, Dein Sinn treg Dich!“ Vor Muth weinte
Brunhilde, und Ehriemhilde fchritt vor ihr; zur Kirche. Als bad
Oochamt gefungen war, verließ Brunhilde zuerft ben Dom, um
Chriemhilden zur Rebe zu flellen, und fie um: Beweiſe "zu fragen,
wie ihr die Schande gefchehen fei. Da ſprach Frau Chriemhilde:
"Schau bier den Reif, den Die Siegfried genommen, und ben Guͤr⸗
wtel, den Du trugſt. Ich legt' ihn an, Die zu beweifen, daß ich
wicht gelogen, daß Siegfried Deines‘ Here wurbel« Als Brunhilde
Yen feidenen, veich mit Edelgeſtein befesten Gürtel um Chriemhilden
Bäften fah, fing fie laut an zu weinen, und als Günther hinzu
Tom, und fie fragte, was fie bekuͤmmere, ergoß fie im gomigen
Thraͤnen ihr tiefes Leid, Günther beſchickte alſobald ben Helben
Giegfried, und als er kam, war er gar ſehr verwundert, Frau
Brunhild alſo weinen zu fehen König Günther vebete ihn an, «b
er fich je gerühmt, wie Chriemhilde gefagt, Brunhildens erfter Mam
geweſen zu fein? „Niemals,“ ſprach Siegfried, what ſie's gefagt,
wfoll fie es ſchwer beklagen; mit tauſend Eiden will ich vor Deinen
„Reden es befräftigen, daß ich es nie gethan tv Dies geſchah
auch alfobald; Held Siegfried bot die Hand zum Cide. Vor Gün
thers gefammten Hofgefinde hatte Siegfried zwar den Reinigungseid
geleiſtet; aber im Innern trug rau. Brunhilde doch den Grimm,
. Siegfrieh und bie Ridelungen. 445
und in Trauer fchieben die Frauen. Als Hagen von Troneck Yenu
Brunhilde weinend fand und von ihr bie Maͤhre erfuhr, gelobte er
ihr, daß Chriemhildens Mann es fiher büßen folle, fonft folle man
ihn nie unter den Rröhlichen finden. Gernot und Ortewein ſchwu⸗
ren dem Helden auch Rache, nur Gifelher, der Junge, meinte, daß
um eitler Weiber Zürnen, ein fo ebler Held das Leben nicht Taflen
dürfe, Die Reden .aber hegten tief im Herzen die Rache, unb
Sagen ſchmiedete den lifligen Plan, man folle Boten in’s Land
zeiten lafien, als kuͤnde der Feind offnen Krieg, und wenn Siegfried
füh dann zue Heerfahrt anböte, koͤnne man ihn leicht aus dem
Wege räumen. König Günther gab dem argen Rath feines Dienfle '
manned Gehör, und nus auf Untreue und Verrath warb jest
gefonnen,
|]
ie Siegfried verrathen und erfchlagen ward,
Nicht lange nachher ſah man Boten einreiten in des Könige
Burg, weldhe Krieg und Streit Eündeten von Lüdegaft und Luͤ⸗
deger, die Siegfried einft bezwungen. Nicht ahnend die Lüge,
erbot ſich Siegfried aljogleih, den Streit zu jchlichten für König
Günthern, und der Feinde Land zu verwüften mit feinen Recken.
In Arglift flellte fi) Köniz Günther, als wenn er mit frohem Ders
zen des Helden Gntjchluß vernommen. Siegfried und die Geinen
züfteten ſich alfobald aufs Beſte, Panzer und Helme wurden auf
die Roſſe geladen und bie Bähnlein an. die Langen gebunden, wie
es Sitte war bei ber Heerfahrt.
Da trat Hagen zu Ghriemhilden, um fich zw beurlauben,
Ehriempilbe nahm ihn unbefangen auf, und freute ſich, daß Sieg⸗
frieb, ihr Gemahl, ihren Brüdern zu Dienft fein Eonnte. Sie bat
darauf Herrn Hagen, ihren Mann nicht entgelten zu laſſen, was
fie an Brunhilden getban. Denn,” fprach fie, „es hat mich ſchon
nkief gereuet, und wohl bat mein: Leib Siegfrieds Zorn. empfunden,
#16 Blegfrieh und bie Nibelungen
wbaß ich geſprochen, was ihre Seele betrübt.” Hagen verſprach
ihr mit gleißnerifcher Rebe, daß fie in wenigen Zagen mit Frau
Brunbilbe follte gefühnt fein; fie möge ihm nur fagen, wie er dem
Helden Siegfried bienen koͤnne. „Ich bin,“ nahm Chriemhilbe das
Wort, „ohne alle Eorge, daß Iemand ihm Leib und Leben nehme,
„wenn er nur feinem Uebermuth nicht folgt !« Sagen ſprach ganz
traulih: „Beſorgt Ihr, daß er verwundet werbe, fo vertraut mir,
„wie ich ihm wiberftehen Tann, ich will nicht von feiner Geite
mweichen !« Chriembilde ſprach: „Dir, dem Verwandten, vertrau’
ich meinen Zrauten, daß Du ihn jhüßeft und wahrefi.“« Und nun
“erzählte fie dem Argen, was fie beſſer verfchwiegen, wie Giegfrich
ben Lindwurm erfchlagen im Gebirge, und er fich in befien Blut
gebadet, fo daß er unverfehrt jeder Wunde wiberftehes wie aber,
als er fidy gebatet in des Linddrachen Blut, ein Lindenblatt ihm
auf die Schulter gefallen, und Siegfried nur an biefer Gtelle ver⸗
wunbbar fei,
Wohl ſprach da Herr Hagen: „So näht mir auf fein Gewand
wein Zeichen, damit ich die Stel’ erkenne, wenn wir im Sturm
„des Kampfes find, und ich ihn alfo fchüsen kann.“
Chriemhilde verſprach, in der Heffnung, ihres Gatten Leben
alfo zu ſchuͤtzen, an ber Stelle ein SKreuzlein auf das Gewand zu
fliden. Da Hagen den Helden alfo verrathen fah, nahm er Abfchieb
von der hohen Frau, mit dem Verfprechen, daß er ihres Gemahls
Schirm und Schild fein wolle. Wohl verfah fih Chriemhilde der
Argliſt nicht, aber auch nie und nimmer war größerer Verrath
angezettelt worden.
As nun früh des andern Morgens Held Siegfried mit tau:
ſend Mannen feines Heergefindes frohgemuth auszog, um feiner
Freunde Leid, wie er wähnte, zu rächen, ritt Hagen neben ihm,
Kaum hatte er aber das verheiffene Zeichen auf des Helden Gewand
bemerkt, als er ſachte von bannen ſchlich. And alfobalb kam bie
Kunde, daß Guͤnthers Land in Frieden bleiben folle, und daß Boten
von Lüdiger gekommen, dem Könige dieß zu melden. Ungern ließ
Siegfried und die Nibelungen. 4
Siegfried von bem Streite, und kaum vermocten Günthers Leute
ihn zurüdzuhalten, Mit argliftiger Freude kam König Guͤnther
dem Helden entgegen, ihm für feinen guten Willen zu danken, und
forderte ihn auf, mit ihm im Wasgauwalde zu jagen auf Bären und
Eber, wie e8 Hagen dem Könige gerathen harte, Siegfried nahm
feohgemuth des Königs Antrag an, benn das Waidwerk war ihm
eine Luft.
Siegfried ritt nun, die ſchlimmen Raͤnke nicht ahnend, die Bruns
Hilde gegen fein Leben gefchmiedet hatte, zu Chriemhilden, um von
ihe Abfchieb zu nehmen. Mit Thränen beſchwor ihn die Trau,
böfen Verrath Yorausfehend, nicht zur Jagd zu ziehen, eingeben?
ber Enttedung, bie fie dem argen Hagen gemacht. Siegfried troͤ⸗
ftete fie aber, da er fi nicht bewußt war, irgend einen Feind at
Guͤnthers Hofe zu haben. Chriemhilde mochte erzählen, daß ihr
geträumt, wie zwei Berge im Thale über Siegfried zuſam⸗
mengeftürzt, fo daß fie ihn nie wiebergefehen; Siegfried blieb bei
feinem Entſchluſſe und nahm herzlichen Abſchied von dem in tieffter
Seele betrübten Weibe, das ihn nie wieberfehen ſollte. So zogen
fie, von ftattlichem Sagbgeleite umgeben, nach dem frifchen Zann,
wo fich die Jagd nieberließ, und fih dann zum Jagen theilte. Sieg⸗
fried nahm nur einen Bradın zu fih, und reich war fein Bang,
denn vıel des Wildes, Schweine, Pirfche und Elendthiere erfchlug
feine ſtarke Hand, erlegte fein gewaltiges Geſchoß, fo baß bie Bur⸗
gundifhen Waidmaͤnner fürchteten, Siegfried möchte alles Wild bes
Waldes erlegen, und ihnen das bloße Nachfehen laſſen. Wie nun
die Jagd wilb durch den Tann rafte, daß es durch Kluft und Thal
toſend wieberhallte, tönte des Königs Hifthorn zur Raſt. Und
wie nun Siegfried mit den Seinen aufbrach zur Waldherberge,
gewahrte er einen flarken Bären, „Hei,“ fprach da der Degen,
zur Kurzweil will ich ihn erjagen, er muß mit uns zur ‚Derberg
fahren; auf, Gefellen! Löft den Bracken!“ Und wie Wetterflurm
eilte Siegfried dem grimmen Unthiee mit feinem Roſſe nach, es
fiel aber in eine Kiuft, fo daß Siegfried ihn nicht folgen Tonnte,
27
418 ®iegfried und bie Nibelungen.
Sogleich ſchwang fi) der Held vom Pferde, zannte dem Thiere
rad, und fing und band es dann mit eigner Kauft, fo baß es weder
beißen, noch Tragen konnte. Darauf band er es vor fich auf den
Sattel, und ritt fo auf bie Jagdherberge zu. Stattlicher hatte
man nie einen Waidmann gefehen, Reich ohne Maßen war fein
Birfhgewand aus koͤſtlichem Rauchwerk, geftidt mit Gold und
Borten. Er trug einen Bogen, den man mit einer Winde nur
fpannen Tonnte, wenn er's nicht that, und an feiner Hüfte Hang
fein fchmudes Schwert, der fefte Balmung. So Fam cr zu ber
Herberg. Saum abgefellen, band ee den Bären los; ber gerieth
aber, von ben Hunden gefchredt, in die Kaͤche. Wie trollerte und
Tollerte da Alles durcheinander, die Keſſel und Pfannen fielen von
den Heerden, auf tie fich die Kuͤchenknechte flüchteten ! Wohl eiiten
die Herren mit Speer und Bogen nach der Küche, wohl ließ man
die Braden los, doch entkam ber Bär, und nur Siegfried Ionnte
ihn ereilen, und erſchlug ihn mit feinem Schwert.
As ſich darauf die Saygdgefellen zum frohen Male auf bem
grünen Unzer verfammilt, gab es ter Speifen gar viel und mans
niofalt, doch fchite es an Wein. Gicgfried wurde unwillig darob,
und König Günther fchob auf Hagen die Schuld. Hagen entſchul⸗
digte fich, vorgebend, er habe den Mein nad) bem Speffart gefandt,
weil er geglaubt, man wolle dort jagen; doch Eenne er in der Nüse
am Berghang einen hellen Born, ber füße Labung biete. Sogleich
wollte Siegfried dahin aufbrechen. Da ſprach Hagen, ber Argliſtige:
"Die Leute fprechen, es Tonne Euch, Herr Siegfried, Niemand im
Laufe folgen. Gern füh’ ich's einmal.“ Siegfried fchlug bie Wette
vor, wer zuerft von ihnen zu der Quelle fomme, folle Sieger fein,
dech wolle er beim Kaufe noch fein Zugdgeruth und feine Waffen
tragen. Es geichah, und wer den Born zuerft erreichte, war Sies
fried. Er lehnte den Speer an bie Linde, welche den Quell über
fchattete, und Legte auch Schild und Schwert ab. Zuerſt trank
Herr Günther, und raſch fchaffte Hagen Giegfriedbs Schwert und
Wehr bei Seite, Als Siegfried fich nun zum Trinken bückte, d3
Giegfried und bie Ribelungen, 49
ergriff Hagen feinen Epeer und mit gewaltigem Stoß trieb er dem
Helden das Eijen an der verwunbbaren Stelle durch den Naden,
daß hoch das Blut aufſchoß. Wild fprang Giesfrieb auf, die böfe
That zu vergelten, aber vergebens ſuchte er nach ſeinem Schwerte.
Hoch ragte bie Speerſtange zitternd aus feinem Ruͤcken hervorz
er griff aber nach ſeinem Schilde und rannte dem fliehenden Hagen
nach. Mit gewaltigem Arm fuͤhrte er einen Streich nach dem Ver⸗
raͤther, daß rings der Waldgrund von dem Schlage erbebte und
der Schild brach. Hagen ſtrauchelte und ſtuͤrzte; wohl waͤr's ſein
Tod geweſen, haͤtte Siegfried ſein Schwert gehabt. Siegfried aber
erblich; des Helden Kraͤfte ſchwanden, und er ſank todwund auf
das Gruͤn — in Stroͤmen floß ſein Blut dahin. Da ſprach der
Sterbende: "So ſchnoͤder Tod iſt alſo meiner Treue Lohn, doch
„Euch zur Schmach und Schande ſterb ich von feiger Mörder Hand I"
Wohl beklagten ihn viele der Ritter, die hinzuliefen, auch Günther
wollte ihn beklagen, boch fehr verwies ihm dies Siegfried, und bat
ihn nur, für fein Gemahl, die unglüdliche Chriemhild, zu forgen,
zu bedenken, baß fie feine Schweſter. Da lag ber Held nun in
fhmerzlihem Todeskampfe, und als er ben Geiſt aufgab, war fein
letztes Wort: „Wohl werbet Ihe meinen Tod beklagen, denn Ihr
werichluget Euch felber I”
Und wie der Held fo tobt in feinem Blute lag, hoben ihn bie
Degen auf feinen Schild, und beriethen fich, wie fie feinen Tod
Shriemhilden bergen follten, damit es ihr werholen bliebe, daß Ha⸗
gen der Thäter fei. Man wollte ſagen, ein Unfall fei bem Helden
{im Zann begegnet. Aber Hagen ſprach: „Wenig fol’s mich kuͤm⸗
nmern, ob es ihr bekannt werde, und ob fie, bie Brunhilden fo arg
wbeleidigt, fich auch gu Tode grämel®
420 Siegfried und die Nidelungen,
Wie Siegfried beflagt und begraben ward, und wie
Siegemund heimkehrte.
18 der Abend hereinbrach, fuhren Siegfrieds Freunde mit
ſeinem Leichnam von dem Brunnen bei Odenheim, wo er erſchla⸗
gen worden, uͤber den Rhein und gelangten im Dunkel der Nacht nach
Worms. In ſeinem Grimme ließ Hagen die Leiche in aller Stille
vor Chriemhilden's Gcmah tragen, auf daß fie den theuren Erſchla⸗
genen finde, wenn fie zur Krühmeffe ging. Ihr Kämmerer, der fie
den andern Morgen abholen wollte, ftieß auf die in ihrem Blute
ſchwimmende Leiche und brachte der hohen Brau die Kunde, daß ein
erfchlagener Ritter vor bes Gemachs Thüre liege. Wie Todesruf
traf dieſe Kunde Chriemhilden’s Ohr, fie ſank hin, die Freubenlofe,
vom Gchmerze überwältigt und jammerte gar laut und fehr. Ihre
Frauen mochten fie noch To fehr zu bereden fuchen, daB der Erſchla⸗
gene vielleicht ein Andrer, fie Hagte nur: „Es ift Siegfrieb mein.
„Gemahl, Brunhilde rieth zur That, bie Hagen ſchnoͤd' an ihm voll:
vbracht.“ Und fo trat fie hinaus wo die Leiche Yag, bie fie alfo:
bald erkannte; fie nahm das biutige Haupt in ihre weißen Hände,
und beflagte jammernd feinen fehmachvollen Tod. Alfobald ließ fie
Herrn Siegemund und Siegfried Leute wecken, doc) Teiner wollte
der Zrauerfunde Glauben ſchenken. Aſs fie aber Chriemhildens
Wehruf und Klagen hörten, fprangen fie auf, griffen zu den Waffen,
kuͤhn entfchloffen, bes Hekden Zod blutig zu rächen. Unausfpredlid
war der Echmerz, ald Siegmund den erfchlagenen Eohn fah, als
bie edlen Reden aus Nibelungenland ben Hehren, in feinem Blute
fhwimmend, gewahrten, Wohl gern hätten alle auf der Stelle bie
ſchwere Unbilde geräht, und waren alle zur That bereit, aber
Chriemhilde, noch Aergeres fürchtend,, bat und flehte den alten Koͤ⸗
nig, Herrn Giegemund an, daß er abftehe von der Rache, fie felbft
wolle ihm helfen, Rache nehmen an ben Mördern ihres Bemahle,
feines Sohns,
Das Klagen war ohne End, als man ben Erfchlagenen jetzt
Siegfried und bie Nibelungen 7 Du
in einen von Gold und Silber gefchmiedeten Sara legte, und unten
dem Klange aller Gloden in feierlihem Zrauerzuge hin nach bem
Münfter brachte. Da kam auch Here Günther und Hagen, ber
Grimme. Mit gleißnerifcher Rede beklagte Sünther ber Schweſter
Leid; Chriemhilde ließ ihren Argwohn nicht bannen und fprady :
"Wer da unſchuldig, mag bier vor allem Volle, vor die Bahre'
treten, und alſogleich wird fi) bie Wahrheit zeigen.» As num
Dagen hin gur Leiche trat, ‚groß Baffte ba die Wunde, und friſch
viefelte das Blut in Stroͤmen. Größer warb jegt der Weheruf;
aber Sünther ſprach: „Won Schaͤchern ward Siegfried erfchlagen,
Hagen hat es nicht gethan.“ "Die Schaͤcher, “ ſprach Chriemhilde,
„find mie wohl befannt, Herr Günthes und Hagen. Gott möge
„rächen biefe arge That fa
Da wollten Giegfriebs Degen mit ben Waffen raͤchen ihres
Helden Zod, aber Chriemhilde fuchte fie zu beichwichtigen, ſie bits
tend, noch die Noth mit ihre zu ertragen. Ihre Bruͤder, Gernos
und Giſelher, kamen jegt auch herbei und nicht gering war ihr
Weinen und Klagen ob dem berben Verluſt, der Schwefler Kummer,
Die ganze Stabt war verſunken in Trauer und Grau.
Chriemhilde wollte aber nicht laſſen, unb drei Zage und
drei Nächte wachte die Treuholde bei dem theurem Leichnam bes
Helden. Sie wollte noch recht ben lieben Mann genießen, unb
Gottes Wille Eonnte es vielleicht fein, fie duch ben Tod von
allem Leiden gu befiien, So meinte Chriemhilde. Wie manche
Zähre floß in biefer Zeit, wie mandes Opfer warb dem Altar
gefpendet, und wie reich waren bie Gaben, welche Herr Siegemund
und Frau Ghriemhilbe den Armen, den Kirchen, Klöftern und
@pitälern rings’ im Lande zulommen lieffen,
Am dritten Tage warb ber Held begraben, mit großem PM
pränge, wie es fich ziemte. Chriemhildens Iammer war aber über
bie Maßen groß, fo. daß eine Ohnmacht nach der andern fie befiel,
Als dee Sarg dem Grabe fchon nahe, ſprach bie. Breubenlofe: _
„In meinem tiefen Leib gewährt mir noch eine Gunſt, laßt mic
.623 Giegfried und bie Wibelungen.
„no einmal des Theuren Antlig fehen.« Ihrem innigen Bitten
konnte Niemand wiberftehen, und fo warb der Sarg noch einmal
erbrochen. Chriemhilbe warb Hinzugeführtz "fie erhob noch einmal
fein Haupt und drückte den letzten Scheidekuß auf des bleiche, ſchoͤne
Antlig, und blutige Ihränen enteannen ihren lichten Augen, bis
die Sinne fie verließen. Wohl ſchwer war ihre Leid, denn ihre
Ohnmacht währte den Zag und auch die Wacht bis zum andern
Tage. Nicht weniger fchmerzlih war Herr Siegemund getroffen,
fein Sram war ohne Maßen,
As Siegemund aber wieber in etwa genefen, baten ihn die
Reden von Nibelungenland, mit ihnen heimzufehren, da fie nicht
länger an Günther’s Hofe weilm moͤchten. Siegemund war be
willig und eilte zu Chriemhilden, fie aufzuforbern, mit ihm heim
zu ziehen, da fie doch ungern gefehene Gaͤſte wären am Rhein. Inder
Heimath follte fie behalten alle Gewalt, bie ihr Siegfried vers
liehen, follten ihr Land und Leute unterthan fein, und tie Krone fie
ſchmuͤcken. ° Gern folgte bie Kreudenlofe feinem Begehr, und nicht
gering war bie Eile, mit ber man Alles zum fchnellften Aufbrud)
süftete, Als aber Frau Ute der Tochter Willen vernahm, bat fie
gar inniglich, Chriemhilde möchte in der Heimath bleiben. Sie
wollte nicht einwilligen, bis es endlich den Bitten ihrer Bruͤder
Gernot und Gifelher gelang, fie zu bewegen, in ber Heimath
bei den Ihrigen zu bleiben,
As nun Alles zur Abreife bereitet ar, ba trat Herr
Siegemund vor bie junge Königin, um fie zum Aufbruch
zu bewegen. Weh that es ihm aber, als Chriembilde ihm
ihren Entfchluß mittheilte, vie fie auf den Rath ihrer Lieben und
Sreunde in ber Heimath bleiben wolle. Siegemund mahnte fie,
wie fie im Nibelungenland herrfchen folle ald Königin, er mahnte
fie an ihr Kind, Siegfried Sohn, wie der eine Waife, wenn fie
nicht mit heimkehre. Chriemhilde blieb aber feft bei ihrem Ent⸗
fhluffe, im Burgundenland zu bleiben; und wohl weh that eö dem
Köniz Siegmund und feinen Recken, daß dieſe Hoffahrt ſo klaͤglich
*
Siegfried und bie. Kibelungen. %3
geendet. Rimmer mehr nach dem Burgundenland zu kommen, ges
lobte ber König und auch feine Getreuen, es ſei denn um zu rächen
Siegfrieds Tod. Als Siegmund den Abſchiedskuß auf Chriemhildens
Stirn druͤckte, ba ſprach er: „Jetzt erſt iſt mir mein ganzer Kum⸗
mer Mar, ganz an Freuden arm kehr' ich heim.
Und fo zogen die Reden aus Worms, ohne alles Geleite und
ohne von irgend Jemand Abfchieb zu nehmen, beim nach dem Nibe⸗
fungenland. Nur Gernot-undb Gifelher gaben ihnen das Geleit
nad dem Niederland wo ihr Empfang gewiß Tein fröhliher war,
Ghriempilb blieb mit ihrem Grame in der Heimath, wo ihr Giſel⸗
ber allein Troſt fpendete und ihre Thraͤnen zu ftillen fuchte, deren
Brunhilde, die fchöne, in ihrem Uebermuthe fpottete,
Wie der Nibelungenhort nach Wormso Lam.
Frau Chriemhilde Iebte jest in ſtiller Abgejchiedenheit in einem.
nahe bei dem Münfter zu Worms gelegenen Schloffe, das ihr als
Wittwenfig angewielen ward. Wie treu ihr auch ihre Gefinde zuges.
than, wie fehr aud) Frau Ute, ihre Mutter, es ſich angelegen fein
ließ, ihre Trauer zu bannen, Alles war umfonft, Ihe liebfter Gang
war hin nad dem hohen Münfter, wo ihr Gemahl, Herr Siegfried,
begraben lag. Taͤglich war bie Greubenlofe an feinem Grabe gu
finden, wo fie in bittern Zähren um ben Geliebten Elagte.
So waren ſchon vier Zuhre der Zrauer bahingefchlichen, unb
noch hatte Chriemhilde ihren Bruder, König Günther, keines Blickes
gewürdigt, noch durch ein Wort erfreuet. Ihren Feind Hagen hat!e
ſie im Laufe dieſer Zeit gar nicht geſehen. Hagen von Troneck ver⸗
gaß aber ſeines Grimmes nicht und ſuchte den König nur dazu zu
bewegen, daß er Chriemhilde vermoͤge, das Nibelungen gold nach Worm
zu ſchaffen. Gar oft ſprach Hagen von dem großen Schatze zum
Koͤnige, der nun Gernot und Giſelher aufforderte, die Traurend
su ſuͤhnen. Die Wadern verſuchten es auf die freundlichſte Weiſe
* .
424 Siegfried unb.bie Ridelungen
„Ihr Hagt zu lange,” ſprach Gernot, „und dern moͤchte euch der
König zeigen, baß er Siegfried nicht erichlagen.e Da antwortete
Shriemhilde: „Niemand geiht ihn der Thatz Hagen erfchlug ihn,
denn ich zeigte ihm felbft, wo Giegfrieb verwunbbar, und verrieth
alfo feinen Leib. Nimmer werbe ih denen hold, die ihn erſchlagen.“
Gernot ließ aber nicht ab von feinem Witten, bis Chriembilbe end»
Gh zugab, den König zu fehen. Schwer warb ber Schritt ihrem
Herzen, als ber König mit all feinen Getreuen, aufer Hagen von
Troneck, ſich dei ihr einfand. Die Gühne kam zu Standes wie
ſchmerzlich es ihr auch ward, fo vergab fie, allen, auſſer Hagen, der
ihn erſchlug.
Die hohe Frau gab auch zu, daß man ben reichen Hort hole
aus dem Nibelungenland, ber ihr als Morgengabe eigen. Gernot
und Gifelher fuhren, auf Chriembildens Geheiß, mit achttauſend
Recken hin nach Nibelungenland, wo der Zwerg Alberich ben
Schatz hütete. Als die vom Rheine kamen, ſprach Alberich; „Gie
Zommen ben Hort zu heben, ber auch der Königin gebührt, Hat
doch Siegfried dadurch, daß er bie Tarnkappe fid gewann, wenn
auch fih zum eignen Schaben, uns alle bezwungen,“ Der Zhürhüten
erſchloß den Schag, und zwölf Doppelmagen konnten das. Golb und
Edelgeſtein in vier Tagen und vier Nächten, und hätten bie Pferde
auch täglich dreimal den Weg gemacht, kaum zu den Schiffen brins
gen. Alſo groß war ber Schag, und mit ihm hatte der Beſitzer
auch Gewalt über das weite Land und alle feine Reden, denn unten
den Kleinoden war auch ein Rüthlein, und wer baffelbe gefunden,
war Herr ber weiten Erbe,
Der reiche Hort wurde jest zu Schiff gebracht und Rheinauf⸗
wärts gen Worms geführt, wo man manchen Thurm und mande
Kammer mit dem, Golde füllte, Ghriembilde hatte aber an allen
bem feine Freude; gern hätte fie al das Gold und Gefchmeide
bingegeben, wäre Held Siegfried wieder erftanden., Mit milder
Band fpenbete fie ihre Schäge, und Reich und Arm fand in ihr
eine milde Herrin, fo daß ihrer Getreuen Zahl mit jedem Tage
*
Siegfried und dis Nibelungen. a
wuchs. Da ſprach Herr Sagen gu dem Könige: „Spendet Chriems
Hilde noch ferner mit folder Deilde, dann hat fie bald fo viele in
ihr Lehn gebracht, baß es uns bangen koͤnnte.“ König Günther
aber antwortetes „Ihe gehört das Gut, mag fie nad) Belieben
damit fchalten, bin ich doch froh, daß fie mic wieber hold wurde.“
Hagen ließ nicht ab. „Ein Auger Mann,“ ſprach er, „vertraut ſolche
Schaͤtze Feiner Frau an, denn mit ihren Gaben bringt fie und noch
allen den Untergang. Günther verfegte: „Ich ſchwur ihr einem
Eid, ihe nie etwas zu Leid zu thun, fie ift meine Schweſter.“
uno Yaßt mich den Schuldigen fein,“ nahm Hagen raſch das Wort.
Er wußte fih auch in Beſitz ber Schlüffel zu fegen, und wie auch
Gernot und Giſelher zuͤrnten, und wie auch Chriemhilde Hagte, es
war umfonftl. Als nun ihre Brüder hinaus zu einer Fahrt gogen,
ba verfenkte Hagen heimlich; den mächtigen Schatz in des Rheines
Tiefen. Hatte Chriemhilde bisher in bitterm Harme um ben ers
fhlagenen Gatten geweint, fo mußte fie jest auch noch ten Verluſt
ihrer reihen Morgengabe beklagen. Wo aber ber Ribelungenhort
geborgen, weiß Riemand; benn es haften die Helden feierlichft bes
ſchworen, es folle verholen bleiben, damit ſie ihn nicht benutzen
koͤnnten, noch irgend ein Andrer.
Ehriemhilden's Nache.
Dreizehn volle Jahre lebte Chriemhilde in ſtiller Trauer,
abgeſchieden von der Welt. Als nun um dieſe Zeit Helke, des
Hunnen⸗Koͤnigs Etzel Gemahl, geſtorben, riethen ihm ſeine Freunde,
um Chriemhildens Hand zu werben. Koͤnig Etzel folgte dem Rath
der Freunde, und Markgraf Ruͤdeger von Bechlaren zog mit
reichem Geleite hinab nach dem Rheine, um fuͤr ſeinen Herrn um
die hohe Braut zu werben. Gern hoͤrten Koͤnig Guͤnther und die
Seinen bes Markgrafen Botſchaft; jedoch war Chriemhilde in ihrem
Kummer wicht alfobalb entichloffen, bes. edlen Markgrafen Antrag
26 Siegfried und die Nibelungen.
anzunehmen. Als nım aber ihre Brüder in fie drangen und ihren
Abfchen, eines Heiden Eheweib zu werden, gu bannen fuchten, da
willigte endlich bie Hohe In Etzels Werbung, eingebent, daß bie an
ike verübte Unbilbe, ihres Herrn Toy, noch gerächt werden koͤnnte.
Ihre Schäge theilte Ehriemhilde unter Markgraf Rübdegers
Reden als Botentohn und trat dann, beklagt von Allen und bes
gleitet von hundert Mägblein und fünfhundert Degen, welche ike
Markgraf Eckewart zuführte, ihre Reiſe nach bem Hunnen⸗
Lante an.
Wohl war ihr Zug ein wahres Feſtgeleite; allentbalben empfing
fie Jubel und Freude, wo fie hinkamen; durch Baierland bis gegen
Paſſau an dem Innflrom, und von hier nad Rübegers Mark, we
fie von Botelinden, ber Markgraͤfin, aufs feftlichfte, wahrhaft
Böniglich empfangen wurde. Und fo ding es fort bis hin zum Hun⸗
nenlande unter dem Geleite der mächtigen Vaſallen Esels, weiche
ihrer künftigen Herrin weit hinaus bis Deftreich ſchon entgegengezos
gen waren und fie mit Tühnen Neiterfpielen zu erdoͤtzen fuchten.
Als Chriemhilde mit ihrem Gelelte nun nah der Stadt Zulna
am Donaufteom gefommen, ritten ihr vier und zwanzig Fuͤrſten
und Herzog Ramung aus Wallachenland, Fürft Gibecke, Horn
boge der fchnele, Hawart aus Dänenland, Iring und Irns
fried aus Thüringen, fammt Blödel, Etzels Bruder, mit ihren
mächtigen Schaaren entgegen, und ihnen folgte König Esel, zu
deſſen Seite Dietrich von Bern mit feinen Gefellen ritt. Vom
Roffe ſchwang ſich König Esel und empfing bie hohe Braut mit
Küffen. Chriemhilde gab auch noch dem Bruder Etzels, Blödelin,
dem Könige Gibecke, dem ftarken Helden Dietrich und zwoͤlf
ber ebelften Helden den Wilkommkuß. Mancherlei Zefte und Nitter:
fpiele wechſelten zu Aller Kurzweil, und mit überfchwenglicher Pracht
wurde in Wien König Etzels Hochzeit aefeiert, welche fieben Tage
lang währte und noch nie von einem andern Fefte übertroffen warb.
Die Feftgefchenke, welche man ba fpendete, waren überreih, und
Chriemhilde Hatte ſich noch nie fo flattlidh bedient gefehen. Des
Siegfried und bie Ribelungen. 497:
hohen Frau Schöne feffelte Alles und Grau Helle hatte nie fo gen
maltiglich geboten, —
Scon fieben Jahre lebte Chriemhilde mit König Esel, da
gebar fie ihm ein Söhnlein, das in der Taufe den Namen Ortlieb
erhielt. Wie fie aber auch Iebte in hohen Ehren, von allen geliebt
und geachtet, To Eonnte fie aber dennoch nicht der Heimath vergeffen
und des Kummers und Leidens, das fie dort erfahren. Je mehr fie
dachte, ber Vergangenheit, um fo lebkafter warb in ihrer Seele bie
Begierde nach Rache, Wohl oft dachte fie, ihre Feinde bei fich zu
fehen, um Rache an ihnen nehmen zu koͤnnen. Als fie nun einft
Nachts bei ihrem Gemahle ruhte, ba bat fie ihn, ihre Freunde aus
dem Burgundenland einmal nad) feinem Reiche befiheiden zu laſſen,
da fie diefelben noch gern einmal ſaͤhe. König Esel willigte in ihe
Begehr und entbot fogleich feine Fiedler Werbel und Swemmel
zur Botſchaft nach dem Rhein, Chriemhildens Stppfchaft nach bem
Hunnenlande einzuladen. Wie nun die Boten Tamen, fich von ber
Königin gu beurlauben, da trug fie ihnen noch befonders auf, nur
ja Herrn Hagen von Troned auch zur Fahrt nad dem Sunnens
lande zu entbieten.
Innerhalb zwölf Tagen gelangten bie Boten an ben Rhein
nad) Worms, wo fie auf's gaftlichfte empfangen wurden, ba bie
Mähre ihrer Botfchaft ihnen vorangegangen. Als König Günther
ibrer Sentung Inhalt vernommen, berief er‘ die Beften feines
Reiches, um fich mit Ihnen zu berathen. Alle waren des Ginnes,
baß er hinführe nach dem Sunnenlande, nur Hagen widerrieth und
bat den König zu betenken, wieviel Leid Chriemhilde durch fie ers
fahren, das fie wohl nimmermehr vergeffen werde, wie Leicht er Leib
und Leben im Hunnenland verlieren koͤnne, da Chriemhilde ihm ges
wiß noch Rache nachttage. Gernot und Gifelher entgegneten aber, '
Hagen möge wohl Urſache haben Chriemhilden zu fürchten, da er
ſich ſchuldig wiſſe, er Eönne ja daheim bleiben. Hagen zürnte und
beftand jest darauf, bie Fahrt mitzumachen. Mit reichen Geſchenken
wurden bie Boten entlaſſen, um Koͤnig Etzeln bie Kunde zu brin⸗
as Siegfried und bie Ridelungen,
gen, daß König Günther mit den @einen ihn heimfachen werde.
und als bie Spielleute dieſe Mähre in’s Hunnenland braditen, war
Ehriemhilde gar ſehr erfreut, unt König Ettel ließ fogleich Alles
sum Empfange der lieben Bäfte bereiten.
Im Burgundenlande hatte man ſich indeß zur Fahrt ins gun.
nenland gerüftet. Dreitaufenb der auserlefenflen Helden waren auf
Hagens Rath zur Fahrt verfammelt, und unter ihnen au Dank
wart, Hagens Bruber, und ber kühne Volker, der edle Wiedler,
mit allen bie in ihrem Lehn fianden. Man erkor aber nur taufend
und fechözig der Degen und neuntaufend Anechte. Und als fie nun
aufbrechen wollten, bat Königin Ute ihre Söhne, von ber Fahrt
abzulaflen, es habe ihr geträumt, alles Geflügel im ganzen Lande
wäre tobt. Hagen lachte aber bed Zraumes und rieth jekt um fo
mehr zur Neife, da ibm Gernot Spott entgegen bot. Unter Pos
faunen s und Flöten » Schall zogen bie Edlen, an welche ſich nod
taufend Nibelungens Helden angefchloffen, bin und ließen manch
trauriges Herz zurüd. Mainaufwärts ziehend durch Oſtfranken
kamen ſie, gefuͤhrt von Hagen dem Stolzen, bis zum Donauſtrom,
der wild über Teine Ufer getreten war. Hagen erhielt den Auftrag,
bie Fuhrt zu fuchen. Wie ee nun am Ufer bin und her fpähete,
um einen Schiffmann zu finden, hörte ee etwas im Waſſer pläts
fern und gewahrte bald mehre Frauen, bie fich ſchaukelnd in den
Wellen badeten. Er wollte ihnen nahen, ſie ſtuͤrzten aber in die
Flut. Da nahm er ihnen ihre Kleider. Die Waſſernixen baten ihn,
ihnen ihre Kleider zuruͤckzugeben, ſie wollten ihm dann auch ſagen,
was er auf der Hoffahrt erlebe. Und die Eine ſprach: „Niemals
fuhren Helden noch zu ſolchen hohen Ehren in ein fremdes Reich,
wie ihr nach Etzels Land.“ Erfreut gab Hagen ihnen die Kleider
zuruͤck, da ſprach aber die Andere: „Der Kleider wegen hat Dich
meine Muhme belogen, Eommft Du zu den Hunnen, fo bift Du bea
trogen, denn ihr müßt alle flerben in Egeld Land, einer wirb bie
Heimath wieber fehen, bis auf des Königs Kaplan. Nicht mit
feopem Muth hörte Hagen dieſe Maͤhr, doch war er froh, als ihm
Giegfried und die Nibelungen. 029
die Meerweiber Kunde gaben, wie er Über den Huf Irmumen Fir.
Er brauche nur dem Fährmann Amelreich, ber jenfrits ber Fries
wohne, zu rufen, ber fie überfegen werde um reihen En. Eosen
fand auch den grimmen Kährmann, gerieth aber mit ihm im Etreit,
weil er fich weigerte bie Helden aus Burgunden⸗kand Ehersifegen
in das Gebiet des Herrn Elfe. Da Amelreich foger mit der
Nubderftange nach Hagen ſchlug, hieb dieſer ihm ben Kopf vom
Rumpf, brachte dann durch feines Armes Kraft das Schiff sum
Strande und feste die Helden und ihre Knechte über. In feinem
Grimme, gedenk der Weiffagung der Riren, fchleuberte er des Ks
nigs Kaplan in die Flut, der entlam aber durch Gottes Hälfe, wies
wohl er nicht ſchwimmen Tonnte, und Hagen ihn immer zurädfiich,
wann er in das Schiff wollte, Hagen erkannte aber jest die Wahr⸗
heit der Todeskunde der Waflernire. Als fie nun alle übergefeht,
zerfchlug Hagen, zur aller Schreck, das Fahrzeug, auf daß keiner
entrinnen möchte,
Volker war jest ihr Führer, denn ihm, dem kuͤhnen Fiebler, wa⸗
zen alle Stege und Wege bekannt, Gelfrat, Elſe's Bruder, Hatte
aber kaum vernommen, daß ber Fährmann erfchlagen, ale er fi
rüftete mit den Seinen und feinem Bruder Elfe, um den Burguns
der Helden nachzufesen. Bald fahen fih Hagen und Dankwart,
welche die Nachhut führten, angegriffen, Hart war ber Kampf,
doch fiegten die vom Rhein; Dankwart erfhlug Belfrat, Elfe
ward gar ſchwer verwundet und die Baiern in die Flucht getrieben,
Ungebindert zogen die Burgunben jegt weiter und kamen in Ruͤdegers
Land, wo fie auf das gaftlichfte aufgenommen wurden, Gar fröhlidy
weilten fie an Ruͤdegers Hofe, wo fi dann auch Giſelher mit
Dietlinden, des Markgrafen ſchoͤner Tochter, vermaͤhlte. Rei
befchentt, zogen fie dann weiter und gelangten ohne anderes Bahraiß,
an König Etzels Hof.
Dietrich von Bern empfing Die vom heine mit flattlichem
Heergeſinde, wie es ſich der hohen Gaͤſte ziemte, boch that es ihm
leid, daß fie gelommen, und wohlweislich machte er bie Rechen
va
430 Eiegfried und die Nibelungen.
darauf aufmerkfam, wie Shricmhitbe noch immer ben erfchlagenen
Helden Siegfried beklage, Als fie nun zur Hofburg kamen, begrüßte
GShriembilbe fie mit falfchem Gruße und kuͤßte nur @ifelheren, fo
daß Hagen ſich ob des Grußes nichts Gutes verfah. Chriemhilde
fragte nad dem Nibslungenhort und „verlangte, bie Reden follten
alle die Waffen ablegen, und ihr anvertrauen, bevor fie in den Saal
träten. Hagen gab das nicht zu, und der edle Dietrich widerſetzte
fid) auch dem Anfinnen, fo daB die Königin befhamt von bannen
ging. Allen war es aber doch an Etzels Hofe nicht froh zu Muth,
benn Ghriempilde ſann vur auf Rache und wußte durch ihre Thraoͤ⸗
nen auch manden Hunnenhelden zur Rache gegen Hagen zu ent:
flammen, ber in feinem trugigen Grimme ſelbſt vor ber Königin,
die er nicht einmal grüßte, fich als Siegfrieds Wörter bekannte,
König Günther wurde aber von Ebel auf’s freundlichite empfan-
gen, “und an Nichts ließ der Wirth es feinen Bäften fehlen. Auf
bas prachtvollſte war der Saal ausgeftattet, wo die von Worms zur
Nuhe fich begeben folltenz; doch wollte der Schlaf keinen befchleichen,
denn alle waren voller Sorge. Volker, der Fiedler, fpielte aber
mit feinem Saitenfpiel manch forgenden Mann in den Schlaf und
hielt dann bis zum Morgen mit Hagen Schildwacht vor des Saales
Thür, Mit großem Waffenipiel wurde der andre Zag gefeiert, im
welhem Volker einen reichen Hunnen erſtach. Chriemhilde fuchte
nun Hildebrand und Dietrich von Bern zu gewinnen, um ſich
an Hagen zu. rächen; die Werner Helden wiefen ihr Anfinnen aber
ab. Auch Blödel, den Chriembilde auch zur Mache aufferderte,
wollte das Gaſtrecht nicht verlegen. Als fie ikm aber Nudungb
Land und ein fehöned Weib, Nudungs Wittwe verfprach, willigte er
fogleich. ein und hieß alle feine Leute fich waffnen,
x. Mit feinen Reden drang Blödelin in den Saal, wo Dank
"wart mit feinen Knechten zu Zifche faß, und als diefer ihn bw
grüßte, rief ex ihm zu, daß er gekommen, Siegfried Tod zu rächen
an Hagen und den Seinen. Dankwart aber erfhlug Bloͤdel,
und als befien Leute dies erfuhren, drangen fle in den Saal, aber
Siegfried und die Nibelungen. 431
Oankwarts Knechte wehrten ſich kraͤftiglich, fo daß bald fuͤnfhundert
Hunnen erſchlagen waren. Noch ehe Koͤnig Etzel dies vernommen,
war ſchon ein anderes wohl zweitauſend Mann ſtarkes Hunnen⸗Heer
in den Saal gedrungen. Wie kraͤftig die Knechte auch ſtritten, ſie
wurden alle erſchlogen und noch zwoͤlf Ritter in Dankwarts Lehn,
ſo daß dieſer zuletzt allein ſtand in dem wilden Kampfe. Sein
wuchtiges Schwert bahnte ihm aber einen Weg durch die wilden
Haufen nach des Saales Thuͤre, und er gelangte ſo auch fechtend bis
zur Hofburg, um ſelbſt Bote der Trauerkunde zu fein. Als er nım
fo bluttriefend in ben Saal der Hofburg trat, wo alle zum Map
verfammelt, und feinem Bruder Hagen zurivf, daß alle Knechte und
Ritter getöbtet, erfchlug Hagen in feinem Grimme Ortlieb, Chriem:
bildens Sohn, daß fein blutend Haupt ihr in den Schooß fiel.
Ein wilder grimmer Kampf entfpann fi jest, und ein fürchterlich
Blutbad richteten die BurgundensHelden unter ben Hunnen anz
vor allen aber kaͤmpften Hagen und Volker, während Dank:
wart bie Thür des Saales fhüste. Günther gebot enblih
Friede, und Dietrich von Bern führte Chriemhilden und Ekel aus
dem Saale, ben dann auch Rüdeger mit feinen Wannen verließ.
Nachdem der ungeheure Kampf beentigt, warfen die Burgunder
‚Helden die Zobten, wohl fieben Taufend, aus dem Saale. Hagen
fpottete in feinem Uebermuthe über Esel und Chriemhilde, bie wies
der-von neuem Alles aufbot, Etzels Reden gegen bie wilden Gäfle
gu werben. Sting aus dem Dänen Land, an ben fih Irnfried
von Thüringen und Hawart der ftarke mit taufend Degen fchloffen,
wollten jest den Tühnen Strauß ‘beftehen. Iring wollte den Kampf
allein. Er maß fih mit Hagen, Volker, Günther, Gernot,
doc ohn' Erfolg. Giſelher dem Kinde wäre er bald erlegen,
nur dem grimmen Hagen brachte er eine Wunde bei, mußte aber gie
lest der gewaltigen Kraft bed Troneckers erliegen, Als nun Senf ried
mit feinen Helden zum. Kampfe anrüdte, warb das Gemesel noch
ärger; aber auch er fiel von Volkers Band, wie au) Has
wart und Tauſend und vier Helden bie elendiglich umkamen.
Fr y
*
432 @iegfried und die Ridelungen..
Groß war die Trauer Egels und Chriempilbensz bod
entboten fie fogleich gwanzigtaufend aus dem Hunnenlande, um ben
Kampf mit den Helden vom Btheine zu beflehen. Den langen
Sommertag währie der harte Kampf, bis bie Racıt ihm ein Ende
machte. Die Burgunden wünfchten Frieden, doch wollte König
Etzel von keiner Sühne willen, und eben fo wenig Chriempilde, als
ihre Brüder darum baten. Sie wollte ihnen das Leben ſchenken,
doch follten fie ihe Hagen als Geißel Lafien. "Die Helden wieien
den Vorfchlag von fi und wollten Fieber flerben. Der Kampf
begann ven neuem, Die Burgunden, die aus bem Saale getreten
waren, um ben Kampf im ofinen Felde zu beſtehen, wurden wieber
in den Saal zurüdgebrängt. Da gebot Etzels Weib den Baal
an allen vier Enden anzuzünden, und bald loderte das Gebäude in
wilder Blamme empor. Gchredlich war bie Feuersnoth und manche
der Reden tranken fogar Blut, um in ber Hitze des Feuers ben
brennenden Durft zu ſtillen. Da der Saal gemwölbet war, fo ents
kawen die Helden dem Tode, und mit dem Morgen tobte nun au
wieder ber blutigfle Streit, ber manchem Edlen das Leben koſtete.
Markgraf Rüdeger bot Alles auf, den Sinn des Königs und
der Königin zu befchwichtigen, aber umfonft. Esel und Chriems
bilde baten ihn fogar unter Thraͤnen, vor ihm-nieberfnieend, wider
die Burgunder zu kaͤmpfen. Lange wiberftand ber eble Held ihren
Bitten, ihrem Kleben. Er wollte lieber Alles verlieren, als Worts
und pflichtbrüchig zu werden, denn er hatte ben Recken vom Rheine
ia freies Geleit zugefagt, war doch Giſelher fogar fein Schwies
gerfohpn. Chriemhilde ließ aber nicht ab vom Bitten, und Ruͤdeger
entfchloß fich zu ihrer Freude, den Kampf mit den Burgunden zu
beftehn. Mit fchwerem ‚Herzen bieß er feine Reden fich waffnen zu
dem Kampfe, und zog mit fünfhundert Degen gegen ben Saal.
Us die Burgunden ben edlen Markgrafen kommen ſahen, waren
fie ſehr beftürzt und Alles boten fie auf, Ruͤdeger von feinem Ent⸗
Jchluffe abzuwenden. In feinem edlen Muthe gab er fogar feinen
Schild an Hagen, beflen Schild arg verbauen war. Manch Auge
u)
2*
Siegfried und die Nibelungen. 433
«
wurde naß uber des Edlen hohen Muth unb rein Gemuͤthe, und
j Hagen wie auch Volker gelobten ihm, feiner zu fehonen, ihn nicht
zu berühren und wenn er auch alle Burgunder erſchluͤge. Der
Kampf begann, Wuͤthend fochten bie Helden, Rudeger fiel endlich
durch Gernots Hand, den er auch fo fchwer verwundet hatte, daß
er vom Leben fchied, Alle die in Ruͤdegers Lehn, wurben aber
erichlagen. '
Des Sammers war kein Ende, ald man biefe Trauerkunde vers
nahm. Als Dietrich von Bern NRüdegers Tod hörte, fandte er
ben alten Hildebrand, um fich nad) der Wahrheit der Mähre zu
ertunbdigen, Als fie dieſe vernahmen, wie weinten ba die Helden.
Hildebrand bat nun, ihnen den Leichnam des Helden zu über:
Yaffen, um ihn ehrlih zu beftatten. Volker rief ihnen zu, fie
möchten ihn fich felbft holen. So fpottefe Volker, bis die Berner
in Wuth entbrannten und einen fo fürdterlichen Kampf begannen,
daß alle Burgunden, außer Günther und Hagen, wie auch alle
Berner, Hildebrand ausgenommen, vom Leben ſchieden. Hilbes
brand, felbft tobtwund, eilte zu feinem Herrn, Dietrich von
Bern, um ihm den traurigen Hergang zu berichten. Dietrich
von Bern waffnete ſich augenblictich felbft und eilte nach dem Saale,
um Rechenſchaft zu fordern über dad, was gefchehen. Günther
entſchuldigte fih, daß er Dietrichs Leuten Rüdeger’s Leiche
nur unterfagt,. um König Etzeln zu trotzen. Dietrich forderte fie
nun auf, fich als Geiſſel zu ergeben, er verfprädhe ihnen dann feinen
Schus. Hagen widerſprach bem aber, er wolle nie Geiffel werben,
fo lange er noch ein Schwert führe. „Cs habe ihn entrüftet, daB
Dietrich ihm angefonnen, Geiffel zu werben,“ ſprach er und for«
derte drum Dietrich zum Kampfe. Wie Eräftig Hagen aud) das
Schwert Balmung führte, Dietric, brachte ihm bod; eine Wundgg
bei, warf dann den Schild fort; um mit ‚Hagen zu ringen, welchen
er auch bezwang. Dietrich band jet Hagen und führte ihn
zu Chriembilden, die nicht wenig erfreut war, als fie ihren Todfeind
alfo aefangen fah. Dietrich bat aber, ihm das Leben zu laffen
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“ 5
“ ® ®@ .
43 Siegfried und bie Niebelüngen.
und eilte zuräd gum Saale, wo Günther feiner zum Kampfe bärrte:
Günther, wie ritterlich er auch focht, unterlag aber Dietrichs
Arm und warb ebenfalls von ihm gebunden zu Chriemhilden ges
bracht. Die Königin, in ihrem grimmen Borne, ließ bie beiden
Gefangenen in gefdiebene Kerker legen. Hin zu Hagen trat nun
jest Chriemhüde, und ſprach: „Gebt ihr nun zurüd, was ihr mir
nahmt, mögt ihr heimziehn nach bem Burgundenland.“ Hagen
erwieberte: „Die Bitte ift verloren, edle Königin, denn ich ſchwur,
den Hort Niemanden zu zeigen, fd lange noch einer meiner Herren
am Leben.” Chriemhilde war rafch entfchoffen; fie ließ dem Könige
Günther das Haupt abfchlagen und bracht' es ſelbſt in Hagen’s
Haftgemach. Wie er das Haupt fah, warb es ihm gar traurig
iu Muth und er ſprach: „Du Haft nun deinen Willens der ganze
Burgunden-Stamm ift jest tobt: Den Hort weiß Niemand als
Gott und ich allein, und foll bir Zeufeldweib ewig verborgen fein.“
— „So will ich doch Siegfrieds Schwert behalten,“ ſprach Chriems
bilde. Er Eonnte es ihr, gefeffelt wie er war, nicht wehren. Sie
2098 aus der Scheide und mit einem Hieb, bem fie mit beiben
Händen führte, fchlug fie ihm das Haupt ab: König Ekel fah bie
oraufe That und beklagte laut ben gefallenen Helden. Hildebrand
aber konnte feinen Born nicht meiftern, er fprang hinzu und mit
einem Schwertichlag hieb er das Königsweib nieder.
Dietrich und Esel beweinten inniglich ber Freunde Tod. Ritter
und eble Frauen klagten laut über bie gefallenen Helden. Dies
iſt das Ende der Mähre von den Nibelungen,
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